Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2612 (2.6.1926)
- Date
- 1926-06-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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mm, M| Wiener Moraenzeilimq S. Juni M6 9m 8 Lliesdericht. Sesbmd «ach dem SeneralstreS. BakdMns AnMeg — Mae Donaws AM. — Die AVyd--GeOr«e-Kmrtroverfe. B. E. P. London, SS. Mar 1906. Der Ausgang des Generalstreiks in Großbritannien hat außer seinen unmittelbaren Folgen noch grundlegende Veränderungen auf die Stellung «führender Persönlichkeiten im politischen Leben gehabt. Der Mmm des Tages ist naturgemäß Baldw in, der in seinem gan.zen Verhalten vor, während und nach dem Streik dem Geschmack der breiten Mafien unbedingt entsprochen hat, ja geradezu zum Nationalheros geworden ist. Seine Stellung ist honte fester denn je und wenn irgend einer Zeit einige seiner 5kabinettskollögen, besonders der kluge Churchill und der nicht minder gewandte Austen Chamberlain, wirklich die Zügil geführt haben stillen, so ist dies nun sicherlich nicht mchr der Fall. Innerhalb dieses sogenannten „Dreigespanns" der Führer der konservativen Partei hat Stanley Baldwm einen Karen Vorsprung gewonnen. Baldwin verkörpert »ach einem Ausspruche Garvms im ,M»strver" im Gegenteil zu vielen Vorgängern und zeitgenössischen Mitbewerbern den Charakter <cks Prinzip im Staatsmann. Ist Baldwin nach dem Streik aus ungeahnte Höhe gestiegen, so sind jene lbeiden M'chrcr der Arbeiterpartei, die von allem Ansang der StreMämpft ihre Mißbilligung des Generalstvöiks verstehen ließen und die ersten waren, die Verhandlungen zur „Ergebung" einMelten, um so tiefer gesellen. Thomas wird sich wohl nicht mehr allzu lange in der Leitung der Labour Party halten können, er hat durch seine Schlappschwänzigkeit das Vertrauen seiner Leute verloren, ohne das der anderen Seite zu gewinnen. Drin Kokettieren mit ibctt Liberalen und sogar den Konservativen hat zum Schiffbvuch «geführt und wieder einmal die alte Weisheit bestätigt, daß ein Politiker nicht auf zwrr Sesseln sitzen kann. Nicht minder bös.geht es Ramsay Mac Donald. Auch er hat sich durch die entschiedene Stellungnahme gegen den Streik mehr als er es wollte, exponiert und fernen eigenen Parteigenossen entfremdet. Er hat jedoch auch d«e Unklugheit begangen, die ausgezeichnete Organisation des Regierungswidrvstandes gegen den Streik als lächerlich hinzustellen und hat damit alle Sympathien der Streikgegner verloren. In feiltet Stellung als Parteiführer wirs er allgemein als erledigter Mann betrachtet. Die Männer, die nunmehr das Steuer der Arbeiterpartei führen und für den unwahrscheinlichen Fall einer Läbour-Regierung für die Stelle des Ministerpräsidenten in Betracht kommen, sind W h e a t l e y und der ehsmalige Finanzmmister 2 n o w d e n. Beide haben während der kritischen Zeit offen und eindeutig Stellung genommen, sich, wie es für Arbeiterführer selbstverständlich ist. mit der ganzen Macht ihrer Persönlichkeit und ihres Einflufies auf die Seite der Streikenden gestellt, obwohl sie vorher alle Versuche gemacht haben, ein Scheitern der Verhandlungen zu vermeiden. Da jedoch einmal gestreikt wurde, zogen sie den folgerichtigen Schluß, daß sie mit dem Gewerkschaftskongreß durch dick und dünn gehen müßten. Auch in der liberalen Partei hat der Streik entscheidende Folgen. Das Benchmen Lloyd Georges, der entgegen der Majoritätsansicht seiner Partei und des Parteichefs gegen die Regierung, jedoch nicht für die Streikenden, eintrat, hat zu einem Line Sprachlektion vollständig kostenlos! 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Was er Lloyd-George besonders Vovwirst, ist, .daß er in der amerikanischen Hearst- und in der Wiener Presse defaitistische Artikel veröffentlichte, aus denen das Ausland durchaus falsche Eindrücke über die Widerstandskraft und Zukunft der britischen Nation gewinnen mußte. In einem langen und langatmigen Schreiben versucht' Lloyd George eine Rechtfertigung, kann jedoch von der Tatsache nicht wegkommen, daß auch er auf zwei Pferden reiten wollre und in der Mitte durchfiel. Es steht heute noch nicht fest, ob infolge dieses Briefwechsels zwischen dem Parteiführer und dem Fraktionsfi'chrer der Liberalen im Parlament der letztere — Lloyd George — zurücktreten und damit die in der liberalen - Partei bestehende tiefgehende Spaltung offenkundig machen wird. Zunächst wird eine Besprechung aller Parteiführer mit Lloyd George stattfinden nn>d auf dieser dürste die Entscheidung über das Schicksal der einst so mächtigen Liberalen Englands fallen. Ob Lloyd George eine neue Partei gründen oder zur Labour Party, der er sich in letzter Zeit mit seiner Agrarpolitik sehr genähert hat, übergehen wirb, ist noch ftoapch. Einer stcht fest, seine Persönlichkeit allein, die unheimliche Macht seines individuellen Einflusses, der ihn als den einstigen Diktator «sch immer umgebende Schein, würbe einen enormen Gewinn fir die Labour Party bedeuten, deren einzige Hoffnung auf praktische, baldige Erfolge in der Gewinnung der großen englischen Bürgerschichten liegt. Doch in der liberalen Partei hat es schon fü oft und so viel Spaltungstamtam gegeben, daß man auch heute nicht recht daran glaubt, daß es zum wirklichen Bruch kommen «ich. Es ist mchr als wahrscheinlich, daß die Aussprache Mischen den Führern wieder einmal zu einer neuerlichen Reumott Aschtüh- Lloyb George führen wird. Me Streikivende des englischen Kronprlnze». (Eigendienst der ..Wiener Morgenzeitung".) London, 1. Juni. Der englische Krorchrinz spendete der Unter st ützungSkasse für die streikenden Kohlengrnbenarbeiter die Summe von zehn Pfund. In einem Begleitschreiben erklärte er r .ES ist mir begreiflicherweise unmöglich, in irgendeinem derartigen Streitfall Partei zu ergreifen; aber wir alle schulden den Grubenarbeitern tiefeDankbarkeit für ihre Leistungen im Kriege, und ei» jeder muß Mitleid mit ihren unglücklichen Frauen und Kindern fühlen. Außerdem kann man es nicht als befriedigende Lösung eines Konfliktes betrachten, wenn die eine Partei lediglich durch die Leiden ihrer Familie» zum Nachgeben gezwungen wird. Ich vertraue jedoch daraus, daß die noch bestcherchen Differenzen bei beiderseitigem gvteuWilleneine glückliche Lösung finden werden.* Ae Beischung Bazsonyi«. Budapest, 1. Juni. Vor dem Gebäude des demokratischen , Klubs stauten sich schon in den frühen Vormittagsstunden tausende Menscheu, um der Ueberführung der Leiche Vazfonyis in das Rathaus beiznwohuen. Gegen Mittag wurde die Umgebung des Klubs im weiten Umkreis für jeglichen Verkehr gesperrt. Auch der Straßenbahn- und Autobusverkehr wurde eingestellt. Um 1 Uhr mittags hoben die Führer der demokratischen Partei den Sarg auf den sechsspännigen Gala-Trauerwagen. Durch ein Spalier von schätzungsweise 50.000 Menschen bewegte sich der Trauerzug über die Andrafiystraße und den Karlsring zum Rathaus. Sämtliche Geschäftsläden waren geschlossen. Vor dem Eingang in das Rathausgebäude spielten sich stürmische Szenen ab. Die Menge versuchte das Tor des Rathauses zu stürmen, so daß berittene Polizei auszog. Zur Trauerzeremonie im Hofe des Rachmises hatten etwa 2000 Personen Einlaßkarten erhalten. Der Sarg wurde in der Mitte des Hofes aufgebahrt. Unter den Anwesenden befanden sich der stellvertretende Ministerpräsident Josef Bass, Justizminister Paul Pesthy, der Präsident der Nationalversammlung Seitovszkh, die Abgeordneten Graf Julius Andrassy, Markgraf Georg Pallavieini und viele andere. Die sozialdemokratische Parlament s f r a k t i o n war vollzählig zur Stelle. Um dreiviertel 3 Uhr begann die eigentliche Trauerzeremonie mit einer Ansprache des Budapester Rabbiners Simon Hevesi, der die Verdienste des Verstorbenen mn das Vaterland und um das Judentum schilderte. Sodann widmeten Oberbürgermeister Ripka und ber gewesene Ae Arbeitsgemeinschaft Sabina. Von B. Tfchmerinsky, Mitglied der Habima. Eine Arbeitsgemeinschaft bedeutet nicht nur eine bestimmte Gruppe, die nach kollektiver Uebereittkunft auf gleicher Grundlage gegründet wird, die jeden Gefährten oder jedes Mitglied zu gleicher Arbeitsleistung verpflichtet. Sie muß auch vor allem eine Gruppe darstellen, die sich aus solchen Einzelmenschen rekrutiert, von denen jeder selbst ein schaffendes und schaffensfähiges Element ist. Alle zusammen gestalten sich zu einer arbeitenden, schassenden Familie. Eine Arbeitsgemeinschaft, das ist eine Menschengruppe mit der Parole: Einer für alle und alle für einen. Das Allgemeine strebt zum Besonderen und das Besondere zum Allgemeinen. Dabei ist es nötig, daß jedes Einzelglied das fähigste und tätigste sei, wenn die Gemeinschaft Größe und Physiognomie erhalten soll. Das bedeutet nicht, daß alle aus einem Stück geschnitten sein und gleiche Form haben müssen. Im Gegenteil, sie müssen verschiedenartig sein, eigen gefärbt, wie jedes aus verschiedenen Farben zusammengesetzte Bild. Es gibt kein einfarbiges Bild. Die Farbe an und für sich, mag sie von noch so großer Schönheit sein, ist monoton, unharmonisch und ohne Bewegung. So ist es auch, wenn in einer Gemeinschaft das eine Jndividmun herrscht, alle übrigen aber ohne eigenen Willen und ohne Schaffensfähigkeiten für den gemeinsamen Bau arbeiten. Eine schaffende Gemeinschaft bringt nur dann die erwünschten Resultate, wenn alle schaffenden Einzelglieder, die sie ansmacheu, sich zu einem svgenannien disziplinierten Ensemble zusammengießen. Und deshalb weiß man auch nicht recht, sieht man unsere Habima, wo die Gemeinschaft aufhört und der Einzelwirkende beginnt, denn die Habima ist aus schaffenden Kräften zusammengesetzt, die sie bei der gemeinsamen Arbeit zu einem solchen obenerwähnten Ensemble zusammenschweißt. Der da glaubt, wenn er das disziplinierte Ensemble gesehen hat, es sei Folge intensiver Schulung und festgelegter Disziplin, die dem Darsteller befiehlt, dies und nichts anderes zu? tun, so zu spielen, so zu gehen und so zu stehen, der irrt. So ist das nicht. Dann wären die Schauspieler in der Tat Marionetten, die für keinen Fall in solchem Maße den Zuschauer anzuziehen vermöchten, ihn in Spannung zu halten, damit er dem Schauspieler Erleben und Bewegung glaube. Der Darsteller ist immer frei; er kann dieselbe Rolle immer wieder anders spielen, nach seiner eigenen, ungehemmten Emotion und muß deshalb auch während des Spieles innerlich konzentriert sein, die Rolle durchdringend, diesmal wie das erste Mal. Der Zuschauer glaubt denr Darsteller nur dann nicht, wenn er gegen sich selbst sündigt, nicht aus Ueberzeugung, sondern aus Eingelerntheit spielt. Bei uns kann es fast nie der Fall sein, daß ein Schauspieler dieselbe Rolle das eine oder das andere Mal in derselben Stimmung und mit derselben Schattierung spielt. Und wenn der Zuschauer, der dieselben Darsteller sieht, auch dann, wenn die Rollen geändert sind, keine Aenderung bemerkt, so ist das deshalb, tveil jeder in dem Maße diszipliniert und gleichzeitig innerlich so frei ist, daß er sich sofort jeder freien neuen Aenderung des Partners anpassen kann, und nicht deshalb, wie manche glauben mögen, weil er an die Einstudiertheit durch die Regie gebunden ist. Die Ganzheit, die streng einheitliche Liuie, ist das Produkt jedes einzelnen schaffenden Willens mit gleichzeitig bewußter, kollektiver, eiserner Disziplin. Das beweist auch die Tatsache, daß der Darsteller, der heute die Hauptrolle gibt, morgen eine Massenrolle spielt und umgekehrt, mit derselben Hingabe und Disziplin. In dieser Beziehung haben wir viel vom alten russischen Theatergenie Stanislawski und unserem unvergeßlichen großen Lehrer und Regisseur Wachtangvw gelernt, die selbst uns als Beispiel künstlerischer Disziplin dienten. Man konnte sie heute in der Hauptrolle, morgen in der Rolle eines schweigenden Türhüters sehen. So ist unsere Habima-Familie aufgebaut. Mitglieder, die größere und bedeutendere Arbeit leisten, werden nicht besser entlohnt als die anderen. Das Gehalt ist für alle gleich, ohne jeden Unterschied. Außerhalb des Spieles aus der Bühne wird von unseren Schauspielermitgliedern großartige Arbeit geleistet, die der gewöhnliche Zuschauer nicht sieht. Die Schauspieler lehnen auch nicht rein technische Arbeiten ab, mögen diese auch die schwierigsten sein. Zum Beispiel wird von unserem Hilfsregisseur I. Rubi yste in, einem Menschen von großen organisatorischen Fähigkeiten, kolossale Arbeit geleistet außerhalb der Bühne. Er ist aber oftgezwungen, gleichzeitig auch aufzutreten. Und wenn es solche gibt, die die Resultate unserer Gemeinschaftsarbeit bewundern, dürfen sie die Umstände und Bedingungen nicht vergessen, unter denen sich unser kollektiver Willen geformt hat. Ein großer Teil nuferes Lohnes wird es sein, wenn wir mit unserer geleisteten Arbeit als ein Beispiel für alle anderen werdenden indischen Karlturgemeürschaften dienen können. Wsede» ans ihrem „Sbfettf“. Nachlese. Mit Loa kommt Gitl, ihre Gespielin, in die Schul'. Sie betrachten e>iu altes, edles Thoragewand. Da entdeckt Gitl den Bocher Chauan, hoch ausgerichtet, mit sehnsüchtigem, verklärtem Blick die Gestalt Leas umfaugend. Unheilig ist es in der Schull, Männer zu betragen. Gitl hält das Thorakleid vor und ruft mit verhaltenem Jabel, ganz leise, aber unendlich hell: ,Lejale!" — Und zeigt der Freundin den Jüngling. Neidlose Liebesbotin, unschuldige 'Kupplerin, dir ist der lyrische Höhepunkt der „Dhduk"- Aufführung zu danken. Süßeste Musik keimt aus dem winzigen Wort ,^Lejale". Du gibst ihm werte Schwingen und es beglückt alle im Theatersaal. — Die Künstlerin heißt T. RobinL. * Zwei Batlonim sind müde geworden, der eure liegt quf der Bank, der andere vergrabt den Kopf.im Arm. Der Schlaf ließ sie den Hunger vergessen. Der Tempewiener braucht Leute für ein Mmjam. Die verzweifelte Mutter einer Sterbenskranken gab ein Geldstück, damtt man für ihr Kind bete. Er rüttelt einen der Schläfer wach und unvermittelt wie ein Aufgeschreckter, der Versäumtes nachzuholen hat, beginnt er mit flinken Lippen und unbeteiligter Seele Halmen zu sagen. Der zweite fällt ein, der dritte, der wach träumte, folgt nach, der Schammes hilft mit — ein rasendes, kaltes Lippengebet. Und dann sind auch die Seelen wach. Der Gesang wird warm, blühend, gottgefällig. Das Quartett, dem diese Szene gelingt, wird von den Herren A. Bar atz, B. Schneider, Ben- Chaim und B. Tschmerinsky bestritten -r- Sind diese Bettler des zweiten Aktes Spukgestalten? Ich habe sie alle gesehen. Am Friedhof zu Krakau, vor dem Röhrbrunnen in Nikolsbrng, am Marktplatz zu Dobromil. Einem von ihnen, dem Roten, hat die lchrnr-lang