Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2609 (30.5.1926)
- Date
- 1926-05-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. Wien, Somtag Mener MoLsettzerLMg so. Mak isss Seife ö E Wieder eröffnet! «Mn* tel National sn, IL Taborstrasse IS Telephon 4L-F-YS; nett eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer idem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentralift Kaffeehaus und Restaurant im Hausei reise! Nette Leitung! Tagesbericht. 6in Brief Schwarzbarts an feilte Fra«. Die Untevfuchung gegen den Attentäter. Ans Pa r Ls wird uns berichtet: Das Attentat des Uhrj nvachers Schwargbart beschäftigt noch immer die Pariser j Emigvantenkreife. Die ukrainische Kolonie ist benrüht, das Atteni tat als einen Mord im Dienste der Moskauer Re--! gterung oder, wie andere ukrainische Kresse behaupten, im '' Auftwige zaristLscher Kreise hinzustellen. Deshack wurde ans diesen Gruppen auch das Gerücht verbreitet, daß Schwa rz- . bart mehrere Komplicen haben müsse. Die strenge durchgefühvte Untersuchung und ganz besonders die HausÄurchsnch «.ngen bei Schwarghart und allen der Mitschuld veMchtigen Personen haben jedoch unzweifelhaft dargetan, daß Schwarzbart ausfchließsich aus eigenem Antrieb und um die durch PeLjuva verfchuldoten Massenmorde zu rächen, gehandelt habe. Den Revolver, mit dem Schwarzhart Petljura niederschoß, hat der Attentäter vor vier Monaten an dem Tage gekauft, als er Gewißheit hatte, daß Petljnra in Paris lebt. Bei seiner ersten Einvernahme sagte Schwarzhart: ^ch bin glücklich, meine Pflicht getan zu haben. PeÄjiurn hat meinem Volke zuviel Böses zugefügt. Er hat sein Schicksal verdient. Ich versichere bloß, ich bin kern böser Mensch." Schwarzhart richtete an seine Frau einen Brief, der in die Hände der Polizei fiel und folgenden Wortlaut hat: ,Mein geliebtes Weib! Ich habe soeben meine Wicht erfüllt und für mein armes L-nw und mein Volk, das zu Tausenden massakriert, entehrt, Msgeplündert und unterdrückt wurde,, Rache genommen. Für diese Schandtaten ist PeHura verantwortlich. Ich bitte Dich, sei ruhig. Ich trage für meinen Racheakt die Verantwortung allein. Lebe wchl, ich werde Dich n:e> vergessen." Trotz alledem führt die Pariser Polizei die Untersuchung vuch ’ in der Richtung etwaiger MitschuWgvr und Mitwisser weiter fort. Wie Petljura erschaffen wurde. Der Wiener Journalist Moritz Scheper gibt im „Neuen Wiener Tagblatt" die folgende schÄdernich: Quartier Latin, Rae Raeine, fmpp neben dem Boubevack St. Michel, dem Boul' Mich', den: Studentenlbouledard, halb 3 Uhr nachmittags. Bor einem jener Restaurants, wo man noch heute für 7 Franken gut and sehr ausgiebig essen kann, steht ein Mann, barhaupt, in einer weißen Ackeitsbluse. Er steht da,, wie so viele.Handwerker in diesen Maitageu vor den Häusern stehen: Im nahen Luxembourg glänzen hell an den Zweigen die Bütten, man läßt sich von der durchsomtten Luft wie von einem seligen FrWngsrausch. überrieseln. Ein Herr tritt aus dem RDaurrnt aiuf die Straße, vierschrötig, das breite Gesicht lebhaft gerötet: In allen Restaumnts des Quartier Latin ist der Wein im Preise mitinbegriffen. Der Mann in der weißen Bluse macht höflich einen Schritt auf den Herrn zu: „Sind Sie Herr PeÄjura?" Der andere, nicht ohne ein Mstgefälllges Lächeln: „General Petljura, ja." Man könnte erwarten, daß der Mann in der Bluse jetzt sagen werbe: „Enchante, monsiem, schr erfreut, mein Herr, mein Name ist so und so." Aber Mt dessen mft er: „Defends-toi, canaille," verteidige dich, Canaille, und schon wird die singende FrülMnyssteude des Boul' Mich' von drei Schüssen zerrissen. Wie ein Sack siegt Petljura auf dem Trottoir, m der Hand die noch brennende Zigarre. Dem Polizisten, der herbeigestürzt ist, übergibt der Mörder den noch rauchenden Revolver, dann, wichrend ihm die .Handschellen angelegt werden: „Ich heiße Samuel Schwarzbart, Uhrmacher, 8, Boulevard Menilmontant. Bitte, benachrichtigen Sie meine junge Frau. Sie wirb nicht erschrecken, sie weiß, daß ich den Schurken da seit Jahren suche, um Vergeltung an ihm zu üben." Jj: Als französischer Soldat war er ('Schwarzbart) nach Jahren wieder in die Mraine gekommen, wo er von dem schaiuorlichen Ende seiner Eltern erfuhr. Setther fahndete er mit fanatischer Besessenheit nach Petljura. Vor einiger Zeit hatte er gchört, daß Petljura in Paris untergetaucht sei. Aus einer illustrierten Zeitschrift schnitt Schwarzbart ein Bild des Mannes heraus, und mit diesem Bald 'N ' der Hand machte er sich in dem ungcheuren Paris auf die Suche. Endlich, nach Monaten, hatte er Petljura im Quartier Latin entdeckt. Zweimal' lauerte er ihm aius, zwoimail wollte er chn nrederstrecken: aber jedesmal war Petljuva in Begleitung einer Frau, mrd der Uhrnvacher tvollte keine UilsHnDige gefährden. Das drittemal kam Petljura allein. ,^Jch habe nur Rache genommen," erklärte der Mörder auf dem Polizcikommissaviat Odeon, wohin er gebracht wurde. „Rache für meine Eltern und Rache für die vielen, vielen Taufende von Unschuldigen, die dieser Unhold auf dein Gewissen hatte. Aber im iibrigen bin ich gern bereit, mit meinem Leben zu bezahlen." Moitre Henry Torr es, einer der bekanntesten Advokaten des; Pariser Bmrcaus, hat sich bewit erklärt, die Vereidigung zu übernehmeil. PetlMvas Mitschuld an den Pogromen. Paris, 27. Mai. (I. T. .A.). Wie die I. T. A. erfährt, soll das juristische Komitee beim Komitee der.Mischen Delegationen daran gehen, alle auf die M'it-schuld Potljnras, seiner Unterführer und der zaristischen Gsne-rale an den Pogromen in der Ukraine bezüglichen Dok «ui mente zu sammeln. Viele dieser. Schuldigen leben heute im Ausland. Der jetzt in Riga rvoilende berühmte russische Advokat Oskar Grusenber g besitzt reiches Material über die direkte Schuld, dieser Führer. 1931 berichtete er in einer in Berlin ckb- ' gehauenen Kotieren) jüdischer Rechtsgeilehrter über diesen Gegenstand und forderte Erhebumg^von Anklage gegen die im Ausland lebenden Pogromsührer. Professor Spiegel — Rektor. ' Zum Rektor der Prager deutschen Universität wurde für das kommende Studienjahr der gewesene' Senator Professor Ludwig Spiegel gewählt. . Seine Wahl wird höchst wahrscheinlich zu einer Neuauslage der HaikenkreuMvme führen. Professor- Spiegel ist getaufter Jude und gchört der Klasttmpartei an/ Im Senat hat er die Deutsche demokriLt-ische Partei" vertreten, die bei den letzten Wahlen nicht mehr kandidierte. WIEN VII.KAISERSTR.W,ib.,m stock StetaMmiatd i *«■ 9, Ser Held Ludendorff. Ans Augsburg wird uns geschrieben: Vor der Hechinger Strafkammer kam es in einem Presseprozeß zu einer interessanteu VerhaMung. Der demokratische „Neue Wbbote" hatte Stellung genommen gegen das Verhalten des Genevals Ludendorff und -ihm zmn Vorwurf gemacht, daß er in der schwersten Zeit, die das Vaterland nach dom Kriege durchzumachen hatte, mit falschem Paß, blauer Brille und Schirmkappe als Erich Lind ström nach Schweden gegangen sei. Im rechtsstehenden „Albboten" wandte sich der Angeklagte S ch a u d t gegen diese Ausführungen und sagte unter anderem, daß Redakteur Staudenmeyer vom „Neuen Albboten" wieder einmal einen feiner „Dreckkübel" über Lnden-dorW ausgefchüttet und diesen „verleumdet" habe. Das Hechinger Berufungsgericht verurteilte den Angelklagten Schaudt zu 60 Mark Geldstrafe und zur Tragung sämtlicher Kosten. Das Gericht sah in dem Inhalt und in der Form des Schaudtschen ArttkÄs strafbare Beleidigungen, während der Artikel des demokratischen „Neuen Albboten" über Ludendorjff nur nackte historische Tatsachen enthalten habe._ Leckeneinfturz im Hörfaak. Elf Tote. Aus Charkow wird telegraphiert: Während einer chemischen Vorlesung im technologischen Institut der Universität Charkow stürzte die Decke des Hörsaales ein. Esif, Studenten wurden unter den Trümmern beyr-aLeu, fünf konnten sich retten. 1 ' Fünfzig Frauen in fünf Fahre«. Heiratsschwindelele« eines Oesterreichers in Amerika« ''' Aus Philadelphia wich die Verhaftung eines 35jährigeu Oesterreichers, namens Hermann Krüger, gemeldet, der das Kunststück zustande brachte, innerhalb fünf Jahren über fünfzig Frauen zu heiraten. Er legte sich zu diesem Zweck Namen bekannter englischer Aristokraten bei. Krüger soll im Verlaufe der fünf Jahre über 300.000 Dollar aus den Opfern herausgepreßt haben. Sein letztes 'Opfer, eine bekannte Dame der Chikagoar Gesellschaft, brachte ihm sogar eine Mitgift von 70.000 Dollar. Trotzdem verließ sie Krüger eine Woche nach der ZeW, K.^üHietA wuche verhaLte-t,. _•j; Ans dem Tanzsaai verfchieppt. Di« Müdchenhändlsr arbejten. lAus Paris wich uns gemeldet: Ein bekannter dcmHher; Industrieller hielt sich vor einiger Zeit mit Frau und Tochter: in Paris aus. Eines Abends besuchte die Familie ein bÄcmutes Restaurant, in welchem getanzt wich. Ein elegant gekleideter VOSLAU in vollem Betrieb. — Herrlichste Lage. Halbe Stunde von Wien. — Täglich Konzert. Feine Wiener Küche, massige Preise iss Die Direktion VOSLAU Sie Habima in Wien. Ihr „Dybuk" im C«rrl-The«rter. Das erste Wort ihrem Werke. Was gearbeitet, durchdacht, durchkämpft, bez-vungen werden mußte, che diese drei Me zustande kamen, läßt sich nicht ermessen. Wenn es nicht der Zufall fügte, daß die Personen der Handlung wechseln schon rein physisch wäre diese schauspiÄerische Leistung der einzelnen, .bei der jede Fiber mittäbt, nicht durchführbar: und der Besucher dieser Aufführung nmß ausgeruht, gesammelt, für ein Ästatisches BühnemveihesPiÄ vovbereitet sein—sonst kann er die drei Akte nicht durchhcktten. Das Zeichen dieses Habima-Abends ist die Kraft. Von der ersten Zwichpvache der Chassidim über das Leben der großen Robben bis zu Leas Tod ist zarte Gläubigkrtt und wilde Verzückung, fromme Einfalt und hartes Ringen mn die Wahcheit, heilige Ergebenheit imd heißer Zorn — sind alle diese Aeußemngen des Seelenlebens auf den Brettem kraftvoll. Als Wäre der Geist der <mtAen Menschen iu sie gefahren, können diese Juden herzinnig weinen, ingrimmig lachen, in wilder Curporung hadern, in kindlicher Einfalt sich untewrdnen — aber sie sind dem Armen.halben Gefühl süßlicher dekadenter Sentimentalität nicht mehr untertan. Hat man jemals eine Beschwörung von solcher Gewalt gchört wie die jener Frau, welche im ersten Mt vor die Dhoralade stürlzt ihre Tochter liegt im Stecken — mit) ihrem Gotte zuruft: ,^Jch werde Welten stürmen, Himmel spalten, ich gehe nicht fort von hier, che mir die Krone meines Hauptes wiedergegoben ist". In hevrlichenl Gesang flammt die Beischkvömng auf (die gwhe Darstellerin der Poifode heißt H. Grober) und schon früher war man bei dieser durchms operchaften Aufführung in. die Sphäre der Musik ychoben.!ü ' . Ich habe den illamen einer Künstlerin genannt. Es soll bei diesem fragmentarischen Bericht von der ersten Begegnung mit der Habima nicht wieder geschehen. Nichts bedeutet der große Augenblick, die erschütternde Geste des einzelnen gegenüber dem Zufannnenklang der BÄvegungen, der Blicke, der Stimmen. Zeitlupe und Phonetische Aufnahme allem könnten die Mlle des Geschaffenen in jeder Minute dieses an die vier Stunden währenden Abends erweisen. Wenn einer von den Batlonim die Alvgenbrauen hochzicht, ivenn Lea die gestreckte Hand an die Wand lchnt, wenn der blinde Bettler in das Stimmgewirr der Tanzenden eine Sekunde lang feinen rauhen, iwckenen Baß versenkt, wenn sich in der Schul' für einen Augenblick der Dänrmer hellt — jedes Partikelchen an Stinrnre, Bewegung, Lichtwivkung ist gleichüvertige Teilaktion. Rur sin Beilspiel, was^ entstand: Nach altjüdischem Brauch tanzt die Braut mit den Schnorrern ein Mizwah-Tänzchen. Die Braut ist hier die schönste, vornchmste, aristokratischeste Braut, die Armen sind die Aermsten, Beladensten, Breschasteisten, Bersluchtesteu. Aich von diesen Verkrüppelten, Aussätzigen, Schmutzigen das Weißseide me Branttleid betasten, den Busen umfangen, das Haar streicheln, die Hände kosen lassen, ift tiosste Demut, höchste Hrngäbe. Und der Gegensatz: Sattheit, Batevfreude, gesicherter Besitz — Hunger, Krankheit, Jammer — hier ist er zum erschütternden Sinnbild zugespitzt. Wenn die Bettler tanzen, brennt hie Revolution unter den Theatetbretievrr, auf der dieser fürchterliche, die Lungen beklemmende, dieser Taiv; von unerhörter Gewalt exegmert wich. . Diese Nachschöpfmrg des ,Dtzbu!" ift in Rußland entstanden. Zur Zeit der Bernichtung des Zarismus. Nach den Pogromen der schwarzen Hundert. Während der wahnsinnigen Schreie, ausgestoßen von den (Geschlachteten in der Ukraine. Im Blutdarnipf.. Nicht zu übersehen: Die Handlung von Lea und Chanan, von der Braut, die dem Geliebten vorenchalten bleckt, von dom Gericht des Schichals, welches nicht duldet, daß sin Menschenleben erstickt wivd vor seiner Zeit, ist in dieser Aufführung mit einer Kvetten gewaltigen HaMung veckunden; sin entwürdigtes, in den Kot getretenes Volk fühlt die Entwürdigung, die Zertreiung der Menschheit und ringt für sich, für sie um die FröihÄt. Der Stil dieses' Abends ist expreffiomMch. Ich' kann m diesem mystisch-chassidischen Werke nicht allevon anderen Wernomnrene, immer wieder übernommene Merkmale expressionistischer Whnemm-fmachung billigen. Die in den Bühnenvaum hmabhängenden „Anschriften" zum Exempel scheinen mir nicht angebracht. Im ersten Akt ließe sich auch bei expressionistischer Knappheit »die ,Mihedunkle Stube" (ein teures Wort des teuren Hugo ZuckermaM) jüdisch sinnnfälliger gestalten. Auch das Bühnenbild des zweiten Wes schien mir zu dürftig, die Weglassung des Gedenksteines für das von ChmielnrÄi-Kosaken gemordete Brautpaar, für den Sinn des Werkes von entscheidender Bedeutung', fand ich zu eigenmächtig. Älber die Gesamtformung, insbesondere die des dritten Wes, ( der bei einer anderen nicht minder bedeutenden und wesenhafttrt. Aufführung (Wilnaer Tvchpe) zu lang und Zu skrsvrmig geriet — , die Austreibung des Dybuk war damals zu umstänWch —: ist über jedes Lob echaben. Ergebnis der. ersten Begegnung: die Habimä >«ml Größe, um klassische Größe. Mo Abe-TM Keine Berlöngernng der Gaftspiele». Das Gastspiel der Habima, das bekarmtlich am 7. Imd. mit der Aufführung des Lustspiels von Berge« „Sirrcht flüt" beendet wird, kmm wegen anderweittger kontraktlicher: Verpflichtungen unter keinen Umständen verlängert wechen.