Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2608 (29.5.1926)
- Date
- 1926-05-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sk. 3006 Men, SamSÄg Wener Mor-errzetturrg. 29. Mm 192c Tagesbericht. Fremdevvrovaganda. Die Ausstellung im Landhaus. Gestern vormittags wurde die vom Lande Niederöstcrreich veranstaltete FrenrdenverkchrsMsstellnng im niedrvösterreichifchen Landhaus, Herrengasse 13, eröffnet. In seiner Begrüßungsansprache betonte LaMshanptmann Dr. Bure sch, daß man bestrebt sein solle, die schöne österreichische Landschaft für den Fremdenverkehr;n exploitieren und die Handelsbilanz des Landes zu aktivieren. Auch der Oesterreicher soll sein Geld fortan nicht mehr ins Ausland tragen, sondern in den schönen Sommerfrischen Oesterreich seine Ferien verbringen. -Bundrspräsident Dr. Hainisch, der sie Ausstellung eröffnete, wies darauf hin, daß Oesterreich und die Schweiz in landschaftlicher und damit auch in wirtschaftlicher Hinsicht die gleichen BovMssetzmvgen für den Fremdenverkehr haben. Oesterreich hat vor der Schweiz noch die zahlreichen wertvollen Kunstschätze voraus. Dagegen ist es um die Beherbergung der Fremden bei uns viel schlechter bestellt als in den Nachbarstaaten. In der Schweiz ist das Verkehrswesen nipisiert u,td normalisiert. Jeder Fremde weiß genau, was er für Wohnung und Verköstigung und Trinkgeld zu zahlen hat. In Oesterreich findet Man noch Untevkunststätten, die jeder Beschreibllng spotten und in vielen Fällen werden die Fremden im Preise überholten. Man nmßte bei uns ebenso wie in der Schweiz genaue Richtlinien für die Preisgestaltung und für die Ausstattung der Unterknnftsstätten schaffen. Nach den offiziellen Ansprachen fand eine Besichtigung der Ausstellung statt, die in künstlerisch ausgeführten Gemälden und Plastiken die Schönheit des Landes Nicderösterrcich aufzeigt. * Die Herren, die um die Hebung des Fremdenverkehres in Oesterreich so besorgt sind und die Mißstände, welche die Fremden von dem Besuche Oesterreichs obhalten, mit der Wurzel ausrotten wollen, haben daran vergessen, daß es ' in Oesterreich eine numerisch wohl kleine, jedoch an Protektion ziemlich kräftige Gruppe voll Radaubrüdern gibt, die ihnen mit ihrer Hep-Hep- Politik die Suppe, durch die das arme Oesterreich aufgepäppelt tverden soll, kräftig versalzen. Im Frühjahr und im Sommer, wenn es gilt, die Fremden anzulocken, Verhalten sich die Ritter vom Hakenkreuz ein wenig ruhig und erst, wenn si< sehen, daß die Saison zu Ende geht und die Fremden genügend geschröpft.sind, dann stimmen sie ihr „Juden hinaus"-Gcheul an und veranstalten gelegentlich eine Juderchatz, dir.mit panikartigem Verlassen der Sommerfrische ihr Ende nimmt. Man erinnere sich nur -an Schönberg am Kamp, an die judenreine Wachau, an Mondsee und die anderen lediglich mit Naturreizen ausgestatteten Orte des Salzkammergutes. So lange das Hakenkreuz unter so hohem Schutz steht, werben dem österreichischen Fremdenverkchr die schönsten Ausstellungen nicht auf dir Beine helfen können und man wird niemanden in die Bergländer locken können, so lange es Gemeindeämter gibt, di« Fruzügigkeit im eigenen Wirkungskreis aufheben. Die Ausstellung weiß natürlich von diesen Dingen nichts. Es würde abrr ihr Bild sinngemäß ergänzen, wenn dort die schönen Plakate der Gattermayer und Suchenwirt, die Äffichen an den Univevsitäten, auf denen der Stempel des Rektorats prangt, die hübschen Wandzeichnungen und ähnliche Äußerungen der bodenständigen Kultur zu sehen wären. Sepp Rottauischer hat dafür die Formel geprägt? „A Pogrom muaß her und a Fremdenverkehr!" Wie sich zeigt, versucht es Oesterreich wirklich mit diesem Rezept, und wie sich zeigt, ist der Erfolg'auch dementsprechend. Budapest nach dem Urteil. „Eljen Nadossy!" De,r gewesene Oberpolizcihauplmann für Ungarn, Emmerich Nadossy, ist noch eingesperrt, aber das von ihm ins Leben gemfene berüchtigte Fremdenkontrollamt besteht fort und der Geist Nadossys herrscht uneingeschränkt nach wie vor. Man erfuhr das wieder einmal anläßlich der letzten Gemeinderatssitzung in Budapest, in welcher Gemeinderat Gon da die Ungeheuerlichkeiten der Aüswessungspraxis dieses Amtes besprach. Er schilderte die Rücksichtslosigkeit, mit dar unschuldige, seit Jahren in Ungarn ansässige Juden aus Ungarn ausgewiesen wurden/während die Repatriierung des Jankovich, der in Holland im Zusammenhang mit der Frankenfälfcheraffäre verurteilt wurde, in wenigen Minuten günstig erledigt worden sei. Fleißige, ehrliche Arbeiter wurden ohne weiteres ausgewiesen und ihrer Existenz beraubt. Das genannte, von Nadossy ins Leben gemfene Amt habe keine Existenzberechtigung. Bela Andrassy (Wolff-Partei) rief hier wiederholt: „Eljen Nadossy!" „Das ist Lobpreisung des Verbrechens!" schrie, erregt aufspringend, der Sozialist Dr. Eugen Kisz. Auch 'die schrille Stimm« Ladislaus Fenyes' ließ sich wieder vernehmen: „Auch Sie!" rief er Andrassy zu, „gehören dahin, wo sich Nadossy befindet! Wer sich so benimmt, ist ein Bandit!" ' * „Der Mensch" im Gerste chrisMchnntionaler Aerzte. Die berühmte internationale. Ausstellung „Der Mansch" ist. auch nach Budapest gekommen. Die gesamte reaktionäre Presse hat gegen diese Ausstellung Stellung genommen und förmlich zu ihren: Boykott aufgefordert. Von der Verdummungspresse der vorläufig ins Hintertreffen gelangten .Pogromhetzer war man ja von jeher an solche Kulturausschreitungen gewöhnt', aber ohne.Beispiel dürfte der Fall sein, daß ein Verband von A e r z t e n aus Rassenihaß gegen eine der Volksbildung dienenden Ausstellung einen Kampf führt. Der Landesverband der ungarischen Aerzte hat diese Kullurtat zuwege gebracht. Dieser Verband von diplo-' mierten Trotteln faßte in seiner letzten Sitzung den Beschluß, an der Ausstellung nicht teilzunehmen, „weil sie von Juden und Freimaurern veranstaltet werde". So ein rassenschützlerisches Hirn wäre in der Tat das belehrende und abschreckendste Objekt für eme. Ausstellung „Der Mensch". Wie wird aber der „Mensch" m Ungarn aussehen, wenn es dort infolge des Numerus clausus lauter solche Aerzte geben wird, wie diese Mitglieder des ungarländischen AerztevepbanheS? I. Kr. Riesenbrand bei Renault. Paris, 28. Mai. (Havas.) Im Benzinlagerraum der Automobilsabrik Renault in Bilancourt brach heute' nachmittags ein Brand aus, der rasch um sich griff. Um 2 Uhr war das Pneumatikreisenlager vollständig vernichtet, Las Krakauer Rathaus elngeAchert. Krakau, 28. Mai. Gestern um 5 Uhr früh wurde die Krakauer Feuerwehr alarmiert. Das Gebäude des Magistrat s, das sogenannte Palais Wielopolski, stand in. Flammen. In einigen Augenblicken waren die Feuerwehren der Stadt und der Umgebung an der Unglücksstätte, die durch einen Kordon der Polizei und des Militärs abgesperrt 'worden war. Als die Feuerwehr kam, war das ganze zweite S t o ckwe r k, in dem 'sich der prächtige Aaal des. Stadt ra tes und die Couloirs und Klubsäle befinden, ein Raub der Flammen geivorden. Bon einer Rettung der kostbaren Gegenstände in dem Saal konnte keine Rede mehr sein. Die ganze Einrichtung des Stadtratssaales verbrannte, und. zwar die Präsidialtribüne, die Fauteuils und die Porträts von sechs Stadtpräsidenten und von K o s c i u s z k o, ferner Gipsabgüsse von neun polnischen Königen. Der ganze Dachboden ist eingeäschert, ebenso die kostbaren Reliefs. Die Flammen hatten bereits das erste Stockwerk ergriffen. Die Decke im Ziinnrer des Präsidenten brannte. Doch konnte irr diesem Stadium der Brand gelöscht werden. Das Bureau der Personalabteilung wurde noch gerettet. Ueber die Ursachen des Brandes ist man sich noch nicht ganz im klaren. Möglicherweise ist in der elektrischen. Leitung in der Decke des Stadtratssaales, wo sich einige hundert ganz kleine elektrisch.' Lampen befinden, ein Kurzschluß entstanden. Gerüchte wollen wissen, daß der Brand durch eine weggeworfene Zigarette verursacht wurde. 'Der Brand dauerte schon einige Stunden. Ter Rauch drang aber aus dem Sitzungssäle während der Nacht nicht heraus und man konnte das Unglück erst uni 5 Uhr früh bemerken. Dienstag um 8 Uhr abends war in Krakau eine Störung in der'elektrischen Straßenbahnleitung und in Fachkreisen wird der Brand mit dieser Störung in Zusammenhang gebracht. Nach dieser Vermutung dauerte also der Brand bis zu seiner Entdeckung volle nenn Stunden. ■ ' Der Schaden beträgt c i n.c Million Z l o 1 y. Der Magistrat ist versichert. Während der Rettungsaktion herben einige Feuerwehrleute Brandwunde n erlitten. Mussolinis RaubtiersüMMlimg. - Aus Rom wird gemeldet: Nachdem Ministerpräsident Mussolini vor wenigen Monaten einen jurizen Löw e » zum Geschenk erbalten hat, mit dem er sich wiederholt der Oeffeutlichkeit zeigte, haben nunmehr mehrere eingeborene Rotabeln aus Libyen dem Duce einen Leoparden übermittelt. Das junge Raubtier wurde an einer eisernen Kette zuerst in das Ministerpräsidium und, nachdem es Mussolini besichtigt hatte, sodann in den zoologischen Garten gebracht. Streikdrohung der «tttelschnSehrer. Die Hauptleitung des Pflichtverbandes der Mittelschn!« lehrer beschloß gestern, der Regierung neuerdings ihre. Foroeu,ngen, und.zwar diesmal b i S 2. I u n i befristet, zu nber° reichen. Im wesentlichen verlangen die Mittelschullehrer. daß iür sie der Zustand wieder hergestellt werde, wie er vor Schaffung LeS Geraltsgesetzes bestand. In der gestrigen Beratung wurden sehr kriegerische Töne angeschlagen und erklärt, die Mittelschnllehrerschast sei entschlossen, den Kampf um ihre Sache mit den äußersten Mitteln zu Ende zn führen. Bäderaktion des Keren Kajemeth! Alle Gesinnungsgenossen, die sich in Badeorte begehen, werden gebeten, unsere Freunde bei diesen Aktionen zu unterstützen. Sie trögen Zeit und Ort ihres Reisezieles dem Keren Kajemeth, Wien, 1. Kärntnerstraße 28, bekanntgehen. so Telephon 77-4-85 und 77-4-86 A«-Mr „Mul". Der Inhalt der DüHrrerM«htnntz. Die Moskauer Habima bringt heute und an den beiden folgeii'den Tagen in hebräischer Sprache am Carl-Thecrter ,MMk" zur Ausführung. ' Es ist nötig zu erinnern, wie her „Dybuk" entstanden ist. Salomon Rappaport Mn—ffi), der russisch-jüdische Elendspro'letarier und Revolutionär, der Schlosser, Buchbinder, Grübe liavbertor, Holzfäller, welcher schließlich Sekretär der russischen, sozialrevolutionären Fraktion in Paris wird, An—-M, der Publizist, Marxist, Arbeiterführer, dessen Arbeitergelöbnis, die „Schwuah", jeder jüdische Arbeiter kennt, taucht plötzlich in die tiefreligiöse, mystisch verklärte Sphäre seiner Knaben- und Jünglingsjahre, dramatisiert eine der volkstümlichsten chasfidischen Legenden und füllt, gleichsam in der Hast -des Todgeiveihlen — er war schwer leidend —, das Gefäß feiner Dichtungen 'bis zum Rande mit einer Ueberfülle herrlicher M)then, seelenvoller Gleichnisse, aufwühlender Gedanken ans dem Wunderreiche 'der Kabbala. Glühend und glühender, 'heilig und heiliger wich das Werk im Fortschreiten, wie aus weiter Ferne klingt schon seilw Stimme in den letzten Szenen, und weltn Loa, die Jungfrau, dont Geist -des Wien Geliebten entgegenwankt und in seinen eisigen Armen ihre Seele herhaucht, sieht man ben teueren Dichter An—M zwischen 'den 'beiden Geschöpfen seiner Phantasie ste'hen, er umschlingt sie imd ruft mit ihnen aus: „Eilte große Helle mnstryntt mich, olvig verbrvnden sind wir, auswärts gleiten wir, 'höher, höher, Wer!" ... * .Chanan, der fromme Jünger der JeschSbah, >hat sich in den JrtMWett AiWlg Wloreu, Tx KM Kea, -es reichen Leb Sender Tochter. ,Heilig ist die Sünde," steht in der Kabbala, „und man soll sie nicht bekämpfen. Läutern soll Man sie wie der Goldschmied das Gold in der Flamme". Welche Sünde ist am schwersten zu läutern? Das Verlangen nach -dem Weibe. Wird diese Sünde in starkem Feuer geläutert, dann ersteht aus dem Unreinsten das Heiligste — 'Salomos Lied der Lieder. Und er richtet sich ekstatisch auf und singt den Schir Haschirim. Kämpfen will er aber auch für Lea. Durch die Kraft seiner Hingabe, durch Kasteien, Fasten, durch tägliches Untertanchen im rituellen Bade, durch inbrünstiges Sprüchesagen will er verhindern, daß Lea, für die der Vater einell re:chen Brälltiganr sucht, an einen Ungeliebten gekettet wirb — die schöne, schlanke Lea, die an seinen Angeil hängt, auch wenn er sie nicht ansieht, die ihre Stirn zu ihm hinüberneigt, wenn sie inbrünstig die Thora umschlingt und das Sammcttnch küßt. Er kann es nicht verhindern. „Masel-Tom!" ruft LcaS .Vator, der mit dem Verlobnngsvertrag zllrückkoinmt. Und Chanan stirbt daran. -i- Aber ein Menschemebell darf nicht jäh erstickt werden. Stirbt einer vor seiner Zeit, dann kehrt feine Seele auf diese Mlt zurück, Freuden zu fiihlerl und Leiden, die ihr vorenthalten blieberl, und Taten zu beenden, die zu vollziehen sie gchindert ward. Wandernde rnhelofe Seelen gibt es, die in fremde, heiße, lebensvolle Körper dringen nnt> als „Dybuk", als Dämon, dort Hausen, bis sie erlöst sind. Chanans Seele wohnt jetzt in Leas Brust. Der Dybltk hat sie befallen. S'e bereiten mit Klesmerspiel und Arme-Leute-Bewirtung, mit feierlichem Prunk und arrsgelassener Heiterkeit, in Frommheit und mit Frohmur Leas Vermähirrng. Die schöne Lea tanzt mit dm Armen, sie betet am Grabstein des Brantpaores, das hm Mptyrertod starb und am MM voe des Vaters Haufe bestattet liegt, sie war aber auch am Grab: Chanans, ihres toten Gelieblen. Und wie man ihr den Bräutigam entgegevführt — ein Tuch hält er in Händen, mn ihr Antlitz zu bedecken — stößt sie ihn weg und schreit: „Nicht du bist mein Bräutigam!" Dunkel und hohl wird der Klang , ihrer,Stimme, Vr Dybuk spricht aus ihr und ruft: „Begraben Hab: rhr mich, ich aber kam zu der, die mir bestimm: ist. und bleibe hier." * „Bestimmt" war Lea 8enr Chanan. Ihr Vater hatte es Chanans Vater durch Handschlag gelobt. Leas Bater aber hat das Gelübde gebrochen. Ein reiches, sattes Leben wünschte er für seine Tochter, suchte ihr einen Begüterten, Fremden, und hat also schwer gesündigt. Rabbi Asriel, der große Zadi'k, zu dem man die besessene Lea führt, bringt es <m den Tag. „Irrende Seele," ruft er, „ich fühle dein'Leid, ich will dich dem Bösen entreißen, aber den Körper der Jungfrau mußt du verlassen". Der Dybltk weicht nicht: „Herrlich ist meine Ruhestatt, kerne Höhe ist ihr gleich, kein Abgru-nid so schoar; und tief, wie der in den ihr mich schlendert, wenn ich diesen Leib verlasse." Rabbi Asriel ruft zehn heilige Männer. Weiße Kittel legen sie an, 'heben sieben Dhorawllen aus, ziindetr sieben schwarze Kerzen an und stoßen in den Schofar. Nllli weicht der Dybuk. Man hört ans der Ferne die Klänge des Hochzeitsmarsches, der Bräutigam naht, den Rabbi Asriel holen ließ und 'bem er nun. der AchtziMheige, der glaubt, daß ihm das Werk der Reinigung gelang, freudig entgegenzieht. Aber Chanans Geist erscheint und ruft die Geliebte an: „Deinerr Körper habe ich verlassen, nun komme ich zu deiner Seele!" Sie breitet ihm die Arme, dem Schemen an der Wand, und singt entseelt nieder. „Zu spät!" seufzt Rabbi Asriel, der mit dem .Hochzeitszug zrrrüKehrt. Otto A b e l e s.