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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-28 · Heft 2607 (28.5.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2607 (28.5.1926)
Date
1926-05-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. SSü. Mm, Krettsg «n mmn atitiitteti in mmn absebrannt. Lharkow, 26. Mai. (I. T. A.) In Mirapol, Kreis Äytomir, wurden mehrere,' von Jnven btzivohiite lassen durch Feuerzerstört. DreißtgjüdischeFamilten verloren ihre gesamte Habe. Lee Warschauer Arzt «uv der ümo »oa Persien. Aus Warschau wird berichtet: Ein in der Nähe von Warschau lebender verarmter russischer Arzt namens N o ndenitsch sah in einer Kinovorstellung die Krönungsfeierlichkerten des neuen Schah von Persien, Riza Khan. Er erkannte in Riza Khan einen halbverhungerten persischen Soldaten, dem er einst Hilfe geleistet hatte, und übergab dem persischen' Botschafter in Warschau einen Brief an ihn, n-irin er ihn bat, sich eines armen Kameraden zu erinnern und ihn zu unterstützen. Daraufhin ernannte ihn der Schah zum Hofarzt und schickte ihm fiir sich und feine Familie einen diplomatischen Paß und das Reisegeld. Dondeniffch befindet sich bereits mit seiner Familie auf der Fahrt nach Teheran. Ske „floroe* wird verkauft. Aus Berlin wird gemeldet: Nach einem Kopenhagener Telegramm des „Berliner Tageblatt" ist das Luftschiff „N o r g e" jetzt in Amerika zum Verkauf angeboten worden. Bei dieser Gelegenheit wird bekannt, wie stark das Luftschiff bei der Landung beschädigt worden ist. Man hofft, für das Luftschiff, das ursprünglich ein Million norwegische Kronen gekostet hat, im besten Fall 100.000 Kronen zu bekommen. 8i« Geschüstsmann al» Baudeuführer. Aus L e i p zig wird uns gemeldet: Ein Einbruch, der vor einiger Zeit in A n k l a m verübt wurde, ist jetzt unter interessanten Begleitumständen aufgeklärt worden. Die Diebe waren damals in die Räume des Anklamer Zollamtes eingedrungen und hatten für 60.000 Mark Zigarettenzollbanderolen erbeutet. Als Haupttäter ist jetzt ein 33 Jahre alter Kaufmann, Walter Meyer in Anklam, der bisher als sehr ehrbarer Mann gegolten hatte, verhaftet worden. Gleichzeitig wurden in Berlin mehrere Mitschuldige festgenommen. Meyer führte lange Zeit hindurch ein romantisches Doppelseben als Geschäftsinhaber und Einbrecher. Die Nachforschungen nach den Einbrechern waren zunächst erfolglos geblieben. Die erste Spur fand man durch einen Zufall. In einem Lokal in der Brunnenstraße machte sich ein Ehepaar R. verdächtig, das Zigarettenbande'rolen zum Kauf anbot. Die beiden, wurden festgenommen und man fand, bei ihnen für 13.000 Mark echte Banderolen. Woher ~ sie stammten, wollten die Verhafteten nicht sagen. Die weiteren Ermittlungen führten zur Verhaftung eines 49 Jahre alten Artur Henschel, seines Freundes Felix Puränski und noch anderer Personen. Der Erzieh er der Habima. Zu Wachtangows viertem Todestage. Von M. Harari. Bekanntlich hat der verstorbene Au—sti sein dramatisches Werk „Zwischen zwei Welten" („Dybuk") seinerzeit dem Moskauer Kunsttheater zur Ausführung eingereicht. Das geschah einige Jahre vor der Gründung der Habima. Das Kunsttheater beschäftigte sich mit der Vorbereitung des Stückes sehr ernstlich und studierte nach seiner Art das Milieu und die Typen des Dramas. Einige Künstler wurden in die Städte des Ansiedlungsrayons geschickt, um die Ethnographie und die Geschichte der Juden kennen zu lernen. Diese Forschungsarbeit währte einige Jahre und schließlich war es den Leitern des Moskauer Kunsttheaters doch angst und bange, das eigenartige Werk zur Aufführung zu bringen. Das Drama wurde den Erben des Kunsttheaters übergeben, dem sogenannten Ersten Studio (jetzt Zweites Moskauer Kunsttheater). Die Jüngeren und Mutigeren, glaubte man, werden es schon wagen, das Stück aufzüführen. ' Zu dieser Zeit begann die Entwicklung der Habima. Wachtango w, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Ersten Studio und der begabteste Schüler Stanislawskis, arbeitete schon mit der Habima zusammen. Unter seiner Regie wurde der sogenannte „Neschef berejschith" (Eröffnungsabend) der Habima verwirklicht. Bier Einakter gelangten zur Aufführung: 1. „Die ältere Schwester" von Schalom Asch, 2. „Die Sonne, die Sonne" von Jizchak Kazenelson, 8. „Es brennt" von Perez und 4. „Ein Lästiger" von Berkowicz. Die brennendste Frage war dann, das Problem der weiteren Arbeit. Zufällig trafen in Moskau An—fit und Bialik zusammen. Sie begegneten einander in der Habima und lernten Wachtangow kennen. Wachtangow war in dem Ersten Studio ryit der Ausgabe betraut worden, den „Dybuk" zu inszenieren. Er beschloß aber, das Stück zunächst in der Habima vorzubereiten, besonders als. auch Nialik ihn in dieser Hinsicht stark beeinflußte. * Von diesem Augenblick an beginnt in der Habima das Studium des „Dybuk". Mit ungeheurem Fleiß wird Tag und Nacht gearbeitet. Mau philosophiert über jedes Wort. Lebhafte Diskussionen entstehen über die Erklärung Wiener Morsenzeltrrng Walter Meyer betrieb in Anklam eine Art Kaufhaus. Er stand in hohem Ansehen. Niemand hätte ihm eine Unredlichkeit zugetraut. Die Nachforschungen jedoch ergaben, daß er eine Doppelrolle spielte. Während er. in Anklam der hochgeschätzte Geschäftsmann war,.unterhielt er in Berlin Beziehungen zu Verbrechern, die von ihm ausgekundschaftete Einbrüche ansführten nnd für ihn anch faule Wechsel nnterbrachten. Irr tote Sultan kan» nicht begraben werden. Ans San Remo wird dem „Pester Lloyd" berichtet: Der 37. Sultan aus dem mächtigen Haufe O s m a n, vor dessen Herrschern einst ganz Europa, Wen und Afrika zitterten, liegt nun verlassen in seinem einsamen bürgerlichen Heim: Bia Cavallotti Nr. 15, in der Billa Magnolia, die einst einem berühmten deutschen Industriellen namens Nobel gehörte. Seit Tagen steht schon sein Bronzesarg, der mit einen silbernen Halbmond und den kaiserlichen Insignien verziert ist, und aus dem ein prächtiger DamasMersäbel liegt, im Totenzrmmer, und niemand weiß, was mit dem Sarg werden soll. Im Westen, im ungläubigen Europa s o k l der letzte Sultan nicht bestattet werben, und in die Türkei der Republikaner darf er nicht übergeMhrt werden. Aber selbst seine interimistische Ruhestätte, der Sarg, sollte nicht in Ruhe bleiben. Als die Tochter des Verstorbenen nach Empfang der Todesnachricht aus Paris eintraf, mußie die Leiche aus ihren Wunsch herausgchoben und obduziert werden, da sie sich-des Verdachtes nicht entschlagen konnte, ihr Vater sei vergiftet worden. Die Obduktion ergab dann, daß der einstige Herrscher aller Gläubigen, ,Mohn Muhammeds des Fünften Abdul Medschrd, und der Fatma Guluftan, Muhammed der Sechste Dahieddin Khan" — wie das amtliche Obduktionsprotokoll lautete — einer Arteriosklerose in seinem. 65. Lebensjahre $tm Opfer fiel. Als seine nächsten Anverwandten werden im Protokoll außer seiner schon erwähnten Tochter sein Sohn Muhammed Etognil sowie drei legitime Gattinnen angeführt. Nun liegt der tote Sultan in der mit goldverzierten, weißen Vorhängen dekorierten Halle seiner Billa und vom zweiten Stock hallt das Wchgeschrei seiner drei Frauen, seiner Tochter und seiner Schwester in das verlassene Totengemach, wo zwar ein Kondolenizjbogen aufgelegt wurde, aber bisher nur drei verzeichnet sind. Und die Ungewißheit dazu, was mit der Leiche geschehen soll. Man wandte sich wohl nach Beirut in Syrien, um dort die Erlaubnis zur Bestattung zu erlangen. Mer auch im besten Falle dürfte es zwanzig Tage dauern, bis der Sarg verfrachtet wird. Es -liegt eine tiefe Tragödie darin, daß der Nachkomme jener Sultane, deren Reich einst über drei Weltteile sich erstreckte, jetzt nicht, einmal em Fleckchen Erde findet, wo ihm die letzte Ruhe werden kann. 8in KnUurfoktschrktt. Hinrichtung mit Blausäure. . Aus New-Dork wird gemeldet: In Carson CitY im. Staate N ev a d a Wurde ein. Neger mit Giftgas hingerichtet. Es wurde hierzu v e r g a st e Blausäure verwendet. Der Tod des Delinquenten trat narb 5 0 Sekunden ein, doch schon in der halben Zeit wurde Bewußtseinsverlust festgestellt. Die Hinrichtungszelle hatte ein G l a s f e n st e r, durch welches A e r z t e alle Phasen des Todes verfolgen konntedieser oder jener Stelle, dieses oder jenes Kommentars. Tausende Schwierigkeiten müssen überwunden werden: Wachtcm-gow beginnt zu kränkeln; oft ist ein ansehnlicher Teil der Habima-Künstler krank; Hunger und Kälte/ quälen; oft ist es finster, das elektrische Licht ist ausgeschaltet und über allem der Kampf auf Tod und Leben mit der Jewsekcja (Kommissariat für jüdische Fragen). Zeit und Energie wird der Habima brutal geraubt. Der starke Glaube, der mächtige - Wille, die Begeisterung der Schauspieler, die ungewöhnliche Leidenschaft und der Mut, die Wachtangow beseelen, besiegen alle Widerstände und die Arbeit schreitet fort. Ihm, dem Nichtjuden, ist es manchmal schwierig, sich in die jüdische Eigenart einzufühlen. Aber nur am Anfang; bald geschieht ein Wunder: ein Dybuk ist in ihn gefahren. Seine Phantasie, seine Genialität ist bald allem geivachsen: die Habima-Gemeinschaft hat ihn in ihren Bann - gezogen. Wer von den Künstlern der Habima gedenkt nicht jener unvergeßlichen Arbeitsnacht (bei Tag herrschten die Brotsovgen), da Jewgem Wachtangow — schon damals schwer krank, mit Umschlägen auf der Brust arbeitend gelauscht hatte, um zu erfahren, ivas das ist: e i N Chassid! Er hatte gehorcht und geschwiegen, nur in den Augen brannte ein schreckliches Feuer . . . Schweigend und gedankenschwer kehrte er morgens nach Hause zurück. Alle bedrückte die schwere Frage: Wie erklärt man es ihm, was das ist: ein C h a s s i d? Nicht lange währte es, bis zum nächsten Abend. Wachtangow geht an die Arbeit. Er sagt: „Wir beginnen von den Chassidim!" Allgemeine Aufregung, alle sind gespannt. Er ersucht einige Schauspieler, Typen eines Chassid vorzuspielen. Seine Augen beobachten fest jede kleinste Bewegung der Schauspieler,. sein Gesicht zuckt nervös (innerlich brennt er ganz, ver-, schlingt haufenweise Spei'esoda und raucht), seine, - ganze Gestalt drückt ungewöhnliche Konzentration autz. Die Demonstrierung chassidischer Typen geht zu Ende.. . Wachtangow versinkt sin Gedanken. Alle warten schweigend. Plötzlich springt er mit einem furchtbaren Schrei auf: „Was fiir Juden seid ihr? Sind denn das Chassidim?" Und schon zeigt Wachtangow — einen Chassid. Es i^t: absolut unmöglich, jenen Eindruck wiederzugeben, 'best Wachtangow damals aus alle Anwesenden gemacht hat.'. Nur seine Genialität, nur seine reiche Phantasie konnHH' 28. Mai 1926 Sette L Sakalo« in SSvafrtta. Großer Erfolg der Aktion für de« «iiffaafr*». Ans Kapstadt meldet die I. T. A. «nterm 2L d.: Zu Ehren der Keren-Hajessod-Delegierteu NcihNrtt 'S o k o k o v nnd Dr. M. Hindes wurde im Parlament ein Frühstück gegeben, dem der Premier von Südafrika, General Hertzog, der Führer der Opposition nnd frühere Premier, General S m n t s, der Führer der Arbeiterpartei und derzeitige Kriegsminister Kolonel G res well, der LandwirtschaftSminister Grobler und Sir Ernest Oppenheimer, einer der führenden Diamantgrubenbesitzer, beiwohnten. Sir Ernest Oppenheimer verpflichtete sich zur Unterstützung der Ktten- Hajessod-Kampagne. In den ersten drei Wochen der Kampagne wurden 26.000 Pfund für den Keren Hajesiod aufgebracht. Den größten Teil lieferte Kapstadt. Gegenwärtig ist die Kampagne in Johannisburg im Gange. Napoleons Haus anf Mo. Aus Rom wird gemeldet: Das HauS anf Elba, das Napoleon während seiner dortigen Verbannung bewobi" hat, soll, da eS sich in einem traurige« Zustand befindet, auf Veranlasiung der italienischen RegierMtg wtederhergestellt we den, ebenso die Sammlungen, die sich in dem Ge. bände befinden. _ 8« Tirol dürfen nur „anstündige" Badeanrüge verwendet werden. Wie aus Innsbruck.gemeldet wird, hat die Tiroler Landesregierung auf Grund einer Beschwerde eines Teiles der Bevölkerung von Lans gegen das dort neu errichtete Familiensonnenbad unter anderem eine Badekleiderverordnung erlassen, in der die Bedingung gestellt wird, daß am Lansersee überhaupt nur anständige Badeanzüge benützt werden. Dieser Forderung entsprechen nur solche, die bei Bcibeit Geschlechtern auch den Oberkörper und mindestens die obere Hälfte der Oberschenkel bedecken mit gänzlichem Ausschluß von Trikotstoffen. Die Frauen haben außerdem Badekittel zu tragen. Iiebftöhle im Hotel de France. Lehrjungen als Tater. Schon seit längerem bemerkten die Pächter des Ease- und Restaurationsbetriebes im Hotel de France, Johann und Ernst Bondy, daß verschiedene Gebrauchsgegenstände, wie silberne Eßbestecke und Porzellan, aber auch wertvolle Uhren und Tabatieren, spurlos verschwanden. Sie engagierten einen w e i b l i ch e n D e t e k t i v und diesem gelang es am Samstag unter der Treppe zwischen dem Parterre und Keller, wo sich die Küchenlokalitäten befinden, zwei Paar silberne. Eßbestecke aufzufinden. . Es wurde festgestellt, daß ein vierzehnjähriger Kellner junge diese Sachen gestohlen hatte, nnd als er einem scharfen Verhör unterzogen wurde, gestand' er, daß außer ihm noch ein vierzehnjähriger Lehrjunge und ein fünfzehnjähriger Küchengehilse seit .Dezember systematisch Diebstähle--ausführten. Einer Tänzerin, die in der Bar angestellt ist, staken sie eine goldene Dame»uhr, einem Professor eine Schaffha nsenuhr und einem Oberkellner eine Werne Tabatiere. in ihm eine solch erhabene, tiefsinnige und künstlerisch zarte Ausaflung eines Chassid anslösen. Durch einige Zeit konnten sich die Künstler der Habima kaum von der Bewunderung erholen, dann brach ein Beifallsjubel aus. Solche Fälle ereigneten sich später öfters, bis Wachtangow sich in der Habima so eingewurzelt hatte, daß er alles in hebräischer Sprache verstand und sogar ein wenig sprechen konnte. Die Arbeit ist zu Ende, der „Dybul" ist fertig (die letzten Proben mußte Wachtangow schon liegend leiten), man will das Stück der Oeffentlichkeit zeigen. Das ist aber unmöglich; es fehlen die Geldmittel für die Ausstattung. Die Widerstände sind groß: Der Hunger peinigt; der Kampf mit der Jewsekcja dauert an. Die Saison ist aber schon weit fortgeschritten, die Zeit drängt. Wachtangow macht keine langen Geschichten, er mobilisiert die Künstler des Ersten Studio und ordnet einen illegalen Kabarettabend mit Getränken an. Er selbst wird ein Kellner (obwohl er kaum aus den Füßen stehen kann) und so ermöglicht er es der Habima, die Spielsaison zu eröffnen. Wird jetzt jemand daran zweifeln, daß in diesen! Menschen ein Dybuk saß . . .? * Gleichzeitig mit dem „Dybuk" in der Habima inszenierte Wachtangow in dem Dritten Studio des Moskauer Kunsttheaters (heute Theater zum Andenken an Jewgem Wachtangow) „Prinzessin Turandot" von Schiller. Wegen seiner opfervollen Hingabe an die .Habima und seiner Krankheit verzögerte sich die Arbeit an „Turandot" (die Proben hierzu hat er schon nicht mehr erlebt). Als man ihn zu fragen pflegte, was mit „Turandot" geschehen ist, gab er zur Antwort: „In „Turandot" ist ein Dybuk hineingefahren." * Wie stark dieser Mensch mit der Habima verbunden und wie er ihr ergeben war, das wird man aus seinen Memoiren ersehen, die in kiirzester Zeit in Moskau erscheinen tverden. Kurz vor seinem Tode begann er sogar Hebräisch zu lernen. „Dybuk" ivar sein Schwanengesang. Morgen, 29. Alm, jährt sich zum viertenmql sein Todestag. (Uebertragen cpis dem Jiddischen von> Leopold T h a l e r.)

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