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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-23 · Heft 2603 (23.5.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2603 (23.5.1926)
Date
1926-05-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Ar. 2603 Wien, Sonntag Wiener Morstenzeltuna 23. Mai 192 Seite - Me Verteilung der Menschen auf der krde. VesamtßevAkermig. — llakattonelle VerttUuag der Menschen ank der Welt. — Rußland, da» neue Land der uavearearte« Milgltchteite«. Wenn man die Verteilung der Menschen auf der Erde betrachtet, gelangt nran zu der alten, immer noch wenig geänderten Tatsache, daß die Erdoberfläche von ihren Bewohnern ganz gewiß nicht planmäßig ausgenützt wird, trotz der großartigen organisatorischen Begabung, die der Mensch ausschnittsweise iu Europa und Amerika für seine Organisationstalente bereits gegeben hat. Dieser Zustand der mangelhafte« Ausnutzung -er Erdoberfläche Kat sich nach dem Kriege weiterhin verschärft. Der Bevölkerungsdichte nach steht Europa mit einer Einwohnerschaft von 46,6 auf den Quadratkilometer weitaus an der Spitze. Asien folgt ihm mit einer Bolksdichte von 24.3 erst in weitem Abstand. Noch weiter ist aber der Abstand zwischen Asien und Afrika, dem dritten Erdteil der Alten Welt; denn Afrika hat nur eine Volksdichte von 4,7 Menschen auf den Quadratkilometer. Ueberraschend wird es mancher enchfinden, daß auch Amerika nur eine Volksdichte von 4.3 Menschen auf den Quadratkilometer hat, trotz der Millionenstädte in den Vereinigten Staaten. Dieses große und unermeßlich reiche Land hat selbst nur eine Volksdichte von 13,49 Menschen auf den Quadratkilometer und selbst seine am dichtesten bevölkerten nordatlantischen Staaten kommen immer noch erst auf 68 Einwohner im Bereich eines Quadratkilometer, so daß sie nur wenig stärker besiedelt sind als in Europa etwa Portugal oder die Ukraine. Australien und Polynesien, das Land der so sehnlich gewünschten „kleinen idyllischen Inseln", hat sogar nicht einmal einen ganzen Menschen auf einem Quadratkilometer; seine Bevölkerungsdichte beträgt 0,9. Das am schwächsten besiedelte Land der Erde überhaupt ist das — zuweilen als sechster Erdteil angesprochene — Grönland. Auf einen Quadratkilometer rechnet man hier 0,006 Menscherr. Grönland ist nun allerdings kein grünes, sondern ein tveißes Land und vielleicht schon selbst mit einer Bolksdichte von 0,006 Menscherr mit Bevölkerung übersättigt. Es gibt aber iu der Alten rrnd in der Neuen Welt ungeheure Gebiete fruchtbaren Landes, die niemals eine Merrschenhand nützt und die der Menschheit als Quelle des Lebens und der Freude verloren bleiben. Hält man nach solchen Ländern Ausschau, so trifft man in allernächster Nähe der europäischen Menschenübersch ußstaatcn bereits auf unermeßliche Gebiete, in denen Millionenmassen verschwinden könnten zum ungeheuren Nutzen des gesamterr Erdteils. Man denke nur an die ungenützten Riesenflächen des europäischen Rußlands mit feiner Bevölkerungsdichte von nur 22 auf den Quadratkilometer. Die Pläne der russischen Trusts sehen die Einstellung von Hunderttausenden von Arbeitern vor, die aus Rußland schon deswegen sicherlich herauszuholen sind, weil das plstto Land noch stärkeren Bedarf an geeigneten Kräften hat. Jnnnerhalb der Reihen der gelehrten und streng objektiven Volkswirtschaftler aller europäischen Nationen mehren sich die Stimnien, die behaupten, daß Europa den Vorsprung der Vereinigten Staate» an Reichtunr und outonsfähigkeit niemals werde einholen Lose Lagebuchblötler von einer PatWnanife. Von Dr. Alfred Löwy. 1. Beth Alfa. Bis A f u l e h ging die Fahrt nn Auto glatt auf einer herrlichen Straße an Nazareth vorbei, wie die Serpeutinenstraße auf den Semmering. Einige Kilometer nach Afuleh biegt unser Autolenker, ohne ein Wort darüber zu verlieren, in die Felder ein und da sehen wir erst im aufgeweichteu Ackerboden etwas, wie Räderfurchen. Ein Kwisch (Straße) existiert noch nicht. Im freienr Felde ging es auch leidlich gut, nur die übliche 80-Kilometer- Geschwindigkeit mußte auf 40 und weniger herabgemindert werden. Schlimmer wurde die Geschichte, als wir näher zur Kolonie Ejn-Charod kamen; infolge der intensiven Feldarbeit waren die nach der unmittelbar vorausgegangenen Regenperiode aufgeweichten Wege so zerfahren, daß das Auto zurneist bis zur Achse im fetten Humus fuhr, bis sich schließlich die Räder darin lustig weiterdrehten, ohne daß der Wagen, vom Fleck kann Mt Hilfe von Chaluzim, von einem Paar Pferden und endlich mittels einer Maultiertrojka wurden wir dreimal herausbefördert und immer wieder über die schlechtesten Stellen weitergebracht. Eine Entlohnung oder eine Spende haben die Chaluzim entschieden abgelehnt. Inzwischen ist es finster geworden. Die Scheinwerfer des Autos beleuchten jetzt einen steinigen Feldweg und lassen zu beiden Seiten srischgepflanzte Haine van Oelbäunren und Eukalyptus sehen. Hie und da rennt ein kleiner Schakal scheu über den Weg, wie bei uns aufgescheuchte Hasen. Ueber eine schöne Siedlung, die, den Namen mich dem Helden Josef Tvumpeldor „T e l - Josef" trägt/ kommen toir nach halbstüttdiger Fahrt zu den ersten Blockhäusern von Beth-Alfa. * Wir werden von zwei nahen Verwandten und mehreren guten Freunden aus dem Meu-er Theodor können, tr’.mt ihm nicht die Mobilisation der russischen Naturschätze und der russischen Möglichkeiten für die Gesamtbevölkerung gelinge. Rußland gilt ihnen int früheren Sinne Amerikas als das Land der unbegrenztenMögl i ch k e i t e n. Die gleiche Bemerkung macht man in der Neuen Welt über die Riesenländer Brasilien und Argentinien, die in nicht zu ferner Zeit die Hauptreservoirs der Welt an Getreide sein werden, wenn die rasch anwachsende Bevölkerung Nordamerikas den heute noch recht beträchtlichen Getreideübcrschuß des Landes nicht mehr entbehren kann. Brasilien, das v o l k r e i ch st e Land des füdamer i k a n i s ch e n Kontinents, hat trotz seiner 30 Millionen Einwohner nur eine Volksdichte von 3,61 auf den Quadratkilometer, und Argentinien^ das heute schon in starkent Grade das Zielland der europäischen Artswanderung ist, zählt auf der sechsfachen Ausdehnung Deutschlands nur den zehnten Teil seiner Bevölkerung. Diese ungeheuren Möglichkeiten für die Unterbringung des Bevölkerungsüberschusses werden gerade in den nächsten Jahren sicherlich nicht ungenützt bleiben. England trifft ja schon Vorkehrurrgen, um wenigstens 500.000 Menschen in den volkleeren Gebieten Australiens zu verteilen, ein organisatorisches Riesen unternehmen, aber eine Aufgabe, deren Lösung man in der ganzen Welt mit besonders starkem Interesse zusehen wird. Eine ftanvgerichtliche Erschießung in Lemberg. Zwei Salven. (Eigendienst der ..Wiener Morgenzeitung".) Lemberg, 21. Mai. Gestern hat. das Standgericht den Sergeanten Stanislaus Kisielewski einstimmig zum Tode durch Erschießen verurteilt mit der Verschärfung, daß das Urteil, das um halb 11 Uhr gefällt wurde, spätestens drei Stunden nach de.r Verlautbarung vollzogen werden muß. Der Sergeant hatte den Kommandanten seines Regiments, Oberst Obiedzinski, und seinen Kameraden, den Sergeanten Gadomski, meuchlings am 8. d. im Aofe der Kaserne erschossen. Ter Verurteilte nahm das Urteil mit Ruhe auf und verzichtete auf die Bitte um Begnadigung und bat nur um ein Wiedersehen mit feiner Frau und seinem Kind und um die Erlaubnis, sich rasieren zu dürfen. Seine Wünsche wurden erfüllt. Während auf dem Richtplatz in seiner Anwesenheit alles hergerichtet wurde, rief der Verteidiger aus eigenem Antrieb -re maßgebenden Warschauer Behörden telephonisch an, im letzten Augenblick noch eine Begnadigung zu erreichen. Da sich die Antwort verzögerte, stimmte der Gerichtshof einer Verlängerung der Wartezeit zu. Da der Delinquent auf dem Richtplatz wartenmüßte, bedeuteten diese Viertelstunden furchtbare Qualen für den Verurteilten. Um halb 6 Uhr kam endlich eine ablehnende Antwort. * ' Der Verurteilte betont im letzten Augenblick, daß' nur die Drunkenheit ihn zum Verbrecher gemacht hat. Er < wünscht keine Augenbinde. Die erste Salve ist nicht tödlich und verwundet ihn mir. Kisielewski setzt sich vor Schmerz auf den Boden. Erst die zweite Salve bringt ihm den erlösenden Tod. Herzl und aus dem Prager Bar-Kochba, herzlichst begrüßt und den übrigen Chawerim und Chaweroth vorgestellt. Eben läutet der „Gong" (eine veritable Kuhglocke), wir werden samt dem Chauffeur in das gemeinsame Speisehaus geführt. Alles einfach und peinlich sauber. Das Mahl besteht aus Ei mit einer Art Mayonnaise als Vorspeise, auf jedem Tische reichlich und gutes Schwarzbrot und Tee oder Wasser als Getränk, ferner eine besondere Speise, die ich ursprünglich als Gulyasch mit Kartoffeln ansprach, die sich aber als sehr gut zubereitetes Saubohnengericht herausstellte. Aehnlich fein muß einst dem Esau sein Linsengericht gemundet haben; ich hätte an diesem Abend meine Saubohnen nicht für das feinste Scholet mit Gansbiegol vertauscht. Unser Nachtlager wurde uns in einer netten Holzbaracke zugewiesen, die man sich ungefähr so vorstellen muß, wie eine gute Schutzhütte in unseren Bergen (allerdings ohne Hakenkreuz). Die Betten waren gut, wir haben aber dennoch schlecht geschlafen, da der Sturmwind und die Schakale um die Wette heulten. Dafür begrüßte uns aber frühmorgens ein lachender, blauer Himmel und wir konnte» in Rrche und in Hemd- . ärnreln Beth-Alfa besichtigen. Es liegt in einem herrlichen Winkel des Emek, an seinem nördlichen Ende, knapp angelehnt an das Gilbvagebirge, wo König Saul in der letzten Schlacht gegen die Philister gefallen ist. Anschließend die Kette der Berge von Gilead, südöstlich der Berg Thabor mit einem lateinischen und einem griechischen Kloster am Gipfel. Bor dem Thabor ist ein niedrigerer Berg vorgelagert, der ebenso wie das Araberdorf auf demselben den Namen Endor führt; in der Höhle, die dort gezeigt wird, soll die Hexe von Endor gehaust haben, welche Saul angeblich vor seinem Schicksalstage konsultierte. Beth-Alfa umfaßt zwei. Gruppen, welche beide aus der Blau-Weiß-Bewegung der letzten Vorkriegsjahre ihre Kraft der Ueberzeugung geschöpft hatten: die kleinere heißt Chefzibah, die größere nennt man einfach den Kibuz. Wie arbeitsam, wie genügsant, wie glücklich und zufrieden diese prachtvollen Menschen leben, wie wenig sie sich nach Europa znrücksehnen, mit welcher Selbst- , VII- NEUBAUGASSE 10 mmer die grosse Mode ^Shantung grJnallen Farben Rohseide CrepedeChinc raye Kfeidöfware Duldner^ Deutsch Acht Fahre unschuldig im Kerker. Die Tragödie eines Italieners in Amerika. Aus New -A ort wird gemeldet: In Trenton im Staate New-Aork har dieser Tage ein zu lebenslänglichem Kerker verurteilter Sträfling unter merkwürdigen Umständen die Freiheit nach achtjähriger Hast wieder gewonnen. Ein Italiener namens Rafael M o r e l l o war von den Geschwornen im Jahre 1918 wegen Ermordung seiner Braut zu lebenslänglichem Kerker verurteilt worden. Das Urteil wurde auf Grund eines vermeintlichen Geständnisses des Angeklagten gefällt, der sich damals in der Schwurgerichts- Verhandlung in seiner Muttersprache mit Hilfe eines Dolmetsch verteidigte. Rafael Morello trat seine Zuchthausstrafe an und benützte seine Mnseistunden zur Erlernung der englischen Sprache. Vor einigen Tagen meldete er sich zü einem neuerlichen Verhör vor dem Staatsanwalt. In fließendem Englisch erklärte er, daß auch sein angebliches Geständnis im Jahre 191s nur durch das Versagen itzes Dolmetsches für die italienische Sprache als solches ausgelagt werden konnte. Er hatte keineswegs gesagt, daß er sekne Braut getötet habe, vielmehr habe er genau geschildert, unter welchen Umstanden seine Braut Selbstmord beging. Die Aussage Morellos erschien den Jiustizhchörden von Trenton so glaubwürdig und überzeugend, daß der Mann, nachdem er acht Jcchre u ns chuldigim Kerker -gesessen war, sofort aus freien gefetzt wurde; / Erzeugung mm AeNMM ans strömendem Master. Am 26. b. wird > die Inbetriebsetzung der Freistromturbine in der großen Donau nächst den Freudeimuer Schfffsmühlen stattfinden. Es ist dies die erste derartige T'urbinenanlage der Welt, die aus strömendem Wasser unmittelbar Elektrizität erzeugt. Bundesprästdent Dr. Harnisch hat fein Erscheinen bei der Inbetriebsetzung zugesagt. Verständlichkeit sie Malaria, Hunger, Durst und allen Mangel an Komfort tragen, ist ganz überflüssig zu beschreiben, weil das ein Europäer, der sich nicht mit eigenen Augen und Ohren überzeugt hat, doch nicht glauben kann. Mustergültig, rührend gewissenhaft wird auch in Beth-Mfa — wie in allen Kwuzoth — das Säuglingshaus und das Kinderhaus geleitet. Wenn unsere Arbeiter der Welt nichts anderes bieten würden, als dieses Vorbild der Kinderpflege und Kindererziehung auch dort, wo die Eltern häufig auf Notwendigstes verzichten müssen, sie mußten nicht nur von uns, sondern von aller Welt hochgeachtet werden! * Während unseres Rundganges durch die Wirtschaftsanlagen der Siedlung hatten wir Gelegenheit, folgende zufällige Episode zu beobachten: Eine kleine schwarze MH arabischer Rasse hatte aus der Werde ein Kalb geworfen. Der Hirte nahm das Kälbchen und trug es heim, um es im warmen Stalle zu bergen. Die Kuh rannte wie besessen — geängstigt um ihr Neugeborenes — und wollte eben im Hofe der Kwuzah eine junge Frau anrennen, als sich ein Chaluz (Alfred Lehmann) heldenhaft zwffchen das rasende Tier und die Frau warf. Er wurde zu Boden gerissen und das Tier ging noch immer auf ihn los, bis er dorr den Kameraden befreit werden konnte. Das Ausmaß von Lehmanns schlichtem Heldentum kann man erst ermessen, wenn man erfährt, daß man am vorhergehenden Tage alle Hunde der Kolonie erschossen hatte, weil ein Schakal, der Anzeichen von Tollwut haben sollte, eine Knhhevde angefallen und eine Kuh gebissen hatte. Lehmann war — wie Viole andere — der Meinung, daß die Kuh, die ausnahmsweise so aggressiv geworden war, an Tollwut infisziert sei. Als der Hirt mit Hilfe des Kälbchens die Kuh in den Stall gelockt hatte, und Lehmann seine blutigen Ellbogen abgewaschen und mit Jodtin-ktür bestrichen hatte, wurde kein Wort mehr über den Vorfall gesprochen. Nur in uns Fremden zitterte noch lange das Empfinden nach, daß wir hier zufällig Zeugen einer AmhexWg ungewöhnlicher Herzensgröße geworden waren.

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