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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-18 · Heft 2598 (18.5.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2598 (18.5.1926)
Date
1926-05-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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SM 2 Wien, DMSM Warschau nach derRevolutionI Bvref n nie res Berichterstatters. Warschau, 15. Mai, abends. Die letzten Salven sind verklungen. Noch zittert kn den Augen der Menschen die Angst, tveil sie der Stille nicht trauen, die in den letzten Tagen nur allzuoft sich als trügerisch erwiesen hatte. Nur langsam beruhigt sich die Stadt. Die Elektrische verkehrt noch nicht. Die Autotaris sind meistens von Militärpersonen besetzt und in t t rote n Rose n bekränzt. Verschwunden . sind schon die Wagen der Rettungsgesellschaft und des VKotcn Kreuzes, die zum Straßenbild der lebten Tage gehörten. Aus beit geschlossenen Toren kommen die ersten Menschengruppcn heraus und in ihren lauten Diskussionen verliert sich.allmählich der Geruch des vergossenen Blutes. Die Neugierigen drängen sich vor den" zahlreichen Maueranschlägen. Ans der Fahrt nach dem Krakauer Vorort begegnen uns Militärabteilungcn mit aufgepflanztem Bajonett, die die Bevölkere g an die strenge Einhaltung der Vorschriften erinnern sollen. Bei der Jerusalemer Allee staut sich die Menge. Die Leute wollen die Spuren der Kämpfe sehen, denn bisher hat sich kaum jemand in diese Gegend getraut. Hier arbeitet man schon an der Reparatur der beschädigten Trottoirs. Kleine runde Löcher in den Mauern fallen besonders auf. Auf dem Platz der drei Kreuze kann man schon die ersten zerschlagenen Scheiben sehen. Die Fenster mancher Häufer sind ohne jede Verglasung und schauen blind drein. Wie nach dem Krieg . . . In der Ujazdowa-Allee haben die zahlreichen Bäume, die sie umsäumen, gelitten. Um das Belvedere hängen die Telegraphen- und Tramwaydrähte schlver herab und die Hauser sind arg beschädigt. Das Schloß selbst hat nur sehr wenig Schaden genommen. Im Hof lagert ein Infanterieregiment. Hier ist die Bewegung schon viel weniger lebhaft; soweit trauen sich die Warschauer noch nicht heraus. Dagegen bietet das Innere des Schlosses ein ungewöhnliches Bild. In den Parterrezimmern, die die Mitglieder der Regierug und der Präsident während der Kämpfe bewohnt haben — eine furchtbare Unordnung. Man merkt, daß die Bewohner die Zimmer fluchtartig verlassen haben. Im ersten Zinnner ist der Radioapparat umgeworfen worden, eine Menge kleiner Zettelchen mit Notizen liegen am Boden zerstreut. Im zweiten Zinnner ein Tisch, auf dem verschiedene Aufzeichnungen herumliegen, Unter anderem ein handgezeichneter Plan des Belvedere-Parks, der Badeanstalt (sogenannte Lazienki) und der Weichsel. In diesem Plan ist der k ü r z e st e W e g zur Weichsel eingezeichnet und die Worte eingeschrieben: „Die Durchfahrt gesichert". Am Fußboden eine Unmenge Zigarettenreste und ein Buch von.Jan Viktor: „Die Wider spen st ige n." In den anderen Zimmern herrscht großer Wirrwarr. Auf einem der Tische liegen eine Karte von Warschau und eine Karte von Polen und unter dem Tisch ein Sack mit Krakauer Wurst. Im Speisezimmer sieht man am Tisch noch .Reste vom Mittag; auf den Tellern Kraut und Kartoffeln. Die Dienerschaft erzählt, daß man für die Regierungsniitglieder und das Militär nur unter großen Schwierigkeiten die Nahrungsmittel beschaffen konnte. 9hm geht es im Auto in die Stadt zurück. In der Nowowiejska hält den Wagen eine Militärpatrouille an und erst nach genauer Legitimierung können wir weiterfahren. Das Gebäude des Heeresministeriums gleicht einer Ruine. Fast alle Fensterscheiben sind zerbrochen. Die Mauern des Gebäudes sehen wie ein großes Netz aus, soviel Löcher haben hier die M a s ch i n e n g e w e h r k u g e l u geschlagen. Auf dem Erlöserplatz ein furchtbares Bild der Verwüstung. Von den Häusern sind ganze Teile, Erker und Balkone, abgerissen, die Haustore eingedrückt.. Zwischen Häusern, die die Spuren der Kugeln tragen, zwischen abgerissenen Drähten und Dächern, zwischen ganz leeren Geschäftsauslagen, die teilweise mit Brettern vernagelt sind, fahren wir in die M a r s ch a l l k o w s k a hinein, die bis zum -Hmuptbahnhof verwüstet ist. Ein großes Haus betnt Apollo-Kino ist zwischen denl zweiten und dritten Stock von einer Granatkugel quer durchschossen worden. * In der Dämmerung kehren wir in die Stadt zurück. Schon hat sich das Bild in den Straßen geändert. Die Elektrische verkehrt fast regelmäßig und die Straßen sind voll von Menschen. Wären nicht die ntilitärischen Lastautos und die Verwüstungen in den Straßen, die Stadt hätte das normale Aussehen. Die beweglichen Gerüste, auf denen die Arbeiter die elektrische Leitung wieder Herstellen, fahren überall längs der Geleise. Die Menschen sprechen von Dingen, an die sie vor einigen Stunden noch kaum dachten. Vor dem Zirkus stauen sich schon Neugierige, um e i n e n H n n g e r k ü n st l e r zu bewundern. Von den Klubhäusern der sozialdemokratischen Partei weht die rote Flagge. Im jüdischen Viertel sind alle Geschäfte des Sabbats wegen geschlossen. Auch auf den Nalewki sieht man Spuren der gestrigen Schießerei. In vielen Fenstern fehlen die Scheiben. Die Auslagefenster einer 'Apotheke sind mit Brettern vernagelt. Auf der Gencha, Dzieka, Pavia und Smoca wird eifrig diskutiert. Auch in einenc chassidischen Bethaus, das wir besuchen, ber?r MM 1N2N We. 3598 Zn Warschau herrscht Ruhe. Nor der Slaßerusang der Ratioualversammlung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzektung.") Warschau, 17. Mai. Nach dem grauenhaften Freitag ist gestern früh wieder Ruhe eingrtreten. Mau hört nicht mehr das Dröhnen des Artilleriefeners und das Pochen der Maschinengewehre. Obzwar noch immer der Belagerungszustand herrscht, glaubt man doch allgemein, daß die Gefahr des ausgedehnten Bürgerkrieges geschwunden ist. Diese schreckliche Eventualität hat allein der Staatspräsident W o j c i e ch o w s k i abgewendet, der am Freitag um halb 6 Uhr abends in dem Dorf Wilanow den Ministerrat zur sofortigen Demission veranlaßt hat. Der Beschluß wurde durch Parlamentäre dem im Belvedere harrenden Pilsudski uberbracht. Zugleich wurde Sejmmarschall Ratay nach Wilanow bcrnsen, um dort die Demissionserklärungen und im Sinne der Verfassung die einstweilige Leitung der Geschäfte des Staatsoberhauptes zu übernehmen. Die Straßen der Hauptstadt tragen' das Gepräge des Krieges. Ueberall marschieren Truppen, viele Ableitungen noch mit dem aufgepflanzten Seitengewehr. An allen Straßenecken stehen Posten. Die Soldaten sind müde, übernächtig. Bon vielen Häusern wehen Fahnen, viele tragen Trauerschmuck. Die Zeitungen enthalten seitenlang die Namen der Toten. Das jüdische Viertel war sofort nach Ausbruch der Unruhen durch Pilfndski-Truppen besetzt und abgesperrt worden. Dieser Stadtteil befand sich zwar aüßerAlb der Operationszone, doch litten mehrere Hauser durch das Gewehrfeuer. Zwei Kinder, die aus einem im ersten Stock gelegenen Balkon standen, wurden am Freitag von verirrten Projektilen gelötet. Sie heißen Baruch I a s i n k o w e r und David Kaufmann. Die Ruhe in der Stadt wurde seither nicht mehr gestört. Bom flachen Lande kommen die wirrsten Gerüchte, aber keine sicheren Meldungen. Die politische Unruhe hat sich nicht gelöst, alles kommt darauf an, ob sich die neue Regierung rasch durchsetzen wird können und ob sie die Anstrengungen des Generals Haller, mit Hilfe der Faszisten einen Gegenschlag in Szene zu setzen, durchkreuzen kann. Die N a t i o n a l v e r s a m m l u n g, welche die Wahl des neuen Präsidenten vorzunehmen hat, besteht aus den Mitgliedern derp beide n K a mmern. Die Einberufung muß verfassungsgemaß sofort geschehen, doch dürfte die Wählsitzung nicht vor dem 25. d. stattfinden. Die Linke will Pilsudski oder Bartel kandidieren, doch hat auch der Sejmmarschall Ratay gute Aussichten als Kompromitzkandidat. Die neue Regierung. Ein Fachministerium. Warschau, 17. Mai. Tie treue Regierung ist nunmehr endgültig gebildet. Sie besteht aus folgenden Mitgliedern: Zum MinisterpräMrntcn und Eiseubahnminister aixirbc Professor Kasimir Bartel (Arbcitsklub) ernannt. Leiter des Auswärtigen Amtes August Zaleski, ehemaliger polnischer Gesandter beim Quirinät, Minister des Innern Viktor M l odzianowsk i, ehemaliger wolhynischer Woiwode; Minister für Heerwesen Marschall Josef Pils ndski; Finanzmittister Aäbries Czechowicz, bisheriger Untcrstaatssekretär im Finanzministerium; öffentliche Arbeiten Professor Witold P r o n i e w s k i von der Warschauer Polytechnik; Leiter des Ministeriums für Arbeit und soziale Fürsorge der bisherige Unterstaatssekretär Tr. Stanislaus I u rkowski; Ackerbau-minister und Minister für Bodenreform Dr. Josef Ra c zinst i, bisheriger Unterstaatssekretär, im Ackerbanminist-erium; Minister für Handel und Industrie Ing. Hippolit Gliwicz, bisheriger Deparlementdiroktor im Ministerium für Handel und Industrie; Leiter des Ministeriums für Kultus und Unterricht der Professor der Warschauer Universität M i k tl l o w s k i-P v m o r s f i. Keine Aenderung der Außenpolitik. Warschau, 17. Mai. (Tschechoslowakisches Prcßbureau.) Wie „Noivy Kurser Polski" meldet, hat der Außenminister an die polnischen diplomatischen Vertretungen im Ausland ein Rnndtelegramm mit der Mitteilung gerichtet, daß die Außenpolitik Polens keine Aenderung erfahre. spricht nran heute llicht tälmudische Fragell, sondern die politische Lage. Da fragt der Hansnarr: „Nu, und was wird seill mit der Ugoda?" Allgemeines Gelächter. „Muß denn Pilsudski die Wechsel vorn Grabski einlösen?" fragt jemand. „Es hat ja ohnehin das Giro gefehlt!" antwortet eilt anderer. Doch bald muß die Politik weiche. Borbeieilende Passanten erzählen von den Toten. Kolporteure rufen die Zeitungen aus. Hier und dort beginnt einer zu weinen ... Er hat die Verlustliste gelesen. * Es sind nur Blätter der Linksparteien sowie die jüdischen Zeitungen erschienen. Das Hetzblatt „Dwa Grosze" („Warszawska Gazeta Pyranna") ist von Demonstranten zerstört worden. Auch die „Warszawianka" wurde demoliert. Nefefttgung der zsoldkuefe». , Tlch«ch>iq-I«lchm, 17. Mii. ^fepitrMu.') In Warschau wurden während der Unruhen weder die Börsenkurse noch die Devisenkurse veröffentlicht. In K rata u herrschte im Devisenprivatverkchr und nach Einstellung der Kämpfe eine rückläufige Bewegung der W e st d e vife n. Ter Dollar, der tu Warschau ivähreyd der Kämpfe über 13,5 notierte, ist heute -bereits auf 10,8 bi» 11,— znrnckgcgcoigen. Sein Vormarsch Hallers gegen Warschau. «all«, 17. Mai. (ffiotf.) T«S «erthtet «unoii J»t Polnischen Telegraphcnagentnr erklärt, daß die Nachricht von einem Vormarsch des Generals Haller mit 10.000 Mann jeder Grundlage entbehre. Ser Warschauer Polkzeichef interniert. Warschait, 16. Mai. Der .Hauptkonunandaut der Polizei, Marjan Boczeuski, wurde von den Militärbehörden interniert und in der Zitadelle eingeschlossen. An seine Stelle trat der bisherige Vertreter des Koinmandanten, Heinrich B a vdenski. General Konaczewski übernahm wieder seine Amtstätigkeit als Bizeminifter und Administrationschef der Armee. Verhaftungen. Warschau, 17. Mai. Unter den in »Haft befindlicher! Offizieren, tvelche g e g e n P i l s n d s k i gekämpft habet:, befindet sich auch der ehemalige Kommandant der Warscharrer Zitadelle M o d l e w s k i, der die Stadt d u r ch A r t i l l e r i e beschießen ließ. Weiter befinden sich zirka 16 faszistifche H o ch s ch ü l e r irr Haft, tvelche als Freiwillige auf seiten der Regier»rrgstruppen kämpften. Der nationaldetnokratische Abgeordnete Wierczak wurde wegen anttrepublikanischer Agitation verhaftet. Der am 15. d. im Belvederepalais verhaftete ehemalige Vorstand der Zivilkanzlet des Präsidenten der Republik, Lenz, sowie der Beamte i-iu Ministerium des Innern R a c z y n s k i wurden gestern abends auf freien Fnß gesetzt Fa Lemberg. (Eigendienst der ..Wiener Morgenzeitung* *:) Lemberg, 11. Mai. In der Stadt herrscht Ädr A u t* u a h in 's z u st a n d. Der Woiwode erließ eine Verordnung, in her Versammlungen nur mit vorheriger dreitägiger Anmeldung gestattet werden, das Waffentragen st r e n g verboten und die Einhaltung der Meldungspflicht in Erinnerung gebracht tvird. Die Polizeidirektion ordnete die Sperre der öffentlichen Lokale für halb 9 Uhr und die Torsperre für 9 Uhr abends an. Nach diesen Stunden kann man nnr mit einer besonderen polizeilichen Legitimation die Straßen betreten. Heute um 9 Uhr früh fand eine große Demonstration der streikenden Eisenvahnarbeitcr statt. An der Versammlung vor dem Stadtthcater nahmen zirka 2500 Personen teil. Zn den Versammelten sprachen die Abgeordneten Smulikowski (Sozialdemokrat) und Pawlowskl (Bauernpartei). Die De> monstranten brachen vielfach in begeisterte Hochrufe ans Marschall Pilsud'ski ans. Dann zog man vor das Gebäude der Eifen'bahnergctverkschast. Bor dein Czerniowieckibahnhof löste sich die Versammlung auf. In der Stadt herrscht R n h e. Der Verkehr ist normal. Mit Rücksicht auf die Nachrichten von der polnisch-russifchen Grenzewurde von der Berufung des Generals Sikorski nach Marschau Abstand genommen. Der Generäl bleibt in Lcm'berg. Für die Sicherheit der Grenzgebiete ist ausreichend gesorgt worden. 8n Przemvsl uud Drohobhez. (Eigendienst der ..Wiener Morgvnzeitnng".) Przemysl, 14. Mai. Der Kommandant der hiesigen Garnison, General Farra, übergab das Kommando dem Brigadegeneral Hempel aus Jaroslan. In den Straßen der Stadt sieht man starke Polizei- und Militärpatrouillen. In den Abendstunden fand im Arbeiterhcim in der Vorstadt Za sank eine Riesendemonstration für Pilsudski statt. Es sprachen Arbeiterführer aller politischen Richtungen. Schließlich wurde eine Resolution beschlossen, in der -der Rücktritt der Witos-Regiernng gefordert wurde. Auch in Drohobycz fand im Hofe des Gebäudes der Krankenkasse eine Manifestation für Pilsudski statt. In d»'- Stadt herrscht Ruhe. Gegenrevolution? (Eigendienst der ..Wiener Morgenzeitung".) Krakau, 17. Mai. Der heutige „Kuryvr Podzienui" bring* die noch nicht überprüfbare Meldung, daß Pofener Truppen unter dem General Muznicki ans deip Marsche nach Warschau seien. Aus K a t t o lv i tz liegen gleichfalls, nicht kontrollierbare Blätiermeldungen vor, ivonach auch General S z e p t y c k i sich gegen die Regierung Pilsudski erklärt und s e i n e Truppen zum Widerstand aufgefordert habe. Das schlesische Armeekorps hat sich dagegen zur Berfiignng Pilsudskis gestellt. Haller wlll Posen abtrennen? (Eigendienst der ..Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 17. Mai. Nach einem Warschauer Drahtberich -des „Vorlvärls" ist die Verniittlmigsaktion des SenatsmavschaW Trompezi-nski, der nach Posen gereift war,

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