Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2596 (16.5.1926)
- Date
- 1926-05-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2596 Wien, SonBsg „Hubertushof“ XIII., Ober-St.-Veit Straßenbahn: SB und 158 ✓ Stadtbahnstation: Ober-Si.*Veft Wiederbeginn der Nachmittags- und Abend - Konzerte und Tans im Freien vmumONSTLERsn Borns Galazan Jeden Sonn- und Feiertag groese populäre Militär* Konzerte der Kapelle des Infanterie - Regimentes Nr. 4 Dirigent: Josef Karl Richter 575 Der Lag der großen Senge«. Der Bu'-rrpeftev Mlfcherprozeß. Budapest, 15. Mai. Der Andrang zur heutigen Verhandlung war womöglich roch größer als am ersten Bechandlungstag des Frankenälscherprozesses, da heute schr interessante Zeugen eirwernommen oerden sollen, und zwar Gras Paul T e l e k i, Stephan Friedtich, Pater B0nis, Feldbischof Zadravecz, Abgeordneter 8corg H i r, Zlbgeordneter Albin Lingau e r, Baron P e r e n y i, rer Chef des Korrespondenzbureaus Nikolaus K 0 z m a und chließlich Staatssekretär Baron Georg Pronay. Der heutigen Verhandlung wohnten auch der Vizepräsident des Abgeorduetenstufes Karl H.uszar als Zrchörer bei. Um 10 Uhr eröffnet der Präsident die Verhandlung. Ms aster Zeuge wird Ladislaus Szendet einvernommen, dessen Lussagen jedoch von größerem Belange sind Sodann tritt unter allgemeiner Spannung Graf Paul Teleki cks nächster Zeuge in den VerhcmvlungsstÄ. Aus die Frage des Vorsitzenden, ob er mit irgend einem lngeklagten verwandt sei, erwidert er, daß er mit mehreren der beschuldigten eng befreundet sei. Graf Teleki führte sodann aus, daß Pvmz Windischgrätz hn iizr März des Jahres 1922 in seiner Wohnung ausgesucht habe, der Prinz bedeutete ihm, daß er die Absicht hätte, französische kranikennoten für patriotische Zwecke herzustellen. Dazu benötige rc seine Unt erst ü tzu ng. Diese Unterstützung sei nach zwei Hinsichten möglich, da Graf Teleki sich mit Propaganda- Angelegenheiten befaßte, und zweitens, da er Präsiident.des kartographischen Instituts sei. Der Prinz — setzte Gras Teleki fort — verlangte von mir materielle Unterstützung, sowie, daß ich chm Sachverständige Wiener Morgenzettung_ empfehle. Der Prinz war damals schon im Besitz von Klischees, mit denen Fraukennoten erzeugt werden könnten. Auf meine Frage, wer die Klischees erzeugte, sagte damals der Prinz, daß sie von einem fremden Staatsbürger hergestellt wurden. Den Namen nannte er damals nicht und ich habe den Namen Schulze erst in diesem Jahre im Verlause der Uuter'uchung gehört. Da ich nicht genau wußte, worum es sich eigentlich handle, nahm ich mir vor, der Angelegenheit energisch uachzuaeheu, um festzustellen, wie weit die Arbeit des Prinzen schon gediehen war. Ick erklärte dem Prinzen, daß ich ihn materiell nicht unterstützen könne, jedoch bereit sei, Sachverständige zu empfehlen. Ich dachte an Ladislaus Gero, den ich als Präsidenten des kartographischen Instituts kannte und als ausgezeichneten Fachmann schätzte. Ich tagte dem Prinzen jedoch, so lange ich einen Sachverständigen nicht empf'hle tut' i'o lange mir dieser über ate Angelegenheit n-ckt Bericht ..statte, dürfe keines,alls tvcitergenck.'ilrt werden Ter Pr>nz hat mir damals auch diese Zusage gemacht. Ich habe deshalb einen staatlichen Angestellten empsohleir, weil ich nur zu einem solchen Vertrauen hatte. Ich habe Gero in meine Wohnung berufen und chm expressiv verbis erklärt, Prinz Windischgrätz wölbe Franken fälschen. Ich erteilte ihm den Auftrag, die Sache auf das gründlichste zu prüfen und festzustellen, ob der Plan durchführbar sei. Er soll persönlich mit dem Prinzen und dem fremden Herrtl, dessen Name ich nicht kannte, in Berührung treten, die fertiggestellten Klischees prüfen und mir über die Angelegenheit Bericht erstatten. Nach einigen Wochen tarn Gero zu mir und teilte mit, daß nach seiner Ansicht die Mittel, die dem Prinzen zur Verfügung stehen, #t keiner Hinsicht geeignet seien, Banknotenfälschungen durchzufiihren. Mit den fertiggestellten Klischees können überhaupt keine Banknoten gefälscht werden. Zur Fälschung von Banknoten bedürfe man riesiger Beträge und ein es-großen Apparates, und selbst eine so ausgezeichnet ansgestattete. Druckerei, wie die des kartographischen Instituts, eigne sich zu diesem Zwecke nicht. Ich hübe ans den Ausführungen Geros die Ueberzeugung gewonnen, daß der Plan nndnrchsührbar sei. Ich teilte das auch denr Prinzen mit und erklärte ihm, daß ich k e i n e st a a tli ch e und m a t e r i e l l e Unterstützung ihm in Aussicht stellen könne und deshalb den Plan für undurchführbar halte. Ich hielt nämlich damit die Angelegenheit meinerseits s ü r beendet und ich habe auch Gero die Weisung erteilt, sich mit der Sache nicht mehr zu beschäftigen unv auch die Verbindung mit dem Prinzen Windischgrätz einzustellen. Graf Teleki wurde nicht vereidigt. Sodann werden die Zeugen Mrnisterirrlvat Kozina, Baron Pronay und Baron Perenyr einvernommen, die konform mit ihren in der Voruntersuchung gegebenen Darstellungen darüber aüssagen, wie der Ministerpräsident zum ersten Male von der Frankennotenfälschung Kenntnis erhalten und welche Maßnahmen er zu ihrer Aufdeckung getroffen habe. 16. Mai 1926 -eite 3 /} l Bordüren- 7 \j Kleider 1 Erepe deütine S115 ittmann ‘Damenmodenhaus Feldbischof Zadraveez gibt an, er habe mit dem Prinzen Windischgrätz seit d e m M ä r z 1922 an i r r e d e n t i st i s ch e n B e w e g u n g e n gearbeitet. Der Prinz habe ihm mehrere Male Gegenstände zur Aufbewahrung in die Wohnung geschickt. Als ihm der Koffer überbracht wurde, habe er nicht gewußt, was er enthalte. Am nächsten Tage feien mehrere junge Leute unter Führung des Sekretärs Raba erschienen, die er darauf zu vereidigen hatte, daß sie die ihnen von ihren Führern zu übertragenden patricktischen Aufgaben ausführen und reinen Mund halten werden. Erst nachher sei der Koffer geöffnet worden und Raba habe angegeben, daß die darin enthaltenen Frankennoten falsch seien. Sowohl die jungen Leute wie er hätten sich von der Sache zu rückziehe u wollen und er habe den Prinzen Windischgrätz ausgesucht, dem ec sagte, daß er und die jungen Leute zurücktreten. Er habe dem Prinzen auch den Kofferschlüssel übergaben, zumal er eine R 0 mreise vorgehabt habe. Als er aus Rom zurückgekehrt sei, sei der Koffer nicht mehr in der Wohnung gewesen. Den Pater B 0 n i s habe er nicht in die Sache eingeweiht. Im Frühjahr habe ihn Jas vernachlössigte Sbergalilaa. Bon De. Fritz LAvenstcin (Jerusalem). Bei Beginn der modernen jüdischen Kolonisation in Palästina wußten die Initiatoren nicht, welche Gegenden des Landes für die nationalen und kolonisatorischen Zwecke besonders geeignet seien, und es ist interessant, zu sehen, wie die ersten Bodenkäufe und Ansiedlungett planlos bald im einen, bald im anderen Teile des Landes stattfanden., Während ein Teil der ältesten Siedlungen sich um Jaffa gruppieren (Peiach Tistvch, Rischon le Zion und andere) finden sich andere her ältesten Siedlungen in Samaria (Sichron Jaaeob, Chedera), während noch andere sich im äußersten Norden, im »bereu Galiläa, befinden (Rosch Pinah, Metullah usw.). Erst nach und nach mit dem Wachsen der Erfahrungen verstand man, daß die Arbeit sich aus bestimmte Gebiete konzentrieren müsse. Sv zeigt heute der Blick auf die Landkarte, daß ein Teil der jüdischen Siedlungen sich in einem Halbkreise um Jaffa und Del-Awiw gruppiert, und daß dann ein Teil der Küftenebene zwischen Jaffa und Haifa, freilich immer noch mit sehr großen Unierbrechnngen, im jüdischen Besitz ist. Als etwa un die Jahrhundertwende die Jca mit ihrer eigenen Kolonisation begann, hatte sie — darin wie in vielen anderen Beziehungen durchaus bahnbrechend — zum erstenmal versucht, systematisch in einem bestimmten Landesteile Boden zu kaufen und durch ständige Arrondierungen einen zusammenhängenden jüdischen Landbesitz zu bilden. Das von der Jca hierfür ausersehene Gebiet ivar das untere Galiläa, wo man heute um Ksar Tabor, Jabreel Sedjera einen großen jüdischen Komplex bemerken kann. Dann begann nach dem Kriege die zionistische Kolonisation, die das von der Jca gegebene Beispiel befolgte, es Allerdings in viel konsequenterer und großzügigerer Weist verstand und damit die Erschließung der Ebene Jesrees vollbrachte, wo heute der größte zusammenhängende jüdische Bodenbomplex existiert. Der Keren Kajemeth ging dabei voran, indem er die beiden größten Landkomplexe erwarb, auf denen sich heute einerseits Nahalal, andererseits En Charod, Tel-Jvseph, Bech Alpha, Kfar Jecheskiel und Giwa befinden. Durch Zusammenwirken des Keren Kajemeth und der unter zionistischer Kontrolle stehenden privaten Landgesellschafte« sind daun die tveiteven Kaust , getätigt worden. Völlig vernachlässigt dagegen ist seit langer Zeit Obergaliläa. In diesem Lande besitzt der Keren Kajemeth nicht einen Dunam Baden. Was jüdischer Besitz ist, gehört der Pica und stammt zum weitaus größten Teile nicht mx aus der Vorkriegszeit, sondern ans den beiden letzten Jahrzehnten des AchchnndertSr und m -an- Wbedeuten-e Mrje hat die Pica in letzter Zeit dort durchgefnhrt. Und doch ist Obergaliläa ein Land von größtem landwirtschaftlichen Reiz; von ungewöhnlicher Fruchtbarkeit, ein Land, das in der Geschichte der jüdischen Kolonisation in Palästina durch den Ue'bersäll aus Tel-Chai und Kfar Giladi und den Heldentod von Trumpeldor und feinen Freunden unvergessen bleiben wird. Es verlohnt sich, die Aufmerksamkeit der jüdischen Oesstntlichkeit wieder auf dieses Land zu lenken und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß die braven jüdischen Arbeiter, die heute dort beinahe auf verlorenem Posten und abgeschmtten von der lebendigen Entwicklung ausharren, frischen Zuzug bekommen! Obergäliläas .Hauptstadt ist Safe- (Zsat), ein Ort, auf den mehr als aus Jerusalem der Name einer Stadt der Vergangenheit patzt. Safeds jüdische Bevölkerung ist in ständiger Abnahme begriffen. Schätzte man bei Kriegsende die Zahl der Einwohner auf 10.000 und davon 6000 Juden, so dürfte heute die Zähl der Juden beinahe auf 3000 gesunken sein. Das wäre bedauerlich genug, »wun die Abwanderung nach anderen Teilen von Palästina gehen würde. Aber es ist weit schlimmer als das. Die Jugend aus Sastd verläßt nicht nur die Heimatstadt, sondern das Land; sie geht nach Amerika, um sich dort eine Lebensexistenz zu schassen. Saftd hat keine Industrie, keinen Handel; es ist eine Stadt des alten Jischuw mit ettvas Handwerk, etwas Krauthandel und mit viel Ehalukka und viel Elend, eine Stadt, ivo der Hauch des modernen zionistischen Leberts noch Saum verspürbar ist. Wohl gibt es Knaben- und Mädchenschulen der Zionistischen Organisation, die Anglo Palestine Company hat ihre Niederlassung, die Hadassäh hat ein Krankenhaus, in der alten Stadt finden sich ein paar moderne Laden, wo man auch eine hebräische Tageszeitung kaufen kann, äber das alles sind vereinzelte Erscheinungen neben denr alten Jischuw und seinen Institutionen, die das Bild des jüdischen Sastd beherrschen. Wer einen Augenblick vergeffen kann, daß wir im Ausbau stehen, «vor wie ein unbeteiligter Reisender das Land sehen kann, besonders in der Mondnacht, wird entzückt sein und wird sich „Tausendundeine Nacht" vielleicht all keiner Stelle Palästinas so Mn läkalisiert denken können als in Sastd, das mit seinen blendend 'weißen Häusern, getaucht in das Licht des Vollmondes und beinahe ohne Menschen, wirkich wie eine verwunschene Stadt aussieht. Manches erinnert an die große Vergangenheit Safeds, an das Zentrum der Kabbala, an jene Stadt, die im 16. und 17. Jahrhundert die Königin in Israel war; aber die Zeiten sind vorbei und jene Chaffidirn, die heute in der Synagoge Aris lernen, sind wohl weit vom Geiste ihres Meisters. Unterhalb von Sastd ist R 0 s ch P i n a h, eine der allen SstdlUiNge», die äußerlich gestheu einen blühenden Eindruck macht. Sie gehört historisch zusammen mit Schichrom Jaacckb und Rischon le Zion. Wie diese begann sie mit reinem Weinbau, aber anders als die genannten Orte, insbesondere anders als Rischon le Zion, wandte sich Rosch Pinäh nach dem Kriege völlig vom Weinbau ab und ist heute eine aus Ackerbau und Viehzucht eingestellte Siedlung, eine Moschawah, wie man in Palästina die alten auf Lohnarbeit basierten Kolonien nennt. Neben dem Ackerbau spielt der Tabakbau eine besonders große Rolle und der in Rosch Pinäh erzeugte Tabak hat im Lande einen guten Ruf. Das Bild ist das althergebrachte, wenig ersreuliche, das wir aus den großen jüdischen Kolonien kennen: man arbeitet mit arabischen Arbeitern, Juden werden so gut wie überhaupt nicht beschäftigt, die 'Sauberkeit läßt zu wünschen übrig, man hört viel Jiddisch und wenig Hebräisch, von beu Kindern natürlich abgesehen, die nur Hebräisch sprechen. Unterhaltungen mit Bauern führen aus die alten, unendlich oft diskutierten Probleme. Der jüdische Arbeiter sei zu teuer; wenn man nachher hinsieht, bemerkt man, daß auch andere Momente mitsprechen, merkt man, daß sein Klasstnbäwußtsein, sein Solidaritätsgefühl, die Zugehörigkeit zur Histadrnth den Bauern stören, der es eben mit den Fellachen aus 'den umwohnenden Dörfern leichter 'Ijot. Noch drei Moschawsth gibt es in Obergäbiläa: M i s chmar Hajarden, Jessod Hamaalah und Metullah. Das erstere liegt am Ausfluß des Jordan aus dem Meromste, Jessod Hamaalah liegt am Ufer diests Sees, während Meitnllah am äußersten Norden die Grenzwacht gegen Syrien 'bildet. Die drei Siedlungen haben viel miteinander gemeinsam: sie stehen sämtlich aus dem Boden der Pica, 'wenn auch historisch Metullah eine der lvenigen direkter: Gründungen des Barons ist; sie sirrd kleiner als Rosch Pinäh, jede durchschnittlich 30 bis 40 Familien, und im Gegensatz zu Rosch Pinah sind insbesondere Jessod Hamaalah mrd' Eschmar Harjaden bisher in keiner Weist aus dem kritischen Stadinnr hcrarlsgekommen. Diese be-iderr Siedlungen leiden noch heute — nach 40jährigem Bestehen — unter der Malaria, beide klagen über die Administration der 'Jca mit jenen G-edankengängen und Argumenten, mit derren schon zu Zeiten Herzls die Diskussion mit der Jca geführt wurde. Mm klagt,' daß die Administrätipn sich um die Siedlung karrm Nimurere, daß sie es äblehne, Kr die Heranwachsenden Söhne zu sorgen und sie wiederum anzusiedeln, und daß man Wenfalls zufrieden ist, wenn man notdürftig sein Leben fristen kann, wobei es vor: vornherein stlbstverstän-lich ist, daß die Söhne nicht bei der Landwirtschaft bleiben, daß sie vielfach das Land verlassen. Spricht man mit den alten Kolonisten, so erkennt man noch heute, daß es einmal Idealisten waren, die Palästina nicht ityeniger l-ieb-m und mit nicht weniger Hingebung «chMtetz' 18158585