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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-16 · Heft 2596 (16.5.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2596 (16.5.1926)
Date
1926-05-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Veite 2 ymerrer» JM. amti rvrtrtj Wien, Jenn!^. ■Danerstrümpf e j haben Weltruf tn Elegant, unverwüstlich / Ueberall prhftltlich Zentrale: LEO SUSSMANN Wien, I. Bezirk, Schwerfgasse Nr. t wenden wolle, sowie, das; er die Lösung der parlamentarischen. Krise ausschließlich auf verfassungsmäßigem Wege herberzusuhren wünsche. Für die Uebergangszcit wird die gesamte staatliche Macht in den Händen des Marschalls Pilsudski, des Sejm-Marschnlls R a t a y und des in Aussicht genommenen Ministerpräsidenten Bartel, des Führers der nationalen Arbeitspariei, vereinigt. D i e n e u e R e g i e r u n g soll als nationales Konzentrationskabinett versucht, andernfalls ans Vertretern der Linksparteien und aus Fachmännern zusammengesetzt werden. Die Kundgebungen für Pilsudski dauern an. Es bestätigt sich, das; der Eisenbahnverkehr bis Montag in vollem Umfang ausgenommen werden soll. Im Lande herrscht überall Ruhe. Anbernsimg der N»tionalversa«mkvng. Warschau, 15. Mai. Die Nationalversammlung wird zur Wahl eines neuen Staatspräsidenten einberufcn werden. Bildung einer Linksregiernug. Warschau, 15. Mai. Mürschall Pilsudski hatte heute vormittags eine lt'ingere Konferenz mit dem Sejm-Marschall Ratay. Dieser konferierte darauf mit den Vertretern der verschiedenen Parteien. Es verlautet, daß er den Abgeordneten Bartel von der links gerichteten Thugutt-Gruppe mit der Neubildung des Kabinetts betraut habe. Die Konferenzen dauern noch an. Ja« Kabinett Bartel. Krakau, 15. Mai. (Tschech. Preßbureau.) Um 22 Uhr wird aus Warschau berichtet: Das Kabinett Bartel dürfte noch heute, eventuell morgen gebildet werden. Es soll eine Regierung der inneren Pazifizierung sein, die bis zur Einberufung der Nationalversammlung im Amte bleibt. Nach der heutigen Abendpresse erklärte die r a d i k a l e Volks Partei dem Ministerpräsidenten Bartel, sie fordere die sofortige Auflösung dös Sejm und betrachte die Bildung einer Linksregierung als notwendig, die in sozialer Hinsicht radikal Vorgehen würde. Sie werde keine andere Regierung unterstützen. Der Vollzugsausschuß dex sozialistischen Partei ist gleichfalls für die sofortige Auflösung des Sejm und des Senats und stimmt zu, daß Marschall Pilsudski als Präsident des Staates herrsche. Die Sozialdemokraten find für die Bildung einer Arbeiter- und Bauern reg ierung, an der diejenigen politischen Parteien nicht teilnehmen würden, welche bisher die Regierung Witos' unterstützten. (Anmeldung: Der Arbeitsklub ist eine neue Partei. die sich von der Whzwole n i e-Par tcfi abgespaltet hat. Ihre Führer sind der ehemalige Stellvertreter des Ministerpräsidenten Thugutt Md der' ehemalig Minister Professor Bar tel. Die Partei kämpft für die Rechte der .W-eivnilaMvirte, fordert die vollständige Durchführung der Bodenreform, ist gegen den Kommunismus und tritt für die uationale Selbstverwaltung der Minderheiten ein. In der Auswärtigen Politik vertritt sie die Politik des Pazifismus.) An Aufruf des Mischen Parlamentstlubs. Berlin, 16. Mai. (Jüdische Telegraphenagentur.) Jüdische Persönlichkeiten aus Warschau, die hier eingetroffen sind, teilen mit, daß während der Kämpfe zwischen den Truppen des Marschaüs Pilsudski und den regierungstreuen Verbänden etwa 25 Juden umgekommen sind. Der jüdische Parlamentsklub hat einen Anfrns an die jüdische Bevölkerung erlassen, in der diese gufgefordert wird, strengste Reserve zu bewahren und sich jeder Parteinahme zu enthalten. Die Meldungen über antisemitische Ansschreitungen werden dementiert. Demonstrationen. Prag, 15. Mai. Die Abendblätter melden: In den Straßen von Lemberg wurde ein Aufruf des Generals Jendrzejowiez afsichiert, der zum Eintritt in die von ihm gebildete faszistische Legion aufsordert. Im Verlauf von Stratzendemonfkationen in Warschau werden die Redaktionen der monarchistischen Zeitung „Warszawianka" und der sozialdemokratischen „Warszawski Gazeta Poranna" demoliert und die Drnckereieiurichtungen verwüstet. Der Generalstrett widerrufen. Berlin, 15. Mai. Der Vertreter des Wolffschen Bureaus in Warschau meldet: Der von d?rr Sozialisten angekündigte Generalstreik ist angesichts der Tatsache, daß Marschall Pilsudski unbestritten Herr der Loge ist, rückgängig gemacht worden. Da die Nachrichten von außen nur sehr dürftig emlaufen, ist ein Neberblick, wie sich die Entwicklung in der Provinz gestaltet, nicht möglich Der neue Herr. — y. Wien. 16. Mai. Marschall Pilsudski war vorgestern noch ein Rebell, der als vogelfrei zu behandeln ist. Eine. Proklamation des Staatspräsidenten von gestern erklärt den Marschall als den einzig Würdigen und Berufenen, die Regierung zu übernehmen. Der Sieg und die Macht der Bajonette schafft rasche Sinnesänderung. Der Marschall ist Herr der Hauptstadt, die zu seiner Bekämpfung ausgesandten Truppen sind unterwegs. aufgehalten worden oder zu ihm übergegangcn. Der Sejm-Marschall ist provisorischer Präsident und hat als solcher die weiteren Schritte zu Inn. Es besteht offenbar das Bestreben, so rasch als nur möglich zur Verfassungsmäßigkeit zurückzukehren und die Entwicklung der politischen Verhältnisse int Rahmen der Legalität zu halten. Sicherlich hat die Wirtschaft des Staates in den dreitägigen Kämpfen schwere Einbußen erlitten; die Massen sind in Unruhe geraten und es wird eine harte Probe auf Staatskunst und Versöhnlichkeit sein, wenigstens äußerlich geordnete Zustände herzustellen. Die Staatskrise beginnt erst jetzt, und je weiter ihr Ablauf von der Einwirkung des Ungeistes der Gewalt gehalten wird, umso rascher wird er sich vollziehen. Der siegreiche Marschall sieht sich nach schweren, blutigen Kämpfen an dem ersten Zielpunkt seines Wagnisses. Er hat die Regierung Witos gestürzt. Viel mag zu seinein Erfolg neben der numerischen und technischen Ueberlegenheit seiner Truppen auch der Umstand beigetragcn haben, daß dieses Ministerium nur tut Sejm, nicht aber in der Bevölkerung über die Mehrheit verfügte. Das Kabinett galt als die Verkörperung aller reaktionären Tendenzen, und schon seine erst vor kaum einer Woche erfolgte Betrauung hatte in weiten Schichten scharfe Ablehnung erfahren. Man hatte sich zunächst daran erinnert, daß die Bauernpartei vor drei Jahren von Witos in das Lager der Rechten dirigiert worden war und daß von diesen! Augenblick an die heftigen inneren Vorstöße gegen die Konsolidierung des Staates datierten. Auf Witos und seinen Anhang stützte der Finanzdiktator Grabski, den man wohl mit viel Unrecht den Caillaux Polens genannt hat, seine Reformen, die vielleicht zu dem erhofften Erfolg geführt hätten, wenn das radikale Spar- und Steuersystem auch noch durch eine Einschränkung der militärischen Ausgaben ergänzt worden wäre. Dazu fehlte Grabski der Mut, wie ja jeder Finanzminister vor dem Götzen der Kaserne zurückweicht. Die Parteien der Rechten. drängten das Staatsschiff immer weiter in den gefährlichen Kurs der Politik der Sicherheitsbündnisse, die immer wieder neue Rüstüngen erforderte und die Entwicklung des Staates Die besten u. billigsten nur im PERÜCKEN GRABEN-FRISIER-SALON Wien, I. Graben 12 100 Telephon 74-2-26 ganz von dem Willen der französischen Militärs abhängig machte. Nach innen wirkte sich dies in der Ausschaltung der fast 40 Prozent der Gesamtbevölkerung betragenden nationalen Minderheiten aus, die von der Teilnahme cm der Regierung ausgeschlossen wurden. Das ist übrigens nicht allein die Schuld der nationalen und nationaldemokratischen Parteien. Die Sozialdemokraten wirkten in ihrem Kreis eifrigst mit und ließen sich an Patriotismus und an angewandtem Judenhaß von niemandem übertreffen. Es ist in Polen nicht anders, als zum Beispiel in Oesterreich, und die Internationale ist in West wie in Ost ein blutleeres Phantom. ' ' . Die Währungskatastrophe kam und ryit chr der wirtschaftliche Verfall. Der Steuerpropeller begann im leeren Raum zu rotieren. Immer weitere Kreise wurden von der Strömung erfaßt, und wenngleich sich die Krise ani bittersten und schärfsten in der jüdischen Bevölkerung auswirkte, die ausgesogen wurde, so blieb doch keine Schichte verschont. Die Negierung Skrzynski versuchte durch verschiedene Mittel, so auch durch den inzwischen, an seiner Zweideutigkeit gescheiterten Verständlgung'spakt mit dem jüdischen Klub, Beruhigung zu schaffen. Aber die Koalition ging in die Brüche. Die erste Kunde davon erreichte den Käbinettschef bei seinem Wiener Besuch. Die Sozialdemokraten sprangen aus. Dem kurzen Versuch Grabskis machte ein Einspruch Pilsudskis ein Enoe. Die Rechte begann mit dem Plan einer Diktatur zu spielen und Witos erhielt den Auftrag, die neue Negierung zu bilden. Das bekannte Interview Pilsudskis, in' welchem er dem neuen Kabinettschef Demoralisation und sogar Korruption vorhielt, folgte. Witos ließ es konfiszieren, es gab Deinoristrationen und schließlich die mysteriöse Szene im Walde von Sulejowek. Das Wort ging dann an die Gewehre. Pilsudski hat einen Abgeordneten der linksstehenden Wyzwolenie-Gruppe mit den Vorarbeiten zur Aufstellung einer neuen Negierung beauftragt. Er hat Vertreter der nationalen Minoritäten entpfangen — ob auch jüdische Parlamentarier bei ihm erschienen, ist unbekannt — und ihnen erklärt, daß er ihre Angelegenheiten im Geiste der wahren Demokratie schützen Waste. Es läge im Interesse Polens und Europas, wenn diese Zusage in ihrem vollen Sinne eingehalten wird. Die Berücksichtigung der Existenz der Minderheiten ist ein Gebot der Stunde, heute dringender denn je. Allzuviete wertvolle Kräfte sind dem Aufbau des Staates entzogen worden. Insbesondere die jüdische Minorität die Marke des eleganten Herrn % jtk VII., Kaiserstrasse 123 IX., AlserStrasse $ wurde vor den Kppf gestoßen, beleidigt und durch die Hinterhältigkeit des via facti dürchgeführten Numerus clausus geschädigt. Sehr zum Schaden des Staates. Es wäre nur gut für ihn> wenn dieses Unrecht jetzt verschwindet und wenn Polen auf dem Wege der Verfassung zur Demokratie geführt wird. Darin allein liegt die Bürgschaft für Ruhe, Ordnung und. Vertrauen; dies ist die erste Forderung des Sieges. Irr Andruck in London. (Eigendienst der „Wiener Worgonzeitung") London, 16. Mai. In den Citykreifen wurde in den Mittagsstunden knapp vor Geschäftsschluß der Sieg Pil-- stldskis und die Beendigung der Krise bekannt. Die Vertreter der englischen Petroleumgesellschaft in Warschau hatten ihren Firmen Telegramme zukommen lassen, in. welchen sie kurz meldeten, daß für die Unternehmungen jede Gefahr beseitigt sei. Auch Vertreter englischer Banken, welche derzeit in Polen weilen, hatten ähnlich berichtet. Diese Meldungen verbreiteten sich sofort in der City und wirkten sehr beruhigend. Es begann sich wieder der Handel in den Werten, die an polnischen Unternehmungen interessiert sind, zu entwickeln. Auch für den Zloty war die Stimmung günstiger. Er wurde bereits höher .taxiert. .■ - Die Ansicht der maßgebenden Wirtschaftskreise geht dahin, daß nunmehr in Polen unter der neuen Regierung durch eine feste Hand eine durchgreifende Wirtschaf t s r e 0 r g a n i s a t i 0 n durchgeführt werden dürfte. Das englische Kapital ist bereit, sich in stärkerem Maße an einer solchen Reorganisation zu beteiligen, wofern auch Amerika dabei mittun sollte. Die Verhandlungen, die bereits vor Krisenausbruch angebahnt wurden, sollen nunmehr , nach Wiederkehr der normalen Verhältnisse in intensiverer Form, weitergeführt werden. Es läßt .sich allgemein eine' Erleichterung konstatieren. Man ^gewinnt den Eindruck, daß die City der neuen Situation 'gerne ihre Sympathie widmen würde, da auch Down i n g st r e e t die Wendung der Dinge nicht ohne Interesse beobachtet. Setfetttttfl des Noch. (Eigendienst der „Wiener Worgenzeitnng") Berlin, 15. Mai. In Berliner Fmanzkreifen ist eine merkliche Besserung des Zloty festzustelleu. Nachrichten aus Amsterdam melden, daß mich dort der. Zloty eine kräftigere Erholung aufzuweisen habe. Die Kontermine, die sich auf einigen internationalen Devrsenplätzen etwas vorgewagt hatte, hat unter dem Eindruck der heutigen Meldungen forcierte Deckungen vorgenommen, was eine Steigerung der polnischen Währrrng zur Folge hatte. Die Situation wird in Kreisen des internationalen Devisen'handels wesentlich günstiger beurteilt. *. Auch itt Wien zeigte sich gegen Abend eine st är-; kere Nachfrage nach Zloty. Die Situation wurde; ruhiger beurteilt. Heute -durften bereits Vertreter. der Wiener Finanzkreise nach Warschau abreiseu, um sich cm Ort und Stelle zu informieren. An gtRSruua der Sunt Polo«. Warschau, 16. Mai. Die Bank P olski teA mit,' 8aß die G0ld-, Valuten- und Devisenreserve sowie das Wechselportesen-ilse vollkommen unange tastet geblieben sind. Nur ulroinische Verschwörung? Prag, 16. Mm. (Tsch. P. B.) Wie ans Lemberg ge-- i meldet wird, gibt das Lemberger Polizeipräsidium bekannt,. daß eine Verschwörung ukrainischer FäszisteN aufgedeckt wurde, die unter Ausnützung des gegenwärtigen Chaos die Loslösuug Galiziens von Polen zum Zwecke : hatte. Bei den von der Polizei in Lemberg vorgenommenen: Hausdurchsuchungen soll zahlreiches schwer belasten- : des Material vorgefunden worden sein, ans dent hervorgehl, - daß der in Berlin weilende Leiter der ukrainischen Militärorganisation, Oberst Konowalec, die ukrainischen Geheimorganisationen in Lemberg cmfgeford-rt! habe, am 14. bezw. 16. Mai in Lernberg gegen die dortigeri' Behörden einen Aufstand ins Werk zu setzen. Im Zusammenhang damit wurden zahlreiche Persönlichkeiten v e r-- haftet, darunter Dr. C e l 0 v i c, Redakteur des „Nowe' Eas", der ehemalige Oberst der ukrainischen Armee, Kur ach, und Ing. Herkun.

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