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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-15 · Heft 2595 (15.5.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2595 (15.5.1926)
Date
1926-05-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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mm Men, SamZlag Wienee Msvnenzettung IS. Mai 1SSS Kr. «Ar Montag den 17. Mai, halb 9 Uhr abends, findet Im Kursalon der Stadt Wien auf den? Parsuet himineux eine einzigartige Oie Ahadomle feesSraiteii s MODESCHAU llllll!!!!t!'l!il!!l!inillil!!l!llllll!ll!lllilllMlllllilllM m» Akademie undTans statt. Erste Künstlerinnen und Damen der Gesellschaft wer« :: :: den verführen :: :: Frau SONJA PMiA-KEITLEft, Gesang; Frau EMMY 700», Gesang; Frau Prof. MEUER-BUGttO, Tarne; Kifidertafiz- Ensembie GRETE GROSS; am Klavier: OTTO SCHULHOF VZr AppeL an dsn V3rzerfriej. - y W > e n 15. Mai. Warschau ist der Schonplatz heftiger Slroßenkainpfe. Die Negierung ist in die Verteidigung gedrängt, die Hauptstadt ist abgeschnitten. In Kongreßpolen ist der Ausnahmezustand Proklamiert, im ganzen Neich die Tclephonsperre verfügt tvorden. Die sozialdemokratische Eiscnbahnergewerkschaft lvill in den Streik treten, um die Transporte der regierungstreuen Truppen zu unterbinden. Es ist ein Bild des vollkommensten Zusammenbruches, an dern nur das eine außer Zweifel steht, daß keiner der beiden Teile die Macht besitzt, um der Entwicklung der nächsten Zeit den friedlichen Weg zu sichern. Alle Schrecken des Bürgerkrieges sind entfesselt, die modernsten Kampfmittel werden in Verwendung gezogen. Tanks, Panzerwagen, Flieger sind in Tätigkeit getreten und die Anwendung des ältesten Mittels, des Judenpogroms, ist ini Bereich der Möglichkeit. Den Parteien der Neaklion ist eine bewaffnete Gruppe entgegengctreten, die man als Hufen Faszismus bezeichnen hört. Wahrscheinlich sind diese aus der politischen Geschichte der Nachkriegszeit gezogenen Begriffe falsch und kommen lediglich als schablonisierte Behelfe in Betracht. Cs ist nicht richtig, von einer oder mehreren Rcaktionsparteien zu sprechen, da dies doch den Bestand eines organisierten, auf ein festes Ziel gerichteten Willens voraussetzen würde. Aber was in Polen seit dem Tage der Neuaufrichtung des Staates vor sich gegangen ist, erweckt den Eindruck dev absolutesten Hilflosigkeit, des Unvermögens, die Schwierigkeiten zu meistern, die sich aus dem Zusannnenfließen dreier verschiedener Elemente, des österreichischen, des deutschen und des russischen, ergaben. Der Berschmelzuugsprozeß konnte nur gelingen, wenn Staat und Bevölkerung alle Kraft daransetzten, ein vollkommenes Einvernehmen herzustellen und sich nur den: inneren und äußeren Frieden zu widmen. Die Gründer des Staates und die übergroße Mehrheit der Staatsnation hatten aber vom Anbeginn an kein Vertrauen in die Festigkeit der neuen Verhältnisse. Dies war wohl durch die Umstände bedingt. Im Osten stand die gewaltige Macht Rußlands mit ihrer täglich wachsenden Anziehungskraft auf die von der Not getroffenen arbeitenden Massen; im Westen das wegen des Verlustes Posens und Oberschlesiens grollende Deutschland, im Norden die unkonsolidierten Randstaaten. Das große polnische Wirtschaftsgebiet hätte die geopolitische Mission gehabt, zwischen dem Osten und dem Westen die Brücke zu bilden und durch eine kluge, gemäßigte Friedellspolitik sich nach beiden Seiten hin zu sichern. Dies mußte die innere Pazifizierung, die Heranziehung aller Energien zum Staatsaufbau und die Zufriedenheit der Minori- Sitzt schon drin und fährt ... Doch nicht nur der liebreizenden Vertreterin des schwachen Geschlechtes geht es so gut. Auch der junge Mannder seinen Stock schwenkend, jedes herankonnnende Fahrzeug aufhält und sich erkundigt, ob es nicht zufällig nach der Fleet Street fahre, hat bald ein Lastauto gefunden, das ihn dorthin bringt. Alle Verhandlungen werden kurz, höflich und liebenswürdig geführt. Wie es sich eben für wohlerzogene Engländer — auch in Streiktagen — ziemt. Auch sonst erinnert vieles an den Krieg. Begeisterung ans beiden 0ctlen, Proklamationen, und nach dem ersten Stummlegen aller Plätter, kurze, von den Redakteuren selbst gesetzte Extraausgaben. An Krieg erinnern auch die Freiwilligen, die Baracken, in denen Chauffeure und Maschinisten, Lokomotivführer, Kondukteure usw. rekrutiert werden. Wer nur ein wenig Erfahrung oder auch nur guten Witten hat, wird in Schnellsiederkicrsen ausgebildet und schon am dritten Tage des Streiks bestreiten Freiwillige ans allen Ständen, hauptsächlich Studenten und Ingenieure, einen halbwegs genügenden Zugsverkehr in London und den Vorstädten. * Die Stellung der Studenten ist interessant. Sie sind fast einmütig aus Seite der Negierung, die großen Universitässtädte Oxford, Cambridge, Eton usw. sind entvölkert, da ihre jugendlichen Bewohner nach London gezogen sind, um dort bei dem Notdienst für die Nahrungsmittelversorgung, beim Transport oder Polizeidienst helfend tätig zu sein. Die Armee ist ans doppelte Stärke gebracht uub_ hie und da muß auch schon Militär bei Zusammenstößen in der Provinz eingreifen. Kein Mensch kann sagen, wie es weiter werden wird, eines jedoch steht schon heute fest: Die englische Wirtschaft erleidet einen vernichtenden Schlag, Wohlstand, Handel und das bcübwegs errungene finanzielle Gleichgewicht sind auf Jahre hinaus getroffen. „stenn Kaspar nicht geschlagetl wird, so schlägt er sich selbst . . täten voraussetzcn, die Schaffung eines starken und sellfftsichcren Staatsbewnßtseins/ das keinen Teil der Bevölkerung von den Pflichten und Rechten ansschloß. Alle Slaatsschöpfungen des Weltkrieges leiden nicter dem gleichen Nebel. Sie sind nicht homogen, sondern umfassen aud) Minoritäten von ansehnlicher Stärke. Keine Staatsnation versteht die Forderungen dieser Konstruktion. Alle sind der« Nationalismus verfallen, der den Staat mit sich identifiziert und durch seine Hystcri und seine unheilvolle Geschäftigkeit die Verantwortliche Politik außerhalb der kühlen Vernunft drängt. In Polen hat der Chauvinismus es verschuldet, daß das Land sich dem Poincarismus verschrieb und daß es aller Vorteile seiner Stellung zwischen Deutschland mtb Rußland vcrlorenging. Polens Industrie hätte für Rußland arbeiten können und es hätte nach Deutschland als Gegenleistung für Jndustrieanikel seine Rohstoffe, wie Naphtha, Holz usw., verwerten können. Der Nationalismus hat diese Möglichkeiten unterbunden, die wirtschaftliche Not gesteigert und durch immer neue Reizungen der Minoritäten, in erster Linie der jüdischen Minderheit, eine stetige Beunruhigung erzeugt. Aus diesen Zuständen ist der Putsch Pilsndskis erwachsen, der weiten und breiten Kreisen als die gewaltsame, aber doch einzig möglick)e Lösung des Knotens erscheinen mag. Er ist es nicht, und die mechanische Nachahmung i des russischen oder italienischen Beispiels kann in Polen? keine Ruhe schassen. Die Diktatur kann sich vielleicht - für den Angennblick durchsetzen, aber sie verschärft nur! das Chaos. Sie erzeugt gefährliche Gegenströmungen j und IciiU das politische Leben in unnatürliche Bahnen. Dazu gesellt sich noch in Polen der Umstand, daß die Gefolgschaft Pilsudskhs aus den heterogensten Elementen besteht, ans Sozialdemokraten, Kommunisten und Kleinbauern, die alle zusammen keine tragfähige Basis für die einzig mögliche Politik der Denrokratie bilden können. Sicherlich ist der Sejm von einer rückschrittlichen und exzessiven Mehrheit beherrscht. Aber er gibt . doch immerhin die Möglichkeit eines politischen Kampfes der demokratisck)en Parteien. Die Diktatur ist das Gegenteil der Demokratie; sie verhindert jede freie Entwicklung und sie ist der ständige Anreiz zu Gegenputschen, die die bösesten Instinkte in Bereitschaft halten. Man darf die Waffe nicht rufen. Sie führt ihr eigenes Leben und gehorcht ihren eigenen Gesetzen. Mtoitt will die Kshleulrise lösen. Vorschläge an beide Parteien. London, 14. Mai. (Reuter.) Im Unterhaus erklärte Premierminister B a l d w i n, er sei überzeugt, daß die beiden Parteien, die in der Köhlenkrise einander gegenüberstehen, von sich selbst ans nicht zn einer Regelung kommen könnten. Infolgedessen habe er Vorschläge vorbereitet, die er unverzüglich den beiden Parteien Mitteilen werde. Die Regierung will eine Wiederholung des Generalstreiks unmöglich machen. In einem Schreiben an Sir Herbert Samuel kündigt Arbcitsminister Sir Artur S t e t l - M a i 1 l a n d endgültig an, daß die Regierung im Begriffe sei, Schritte zu unternchmrn, um eine Wiederholung des Generalstreiks u nmöglich zu machen. Verlegung des Eisenbahnersteeiks. London, 14. Mai. iRcuter.) Der Eisenba'hnerstrei'k ist teiaelegt. Wiederaufnahme des Post- und Paketvrxkehrs mit England. Wien, 14. Mai. Der Pest- und Paketverkehr nach Großbritannien und darüber hinaus ist über Deutschland wieder ausgenommen worden. MM beim PräfiSeMen Eoolidgr. Now-Aork, 14. Mai. (I. T. A.) Ter hebräische Dichter Chaiin Nachnian B i a l i f, der als Abgesandter des palästinensischen Judentums gegenwärtig in den Vereinigten Staateil weilt, wurde vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, Eawin C o o l i d g e, m Audienz empfangen. Der Empfang wurde durch den englischen Gesandten in Washington arrangiert. Bialik hielt an den Präsidenten eine Ansprache in Hebräisch, die dem Präsidenten übersetzt wurde. Präsident Coolidge sprach in seiner Erwiderung die Hoffnung aus, daß der Aufbau Palästinas, der erfolgreich begonnen 'hat, sich ebenso erfolgr.'ich fortsetzen möge. Die Ernwanderznrgsbeschränkungen. New-Aock, 12. Mai. (I. T. A.) Eine jüdische Abordnung erschien beim Präsidenten Coolidge im Mißen .Haust zu Washington und sprach die Bitte ans, der Präsident möge die vom Senator Wadsworth eingebrachte Zusatzbill, die die quotensrüe Einwanderung von etlva 35.000 Frauen und minderjährigen Kindern von Deklarant.'», die vor deni 1. Juli 1024 m die Vereinigten Staaten gekommen sind, vorsieht, unterstützen. 1 Es verlautet, Präsident Coolidge habe der Abordnung gegenüber di« Hoffnung ausgesprochen, daß Erleichterungen gewährt werden lvürden. Die Abordnung hatte auch eine Unterredung mit Senator Butler, der die Unterstützung der Petition versprach. Znland. Die vernewerte MietengesetznoveAe. Fortdauer der Obstruktion im Mittenausschiitz. — 40 Groschen für die Friedensmietkrone. In Ausführung des von den Mehrheitsparteien beschlossenen neuen Feldzugsplaues hatte Dr. Kienböck für gestern den M-ietenausschuß zusammenberufen. Ta eine mündliche Berichterstattung durch den in der jüngsten Sitzung gewählten Rescreuien Mer den Regierungsentwurs zur Mietengesctzuooelle, 2 ch ö u ste i.n e r, wegen der Obstruktion der Sazicii'deii'olraleii aussichtslos erschien, verfiel mau auf die Idee, den Bericht Tchöusteiuers mit Maschinenschrift Herstellen und int Ausschuss beim Vorsitzenden deponieren zu lasjeu. Run bestreiten die Sozialdemokraten, daß Schönsteiner überhaupt zunt Referenten gewählt worden sei und wollen seinen Bericht nur als eine Privatarbeit an,sehen. Im Verlaufe der Sitzung kaut es zu sehr st ü r m i s ch e n Auseinander s c tz u u g e it. In meritorischer Bezirk)ring wurde nicht der geringste Fortschritt erzielt. Odnrann Tr. Kienböck gab zu Beginn der Sitzung bekannt, daß er den noch zur Geschätsordnung gemeldeten Rednern das Wort erteilen werde und teilte dann mir, das; ihm der Berichterstatter Schönste in er eine .schriftliche Ausarbeitung seines Berichtes in einer entsprechenden Anzahl von Abzügen übergeben habe. Diese Eimnziation nahmen die Sozialdemokraten mit großem Lärm aus. Sie schrien: Es gibt leine schriftliche Berichterstattung! Das ist ein Dreh! Wir lassen uns einen solchen Geschäftsovdnungsbrnch nicht gefallen! Mchdcm einigermaßen Ruhe ein getreten war, verlas Toktor Kienböck einen Protest der SosraldemokMen gegen das Protokoll der letzten Sitzung, worin diese bestreiten, daß Schönsteiner tatsächlich zum Ansschnßberichterstakter gewäW worden sei. Dr. Kienböck fügte hinzu, die Wahl sei 'ordnnnigsmäßig vor sich gegangen. Die Sogialdenrokraten remonstrierten gegen diese Bcmevttlng Kienböcks mit neuen Zwischenrufen und Lärm. Dann .wurde die Geschästsordirnngsdebatte fortgesetzt, in der namentlich von den Sozialdemokraten gegen die Absicht Verwahrung eirigclcgt wurde, den Bericht Schöusteiners durch die Amtliche Nachrichtenstelle veröffentlichen zu lassen. Die Auseinandersetzung artete schließlich in ein Tohuwabohu aus, so daß nichts anderes übrüg blieb als die Sitzung zu schließen. Eine in dxn AbendsttlndM abgehaltene Parteistihrcr- 'besprechung, der auch Präsident E Ibers ch beigczogen wurde, beschloß, Schönsteiners Bericht vorläufig nicht durch die Staatskorrespondeuz zu verbreiten und die Doktorfrage, ob das Referat durch die Staatskorrespoüdenz verbreitet werden dürfe, einer Präsidialkonfereng zur Entscheidung zu uuterlbreiten. Die nächste Sitzung des Mietanausschusses wird im schristlüchen Wege bekannt ge geben. Der Vorschlag der Mehrheitsparteien. In dem von der Christlichsoizialen Nachrichtenstelle ausgegebenen Bericht S chö n st e i n e r s, der im Einverständnis mit den Mehrheitsparteien verfaßt wurde, tritt dieser dafür ein, daß der freien B e r e i n b a r u n g zwischen Mieter und Vermieter in allen Fälle-n, in denen der Mieter bereits im Besitze seiner Mietrech!e ist, freie Entfaltung gegeben werden müsse. Nur der freien Vereinbarung vor Herstellung eines Mietverhäl'tnisses tön ne gegenwärtig die Gültigkeit noch zugestanden werden. Der Mieterschutz im Sinne eines vollkommenen Schutzes gegen gruudlose Kündigungen lblvi'bt i n vollem Umfange aufrecht. Schönsteiner beantragt, daß in Hinkunft die Betriebskosten nicht nrehr gesondert zn verrechnen seien, sondern daß numnehr Grundnliete, Jnstandhattungszins und Betriebskosten im H a u p t m i e t z i n s aufgcheu sotten. Int Gegensatz zur Regierungsvorlage, die eine staffelweise Erhöhung der Mieten bis zu 60 Groschen für die Friedensmiettrone beantragt, schlügt Schönsteiner das Höchstausmaß des Hauptmielzinses für die Friedensmietkrone mit 40 Groschen vor, das erst im August 1027 erreicht tvürde. Zu diesem Höchstausnlaß sollen Züvischenstu'fen von 20 Groschen ab August 1026 und von 30 Groschen ab August 1027 führen. Für Geschäftsräume sollen die gleichen Höchstlbelräge wie für Wohurämne gelten. Der Berichterstatter des Mietenausischusses, Abg. S ch ö n» ft eine x, hat den Inhalt des Berichtes, den er gestern dem Obmann des Mietenausschusses mit Zustimmung der Mehrheilspartolen überreichte, vorher der Bundesregienlng zur Kenntnis gebracht. Die Negierung hat nach Verhandlung mit den Mehrheitsparteien der im Bericht enchaltenen Stellutt.gnahme und den vorgeschlagenen Abänderungen der Regierungsvorlage z u g e st i m m t und sich auch bannt einverstanden erklärt, daß diese Zustimniung gleich in dem Bericht selbst zum Ausdruck gebracht wird.

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