Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2595 (15.5.1926)
- Date
- 1926-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ggagtt WX. 20W Me«sr Morserrzettvnr, ns. War m Wen, TtMMy fie nach Sulejowek gekommen seien, antworteten die Unbekannten, daß sie von der Regierung geschickt wurden und insbesondere nannten fie den Namen des neuen Ministers des Innern Svwkski. In der Dämmerung wuchs die Unruhe und das in der Nähe stationierte 7. Ulanen-Regiment sendete eine Abteilung zum Schutze der Villa des Marschalls. In der Nacht umzingelten die verdächtigen Gruppen die Villa und um Mitternacht eröffueten sie ein starkes, regelloses Feuer gegen das Gebäude. Die Ulanen-Abteilung erwiderte die Salven. In der ganzen Ortschaft herrschte eine furchtbare Panik. Die Garnison im nahegelegenen Rembertow wurde allarmiert, um dem bedrängten Marschall zu Hilfe zu eilen. Marfchall Pilsudski, der in der Villa weilte, reiste in der Früh nach Warschau. In Rembertow bewogen ihn aber die ihm ergebenen Soldaten, bei ihnen zu bleiben, da sie um seine Person besorgt waren. Die Militärabteilungen in Rembertow, wo sich das Zentrum des polnischen Militärausbildungwesens befindet, wandten sich an den General Rudolf P r i ch, um Weisungen zur Sicherheit des Marschalls Pilsudski und seine Familie. Der General erteilte die Antwort, er befinde sich in einer sehr schwierigen Situation, denn die Befehle, die er erhalten habe, zwingen ihn im Gegenteil gegen Sulejowek vorzugehen. Das rief w. der ganzen Warschauer Garnison eine große Erregung hervor und es wurde freiwillige Bereitschaft organisiert. Der Kommandant des 2. Infanterie-Regimentes in Siedlce, Oberst Franz S i k o r s k i, ordnete sofort nach Eintreffen der beunruhigenden Nachrichten über Sulejowek strenge Bereitschaft an und befahl das ganze Regiment einzuwaggonieren, um Pilsudski zu Hilfe zu kommen. Unterwegs wurde dieser Transport auf Befehl der höheren Militärbehörden aufgehalten. Als die Nachrichten über die Vorgänge der Nacht in Sulejowek in Warschau eintrafen, wurde das Gebäude des Präsidiums des Ministerrates von militärischen Abteilungen besetzt, die aber später von d"r Polizei abgelöst wurden. Um 4 Uhr marschierte dann Pilsudski an der Spitze der Rembertowor Garnison tn P r a g ader Vorstadt Warschaus un. An der Ecke der Grochowska-Straße und des Karischewski- Platzes empfing er die Meldung des Befehlshabers der Abteilungen eines Teiles der Warschauer Garnison, die ihn schon hier erwartet hatten. Pilsudski begab sich dann mit dem 7. Ulanen-Regiment und einer Abteilung Infanterie in die Richtung der Dritten Brücke. Ein Infanterie-Regiment begab sich in die Stadt durch die Straße, die an der Kirche St. Florian vorbeiführt und machte bei der Kierbiedz-Brücke halt. Der Polizei und dem Infanterie-Regiment Nr. 1 gelang es aber noch schnell die Brücke, von beiden Seiten zu besetzen. Marschall Pilsudski wurde aber trotzdem frei durchgelassen. Erst bei der Brücke Poniatvwski blieb der Marschall stehen. Die andere Seite der Brücke war von der Unteroffiziersschule mit Maschinengewehren, Panzerantos und Tanks besetzt. Elizzeu vom ..isiOToifmr. Bon Alfred Tysser, London. Im Mai 1920. Dieser Bericht unseres Londoner Mitarbeiters wurde vor Beendigung des englischen Generalstreiks an uns abgesendet. Montag nlitternachts ist die entscheidende Stunde. Falls es bis dahin nicht gelingt, die Verhandlungen zu einem gedeihlichen Ende zu bringen, dann kommt um Punkt 12 Uhr der große Stop-Generalstreik! Die britische Hauptstadt ist jetzt, in den späten Abendstunden von einer eigenartigen, fieberhaften Nervosität erfüllt, es ist zene Spannung in der Luft, die wir von beit ersten Tagen des Weltkrieges kennen. Nur wenige von den Menschenmasseu, die sich in aufeinanderfolgenden Reihen, in Gruppen und dichten Knäueln zusanimenballen, ahnen, was die nächsten Tage bringen werden. Etwa eine Stunde vor Mitternacht diskutieren wir mit ünterdrückter Erregung die Ereignisse im Londoner Preßklub. Von Zeit zu Zeit erscheinen neue Ankömmlinge vom Parlament, kommt einer der Klubdiener in die Bibliothek und verliest die letzten telephonischen Nachrichten von dort und jedesmal tritt Totenstille ein, bis eine erhöhte Flut von Bemerkungen und Gesprächen den letzten Worten jeder Meldung folgt. Ungefähr zehn Minuten vor Mitternacht verliest der Diener in seiner monotonen Stimme, ohne daß er sich des gewaltigen Sinnes dessen, was er liest, auch nur im entferntesten bewußt wird: „I. H. Thomas hat soeben, nach den letzten privaten Besprechungen mit dem Ministerpräsidenten, das Parlament verlassen. Zu seiner Gattin, die ihm beim Ausgang.begegnete, sagte er: „The strike is on!" ..Der Streik ist ausgebrochen!" rühjahrsmüdigkeit ist eine bekannte Erscheinung, der wir alle mehr oder weniger unterliegen. Solchen natürlichen Vorkommnissen begegnet man auch auf natürlichem Wr ge: Durch Kräftigung und Anregung des Organismus da» bekannte Phosphor- Eiweißpräparat, bietet dem Körper alle die Stoffe, die er als Kraftreserven für Muskel und Nerven rin Ueberwindung cieses ZustanceS nötig hat. Fordern Sie von der Firma Bauer & Cie .Berlin SW 43, kostenlos und unverbindlich >ür Ste die Broschüre „Wegweiser 3« Gesundheit imo Lebensfreude" Se natogen-Packungen von 8 2.6b an in allen Apo'heken und Drogerien >m Um zirka 5 Uhr erschien der Präsident der Republik auf der Poniatowski-Brücke und überreichte durch Vermittlung des Obersten Stamirowski dem Marschall Pilsudski ein Schreiben, nach dessen Durchsicht der Marschall zu einet mündlichen Unterredung sich bereit erklärte. Der Präsident verließ sein Auto und von der anderen Seite kam ihm 'auch schon Marschall Pilsudski entgegen. Die Aussprache dauerte kaum einige Minuten, worauf der Präsident das Auto wieder bestieg. Die Militärabteilung, die die Warschauer Seite der Brücke besetzt hielt, sperrte sofort nach der Abfahrt des Präsidenten durch eine Schwärmlinie die Brücke ab. Der bisher noch freie Verkehr über die Poniatowski-Brücke wurde gänzlich eingestellt. In der Stadt verlautete, daß Marjchall Pilsudski den Rücktritt des Kabinetts bis 6 Uhr forderte. Da das Kabinett um 6 Uhr nicht zurücktrat, erteilte Pilsudski den Befehl zum Vormarsch und die Kämpfe begannen. Nie Weltwirtschaft und die BorgSuse in Polen. Aus Wirtschaftskreisen wird uns geschrieben: Die Vorgänge in Polen, die anfänglich unterichätzt wurden, Haben nunmehr nach Einlangen genauer Nachrichten ihre W i rku ng auf die W eltf i na.nz n i cht v e r feh l t. Abgesehen von der B e u r t e i 'l u n g d e s Zloty, der auf sämtlichen internationalen Devisenmärkten stärker aus geboten wird, macht sich in den führenden Kreisen der Weltfinanz auch große Besorgnis über die Rückwirkungen der Vorgänge auf die Weltwirtschaft bemerkbar. Bekanntlich schweben seit einiger Zeit erfolgreiche Verhandlungen mit Amerika, England und Frankreich über eine eventuelle umfangreiche finanzielle Stützungsaktion. Es ist bekannt, daß Mr. S t r o n g, der Gouverneur der Ncw-Aorker Federal-Reservebauk, anläßlich seiner europäischen Reist sich auch mit dem p o l n i s ch e n B a l u t a p r o b I e m Einige von uns eilen auf die Straße, der nächsten Nntergrundstation zu. Wir erwischen gerade noch einen Zug der Tiefbahn, vielleicht den letzten, auf lange Zeit hinaus. Die fieberhafte Erregung, die ganz London in Atem hält» scheint auf den Gipfel gestiegen zu sein und teilt sich auch uns mit. Die Uhr in der Hand, warten wir die Ereignisse ab. Und die Höllenmaschine der wohlvorbereiteten Streikvrganisation arbeitet mit unheimlicher Präzision. Drei Minuten vor zwölf ertönt in einer Station, in welcher der Zug gerade hält, der höfliche, doch inhaltsschwere Ruf: „Alles anssteigen, bitte!" Der Zugsführer erklärt, daß befehlsgemäß, der Zug nur noch leer in die Remise geführt würde. Beim Ausgang aus der Station sehen wir die erste jener Gruppen, die in den folgenden Tagen so häufig und allgemein werden, die „Pickets". Verwegen aussehende, doch ruhig und entschlossen amtierende junge Burschen mit der roten Kokarde der Streikexekutive, zu dritt oder viert als Streikposten bei allen Eisenbahnstationen, Hochöfen, Fabriken und Grubeneinsahrten. Sie geben jenen Passagieren, die noch ein weites Stück Weges nach ihrem Bestimmungsort haben, höflich und freundlich Auskunft. Doch auf alle ängstlichen und neugierigen Erkundigungen, wie lange der Streik dauern würde, wie sie die Situation beurteilen usw., geben sie nur eine Antwort: „Darüber wissen wir gar nichts!" Diese Auskunft ist symbolisch für das Bild des Streikes. Weder die Streikposten, noch die Bezirks- und Reichskomitees, weder die Polizisten, noch die Zivilkommissäre, weder die Arbeiterführer, noch die Negierung wissen w i e lange es dauern wird. Das ist das Furchtbarste. Kalte Entschlossenheit auf beiden Seiten. Die Regierung scheinbar gewillt und gerüstet, eine endgültige Zertrümmerung der Nebenregierung der Gewerkschaften m erreichen, die Arbeiterführer in voller Einsicht dessen, zu befassen gedachte. Auch der KSlke-KM»- kW»» mit der Wirtschaft Polens eingehender M bchffm. SM' allen Seiten gleicheitig unternommenen BemHiMM pt Hebung der Staatssinan-e« sind «MMchk «rch die Ereignisse in Polen jäh unterbrochen wo««. GS ist fraglich, ob es in abschba«r #H* gingen wild, tzie In London ist die City sehr erregt, da EWa«d in Polen große wirtschaftliche Interesse» hat. Englisches Kapital ist an der Petrolenmindust r i e und an der Holzindustrie in großem Mähe beteiligt. Seit zwei Tagen sind alle Nachrichten über den Stander Unternehmungen ausge blieben. Der New-Yorte r Platz ergeht sich in mannigfachen Kombinationen über das weitere Schicksal der polnischen Wirtschaft. Es wird daran erinnert, daß das bekannte Haus Harry man in der letzten Zeit größere Transaktionen in Oberschlcsien durchgeführt hat und daß das Jndustriercvier bei Umsichgreifen der Revolution i» Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Deutschland hat infolge des Zollkrieges kci e intensiven Wirtschaftsbeziehungen zu Polen, ist also in öi-.je: Hinsicht am wenigsten geschädigt. Stärker tangiert ist hingegen die ö st e r r e i ch i s w c Wirtschaft. Zwischen dem Wiener Platz und fcw galizischen PetroIe-umindustrie bestehen inni-. Zusammenhänge. Oesterreichisches Kapital ist auch finanzi.ll in Polen tätig. Es sind von einzelnen Banken Kuriere an die polnische Grenze abgegangen, um möglichst bald nähere Nachrichten über die EimviMmg der Vorkommnisse ans die betreffenden Bankinstitute zu melden. Streich««» ve» 8Io1vk«rse«. Infolge der Vorgänge in Polen wurde im Wiener, Prager und Londoner Clearing die Notierung für Warschau gestrichen. Auch im Privatverkehr fand kein Zlotyhandel statt, so daß selbst eine Laxative Bewertung des Zloty nicht vorliegt. __ Sine etUSittno Sr. Waldmanns. Herr Dr. Israel Waldmann ersucht uns im Hinblick auf ein gestern in der „Stunde" erschienenes Interview mitzuteilen, daß er niemals polnischer Mrnister war und daß er nicht die Bevölkerungszahl Polens mit 00 Millionen Polen und 12 Millionen Minoritäten angegeben habe, sondern mit 16 Millionen Polen. Er tritt auch nicht für eine Umgestaltung Polens in einen „demokratischen N a t i o n a l st a a t", sondern in einen „demokratischen N ationalitätenstaat" ein. verricht Pole«« ans de« ständige« Aatssttz': Genf, 14. Mai. , Die Schweizerische Tepeschenageriinr meldet: Die kurze. Ansprache des polnischen Vertreters wi o allgemein dahin ausgelegt, daß P o l e n sich bereits i n n erlich mit dem Ve rzi cht auf einen ständige '- Ratssitz abgefunden hat, daß es aber hofft, nach Ablauf seiner Amtsdauer ans längere Zeit hinaus immer wieder einen nichtständigen Sitz zu erhalten. Das Gleiche gilt von China. Es verbleiben somit nur noch l-'.e Kandidaturen Spaniens und Brasiliens. Nach dcr Erklärung Cecils am Mittwoch nachmittags gilt jedoch die Bewilligung dieser Sitze als ausgesch 'l ofse n. Was Brasilien betrifft, wird mit der Möglichkeit gerechnet, daß cs sich am Werk des Völkerbundes desinteressieren wird, wenn auch ein fo r m e lle r Austritt unwahrscheinlich ist. Es ist noch unbestimmt, ob Spanien ebenfalls sein Desinteressement erklären wird. was aus dem Spiele steht. So stehen sie sich gegenüber — zähe, ausdauernde Engländer. * Die organisatorischen Kräfte, die entwickelt werden, sind unheimlich und gleichen den im Weltkriege gezeigten. Ueber Nacht ist der Hhdepark für das Publikum gesperrt und in eine ungeheure Verproviantierungszentrclle der Regierung umgewandelt worden. Die Straßen bieten ein eigenartiges Bild. Not macht erfinderisch. Vom Kinderwagen bis zum Rollsroyce, vom Pferdewagen bis zur Lokomobile ist alles auf die Räder gebracht, was nur Räder hat. Die auch sonst verkehrsreichen Straßen sind schwarz von der unübersehbaren Menge verschiedenartiger Vehikel, die sich in nimmer endenden Strönren fortbewegen. Die „Solidarität der Betroffenen" ist bewundernswert. Trotzdem weder Untergrund noch Metrische, weder Omnibusse noch Taxameter, die sonst tagtäglich am Morgen und am Abend Millionen in und aus der City beförderten, zur Verfügung stehen, macht es sich jeder doch irgendwie möglich, zu seinem Arbeitsplätze zu gelangen. Jeder Autobesitzer, der auch nur ein Plätzchen frei hat, stellt es dem Mitmenschen, der sonst zu Fuß wandern, müßte, zur Verfügung und trotz der Tragik der Lage ergibt sich ein erheiterndes Gewirr von Zurufen und Vereinbarungen, von sehnsuchtsvollem Flirten und Kokettieren. Alles erreicht schließlich seinen Zweck: Verständigung und Beförderung. * Kaum ist jene reizende Dame aus dem Haustor getreten und hat sich ein wenig mit blitzenden Augen orientiert, als auch schon eines der vorbeifahrenden Automobile langsam herankommt. „Fahren Sie vielleicht zufällig nach dem Marble Arch?" fragt sie süß den lenkenden Herrn. „Ich fahre in die Nähe, doch es wird mir ein Vorgnügerl sein, Sie zunächst hinzubringen," antwortet dieser galant.