Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2595 (15.5.1926)
- Date
- 1926-05-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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WM, OaiEaq Wiener Mor^en^eUunn K. om tm Gk. M8 NOTEt-n^RESrAURANT GUTH II., Hollandstrasso Nr. 14 VOHRtllfMtE RESTAURANT MIT ERSTKLASSIGER KÜCHE j MENU ZU S 1.80 UNO S 2.20 Uobornahma von Diners und Soupers in und ausse* Haus Jeden Samstag and Sonntag Sonper dansant / Jeden Sonntag j Fön/-Uhr-Tee rrttt Tanz Zuvh Besuch ladet höfl. ein J. GUTH, Besitzer Die anrückenden Abteilungen vereinigen sich mit Enthusiasmus mit den Unter dem Kommando des Marschalls Pilsudski stehenden Truppen. In der Provinz herrscht vollkommene Ruhe." Eine Darstellung der Regienmg. Pa-IS, 14. Msi. <Wolsi.) Di« polnisch« Loifchast in Paris gibt über dir Vorgänge in Warschau eine aus offizieller Quelle stammende Ta rst e l l« n g, worin es heißt, daß die Negierung W: t o s, um Blutvergießen zu vermeiden, den die Weichselbrücke haltenden Truppen den Befehl gegeben habe, sichzurückz u z i e h e n und das Zentrum der Stadt zu räumen. Die Regierung W i t o s habe sich darauf mit den treugbliebenön Regimentern im Belvedere ein ge richtet, von wo sie eine Proklamation erlassen habe, in der sic an die trcugebliebene Bevölkerung appelliert und den Marschall als einen Rebellen und außerhalb des Gesetzes stehend bezeichnet. Inzwischen habe der Kriegsminister, General M a lczewski, eine Reihe von Maßnahmen getroffen, um die Putschbewegung zu unterdrücken. Bier in der Provinz stehende Armeekorps hätten Befehl erhalten, auf. die Hauptstadt zu marschieren. Die Moral der meuternden Truppen sei stark erschüttert. Die Regierung teilt mit, daß sie den Aufstand zu unterdrücken und die Ordnung unverzüglich herzustellen gedenke. In der Provinz wird der Putschversuch des Marschalls Pilsudski e i n st i m m i g verurteilt. Mn Bericht der Prager polnischen Gesandtschaft. Prag, 14. Mai. Nach dem Tschechoslowakischen Pressebüreau seitens der polnischen Gesandtschaft in Prag erteilten Informationen stellt sich die Lage wie folgt dar: Die Negierung amtiert im Belvederepalais, dem Sitz des Präsidenten. Marschall Pilsudski forderte den Rücktritt des Kabinetts Mtos. Sejmmarschall R a t a h führt Verhandlungen über die Beilegung des Konfliktes. Keine der Parteien hegt die Absicht, einen Wechsel im Amte des Präsidenten herbeizuführek. D i e P e r s o n d e s P r 8 s i d e n t e n steht außerhalb der Verhandlungen. Die gegenwärtigen Ereignisse werden weder eine Aenderung in der auswärtigen Politik noch auch in der inneren Einrichtung des Staates verursachen. In.dem Bericht heißt es weiters, daß in Warschau wieder Ruhe herrsche. Auch in der Provinz herrsche Ruhe. Der Straßenverkehr in der Hauptstadt sei normal. AusnahmszuSand in öre! Woiwodschofien. Warschau, 12. Mai. Der Ministerrat beschloß in seiner heutigen Sitzung die Aushebung der Bürgerrechte auf Grund des 8 124 des Verfassungsgefetzes. Tiefe Verordnung hebt im Gebiete der Hauptstadt Warschau sowie der Woiwodschaften Warschau, Wilna und in den Bezirken Siedle e, Lukom und Lublin alle Bürgerrechte auf. Cs werden die Bestimmungen über die Persönliche Freiheit, die Persönliche Integrität, die Pressefreiheit, das Briefgeheimnis und die Versammlungsfreiheit mit sofortiger Wirksamkeit außer Kraft gesetzt. Erregung in der Provinz. Prag, 15. Mai. Aus Krakau wird gemeldet: Die Nachrichten aus den Städten Polens besagen, daß überall im Zusammenhang mit den Ereignissen in. Warschau unter der Bevölkerung größte Erregung herrscht. In Krabm, Lemberg und Lodz fanden Arbeiterkundgebungen für Pilsudski statt. Aus Posen werden dagegen große Kundgehungen der akademischen Jugend gegen Pilsudski gemeldet. Die Erregung in diesen Städten ist umso größer, als alle Telephonverbindungen mit der Hauptstadt unterbrochen sind. Die Ruhe wurde bisher nirgends gestört. Die Telephon- und Telegraphenverbindungen von Warschau mit allen Polnischen Städten sowie mit dem Auslände sind seit Mittwoch abends eingestellt. Bon. Warschau aus lverden nur die Redaktionen der Pilsudski freundlichen Blätter mit den Provinzstädten verbunden. Demonstrationen in Lemberg. Prag, 14. Mai. Die „Pr.'ger Presse" meldet aus Oderberg: In Lemberg sammelten sich gestern nachmittags große Menschenmengen aus den Hauptstraßen an. In dem Augenblick als der etwa 20.000 Köpfe zählende U inzug für Pilsudski demonstrierte, erschien über Lemberg ein aus Warschau kommendes Flugzeug, das den Aufruf des Präsidenten der Republik übeübrachte, in welchem die Bevölkerung zur Ruhe ausgesordert wird. Die Polizei und das kriegsmäßig ausgerüstete Militär besetzten einige Regierungsgckbäüds. Die Unterbrechung des telephonischen Verkehres zwischen Polen und den Nachbarstaaten dauert an. Der zur regelmäßigen Abwicklung des Eisenbahnverkehres erforderliche Telegraphenrienst wird weiter störungslos aufrechterhalten. Auch die Teleg-raphenverbindung zwischen Krakau und Lerübetg ist unterbrochen, , Der Pisenbah n v e r k e h t geht fahrplanmäßig vor sich. Die Züge aus der Richtung Warschau treffen ein, aber ohM P'ä sfa'g ie'r e. In W i en ist gestern früh der sahrplanMäßige Schnellzug uns Polen angckommen, brachte jedoch nur den Krakauer Kurswagen mit, während der direkle Warsch.inMientlVaggon ousgebliebcn ist. Aus Krakau sin) nur wenige Passagiere auackommen, die alle berichten, das gestern abends in der Stap: Ruhe geherrscht hat. Ein Aufm' t><?r Reqicrnm». Prag, 1t. Mai. Das Tschechoslowakisch? Preßlbnrcau melde! aus Warschau: Die Negierung hat heute einen An fv '.i f an Ivf Nation crl'ssen, worin die Bevölkerung aufgesordert wird, mit den regulärem Truppen an der U u 1 c v D v ii rf li it des A nfstaudes znsmnmenarbeiien. Die Gerüchte von einer Flucht der Regierung mittels Flugzeuge nach Posen werden dementiert. Die Regierung befindet sich mit dem Präsidenten der Rcipublick weiter im Belvedercsxrlais. Nur der H a n d e l s m i n i st e r ist mittels Flugizeüges nach Posen äbgercist. Ans dem Regierungsquerlier verlautet, der Präsident der Republick und die Regierung seien weiter entschlossen, die A k t i o u P i l s n d s k i § mit allen Mitteln z u u n t e r d r ü dLe,it. . Die Entscheidung in . den Kämpfen zwi'ch.m den RegierungslruPpen, und den Abteilungen Pilsudskis dürste heute abends fallen. Für beide Parteien treffen aus der Prcvirn ununterbrochen Verstärkungen eiu. 200 Me, 1000 Verwundete. Prag, 14. Mai. Das tschechoslowakische Preßbureau melden In Warschau dauerten heute die schweren Kämpfe an. Er soll 200 .Tote und 1000 Verwundete geben. Das Belvedcrepalais war bis heute mittags noch in Regte r u n g s h ä n d c n. Die schwersten Kämpfe finden in der Röhe des Belvederepaleis und in einer Vorstadt statt. In den Straßen Warschaus sind Barrikaden aufgerich'ct. Die sozialdemokratische Partei bat in Warschau einen allgemeinen Streik proklamiert. Vor dem Redaktionsaebäude der naiional-dcmolkratischen „Gazeta W a r s z a io s k a" und der ..W a r s z a w i a n k a" fanden Demonsir? timten statt. Tic beiden Blätter sind den ganzen Tag nicht erschienen. Eine EiMrung MWrkls an die ZonrnMten. (Eigendienst der „Wiener Worgenzeitung".) Warschau, 13. Mai. Marschall Pilsudski gab den ihn umriiKjcrbcn Journalisten ein Wirzes Interview, in dem er erklärte, daß er nicht länger dulden konnte, wie iu Polen das Un re ch l sich brcitmocht. „Nie habe ich", sagte der Marschall, „mich um die Macht bemüht, diesmal wurde ich aber zum Aeuß'rsten getrieben." „Eine bewaffnete Demonffratwn." Warschau, 14. Mai. Marschall Pilsudski erklärte dem Sejm marschall R a t a j: „Das, was geschah, ist feine S'aatsumsturz, nur eine bewaffnete Demonstrat i o n." Marschall Pilsudski ernannte den Obersten Boleslaw Wiencawa-Dlugoszenski zum Platzkommandanten und Polizeipräsekten der Hauptstadt Warschau. Um 3 Uhr 45 Min. früh besetzten Abteilungen Pilsudikis das T e l e g r a p h e n a m t. Sowohl amtliche als auch private Gespräche sind verboten. Mn MemoMMr Akt Msudskis. Danzig, J4. Mai. (Wolfs.) Wie aus Warschau gemeldet wird, hat Marschall Pilsudski den bisherigen Gesandten in Angora, Roman K r. o s l, zum außerordentlichen Kommissär des A nßen m iniste r i u m s ernannt. Die Ehre der Regierung. Krakgu, 14. Mat. Aus Warschau wird gemeldet: Aus die Na-eyrirb-t, daß es auf dem Ba n! p l a h zu antisemitischen Exzessen gekommen fei, sandle Marschall Pilsudski einen Parlamentär zum Ministerpräsidenten Wi tos mit der Aufforderung, die Ehre der Regierung, so lauge sic noch vorhanden sei, zu wahren und den antisemitischen Exzessen ein Ende zu bereiten. Selbstmord des Generals Sosukowski. Prag, 14. Mai. Aus Posen wird gemeldet: Extraausgaben der Blätter melde», das; der Korpskommandant und ehemalige Kriegsminister Divisionsgeneral Sosnk o w s k i Selbstmord verübt habe. Er habe drei Revolverfchüsse gegen sich gerichtet und sei in hoffnungslosem Zustande nach dem Spital gebracht worden. General Soönkowski war seinerzeit der intimste Mitarbeiter Pilsudskis. Bor einem ruffischen Angriff? Lemberg» 14. Mai. (Tel -Komp.) Die ZeitunMn teilen in Ex t raa u sga be n mit, daß an der russischen Grenze russische Truppen ausgetaucht seien. Das Militärkommando von P o d w o l o c; i s k a hat dringend un> Berstärkungsn' für die Grrnztruppen ersucht. Die Bevölkerung befürchtet den Einmarsch der Russen in Galizien. Bormarsch der Litauer ans Wilna? BreSkau, 14. Mai. (Wolfs.) Wie pölnisch-oberschlesische Zeitungen milteilen, sollen die Litauer den Aufstand Pilsudntis benützt hadert, unr die Är e n; e n de s W il naer Gebietes zu überschreite n, um dieses vor Jahren von Polen annektierte Gebiet wieder zurückzuerobern. BOHEME-BAR »in Zoo, Berlin, Hardenbergstr Nr. 27. Direktion! N. v. Benedito Trejtfgftitiki der Fremdenwelt Berlins 5-Ubr-Tee » Souper prlx fix * ttxqnUtfe KOthe Aapetl.*! Scala'S nag'!) and, Milano, ferner der Wiener Humorist Charlie Woeber 1117 Wilna in der Hand PilsndrN«. Mrlin, 14. Mai. Wie die Matter berichten, befindet sich Wilna >n der Hand der Anhänger Pilsudskis, die die Bahnhöfe besetzten. Auf der Strecke B i a l y st o k—W ü rs cha u wurde die Eisenbahnlinie gesprengt und in der Nähe von Skiernie »vice die nach Warschau führende Bahn aufgerissen und Telephon- und Telegraphenleitungen zerschnitten. Netzer K a t t o w i tz wurde der Belageru ngszu< st a n d verthängt. Meldungen von Mittw h »achmittags. (Eigendieltst der „Wiener Worgenzeitung".) Warschau, 13. Mai. 3 Uhr 20 Min.: Der Sejmmarschall R a t a j kehrt in das Sejmgebäude zurück. Journalisten gegenüber wollte er sich unter Linen Umständen äußern. In diesem Augenblick ertönen von der Stakt her zwei donnernde Kanonenschüsse. Bis zu dieser Stunde zählt man 19 Tote und 100 Verwundete. 3 Uhr 50 Min.: Soeben beginnt im Zimmer Ratajs eine Konferenz, an der auch die Abgeordneten D e m b s k i (Piast), Marek und N iezalkowski (P. P. S.) und Bartl (Arbeitsklüb) teilnehmen. Vom Be lvcdere, wo der Präsident der Republik nnd alle Minister sich befinden, fehlt jede Meldung. An der Spitze der Pilsudski ergebenen Militärabteilungen steht General Drescher. In der Nacht erschien bei PilsUldski eine Delegation der Eisen bahne rgewerkschaft und ersuchte um Instruktionen. . Die Polnische T e l e g r a p h e n a g e n t u r, die ihre Tätigkeit eiustellen mußte, sandte folgendes Telegramm ins Ausland: Marschall Pilsudski nahm W a r s ch a u n a ch k u r z e m K a m p f e i n. Gerüchte besagen, daß G r a b s k i in der Nacht nach Kutno, Minister Smolski in unbekannter Richtung abgcreist ist. Auch von Witos ist jede 'Spur verloren. In der Stadt hört nlan wieder Schüsie. Die Persönlichkeit PilsudrNs. Marschall Josef Pilsudski, der im 59. Lebensjahr steht, cntstantmt einent alten polnischen Melsgeschlccht, dem der Kampf gegen Rußland und die Wiederherstellung Polens Leibensztveck war. Der junge Pilsudski blieb dieser Tradition treu. Wegen studentischer Umtriebe wurde er von der Universität relegiert, trat dann der s oz i a l i st i s ch o n Bewegung bei und wurde 1688 nach Sibirien verbannt, wo er vier Jahre weilte. 1901 wurde er abermals verhaftet, floh aber nach einem Jahr nach Galizien, wo er die Kampsvrganisa-tionen der Sozialdemokraten organisierte. Nach Ausbruch des WeMrieges nahm er unter' österreichksch-ungarischem Oberbefchl an der Spitze der ersten polnischen Legionsbrigad« an den Kämpfen in Südrußland teil. Sein Streben war, aus den polnischen Legionen eine selbstäitdige Streitmacht zu bilden, und er war im Jahre 1917 der Urhsber der Eidesverweigerung der Logionen. Deswegen wurde er von den deutschen Okkupationsbehörden verhaftet und in Magdeburg interniert. Erst am 10. November 1918 wurde er wieder freigelasien und kehrte wie ein Triumphator nach Wovschcru zurück, wo ihm zwecks Bildung einer nationalen Regierung di kt a 1 o r i s ch e Gewalt übertragen wurde. Cr berief di« Nationalversammlung ein und betraute den chemaligen österreichischen Mgeordneten M oraczewski mit der Kabinettsbildung. Pilsudski selbst wurde im Dezember 1918 zum Präsidenten der polnischen RepuÄÄ bestellt. Er blieb dies vier Jahre lang und wurde nach seinem Rücktritt Chef des Generalstaibes, gab jedoch 1928 dieses Amt an General H a l l e r ab. Bor dem Sturm. Bericht eines Augenzeugen. , Ein gestern früh aus Warschau hier eingetroffener Industrieller gibt uns die hier folgende Darstellung der Situation am Mittwoch: Schon von Dienstag abends war Warschau der Schauplatz erregter Vorgänge, die durch die Konfiszierung des „Hajnt", des „Moment" und des „Kurjer Poranny" wegen eines Interviews mit Marsch all Pilsudski hervorgerufen wurden. Diese Aufregung tvurde noch Mittwoch durch die wildesten Gerüchte genährt und auf den Kulminationspunkt gebracht. Bon all diesen Gerüchten bewahrheitete sich eine: In der Rächt von Dienstag auf Mittwoch stahl sich eine geheimnisvolle Bande aus dem Wald bei S u l e j o w e k, dem Wohnsitz des Marschätls Pilsudski heraus und feuerte einige Salven in der Richtung der Billa des Marschalls ab. Sofort eilten einige Militärabteilungen, die in der Nähe der Marschall^svilla stationiert sind, zu Hilfe. Es wurden auch einige Regimenter der Umgebung verständigt, div sich bereit erklärten, das Attentat auf Sulejotvek abzuwehren. Ueber die Vorgänge dieser Nacht wurde das folgende bekannt: Schon anl Nachmittag erschienen in S u l e j owek verschiedene Gruppen unbekannter Individuen und nahmen an verschiedetten Pttnktetl des Dorfes Aufstellung. Aus Befragen der Einwohner, zu welchem Zweck