Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2593 (13.5.1926)
- Date
- 1926-05-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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SV 3BSL Mm, LMnerKtsg Vietter Mvrgenze!iur:g Lei!« r 18. Mar 19^ Der Wscherproreß. Set »tief Seitens an Pennyl. Dnd apest, IS. Mai. Nach 10 Uhr eröffnet der Dorsitzen.de die Verhandlung. Windischgrätz meldet sich sofort znm Wort und teilt mit, er habe Vevstsgungen getroffen, damit die von den Franzosen im Ruhrgebiet gefälschten Marlschcine beschafft werden, um den Bcüveis zu erbringen, daß das Papier dieser Marffcheine identisch i st mit dem der falschen Fra nke usch e i n e. Sollte es jedoch nicht gelingen, die falschen Markscheine zu beschaffen, fo bitte er den Präsidenten, Maßnahmen zu treffen, damit solche MarÄscheine beschafft werden. Der Vorsitzende erklärt, daß Windiischigrätz einen solchen Antrag erst bei Ergänzung Beweisverfahrens stellen könne. Sodann wird der Generaldirektor der Postsparkasse, Gelriel Baross, einvernonrmen. Er erklärt sich nicht schuldig und sagte: Als ich km August des vergangenen Jahres in einer Sommerfrische weilte, erhielt ich von Nadossy einen Brief, irr welchem er mich einlnd, nach Budapest zu kommen. Nadossy erzählte mir, daß unter der Aegide -es Prinzen Windischgrätz zu patriotischen Zwecken falsche Frcmkennoten hengestellt wurden. Er bat mich, ich möge bezüglich der Verwertung dieser Falsifikate einen Ratschlag erteilen. Ich war ganz perplex: trotzdem ging ich mit Nadossy zu Windischgrätz. Milte September tthrte ich von meinem Sommeraufenthalt zurück. Windischgrätz bat nrich, ihn anfzusnchen. Wir sprachen über die Fälschungen, und der Prinz entwickelte überaus sympathische politische Pläne. Der Weg, diese Pläne auszuführen, schien mir jedoch phantastisch. Ich stand vor dem Dilemma, mich von der Sache zurückzuziehen oder aber mit Windischgrätz und Nadossy mitzugehen. Ich wählte das letztere, da die beiden mich einmal mit ihrem Vertrauen beehrt hatten. Ich empfahl, einen praktischen Bankfachmann einzuladen, und, zwar meinen Freund E l l i s ch e r. Bevor dieser zu Windischgrätz kam, sagte ich ihm, er möge die Aktion abrüsten. Als ich Ellischer denr Prinzen Windischgrätz vorgcstclli hatte, waren die falschen Frankennoten noch nicht fertiggestellt. Der Prinz gab die Anregung, es soll jemand ins Ausland reifen, um die Vevwertungsmöglichkeitcn zu studieren. Ich empfahl auch hiefür Ellischer. Ellischer sagte, daß sein Kompagnon Horvath chuchin eine Auslandsreise machen müsse und dabei könne er auch die Verwertungsmöglichkeiten studieren. Jnzstvischen hatte .. der Prinz jemand anderen in das' Ausland entsendet, der ein ungünstiges Referat erstattet hat. Als der Prinz die Falsifikate zeigte, dir inzwischen fertiggestellt worden waren,, erklärten Horv ith und Ellischer sofort, daß die Falsifikate zu - schlecht seien. Das Papier sei z u d i ck und auch andere Mängel wurden gefunden. Ich empfahl, man nröge einen Fachmann befragen, und riet, man möge einenKassierderNa- :iona.lbank einbeziehen. Dieser Ratschlag wurde ab gelehnt mit der Begründung, daß ohnehin genug Leute schon ' voll der Sache wissen. Nun tallchte die Frage auf, wo man die Falsifikate aus- | bewahren soll. Ich proponierte, daß man sie mit Hilfe meines Freundes Szörtsey in den Lokalitäten des Nationalverbandcs untcrbringen solle. Ich sprach hierüber mit Szörtfey, erzählte ihnr von der ganzen Aktion und' bat ihn, die Banknoten in seinen Lokalitäten aufzubewahren. Szörtsey willigte ein. Dieser Beratung wohnten auch -ein Beamter des Nationale Verbandes und Thomas S z o n n t a g bei. Der Bankier unternahm hieraus eine Reis« in bas Auslmrd, und Zwar nach Paris, Amsterdam, Brüssel, Deutschland und die Schweiz. Von dieser Reise kehrte er nach drei Wochen zurück. Er referierte mir und sagte, daß er bereits auch Windischgrätz mitgcteilt habe, daß es unmöglich sein werde, die Falsifikate in'den Verkehr zu bringen. In Paris fei das ganz unmöglich,' da ' auch der letzte Straßenkehrer erkennen müßte, daß die Noten falsch seien. Anderswo aber wäre' es unmöglch, größere Posten abzusetzen, da in Tansendfrattkenscheinen kein allzu großer Umsatz sei. Ich traf mit Windischgrätz zusammen, der überaus niedergeschlagen war,'weil er seine Pläne nicht verwirklichen konnte. Es hatte den Anschein, als ob die ganze Sache'einschlasen würbe Mitte November sah ich aber, daß die Aktion fortgesetzt wurde. Nun tauchte in mir der Plan ans, die Dache aitf vertraulichem Wege durch die Bankiers Ellischer und Horvath dem Ministerpräsidenten zur Kenntnis zu bringen. Ich betraute Horvath, er möge den 'Leiter des Telegraphen-Korrespondetizbureaus K o z m a aufsuchen und ihm von der Mtivn Mitteilung machen. Wir wußten, daß Kozma mit dem Ministerpräsidenten häufig verkehre. Wir sagten Kozma nur, daß französische Franken hevgestellt würden und das; sich die Noten im Nationalverband befänden. Horvach ging selber zu Kozma, woraus dieser die bekannte Mitteilung an den Ministerpräsidenten erstattete. Ministerpräsident Beihlcn schrieb hierauf den Brief an Perenyi. Eines Abends rief mich Windischgrätz an. Wir hatten eine' Zusammenkunft, an der Windischgrätz, N a d o s s y, Szörtsey und ich teilnahmen. Der Brief des Minister- »präsidenten wurde verlesen und wir beschlossen, di« Aktion einzustellen. Bors.: Erwähnten Sir bei dieser Unterredung, daß Sie die Anzeige erstattet haben? — Baross: Nein. Ich bedauve es, daß ich es nicht getan habe. Damals wollte ich die Sache > noch disk,ret behandeln^ .Die ■ Verbindung zwischen uns wurde dann abgebrochen, die ganze Sache schlief ein. Am- '21. Dezember kam Nadossy zu mir und sagte, daß. er für gewisse innerpolitische Regierungszwecke Geld brauche, ich möge es ihm geben. Auch früher war es oft der Fall, > daß, wenn bei gewissen Fälligkeiten für verschiedene Re g ie ru ngszwecke Geld nötig war, die Postsparkasse Vorschüsse leistete. Ich sah, daß Lorant Irl tdtht.Dafurbulftfr« Allerftmsfc ca-±Mw. mm es sich um eine wichtige Sache handeln müsse, da Nadossy persönlich zu mir gekommen >wor. Nadossy sagte, ein junger Mann werde um das Gsld kommen. Tatsächlich kam Man kovics, dem ich daS Geld ausfolgen ließ. Bors.: Erhielten Sie von Mankovics Sicherheiten? — Baross: Ich konnte nicht im entferntesten annehmen, daß dieses Darlehen mit den Fälschungen in Zusammenhang stehe. Ich glaubte, ine Falsifikate wären damals schon längst vernichtet. Vors.:,Der Prinz schickte seinen Sekretär zu Ihnen, damit Sie ihm Valuten zur Verfügung stellen. — B aross: Das war früher. Raba erschien in meiner Wchnui'» und überreichte mir einen ans österreichische Schilling lautenden Scheck, für welchen ich Dollar und französische Franken beschaffte. — V o rs.: Haben Sie auch sonst dem Prinzen Windischgrätz materielle Gefalligk.cieen evmiesen? — Baross will auf diese Frage nicht annworten. Windischgrätz erklärt, daß Baross ihm dabei behilflich war, daß er im Wege des Bodcmlrcditinstitutes eine billigere Konverfionsanleihe erhielt. Der Vorsitzende überreicht Baross eine Anweisung auf zwanzig Millionen. — Bors.: Windischgräy sagt, daß Sie sich mit zwanzig Millionen an der Aktion beteiligt haben. Baross: Das kann nur ein Irrtum sciu. — Vors.: Sie haben niemals davon gesprochen, daß Sie die Aktion auch finanzieren. — Baross: Niemals. Bei einer Aktion, die neun Milliarden verschlingt, konnten zwanzig Millionen keine Rolle spielen. Der Vorsitzende ruft Nadossy ans mrd fragt ihn: Haben Sie sich, als Sie die 400 Millionen von Baross verlangten, aus eine Regierungsaktion berufen? — N crd osfy: Ich habe den Zweck nicht bezeichnet und Baross konnte den Eindruck haben, daß es sich -um eine Regierungsaktion handelt. V o rs. (zu Windischgrätz): Sie haben gesagt, daß Baross mit zwanzig Millionen die Aktion finanzierte. — Windischgrätz: Ich halte dicfe Behauptung nicht aufrecht. — Bor s.: Es war also ein Irrtum? — Windischgrätz: Das war wohl ein Irrtum. . . Nrrü wird Kaspar Kovaes, der K a m m e r d i e n e des Prinzen Windischgrätz, vernommen. Er erzählt, daß er eines Tages «wett Mann auf der Straße getroffen habe, den er bereits mehrmals gesehen hatte, den n aber dem Namen nach nicht kannte. Dieser bot ihm zu gün- (Zu seinem zehnten Todestage.) Wenn es eines Beweises bedurft hat, daß das jüdische. Volk sein und leben will, sein und leben kann, dann ist es die Erscheinung dieses rernsten Dichters, die nur je ein. Volk der lebendigsten, sein Leben bejahenden' Triebe hervorbringen konnte. Denn sein Leben und sein Werk, mit dem Leben des Bolkes durch tausend Bande verknüpft, es tausendfältig widerstrahlend, ist in seiner Gesanrtheit das Leben und das Symbol des jüdischen Volkes. Sein Leid, seine Liebe und sein Haß, seine Sehnsucht und seine gierigsten Wünsche sind im Temperament und im Lachen — das erste wirkliche, helle, freie Lachen eines Juden in der langen Galnthgeschichie — *>:$ Dichters Schälom' Alejchem eingefangen. Unbekümmert um die artistische Gestaltung einer Fabel oder itnt ihre stilgerechte Gesamtkomposition wächst diese ihn: znm Leben eines Bolkes, wie es sich gibt, wächst yum Kunstwerk, tendenziös, ungewollt, denn es ist sein Volk, dessen vibrierender Nerv er ist, die Fabel seines Lebens. Man erzählt sie ohne viel Aufhebens, und sie bleibt. Mail erzählt sie so, wie man sein Leben erzählt: mit der Gestikulation, dem spezifischen Tonfall, das Wichtigste und das Nebensächlichste durcheinander werfend, manchmal sehr gemütlich und ruhig, manchmal sehr aufgeregt. Wenn sich die Erzählung zum Schluß, über alles Leid hinweg, bedenklich dem Lächerlichen nähert, weil alles Leben und Getue eben lächerlich ist, um so besser. Dann lacht man eben. Es ist nichts zu machen, wenn Menachem Mendel aus Jehupez an alles tiefgläubig und mit unerschütterlichen: Vertrauen herangeht, überzeugt, daß Gott gut und die Menschen noch besser sind und daß Gott und Menschen mit ihn: nur das Beste Vorhaben, und wenn dann alles ein schlimmes Ende ninunt. Es ist irnmerhin noch gut, daß das schlimme Ende so zum Lachen reizt. Diesen Schalon: Alejchein schert es ivenig, daß Menachem Mendel aus Jehupez eine grandios, gestaltete Figur ist, allen Sinn oder alle Sinnlosigkeit des jüdischen Galuthdnseins verkörpernd und symbolisierend, daß dieser gutmütige, ewig gefoppte Windbeutel nahezu die Näturgeschichte des jüdischen Galuthdaseins beinhaltet und dar-' über hinaus, aus der Milieubedingtheit in das allgemein Kreaturhafte übersetzt, ewig Seelenhaftes der Schöpfung. Oder Tojwje, der Milchmann, der gegensätzliche Genosse des Menachem Mendel. Auch ihm geht es schlecht, trotzdem er aus anderen: Holz geschnitzt ist. Forciert Menachem Mendel alles und ist er zu allem bereit — kurz ein Revolutionär, so überstürzt Tojwje nichts, liebt das Hergebrachte, verabscheut die Neuerungen — kurz er ist konservativ. Die Schlnßpointe seines Schicksals ist eben doch auch nicht viel anders — als zum Lachen. Der Weg, der znm Tragischen führt, führt auch zum Lächerlichen. Was geht es diesen Schalon: Alejchem an, daß der Sinn seines jüdischen Humors — nicht gallige Satire und nicht höhnischer Zynismus — darin liegt, dies gezeigt zu haben? Was geht es ihn an, daß die nicht nünder grandios ge-, ftaltete Figur TojwjeS,des Milchmannes, das andere Wesen des jüdischen Volkes, das nicht aus den Fugen zu brim gende, beharrende und deshalb ewige jüdische Wesen veranschaulicht und — wieder auS den: Volklichen ins allgemein Menschliche übersetzt — eine Wesenskomponente der Menschheit, wenn, sie auch nicht von dieser Wucht ist wie die jüdische des Tojwje? Was er weiß, ist, daß er das jüdische Volk liebt mit einer Liebe, wie kein Dichter vor ihm und nach ihm, daß er sich mit ihm identifziert in allen:, was es ist. Diese Liebe befähigt ihn zu der unnachahmlichen Plastik seiner Gestaltung und zu der von niemand erborgten, wohl nur von „Aesthetikern" formlos gefundenen Forn:. Gerade diese „formlose" Form ist die einzige dem jüdischen Hunwr äquivalente, mittels deren das jüdische Volksleben erfaßt werden konnte. Ihr verdanken wir auch die Variabilität der Schalon: Alejchemschen Gestalten, diese unendliche Zahl, die darüber staunen macht, daß ein Geist ' sie fixieren konnte. Die Forn: des anonymen jüdischen Volkslebens, von einen: Geist gesunden und übernommen, dem nachzuahmen schlechtestes Epigonentum heißt. Einmalig ist Geist und Kraft Schalon:. Alejchem, ein Glücksfall und ein Geschenk für ein lebendes Volk, dieser lachende Volksphilosoph! Ewig wird die Geschichte Menachem Mendels und Tojwjes, die Geschichte des anonymen jüdischen Galnthgeschicks im Gedächtnis bleiben wie die Geschichte des anonymen jüdischen Mannes: Schalvm Alejchem. P. Haller. Ser Wische Humor. Randbemerkung zum Schalom-Alejchem-Gedenktag. Hat der Jude Humor oder hat er nur Witz? Kann er nur über die Selbstkarikatur lächeln oder versteht er es auch, über das Leben zu lachen? Diese Streitfrage ist ebenso alt wie alle Streitfragen über Charaktereigenschaften der Völker. Polemiken dieser Art gehen nämlich überhaupt von der falschen Voraussetzung aus, daß Charaktereigenschaften der einzelnen Völker genau feststellbar sind und deren Bestimmung eindeutig vorgenommen werden kann, während es in Wirklichkeit in diesem Falle vielmehr auf den Gesichtspunkt, den Umfang und schließlich — die Quelle der Beurteilung ankommt. Weininger zum Beispiel hat die Juden als schlechthin humorlos bezeichnet, indem er dogmatisch einzelne Beobachtungen verallgemeinerte und aus ihnen logische Schlüffe gezogen hat, ohne die Nebenumstände, die zeitliche, örtliche und psychische Beschränkheit seiner Beobachtungen in Betracht zu ziehen. Seine Spekulationen über die Frömmigkeit, die Erotik und den Humor der Juden können nicht ernst genommen werden, erstens, weil er die 'historische Bedingtheit der Situation des Judentums absichtlich außer acht gelassen hat, zweitens, weil er nur einen kleinen Ausschnitt des jüdischen Lebens: den westlichen Affimilantz.'n und Orthodoxen, gekannt, trotzdem aber vom Juden als solchen gesprochen hat, und drittens, weil er in völliger Unkenntnis der jiddischen :tnb hebräischen Literatur, also der ersten Quellen für eine Beurteilung der Eigenschaftei: eines Volkes, weder über die nötige Vorbildung noch über ausreichende Grundlagen verfügt hat, um seine kategorischen Behauptungen beweisen zu können. Humor entspringt aus dem Verglich der Wirklichkeit mit der Idee, wobei die Idee immer stillschweigend als wertvoll v o r a n s gesetzt und die Wirklichkeit als kleinlich, nichtig und bedauernswert geschildert wird. Der Aitzling spielt die Dinge des Lebens gegeneinander aus, der Philosoph wägt Leben und Idee deutlich und genau ab, , der Humorist zeigt das kleine Leben und weist z w ilck UHIHHI