Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2592 (12.5.1926)
- Date
- 1926-05-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 25SL Wen, Mittwoch Wiener Mor^enzeilunst 12. Mai 1926 Seite A LasGeheimnis derPavierbefchasfung Pein- Windischgrätz Über Schultze. — Anklagen gegen die Franzosen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 11. Mai. Gleich nach Beginn des heutigen Vierten Verhandlungstages ersuchte Prinz Windis chg r ä tz den Vorsitzenden, ihm eine wichtige Erklärung abgeben zu lassen/ Nach Zustimmung des Vorsitzenden erklärt der Prinz, gestern den Tod Schulhes gehört haben, weshalb er aus seiner bisherigen Zurückhaltung heraustreten und das bisher bewahrte Geheimnis der Papierbcschafsung preisgeben wolle. Schultze hieß mit seinem richtigen Namen Richard Werner und war der Vertrauensmann der deutschen Papierfabriken, bei deren Verband er für Ungarn auch das sogenannte 2 c - M a t c r i a l verschafft hat. Es ist nun interessant — führt Windischgrätz aus — daß, wenn man mikroskopisch die Kapillarfasern dieses 2c-Materials mit jenem Material vergleicht, mit welchem die Franzosen in großen Mengen die deutschen Fünf- und Z eh n tau scndmarkscheine im Ruhrgebiet gefälscht haben, man daraufkommt, daß cs sich um die ganz gleiche Papi c r m a s s e handelt. Schnitze war nämlich von den Franzosen tu Duisburg gezwungen worden, bei der F ä l s ch u n g d e r F ü n fu n d Z e h n t a us e n d m a r k s ch c i n e zwei Wochen lang behilflich zu sein. Daher kattnte Schultzc das Material sehr genatr. „Ich selbst", fuhr Windischgrätz fort, „war im Ruhrgebiet und habe die damalige Fälschungsaktivn studiert." Sodann wurde Andreas A n d o r eiuvernommen, der sich nicht schuldig bekennt. Seine Aussagen sind von unwesentlicher Bedeutung. Der nächste /Angeklagte, Tibor S ch w e tz, erklärt sich ebenfalls nichtschuldig und sagt aus, daß er dem Bischof Zadraveez einen Eid geleistet habe, die Sache geheim zu halten. Er sei von Mankovics aufgefordert worden, an einer patriotischen Aktion teilzunehmen, die von N a d o s s y und Windischgrätz geleitet werde. Er hatte den Auftrag, nach M a i l a nd zu reisen und tausend Noten dem Andor zu übergeben. . Stephan Winkler erklärt sich gleichfalls für nichtschuldig. Auch es wurde von Mankovics zur Teilnahme an einer irredentistischen Aktion angeworben und dem Obersten J a n k o w i ch vorgestellt, worauf er in die Hände des Feldbischofs Zadraveez den Eid leistete. Jtn Nationalverband erhielt er eine mit Maschinschrift abgefaßte Weisung über die äußeren Formen der Aktion, in der es hieß, daß die Leitung der Aktion unter allen Umständen nicht verraten werden dürfe. Auch der nächste Angeklagte, Enge:: Olchvary, erklärt sich nichtschuldig. Windischgrätz habe ihm gegenüber erklärt, daß die Aktion von der Regierung nahestehenden Kreisen unterstützt werde. Er hatte den Auftrag, nach Wien zu reisen, wo er von der H a u p t p o st Depeschen nach M a i l a n d, Amsterdam , und Kopenhagen an die Emissäre sandte, sofort zurückzukehren, da die Aktion gescheitert sei. Als nächster Angeklagter wird der Vizepräsident des ungarischen. Nationalverbandes, S z ö r t s e h, vorgeführt, Jm „SötieltT. Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat eine Protestvorsammlung gegen das IÜbeln abgchaüen. Diese Versammlung war ein löbliches Unternehmen und ebenso löblich waren die Ennnziationen der deutschen Presse, die ihr folgten. In diesen wie in jener kommt die Entrüstung über die „Bechöhnung der jüdischen Religion" in Theatern, Kabaretts usw. zum Ausdruck, inhaltlich und sprachlich geübt, mit den Mitteln des bekannten, jüdisches Wchen, wiedergeben wollenden, karilkierenden Mtz- und Anokdotengenres. Twtz der ephemeren Bedeutung der gewiß nicht zu Werschätzenden Wirkung dieser Kundgebung, ist sie geeignet, außerordentliches Interesse zu erregen. Ihre Mlichkeit liegt in der den: Kreise, von dem die Protestkundgebung ausgegangen ist, zum Bewußtsein gekornmenen Notwendigkeit, aus der Assimilationslchre die Konsequenz zu ziehen Md den: Assimilationswillen freiere BerwirSlichungsmüglichkiet zu schaffen. -r- Wenn zwei daHjel.be lvollen, ist es beikanntiich nicht immer dasselbe. Die Revolten gegen das Jüdelu ist seibstverständ'ich bei jenen, welche das Judentum bejahet:, ihn: die Fortentwicklungsmöglichkeit zu sichern streben, jedes Surrogat ablehnen, den Weg zmn Urquell das ist zur jüdischen Normalisierung durch Staat und Sprache freilegen. Wenn man sich von einer Krankheit befreien will, so mejnt man auch dje Befreiung von chren Begleiterscheinungen. Das Jubeln ist eine der Begleiterscheinungen der jüdischen Galuchkrancheit. Die Revolte aber von Seiten der änderet: ist neu und symptomatisch für'die Radikalisierung des Assim'ationswillens. Die überraschende Kriegserklärung gegen das Jubeln von Anhängern einer Lchre, die gleichbedeutend ist mit der Auflösung des Judentums, ist die endlich zutage tretende Erkemrtnis, daß zu ihrer vollen Verwirklichung auch die Beseitigung der Surrogate nötig ist. Ihr Kampf gegen den Antisemitismus, im letzten Gmnde ein Kampf gegen das stärkste, der vollen Assimilation enlgegenstchende Henunnis, dehnt sich tun: at:ch auf die jüdischen Dtlrrogate, dieser letztet: kümmerlichen Reste des jüdischen Selbsterhaltungstriebes, aus. Das Jüdeln ist heute an der Reihe. Sie werdet: weitergchen, auch jenes Ding, das sie jüdische „RÄigicn" nennen und das sie heute „verhöhnt" Dauben, in 'den KauWevdtK zichest müssen. Sie Wen riKttz eMmjt, daß her Vie6cr crBtinct! Hotel National Wien, II. 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Windischgrätz schickte ihn zum Generaldirektor der Postsparkassa, Barotz, der ihn: sofort einen Wechsel im Betrag von 4 0 0 M i l li o t: c n Kronen gab, mit dem er die fal-, schen Noten auslöste. Die Verhandlung wird tnorgen mit der Einvernahme des letzten Angeklagten B a r o ß fortgesetzt werden, worauf sodann das Z e u g e n v e r h ö r beginnt. Eine Anträge der Franzosen. Die französischen Emissäre haben noch während der Verhandlung dett Gesandten C l i n ch a n t telephonisch verständigt, welche Bemerkungen Windischgrätz über die Markfälschungen der französischen Behörden im Ruhrgebiet gemacht habe, worauf der französische Gesandte den französischen Vertretern die Weisung erteilte, den Vorsitzender: zu ersuchen, dem Prinzen W i ndischgrätz einet: Ordnungsruf zu erteilen. Präsident T ö r ö k y ist aber der französischen Aufford erung nicht nachgckom men. Hausdurchsuchung bei alldeutsche« Führern. Fm Zusammenhang mit den Fememorden. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 11. Mai. Heute abends wurden von der politischen Polizei bei dem Führer der Alldeutschen, Juistizrat Ela ß, und dem redaktionellen Leiter der „Deutschen Zeitung", SodMst e r n, Hausdurchsuchungen vorgenommen. Wie verlautet, sollen die - Hausdurchsuchungen mit den Fememordp r o z e s s e n im Zusammenhänge stehen. Eine vielsagende amtliche Erklärung. Der Polizeipräsident teilt mit: In letzter Zeit haben sich die Anhaltspunkte für Unternehmungen rechtsradikaler Elemente in so bedrohlicher Weise vermehrt und zur dicke Herr Kohr: urch die beleibte Frau Pollak, die bet den jubelnden Darbietungen in den Vergnügungsstätten von „Raches" zerfließen, auf halbem Wege stehen geblieben sind, zwar die jüdische Würde nicht mehr haben, aber noch eine Art von latentem Wohlgefallen an „Jüdischem", das einerseits die Nichtjuden an das Vorhandensein vor: Juden gernahnt, andererseits diesem für immer den Weg versperrt, selbst zu tverden wie die anderen. Es ist wohl nicht der innere Protest gegen die maßlos dumme und schäbige Verzerrung alles Jüdischen und gegen die iturere Fäulnis derer, die an solchem Gefallen finden, sondern die Angst, es könnt« sich in Antisemitismus und in weiterer Folge in Assimilationsunrnöglichkeit verwandeln. -r- Die Angst ist es, die hier der treibende Motor und gleichzeitig der Konstrukteur eines ergötzlichen — ergötzlich, toetm er für uns nicht so traurig, ja tragisch wäre — circulus vitiosus ist. Denn ebendieselbe Angst ist es, die das Jüdelu mW den Genuß an ihm erzeugt. Es ist die billigste der Selbstvechöhnungsavten. Der SÄbstverhöhner ist sich der Unfähigkeit, andere zur Zielscheibe zu nehmen, zuinnerst bewußt und sucht in: Selbsthohn me Entschädigung für den verlorengegangenen Genuß, m der Hoffnung, sich gleichzeitig auch dadurch selbst aus der Sphäre des Angegriffnuverdens durch andere zu ziehet: — eine zumindest trügerische Hoffnung. Das JDeln ist der Weg, der tveitcrgegangen zum jüdischen Antisemitismus führt, nicht weitergegangen aber ein Erhaltungssurrogat darstellt. Denn als ein Zeichen des krankhaft Jüdischen ist es als solches erkennbar und ruft somit alle bekannten Reaktionen hervor. Angst ist der Vater des Jndolns, Angst di« Bekämpfung seines Vorhandenseins durch den Zentralverein. Die Geister, die die Assimilation gerufen hat, sie wivd sie nm: nicht Ws, solange, sie nicht selbst verschtvunden ist, das heißt solange sie sich nicht selbst aufgibt oder ihr Ziel erreicht hat, umnlich di« Assimllierung. Sie scheint sich fiir das letztere entschließen zu »vollen — sie nimmt det: Kampf gegen die Surrogat« ans. Das ist ein schweres Unternehmen, denn die Surrogate fiub unzählig. Die Angst erzeugt sie und das Jüdeln ist nur eines sau ihyW» pit to Angst »je Angst erfolgreich bekäMssen Gewiß^it verdichtet, daß die Polizei zu Schritten gszwun» gen war, die über dos Maß sorgfältiger Beachtung hinausgingen. Die Polizei hat deshalb eine ganze Reihe von Hausdurchsuchungen bei den in Frage fomntetfoett Persönlichkeiten und Verbänden der Rechtsradikalen vorgenommen. Das bei den Durchsuchungen Vorgefundene Material, das. noch nicht abschließend gesichtet tverden konnte, hat bereits klar erw i e se n, daß sich die Verbände mit po l i t i s ch e n K a m Pfau f g a b e n befassen, die in ihren Satzungen nicht vorgesehen sind. Bei einer führenden Persönlichkeit ist eine Anweisung an die Zentrale ihrer Organisation gesunden worden, worin die Einzelheiten eines konzentrischen Angriffes gegen Berlin geregelt iverden. Der Führer des Sportvereines Olympia, Oberst a. D. v. L u ck, ist auf dem Polizeipräsidium einem eingehenden Verhör unterzogen worden. ^chwarz-rot-gold oder vivwarrweiß-rot. Die FlaggeninLerpettation im Deutschen Reichstag. Berlin, 11 Mai. Wie vot: unterrichteter Seite zur Flaggenfrage verlautet, wird die F l a g g c n v e r o r >d n u n g selbst nicht aufgehoben werben n:rd auch kein entsprechender Erlaß an die auswärtigen Missionen ergehen. Praktisch aber wird die Flaggcnverovdnuivg bis zum 1. A n g u st, man spricht jetzt von: 16. Juli, ui ch t z u r An- Wendung kommen. Das ist, wie versichert wird, schon ans technischen Gründen nicht möglich, weil die Verwendung einer neuen Flagge selbstverständlich an allen in Betracht kommenfoe« Stellen einheitlich von einem bestimmten Termin an erfolgen muß. Man erwartet, daß die Beratungen zur Schaffung einer E i n h e i ts fl a g ge so beschleunigt werden, daß sie bis zum 16. Juli oder 1. August abgeschlossen sind, so daß dann die Verordnung ohneweiters überholt sein würde. Das lebhafte Interesse an der heutigen Sitzung des Reichstages, in der die Flaggenintevpellation auf der Tagesordnung stand, zeigte sich in einem starken Besuch der Tribünen. Auch vor dem Reichstagsgebände hat sich eine große Menge angesammelt. Abgeordneter Dr. Breitscheiü (Sozialdemokrat) begründete die sozialdemokratische Interpellation, die sich gegen die Flaggenverordnung wendet, und führte unter anderem aus: Diese Jnterpellatio:: ist durch die Vereinbarung des Reichskanzlers mit den Regierungsparteien, wonach der Flaggenerlaß zwar nicht zurückgenonrmeu, aber praktisch bis zum 1. August nicht in Kraft gesetzt werden soll, nicht, gegenstandslos geworden. (Lobhaste Ruse: Hört! Hört!) Mr stellen mit Genugtuung den Rückzug des Reichskanzlers fest. Unser Mißtrauensvotum wird wahrscheinlich abgelichnt werden. Aber der Herr Reichskanzler soll sich darüber nicht tauschen. Auf die Dauer kann man von abgelehnten Mißtrauensvoten nicht loben. Es kann der Moment kommen^ wo wir außenpolitische Rücksichten zurückstellen, um diesen Kanzler zu stürzen. Jan Gegensatz zur Resignation der Regierungspartoien 'halten wir an dem Symbol des Reiches fest: Pulver ist schwarz, Blut ist roL golden flackert die Flamme. Der Reichskangler verlas hievanf den Brief des ReichSpräsildenten, und erÄarte, die Reichsvegievung trage hrefür Re volle Berantwort«ng. Die Verordnung sei r» kann, fit dr« AssimÄation unmöglich. Münchhausenist es, der sich am Zopf aus dem Wasser zieht,, z Verschwinden wird das JüdÄn — der unkundige Leser möge es nicht mit „Misch" verwechsÄn, das vom JüdÄn so weit entfernt ist wie ungefähr das Wollen des „Zenttalbereins deutscher Staatsbürger jüdkschen Glaubens" von wiMch Mdischem Wollen — wenn die Anomalien des jüdischen BvKes verschwinden. Nicht der Pwtvst des Zentvawereit:s wird es bewirken, wchl aber die Regenerationsarboit des Zionismus. P. Haller. Rordpolerveditionen in alter 3ett.' Die Sehnsucht, de« Nordpol zu erreichen und die um den Pol gelegenen nördlichen Länder zu erkimden, stamm: keineswegs aus der neuesten Zeit. Byrd hat viele mutige Bor-/ gänger. Schon um das Jahr 320 v. Ehr. hat Pytheas von Mavsllia, dem heutigen Marseille, eine Fahrt unternommen, die allerdings nicht gerade dem Nordpol, aber doch den hoch im Norde» gelegenen unbekannten Meeren und Ländern galt. Pytheas hat auf seiner Fahrt für die damalige Zeit Unglaubliches erreicht und ist bis zur ^Jnfel Thule", worunter wahrscheinlich die Shetlandinseln zu verstehen sind, gelangt. Ueher die sonstigen Ergebnisse dieser kühnen Seefahrt wissen wir nicht viel; überliefer: ist nur, daß Phcheas ungefähr zwei Jahre von der Heimat fern und »mr von wenigen Getreuer: betzleitet war. Die Kunde vor: dem sagenunUvobenen Thule aber hoben seit dieser Fahrt Sänger und Dichter des Abendlandes durch ganz Europa getragen. Bo:: Phcheas bis zu jenen, die gegen Ende des achten :wchchrsstlichen Jahrhunderts Island entdeckten, wissen wir va« Fahrten nach den nöMichen Meeren so viel wie nichts. Ausgedehnte Expeditionen nach den: unerforschten Norden führten wieder zlvei Jahrhunderte später die Wikinger aus, die nn Jahre SW unter Evik dem Roten die Küste Grönlands besetzte n. Große Erfolge hatte zwanzig Jahre später Erik des Roten Bohrt Leis, den: es nach ungeheuren Mühen und>' vielen Opfern gelang, in La'brador und Neufundland zu landen -nnd bis m di« Davis st rqße vorzustoßen. Wiederum verginge» fünf Jahr- Huberte, in denen die Fahrten nach dem Novden fast vSWgj 'Mäh dj» Kunde van ybnen iQdSÖkaeUbaia.