Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2589 (9.5.1926)
- Date
- 1926-05-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Abgeordnete Grünbaum habe näm- Rch, als Dr. Reich gegen Grabskis Behauptungen in der Ngodafrage polemisierte, folgenden Zwischenruf gemacht! „Das ist das Schicksal jedes Kompromißlers. Man betrügt ihn immer." Dieses Vorgehen sei unstatthaft. Präsident Hartglas versprach, auf die Interpellation in nächster Zeit zu antworten. Da die politische Diskussion wegen der ungeklärten Lage aufgeschoben werden mußte, ging man wieder an die Diskussion des Antrages des Abgeordneten Lewinsohn über die Veröffentlichung des genauen Wortlautes der Agoda. Nach einer langen Diskussion, in der einige Abgeordnete gegen die Veröffentlichung im jetzigen Zeitpunkt auftraten, wurde schließlich die Beröffentlichung des Vertrages -es jüdischen Sejmklubs mit der polnischen Negierung mit elf Stimmen beschlossen, während sich der Rest der Abgeordneten der Stimmenabgabe enthielt. . Alle jüdischen Zeitungen in Polen veröffentlichen nun die ihnen vom Präsidenten des Sejmklubs zur Verfügung gestellte Ugoda. Die einzelnen Punkte dieses Vertrages sind auf sechs Bogen in Maschinenschrift festgehalten: und zeigen rechts einen freien Rand, auf dem sich Anmerkungen teils in Maschin-, teils in Handschrift befinden. Diese Randnotizen betreffen die Ergebniste der Konferenzen des Präsidiums des jüdischen Sejmklubs mit der polnischen Regierung. Aus dem ziemlich ausführlichen Text geht hervor, daß die Regierung sich, wenn auch mit sehr gewichtigen Einschränkungen, verpflichtet hat, in wirtschaftlicher Beziehung das Gesetz über die Sonnt ags- , _Wlerie- Morgenzerruna ruhe in bezug auf die Juden zu modifizieren sowie eine Revision der M o n o p o l k o n z e s s i v n e n im Sinne einer ausgiebigeren Verteilung unter die Juden durchzuführen. Ferner hat sich die Regierung verpflichtet, die untergeordneten Behörden zu beauftragen, bei verschiedenen Offertausschreibungen auch die jüdischen Offerten in Betracht zu ziehen. In politischer Hinsicht hat die Regierung sich verpflichtet, die in gewissen Landesteilen bestehenden Einschränkungen der bürgerlichen Rechte für die Juden gänzlich aufzuheben .und eine Zahl von Juden in den Staatsdienst aufzunehmen. Ferner hat sich die Regierung verpflichtet, eventuellen Ver» suchen einer Aenderung der Wahlordnung in die gesetzgebenden und autonomen Körperschaften, die gegen das Interesse der jüdischen Bevölkerung verstoßen würden, entgegenzuwirken. Schließlich hat sich die Regierung verpflichtet, alle eventuell bestehenden Geheimzirkulare in militärischen Angelegenheiten, deren Spitze sich gegen die Juden wenden sollte, auszuheben. In kultureller Hinsicht hat sich die Regierung verpflichtet, eine Verordnung herauszugeben, nach der an gewissen staatlichen Schulen auch der Unterricht in der jüdischen und hebräischen Sprache eingeführt werden soll. Sie übernimmt ferner die Verpflichtung,-einen Numerus clausus als unstatthaft zu erklären. — Der Pakt trägt die Unterschrift des Abg. Dr. Leon Reich. Von Seite der Regierung ist er nicht unterzeichnet. Bisher wurde diese Vereinbarung, was die konfessionelle und kulturelle Seite betrifft, von keiner Regierung realisiert, was den jüdischen parlamentarischen Klub bewogen hat, sich gegen die Regierung in Opposition zu stellen. Ile Regierungskrise in Polen. Die Mission Witos' abermals gescheitert. Warschau, 8. Mai. Abg. Witos, der, wie gemeldet, zum zweiten Male den Auftrag zur Kabinettsbildung erhalten hatte, hat seine Mission nach fruchtlosen Versuchen wiederum in die Hände des Präsidenten der Republik zurückgelegt. Letzterer hat den Sejmmarschall R a t a y ersucht, sich über die Lage zu unterrichten und ihm gegenüber erklärt, er wäre geneigt, die Kabinettsbildung nunmehr einem.Vertreter d e s L i n k sblocks zu übertragen. Hierauf wurden die Vertreter der Sozialisten nach dem Belvedere eingeladen. Ile tschechischen FasMen. Prag, 8. Mai. Auf der Schützeninsel fand eine Versammlung der nationaldemokratisch organisierten Arbeiter statt, die eine Antwort auf-die .kommunistische Maifeier. sein sollte. In der Versammlung-sprach, u. a. der Senator Dyk, der sich zum F a s z i s m u s bekannte. Pin.Redner wies daraus hin, daß die Beamtenregierung unter dein Einfluß der Präsidentschaftskanzlei verdorben worden sei. Es müsse eine nationale Diktatur kommen und grundsätzuehmen. Das Pogrombild in Schalom Alejchems „Mabul" wird nach allen modernsten Gesetzen eines jüdischen Pogroms ausgenommen. Es fehlen weder abgehauene Köpfe noch vergewaltigte Kinder, alles ist da, was die letzten ukrainischen Pogrome so sehr auszeichnet. Frauen stehen da, sehen zu und weinen. „Wozu muß man das noch aller Welt zeigen?" fragt dre eine. „Wie weh ist uns — was von uns schon zu zeigen ist," antwortet seufzend eine andere. Und als der Regisseur es den für den Film pogromierenden Christen beibringen will, wie sie zu schlagen und zu schänden haben, reißen die zusehenden Frauen mit verweinten Augen Witze: „Man braucht sie nicht zu unterweisen, sie können das Handwerk schon allein." „Sie sollen nur zeigen, was sie bei uns in Tetiew gemacht haben . . ." Beim Fluß. Es sind schon kalte Herbsttage. Die Juden lasten sich ruhig in den Kleidern, einige Male in den Fluß werfen. Dafür bekommen sie einen Rubel täglich. Einer von ihnen, ein zappelndes Menschlein, kommt hinzu, zeigt ein fröhliches Gesicht und will alle überzeugen, daß er es nicht wegen des Geldes tut, sondern Schalom Alejchem zuliebe. Er liebt ihn, den Schalom Alejchem, und für ihn ist er alles zu tun bereit. Ein Gespräch über Schalom Alejchem entwickelt sich. Arbeitslose Juden sitzen in einiger Entfernung in schäbig gewordenen Röcken mit ebensolchen Gesichtern. Jeder von ihnen, die ganze jüdische Armut darstellend, sieht zu und kritisiert das Bild. „Das ist nicht so, wie es im „Mabul" geschrieben steht." Sie kennen alle das Werk Schalom Alejchems. Einer nach dem anderen sagt aus dem Gedächtnis einen Monolog Schalom Alejchems herunter und lacht bis zu Tränen. „Oh, oh", wischt der e.ine eine Träne des Lachens aus den Augen, „er ist nicht mehr da, Schalom Alejchem." „Schalom Alejchem selbst fehlt hier", spaßt ein naster Jude, ebm aus dem Fluß gestiegen und noch zitternd vor Kälte, „er selbst müßte beschreiben, was da mit seinem „Mabul" geschieht." „Zehn Jahre schon, daß Schalom Alejchem tot ist," sagt, einen Seufzer hervorstoßend, ein anderer. „Zehn Jahre . . . und was für Jahre . . Solche Gespräche hatten wir in Kassriliwke von den Kasiriliwkern zu hören Gelegenheit. Er fehlt ihnen, Schakom Alejchem, er, das Glied der Familie, den Kassriliwke mit so ängstlicher Liebe geliebt hat und auf den es so stolz Las Wische Museum iu Prag. Zu seiner heutigen Neneröffnung. Das jüdische Museum besteht seit kaum zavei Jahrzehnten und hat doch schon eine ziemliche Geschichte. Es ist eben kein Kind des Ueberslustes, in Reichtum gezeugt, sondern ein in Not geborenes, unter Entbehrungen gro^ezogenes. In Not gehören, in einer Zeit, in der die kostbarste»? Erinnerungen der Juden sta dt, ja die ganze Judenstadt der Spitzhacke weichen mußte, wurde der Grund dazu gelegt, in einer Zelt, in der das Verständnis für Kunst und Geschichte in den weitem sten Kreisen noch sehr gering war, in der Museen und Sammlungen nur durch staatliche Subventionen geschaffen und erhalten werden konnten, in dieser Zeit wurde es gegründet. Und wenn je das Dichterwort vom neuen Leben, das aus den Ruinen blüht, berechtigt war, so ganz bestimmt in bezug aus das jüdische Museum. Aus den R.ninen der Judenstadt, dieses wohl ältesten und bedeutendsten Ghettos Mitteleuropas, entstand eine Sammlung von historischen und künstlerischen Denkmälern der Juden Prags undBöhmens, d'e sich würdig allen ähulicheu Sammlungm.au die Seite st-llt. Bisher waren die Sammlungen in einem Lokal untergebracht, das als Wohnlokal gekaut, nichts Monumentales, ja nicht einmal! etwas Repräsentatives an sich hatte; jetzt ist es in ein Gebäude übersiedelt, das durch seine Lage, durch seine Lage, durch seine Ar chitektonik für das jüdische Museum geradezu prädestiniert ist. so daß der Besucher kaum glauben wird, daß dieses Hans ursprünglich für einen anderen Zweck gebaut wurde. Es ist die chemalige Zeremonieühalle am alten Judenfriedhofe, zehn Schritte von der vom hohen Rabbi L ö tv gegründeten Klans-Synagoge, nicht viel weiter entfernt von Mordochai Meisels Schöpfung, dem jüdischen R a t h a n s e und von der A l t n e u s ch u l. Mitten darin zwischen Friedhof, Klaus-Alineuschul, da ist der richtige Platz für dieses Kind einer neuen Zeit, gewidmet den großen Erinnerungen der alten. Auf einer holzgetäfelten Freitreppe kommen wir in das erste Stockwerk des Museums. Gleich vom Borranm bietet sich uns eine friedliche Perspektive über den großen hohen Saal, der zum größten Teil geziert, ist mit dem einzig dastehenden schmiedeeisernen Gitter aus der ehemaligen Zigeunersynagoge —* einem der kunstvollsten Almemorgitter, die es überhaupt gibt. Hier stehen auch die großen achtarmigen Leuchter aus alten Synagogen, wie das Gitter geziert mit dem Wappen der Prager Judengememde, dem Tavidsschild mit dem Schwe« denhutr hier hängt von der Decke ein Messingluste; i# ungtz- S. Mai 1926 Nr. M: *jßrudM ufyfctbnfi u iEN Vil.KÄISERSTR.W',6.stöck Original J/hriser ^Modelle Jäefail lich die Losung ausgegeben werden: Faust gegen Faust. Nach der Versammlung zog ein Trupp von Arbeitern unter Absingung nationaler Lieder vor die Redaktion dies „Rüde Pravo", doch trieb die Polizei die Demonstranten auseinander. Mit Rücksicht auf die in der letzten Zeit sich wiederholenden faszistischen Exzesse beschloß die Regierung, in Hinkunft strenge Maßnahmen zu ergreifen. Die Vorfälle von P r o ß n i tz sind Gegenstand der Untersuchung. Es wurden Hausdurchsuchungen vorgenomnren, um Eventuell anfbewahrte Waffen ausfindig m machen. _ Faszlftlscher Sturm ln Turin. Faszisten gegen Fasziste». Rom, 8. Mai. Gestern versuchten gegen 9 Uhr abends etwa 30 0A «gehörige de rfaszi st ischenStoßtruppe in Turin, die dortige faszistische Zentrale zu stürmen. Die Karabinieri, die hievon rechtzeitig benachrichtigt waren, suchten die Stoßtruppler von ihrem Vorhaben abzubringen, wobei es zu einem Handgemenge und zu R e v o l v e r s ch ü s s e n kam. Schließlich mußten die Stoßtruppler nachgeben und abziehen. Aus dem Kampfplatz ließen sie mehrere Verwundete zurück. Der Vertrauensmann des FaKzismus für Turin erklärte sich ganz entschieden gegen die Vereinigung der Stoßtruppler und teilte mit, daß diese die faszistische Zentrale nicht mehr betreten dürfen. Jeder Faszist, der sich mit den Stoßtrupplern solidarisch erkläre, solle unwiderruflich aus dem Faszismus ausgestoßen werden. Der Präsekt von Turin hat, wie der „Jmpevo" meldet, die Turiner Vereinigung der faszisiischen Stoßtruppler aufgelöst, well sie die öffentliche Ordnung gefährdet habe. _ Antrittsbesuch des neue» tschechoslowakischen Gesandten. Der neuernannte tschechoslowakische Gesandte Hugo Bavrecka hat gestern dem Bundeskanzler Dr. R am e k seinen Besuch abgestattet. Die Ueberreichung des Akkreditivs beim Bundespräsidenten dürste Ende nächster Woche erfolgen. wöhnlichen Dimensionen, bekrönt von einem Reichsadler, einst die Zier der Ratsistube, der AeÜesten der Judengemeinde. An den Wänden in hohen Vitrinen kostbare Paramente gleich wertvoll durch die alten Brokate, wie durch die fapbrnprächtige RÄiesstickerei. Der Nebenraum ist 'beherrscht von dem überlebensgroßen Brustbilde des Obe rrabbi ners Rappoport, das. Manes zugeschrieben wird, daneben eine Reihe von Bildern der Ahnen der Prager Familie M o s ch e l e s, und wahre Kabinettstücke der Povträtmalerei — das Bild des vor hundert Jahren verstorbenen Prager Rabbiners Eleasar Flecke les und des ehemaligen Predigers im Tempel in der Geistgasse, Michael Sachs. Von den anderen Objekten seien nur erwähnt die Thoralade aus der Zigeunerschule mit ihrem elegant vergoldeten Jnnengitter, der mächtige Zinnschlüstel — das Zunftzeichen der Prager jüdischen Fleischerzunft aus den: Jahre 1620 mit der dazugehörigen Zunftfahne. Durch das bildergeschmückte marmorne Stiegenhaus kommen wir in das Erdgeschoß, in besten großem Seele eine große Bitvine mit allerhand Kostbarkeiten steht. Geräte für den jüdischen Kultus in Synagoge und Haus, wie Thoratrouen, Thoraschmuck, Kadduschbecher, Getvürzbüchsen, silberne Sammelteller, Chanukäleuchter wechseln mit jüdischen Berlobungsringen, Siegelslöcken, silbernen Bucheinbänden u. a. An den Wänden die Bilder hervorragender Prager jüdischer Gelehrter, von der Decke Sabbatlampen, Gwiglichtlamipen. In langen Vitrinen Schaustücke der Schönschreibekunst, eine ganze Reihe verzierter Megilloth, darunter eine mit Stichen des bekannten Prager Kupferstechers Frank, eine aus Pergament geschriebene reich illustrierte Pessachfayada, ein schön getriebenes, farbig verziertes SynagogengedenMch in leuchtender Frische. Daneben älteste Prager hebräische Drucke, ein Gebetb u ch zum Beispiel aus dem Jahre 1618, dessen Titel das Prager 'Stadtwappen ziert die Privilegien für die jüdische Apotheke in Prag mit den Unterschriften Josefs des Ztveiten u. dgl. Eine gapze Vitrine ist gefüllt mit tschechischen und deutschen Flugschriften für und gegen die Emanzipation der Juden. Im Vorranme eine Reihe von uralten Gedenksteinen, zumeist aus der Prager Judenstadt. Es ist unmöglich,,auch nur die bedeutendsten Objekte der Sammlungen hier anzilfi'chren. Die baulichen Adaptierungen stanimen vom Architekten Dr. Fr. Richter, die Inneneinrichtung von den Architekten Otto und Karl K oh n, die Neuaiiordnung von Professor Dr. Liebe«, dem eigentlichen Gründer des Musetims.