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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-08 · Heft 2588 (8.5.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2588 (8.5.1926)
Date
1926-05-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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—f. ® i & Ml. s cm ffiuonwuRu imsgevvokllM. Die ÄuÄaridsmisiioneri solle« m Ankunft neben der osfi-iellm Reichsflagge auch noch die Farben der! Handelsmarine aushangen. Die eine Fahne ist schwarzrot-gold, die andere schwarz-weiß-rot mit einer Goesch. - Unter diesem Wort versteht man das Eckchen, in das die Staatssarbe gedrängt ist. Das ist das Austragsstüberl für die Republik und es könnte fast wundernehmen, daß ihr wenigstens diese Anerkennung zuteil wird. Es war ja, so wird versichert, der Wunsch der Ausländsdeutschen, die die verhaßten Farben von Weimar allzu lebhaft daran erinnerten, daß die Zeiten des Lohengrin mit dem Adlerhelm vorbei sind und daß mit ihnen auch die Weltherrschaftsträume dahingeschwunden sind. Die Vertreter des Reiches beeilten sich, in diesem Sinne an die Vorgesetzte Stelle zu berichten. Die Kinder, sie hörten es gerne, und so entstand die Verordnung und darauf der Streit; die demokratischen Parteien haben das Kriegsbeil ausgegraben und in submissester Ehrfurcht erklären sie, der Reichspräsident sei vom Reichskanzler nicht darüber aufgeklärt worden, welche Wirkung emtreten müßte. Als ob der Reichspräsident darüber noch belehrt werden müßte. Die Beunruhigung ist am stärksten beim Zentrum, dessen führendes Organ allen Beschönigungserklärungen entgegentritt. Vielleicht nicht so sehr aus besonders heißer Sympathie für die als demokratisch verschriene schwarz-rot-goldene Trikolore, als vielmehr in der Angst vor der sich immer deutlicher abzeichnenden Attacke der Nationalen auf Regierung und Macht. Locarno ist vorbei und damit wohl auch der Blütentraum der Koalition; die Reichsregierung hat ihre Meinungen über Völkerbund und ähnliche pazifistische Scherze deutlich kundgetan, als sie den Vertrag mit Moskau Unterzeichnete und damit einen Herzenswunsch der Rechtsbolschewiken erfüllte. Die Annäherung an die Nationalen macht seit Genf sehr rasche Fortschritte und dies dokumentiert sich am sinnfälligsten in der Flaggenverordnung. Sie signalisiert in nicht mißzuverstehender Deutlichkeit, daß der Kurs wieder nach rechts geht und daß die demokratischen Gesten nur ein Zwischenspiel, made in Germany, waren. Das Aviso schließt sich logisch an die Haltung der Regierung in der Frage der Fürstenabfindung an und das deutsche Volk, das nunmehr zur endgültigen Entscheidung über die Ansprüche der Fürsten und ihrer Maitressen aufgerufen wird, erhält ein Zeichen von oben. Die Fahne der Republik erfreute sich schon bis-. lang auch daheim keiner Sympathie. Sie ist der Ausdruck der neuen Zeit und als solcher höchst unpopulär. Sie ist aus Weimar gekommen, wo die neue Verfassung geschaffen wurde; sie soll das Symbol des 'Willens zum Frieden und zum Vergessen sein und neues Vertrauen zwischen Deutschland und seinen gewesenen Feinden schaffen. Das ist ein Ziel, das jedem gut deutschen Mann bis in den Hals zuwider ist. Er soll nicht mehr stramm stehen und Äugen rechts machen dürfen? Er soll einen schlichten Präsidenten statt eines augenrollenden Kaisers an der Spitzes des Reiches sehen! Das ist mit Gott für Kaiser und Vaterland »rühjahr«. Müdigkeit ist eine bekannte Erscheinung, der wir alle mehr oder weniger unterliegen. Solchen natürlichen Vorkommntsien begegnet mm auch ans natürlichem Weget Durch Kräftigung und Anregung des Organismus vaS bekannte Phosphor- Eiweißpräparat, bietet dem Körper alle die Stoffe, die er als Kraftreserven für Muskel und Nerven zm Ueberwindung dieses Zuftanves nötig hat. 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Sie sind seit jeher gewohnt gewesen, jeden Tag die Reden Wilhelms zu lernen und sich an seinen Kraftsprüchen zu ergötzen. Aus der Heimat hören, sie, daß die Juden es waren, die des Reiches Herrlichkeit in demokratischen Plunder gewandelt. Die schwarz-rotgoldene Fahne ist doch nur die Judenfahne und sie stimmt nicht ganz zu dem Inhalt des Deutschland über alles! Sie wird, wenn sie aufgezogen wird, nur zur Irreführung. Das Ausland könnte glauben, daß sich in der Stimmung Deutschlands doch etwas geändert habe. Der Herr Gesandte, der das Reich zu vertreten hat, fühlt sich gleichfalls nicht mehr wohl, seit er nicht an den allergnädigsten Kaiser (und nebenbei noch an irgend einen Herrn von Holstein) zu berichten hat. Man ist'doch feudal, alter Herr eines Korps und sieht die neue Zeit nicht gerne. Er meldet also, man möge doch die alte Fahne wieder herausgeben als Zeichen, daß die knorrigen Eichen noch stehen. Der Herr Präsident tut ihm den Willen. Die Demokraten und das Zentrum werden sich beruhigen. Im schlimmsten Falle kommt nach Luther, der nach Cuno kam, der Graf Westarp. Er wird es sehr gut verstehen, schöne Reden für Locarno zu halten. Die Republik ist in. der Goesch. geringe FriedeasanMte» i» Snglarrd. Die Lebensmtttelverlorgitng ln London wird knapp. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Land»«, 7. Mai. Die Friedensaussichterl; die dank der gestrigen Parlamentsreden groß waren, sind heute nachmittags viel weniger hoffnungsvoll. Beide Parteien haben nun ihre festen Richtlinien. In Regierungskreisen wird erklärt, daß seitens der Arbeiterführer keine Annäherungsversuche gemacht worden seien, die die Hoffnung auf irgend ein Abkommen im gegenwärtigen Augenblick rechtfertiger würden. Die Regierung ist mehr denn je entschlossen kein Friedensangebot in Erwägung zr ziehen, solange der G e n e r a l st r e i k nicht widerrufen sei. Die Exekutive der Bergarbeiter hielt gesterv nachts eine Sitzung ab. Nach den ihr zugekommenen Berichten aus den Provinzdistrikten geht hervor, daß es in den Gruben zu keinen Ruhestörungen gekommen ist. Generalsekretär Cook wird sich auf dem Luftweg nach dem Kontinent begeben, um an dem Kongreß der internationalen Bergarbeiter-Gewerkschaft teilzunehmen. Der Generalrat des Gewerkschaftskongresses hält ständig Sitzungen, aber es ist kein Anzeichen für eine Friedensbewegung vorhanden, obwohl Mac Donald heute erklärt hat, er lasse keinen Augenblick vorübergehen, ohne ihn zu irgend einem Versuch zu verwenden, Mittel für einen Frieden und ein Abkomi-reu zu suchen. Am vierten Streiktage. haben sich die Verkehrsverhältnisje nur wenig gebessert. Um die Wiederholung der gestrigen Zwischenfälle zu verhüten, haben die Londoner Behörden den Verkehr der Autobusse nicht verdichtet, sondern ihre Bemühungen auf die Wiederherstellung des Untergrundbahnverkehrs konzentriert. Gegenwärtig verkehren auf den meisten Linien stündlich vier Züge; auf der Zentralbahn konnte ein Sechsminutenverkehr eingerichtet werden. Der Versuch, auch den Tr am w a y v e r k eh r in London durch Einstellung von Freiwilligen wieder aufzu- . nehmen, wurde von der Menge vereitelt. Die Polizei war gezwungen, von den Gummiknütteln Gebrauch zu machen. Dagegen hat sich die Verpflegung verschlechtert. In einzelnen Stadtteilen Londons ist das Fleisch knapp geworden und gewisse Lebensmittel, wie Kaffee, Butter und frisches Gemüse, waren stellenweise gar nicht mehr zu haben. Die Londoner Geschäftslokale sind leer und die Verkäufer arbeiten mit halber. Dienstzeit und halber Bezahlung. Mehrere Handelsfirmen haben heute ihrem Personal mitgeteilt, daß sie anfangs nächster Woche ihre Betriebe schließen werden, wenn der Streik Montag nicht zu Ende gehe. Iie Wischen Amte im Mittelalter. Bon Dr. Michael Thalheim. Das mit jüdischen Namen dicht besäte Gebiet der Medizin im Mittelalter wurde von einer Reche namhafter Äutoren, wie Graetz, Steinschneider, Carmoly, Landau, H o r o v i tz, Münz und anderen durchforscht. Aus der großen Zahl jüdischer Gelehrter, die unter der Aegide Aeskulaps standen, sei der hervorragendsten gedacht. Wir verlassen die pyrenäische Halbinsel, über ivelche sich die blutige Wolkenschichte schwer gelagert hatte und wenden uns zunächst D e u t s ch l a n d zu. Der erste, historisch nachweisbare jüdische Arzt in Deutschland, „Zauberer und Magier zugleich", war Zedet'ias (starb nnl 880), Günstling des Kaisers Karl des Kahlerr. Am Anfang des 12. Jahrhunderts war der in der Zubereitung v,)n Arzneimitteln geschickte Jude J osua Leibarzt des Erzbischofs Bruno des Ersten von Trier und Meister Simon stand im Dienste des Erzbischofs Boenrund des Zweiter! in derselben Stadt (1354). Von den jüdischen Leibärzten wärerl noch zu erwähnen: Jakob, der (1381) zu derrl Herzog Stephan denr Aelteren nach Bayern berufen wurde, V i v u s, Leibarzt des Herzogs von Berg (1447) und H e r s arrs Hof, der derrl Kurfürsten Albrecht Achilles (1478) bestens ernpfohlen wurde. Ailch Kaiser Friedrich der Dritte (1440 bis 1493) beschäftigte neben den jüdischen Wundärzten Warnch rlnd Michel auch den in den Ritterstand erhobenen gelehrten Arzt Jakob b e n I e ch i e l L o a u s, zu dessen Füßen Johann Reuchlin, der Stolz Deutschlands, als Schüler gesessen ist; der zweite jüdische Lehrer dieses Borkänlpfers der Reformation war O b a d j a S f o r n o, einer der angesehensten Aerzte in Rorn und Bologna. In Anerkennung ihrer Verdienste erfreuten sich die jüdischen Aerzte, wenn sie allch vielfach ausgebeutet und besonders voll der Kirche verfolgt wurden, gewisser Privilegien, die sie oft von allen Zinsen und Abgaben dispensierten und ihre Ansiedlurlg selbst nt solchen Städten gestatteten, in denen sonst den Inden der Aufenthalt verboten lvar. Ja, die jüdischen Aerzte wurden sogar in einzelnen Städten als Kommunalärzte mit einem jähr- . lichen Gehalte angestellt. So der Arzt I o s s e l (um das Jahr 1373) in Basel und dessen Nachfolger, der Wundarzt G u t l e b e n, dann Salomon P l e t s ch (1394) in Frankfurt am Main, fern Nachfolger Isaak Friedrich und der kurfürstliche Wundarzt Baruch in Dresden (1468). Es ist Interessant, daß die Liste der jüdischen Aerzte in Deutschland auch Frauennamen aufzuweisen hat. So erhielt die „I u d e n ä r z t i n" Sara von den: Erzbischof Johann dem Zweiten gegen eine jährliche Steuer von 10 Gulden die Erlaubnis (2. Mai 1419), in Würzburg zu praktizieren und um dieselbe Zeit lebte in Franffurt am Main die besonders als Augenärztin geschickte Jüdin Zerlin. Auch in vielen anderen Städten entfalteten. Jüdinnen ihre segensreiche Tätigkeit als Aerztinnen. -r- Günstiger noch als in Deutschland gestaltete sich die ,Lage der jüdischen Zlerzte in Frankreich, genossen doch die Juderl in dem neugegründeten fränkischen Reiche (496) volles Bürgerrecht. Die Namen der ältesten jüdischen Aerzte, die mit den Fürsten freundschaftlich verkehrten, habeil sich nicht erhalten. Ein von Fürsten, Rittern und Bischöfen hochgeschätzter jüdischer Arzt war Je hu da B e n - S a u l Jbn-Tibbon (geboren um 1120, gestorben um 1190), der wegen der Judenverfolgungen aus Granada nach Südfrankreich ausgewandert war und in Lünel die Arzneikunde betrieb. Der Sohll dieses auch als Uebersetzer tätigen Gelehrten, Samuel (1160 bis 1230). befaßte sich mit den philosophischen Werken der Araber lllld der letzte Tibbonide, Mose s, erwarb sich als Uebersetzer medizinischer Schriften große Verdienste. Als medizinischer Lehrer und Schriftsteller wirkte der jüdische Arzt S ch e m t o b b e n Isaak alls Tortosa (geboren 1206); in seinen Vorlesungen warnte er vor der Verwechslung ähnlicher Heilkräuter und betonte die Notwendigkeit der praktischeil Ausbildung der Aerzte. Schemtob übersetzte mehrere Schriften von den größten medizinischen Autoritäten der Araber, Razi und Zahrawi, und schrieb viel« arabische Werke über Heilkunde in hebräischer Schrift, unl sie splcheu Lesern, die wohl der arabischen Sprache, nicht, aber der arabischen Schrift mqchtig waren, zugänglich zu machen. Auf dem Gebiete der Medizin war auch der hervorragende Gelehrte aus der Provence Levi ben Gerschon (geboren 1288, gestorben um 1345), der Verfasser des religionsphilosophischen Werkes „Milchamot Adonai", tätig. Auch der philosophisch gebildete 'Schriftsteller M oses von Narbonne, Maistro Vidal genannt, befaßte sich mit der Heilkunde urrd schrieb (um 1340) ein Werk über medizinische Aphorismen unter dem Titel „Weg des Lebens". Als hebräische Uebersetzer medizinischer Werke fungierten'Jsra el Caslari in Av ignon und der provencalische Gelehrte I e h u d a Nathan (Maistro Bongodas), der überdies ein Rezeptbuch verfaßte. Der Arzt Isaak ben Todros in Avignon schrieb (1373) eine Abhandlung über die Pest., Aber nicht nur als medizinische Schriftsteller, sondern auch als prattische Aerzte haben sich die Juden besonders hervorgehoben. So praktizierten in Marseille viele jüdische Aerzte, von denen mehrere, wie Salomon M o s s e, C r e sc a s, Vitalis und Salomon O r g i e r, gegen ein bestimmtes Honorar im Dienste der Stadt standen. Ebenso haben die Juden als Hochschullehrer Hervor- - ragendes geleistet. Jakob ben M a ch i r, durch seine astronomffchen Erfindungen berühnrt, war in Montpellier als Lehrer der Heilkunde und der Astronomie tätig. Ueberaus zahlreich sind die hebräischen Uebersetzer französischer Professoren an dieser Universität. Von den jüdischen Leibärzten seien genannt: Sa ms o n, der (1310) zu der kranken Tochter des Herzogs Amadäus des Fünften von Savoyen berufen wurde, dann Baruch A h i n aus Arles, der im Dienste der Königin Johanna, Tochter Ludwig des Zehnten von Frankreich, stand und (1369) von allen Steuern befreit wurde, dann auch zwei Aerzte, welche die Witwe Amadeus des Ochsten behandelteil (1383), und zwar Isaak von Annessi und Jakob von Ciamberi und schließlich noch Abraham Salomo aus St. Maximin, der von seinem Gönner, Grafen Rene von Anjou, von allen Abgaben dispensiert wurde. Erfreuten sich die jüdischen Aerzte in Frankreich trotz mancher harten Bestimmungen seitens der Kirche und der Universitäten, einer allgemeinen Beliebtheit, so fanden sie doch in Italien den fruchtbarste« Boden für ihre segensreich« Tätigkeit. » -

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