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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-07 · Heft 2587 (7.5.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2587 (7.5.1926)
Date
1926-05-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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SStener 7. m 1-26 Helle 8 Äk.'ZM Mea, FrMg Unveränderte Strettlage. Sei« Rachgebev. - Scharte SlkütMatte im Unterhaus. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng.") London, 6. Mai. Die Strc i-klagc ist u n v e rän^er t. Die 'Regierung scheint weiter darauf bestehen zu wollen,- erst dann in Verhandlungen einzu treten, wen« der Streik ei:: g -e sie l l t worden ist. Ter GclverkschaftSrat betont neuerlich, dH ex zu V e rha :: dl n :: ge:: b>e r c i t sei, doch liagt keinerlei Anzeichen fiir den Wunsch des Gewerk- .scha.stskochvess'es vor, sich den Bedingungen der Regierung zu unterwerfen und zunächst den allgemeinen Ausstanv zu widerrufen. Die große Masse der Streikenden gehorcht dem Befehl des Gelverkschaftsrates, sich keinerlei Gewalttätigkeiten zuschulden kommen zu lassen. Die v o r g e fa l l e n e n Ruhestörungen sind ziemlich bedeutungslos. In den Bergwcrkszentren herrscht Ruhe. > Die Verkehrslage f)Jt sich in London verschlechtert, in beit übrigen Teilen Englands aber weiter ge >b e s s e r t. De. Streik der Taxichauffeure wirb nicht vollständig durchge- Dhrt, doch setzen sich alle Personen, die irgend ein Verkehrsmittel benützen, vor Gefahr aus, von herumziehenden Trupps von Streikenden aufgehalten zu werden. In: Lause des heutigen Tages wurden bisher 70 bis 80 Autolbusse, die von Avbeitsfrciwilligen geführt wurden, von Streikenden aufgehilten und Zinn Teil erheblich beschädigt. Gegen die Ruhestörer mußte Polizei aufgoboten werden, die mehrere Berhcvftnngen vornehm. Tagegen lausen aus der Provinz Nachrichten von einer allmählichen Erweiterung der Verkehres mit Hilfe von Avbeitsfreiwilligen ein. Einige Provinzzeitungen erschienen heute in einer Auflage von mehr als 100.000 Blättern, von denen ein Teil nach London-gosandt wurde. Der Paketverkehr eingestellt. Nach einer-Meldung der britischen Postverwaltung ist der g c s a m t e P a k e t v e r k c h r nach und über Großbritannien wegen des Streiks gesperrt. Streikdebatte im Unterhaus. In der heutigen Unterhausdebatte über die Streiklage erklärte Batley (Arbeiterpartei), die Regierung habe die Grubenbesitzer in ihren: Versuch, die Arbeiter auszuhungern, unterstützt. Wenn irgend ein Grubenbesitzer versuchen sollte, die Zechen mit-Streikbrechern zu betreiben, - so werde es Unruhen geben. Der Attorney-General Hogg, der für die Regierung antwortete, bemerkte zu den Aeußerungen Batleys, die Erklärung, daß es gewissen Leuten nicht gelungen sei, ihre Geschäfte weiter zu führen, weil Angehörige von Gewerkschastett ihnen dies verboten hätten, sei die beste Rechtfertigung für die von der Regierung getroffenen Anordnungen. Hardy John es (Arbeiterpartei) erklärte, Hoggs -Schlußworte seien die herausforderndsten gewesen, die im Unterhaus geäußert worden seien.' Der kommunistische Abg. Saklatvala wurde heute zu einer Gefängnis st rase von zwei Monaten verurteilt. Saklatvala, der Montag abends wegen einer im Hydepark gehaltenen Rede verhaftet und dann wieder aus freien Fuß gesetzt worden war, hatte sich heute wegen dieser als aufrührerisch bezeichnten Maifestrede vor dem Gericht zu verantworten. Ta der Abgeordnete ein« provisorische Freilassung gegen Kaution ablehnte, verurteilte ihn das Gericht zu zwei Monaten Gefängnis. Sine Botschaft drr Regierung. London, 6. Mai. Das Regierungsorgan „The British Gazett e", das heute in einem Umfang von vier Seiten erschien, enthält einen Aufruf von Baldwin, der folgenden Wortlaut hat: „Die verfassungsmäßige Regierung wird angegriffen. Alle guten Bürger, deren Existenz und Arbettsmöglichlelt gefährdet sind, mögen mit Geduld und Standhaftigkeit die Härten ertragen denen sie vlötzlich ausg setzt find. Steht f e st hinter d e r N e g t e r n n a, die das Ihre tut, im Vertrauen daraus daß alle Zusammenwirken werden zur Durchführung der Maßnahmen. zur Wahrung der Freiv e t t und der Rechte der Bevölkerung dieser Inseln. E n g« landS Gesetze sind das gemeinsame Erbe 'eines Volkes Diese Geietze sind eurem Schutze anoertraut. Das Pailamen ist ihr Hüter. Der Generalstreik ist eine Herausforderung des Parlaments und der Weg zur Anarchie und zum Ruin." sie Antwort der Seneralrates. In der von dem Blatt der „The British Workers" veröffentlichten Antwort des Generalrates des G e w e r k s ch a f t s k o u g r e s s e s auf die vom Premierntinister gestern im Hause initgeteilten „Friedensbedingungen" heißt es: Der G e n e r a l r a t ist bereit, jeden Augenblick Verhandlungen mit den: Ziele einer ehrenhaften Regelung der Streikfrage wieder aufzunehmeN. Der Generalrat stellt, keine Bedingungen für die Wiederaufnahme freundlicher Erörterungen mit der Regierung über irgendwelche Punkte, kann jedoch „hu jetzigen Stadium", das heißt ohne die Politik zu fenneit, diedie Regierung zu verfolgen beabsichtigt, denr Ersuchen des Premierministers um bedingungslose Zurückziehung der Streikbeschlüsse nicht Nachkommen und beantwortet daher ein solches Ersuchen mit einem u n e i n g e s ch r ä n k t e n N e i n. Mn gelegter Brand in der „Times". In dem Papierlager der Bureaus der „T i m e s" ist heute ein B r a n d a -u s g e b r o ch e n, der schnell gelöscht tvewer: konnte. Wie festgestettt wurde liegt ein Bösw i ll igk ei ts ak t vor. Ruhe an der Londoner Börse. An der Börse herrschte gestern im allgemeinen ziemliche Ruhe. Es wurde die Losung ausgegeben. m ö erlichst diszipliniert \ it bleibe n. Es kam nur zu geringen Verkäufen, zumeist zu festen Preisen. . In den Banken imrb erklärt, daß das Publikum keineswegs beunruhigt sei. Keinerlei Kapitalien seiet: z u r ü ck g e z o ge n worden. auch bestche keine verstärkte Mchfrage nach Dollar, was bomeise, daß das Vertrauen an die enMche Devise unevschüttert geblieben sei. Sie Fürfteveoteisnnng abgelehnt. Der B-ttsentscheW mutz nunmehr durchgeführt werde«. (Ggendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Bttli«, 6. Mai. Fm Reichstag wurde heute in namentlicher Abstimmung der Gesetzentwurf des Zentrums in der Frage -der F ü r st e n a b f i » d u n g mit 282 gegen 105 Stimmen abg e lehnt. Ms dann die namentliche Mftinminng über das Bolksbegchren aus entschädigungslos Fürsterentcignung begirmen sollte, verließ ein Teil der demdkratischen Abgeordneten den Saal, weil sie nicht unter dem Drucke des Fraktionszwanges gegen das Volksbegehren stimmen wollt:::. Die Vorlage selbst wurde mit 236 gegen 148 Stämmen abgelehnt. Darauf erklärte Reichstagspräsident Loebe, daß eine dritte Lesung nicht stattfindet. Die Vorlage werde jetzt unverzüglich der Reichsregierung zurückgegoben werden, damit sie ohne Verzug, wie es in der Verfassung vorgeschriebe« sei, de» Volksentscheid vornehmen lassen könne. Schließlich wurde dann noch der Antrag der Deutschvölkischer: auf E n t e i g n u n g d e r BankundBörsenfürsten a b g e l c h n t. Bei der Abstimmung über den Antrag auf Enteignung der Ostjuden und anderer Fremdst ä m m i g e r blieben die Kommunisten unter dem Gelächter der Rechten sitzen. Vor den Abstimmungen kam es rvährend einer Rede des Sozialdemokraten S ch e i d e m a n n zu Ska:rda l s z e n e n. Scheide manu polemisierte scharf gegen das Hohenzollerrchaus und besonders gegen den letzten deutschen Kaiser. Als er nun davon sprach, an: Hofe dieses Kaisers hätten Verlogenheit, K o r r u P t i o n und B ä u.ch r.u tscherei geherrscht und dieser Fürst habe einmal vom deutschen Bolle gesagt, daß man über ein „deutsches Lumpenpack" regieren muffe, echob sich auf der rechten Seite des Hauses tosender Lärm und die Teutschnationalen verließen geschlossen den'. Sitzungssaal. Kn törkisch-perstscher Rentralltötovertrag. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Angora, 5. Mai. Der t ü r k i f ch - p e r f t 'i ch e N e.u-' t r a l i t ä t s v e r t r a a ist am 22. April in Tehera n u n t e rz e i ch n e t worden. Der Vertrag verpflichtet ied? Partei, ihre N c u t r a l i t ä : aegvbenenfalls mit Waffe ::- gewatl a u 5 r e ch tz u e rha l t e. wenn die andere Partei Krieg führt. ferner aus ihrem 'Gebiete Verein-iMttgen und llnternelhnmngen nicht au dulden, bk sich gegen die öffentliche Sicherheit des anderen Staates richten. Der Vertrag ist aus s-ü n f I a h r e abgeschlossen. Hinrichtung von Sowjeibeamlen. Wegen Spekulationen. Moskau, 6. Mai. (Wolff.) Durch Beschluß des durch eine Regierungsverordnung vom Jahre 1923 mit besonderen Vollmachten zur Bekämpfung von Amtsverbrechen ausgestatteten- Kollegiums sind heute drei höhere Beamte der Valutenabteilung des Finanzkommissariats erschossen worden. Sie standen an der Spitze einer Gruppe von Börsenspekulanten, die durch Herbeiführung einer gesteigerten illachfrage nach Gold und ausländicherr Valuten auf die Senkung des Kurses der Staatspapiere hinavbeiteten. Pariser Eindrücke. Bon Werner Bab. In Paris ist augenblicklich Saison für die Fremden. Die besondere Anziehungskraft besitzt der Franken, der bekanntlich niedrig steht. In sehr wenig liebenswirrdiger Weise hat das jedenfalls der „Matin" vor einigen Wochen betont. Ein Journalist machte sich den Spaß, abends in einen: Rundfährtauto mit den Fremden sich „Paris bei Nacht" anzusehen. Er hat da nicht weiter erschütternde Beobachtungen machen können. Da er deutsch versteht, hat er gehört, wie eine Frau ihren Gatten zärtlich „mein Goldchen" titulierte (was Vorkommen soll) und übersetzt es seinen Lesern in sehr eleganter Weise: petite chose en or! Er glaubte feststellen zu müssen, daß all diese Fremden, Engländer und Deutsche, einer wenig gehobenen Sphäre angehören; Paris, so sagt er, habe ihnen allen ein schönes Osterei beschert: den Traum, reich zu sein. Diese kleinen Boshaftigkeiten sind natürlich nicht so ernst genreint. Was ist schließlich dagegen zu sagen, daß jemand, der nicht zu den oberen Zehntausend gehört, die Konjunktur benützt, um eine billige Reise zu machen; die übrigens doch nicht so billig ist, wie die Sage geht. Es ist eine alte Sache, daß man bei halben Preisen sein Geld doppelt ausgibt. Und was am Hotelzimmer, am Essen, am Wein, an: Fahrgeld gespart wird, das geht in Theaterbilletts, in Rundfahrten, bei Besuchen des Montmartre drauf; und in Trinkgeldern. Aber es ist doch etwas Wahres daran, daß diese Art zu reisen sinnlos ist. Das märchenhafte Unwesen dieser Autorundfah'rten kommt hauptsächlich den Engländern zugute. Da. kann man, wenn man am Vormittag und am Nachmittag je eine Fahrt unternimmt, ganz Paris sehen; ganz Paris, nichts wird ausgelassen. Und wie machen es die Deutschen? Sie gehen auf drei bis vier Tage nach Paris und sehen auch alles, mit dem Endeffekt, daß sie dann schon die endgültige Formel gefunden haben: „Paris ist wie eine-schöne Frau . . ." oder „Paris unterscheidet 'ich von Berlin oder Wien oder London . . * i . Man steht dieser Stadt ratlos gegenüber. Etwas Phantastisches, fast Unmögliches haftet an ihr. Gegensätze birgt sie in' sich, die unverträglich erscheinen. Das gibt es anderswo auch, aber cs tritt nicht so offen zutage: da gibt es diese großartigen Boulevards und ganz elende Gassen; grandiose Paläste aus alter Zeit, vor allem den Louvre, aber auch ganz herrliche Bauten aus den letzten Jahrzehnten, die Oper zum Beispiel; da gibt es Theater jeder Kategorie: die Oper und die Comedie srancaise, erste Bühnen Europas; Revuen, die einen Aufwand zeigen, den man sich nie hat träumen lassen, und Spelunken, in denen Chansons, stilecht oder für die Fremden zurechtgemacht, gesungen werden; da gibt es neben den lauten, von Menschen und Wagen wimmelnden Geschäftsstraßen Alleen, die mit ihren Durchblicken immer aufs neue fesseln: vom Louvre sieht man durch den Tuileriengarteu über den Concordienplatz hinweg bis zu dem Are de triomphe,' der die Champs Elysees abschließt. Alles das und vieles mehr bedingt den Charakter der Stadt, wirkt aber, und das ist das Eigentümliche, 'durchaus einheitlich. Man hat nie das Gefühl, das gehört nicht hierher. Nichts ist unorganisch. Der Louvre, der von Napoleon dem Dritten zu Ende geführt wurde, ist in diesen neueren Teilen kritisiert worden. Aber mag der architektonische Wert dieser Schlußbauteu auch wenig bedeuten, das Gesamtbild dieses größten Museums der Welt wird nicht berühr^ s{s Was ganz besonders überrascht, das :st die Fülle der Schönheiten. Und wie versteht es der Franzose, seine Geschichte zu schreiben! Immer findet er neue, angencessens Formen, die klug.und feinfühlend erdacht sind. Das Grab des unbekannten Soldaten: eine Steinplatte unter dem Triumphbogen, eine Inschrift und aus einer tiefliegenden Schäle empvrloderud die ewige Flamme; unsagbar schön und ergreifend, wenn der Wind in dieses Jener fährt, die Flamme hochtreibt, zerteilt und den Rauch fortweht. Leben und Tod, im Feuer, das glüht und verlöscht, Poetisch tausend:::al symbolisiert: hier hat das Symbol seinen plastischen Ausdruck gefunden. Und die Denkmäler aus alter Zeit! Da ist es ein anderes Grab, im Jnvalidendorn, das die Lebenden einem Toten nahebringt: das Grab Napoleons. Es gehört zur allgemeinen Bildung, daß man eine Photographie .dieses Grabmals gesehsn hat und weiß, daß über dem Eingang der Gruft die PZorte stehen: Je desire que mes cendres reposent sur les bords de la Seine, au Milieu' de ce peuple francais que j'ai tant aime. Aber hier ist ein Beispiel, daß Abbildung, Beschreibung, Wissen nichts gegen das Erleben sind. Dieser Eindruck: Zartheit und Wuchtigkeit, Größe und Tragik, Größe und Untergang und Unsterblichkeit, der läßt sich nicht vermitteln. Auf den berühmten Pariser Friedhofen ruhen hundert und tausend große Männer, im Pantheon die Großen der Nation, aber der-'Größte hat den ganzen Jnvalidendom für sich. Hier hat ein Volk seinem Führer ein Grab bereitetdas das ewige Leben bedeutet. * Seit Ludwig Börne seine Briefe aus Paris schrieb, hat sich diese Stadt tvesentlich verändert. Er würde sie kaum wiedererkennen. Biel, unendlich viel, ist historisch in der Seine-Stadt, die öffentlicher: Bautem die großen Plätze, die Gärten, diese Wunderwerke einer rünstlerischen Entwicklung von vielen hundert Jahren, sind geblieben; mit Pietät und Verständnis hat man den Charakter des Stadtbildes gewahrt, und wo nicht Naturgewalt, Notwendigkeit oder das Temperament des Volkes eingegrisfen habe::, da kann man noch heute stehen bleiben und sich ganz diesen wunderbaren Eindrücken hingeben. Aber die Gesamtwirkung von Paris wird beherrscht vor: den: beispiellosen Verkehr. Vielleicht gibt es in London einzelne Stellen, wo der Wagenverkehr noch mehr konzentriert ist; aber kaum sonst wo in der Welt dürfte sich eine solche Menschenmenge drängen, wie in Paris, zumal zu geivissen Tageszeiten in der Nähe der Großen Oper, der Boulevards. Eine unübersehbare Mengevon Autos, Droschken, Privatwagen, Omnibussen rast durch die Straßen, stockt, bleibt minutenlang stehen; ein Signal, und die Wagenreihe saust weiter. Dabei eine Gewandtheit der Chauffeure, eine Sicherheit des Publikums, als oh dies alles nichts wäre. Und doch ist all dieses Leben nur ein Bruchteil des Verkehrs: unter der Stadt jagen die Ur:tergrundbah::züge in allen Richtungen durch die Tunnels, und man konnyt. mit den: „Metro^ meist schneller zum Ziel, weil es keine Hindernisse gibt. Es. gibt Kreuznngspunkte des Metro, an denen mehrere Linien ühercinanderfahren. Aber was bedeutet das' für Paris, das schm ans der Rönlerzeit seine Katakomben bestzt?,

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