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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-07 · Heft 2587 (7.5.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2587 (7.5.1926)
Date
1926-05-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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S-A8 Me«, Arssiag Wiener Morsettzeitttns 7. M! M6 Nr. 2'87 «ach Wchmamis Besuch. Bon Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem. Mit MizmannS großen beiden Reden auf deM Skopusberge in Jerusalem und. imBeth. Am in Tel-Awiw klingt der diesjährige Besuch des Präsidenten in Crez Israel aus. Welzmann hat am Freitag den 23. April das Land verlassen und begibt sich zunächst nach London, wo Beschluß über die geplante Amerikareise gefaßt werden soll. Man kann nicht sagen, daß Weizmanns beide Reden ein zustimmendes Echo im Jischuw gefunden haben. Das sei zunächst nur referierend^ festgestellt. Die Urteile der Presse unterscheiden sich in diesen Fragen sehr wenig voneinander und stimmen schließlich m dem Wort überein, mit dem der „Boar Hajom" seinen Leitartikel überschrieb: „Enttäuschung". Das schreibt derselbe „Doar Hajom", der im vorigen Jahre den eintreffenden Dr. Weizmann mit einem Hymnus begrüßte und dem Führer bedingungslose Gefolgschaft gelobte. Weizmann kam in eine sehr ungünstige Situation und eine sehr unzufriedene Stimmung des Jischuw. Die lange Reihe unerfüllter Forderungen, von denen jede einzelne' auf das Mandat gegründet werden kann, war gerade kurz vor der Ankunft Dr. Weizmanns durch einen neuen Beschwerdepunkt vergrößert worden, der die Erregung im Lande außerordentlich verstärkt hat, durch die Gendarmeriefrage. Wir haben an dieser Stelle wiederholt diese Frage behandelt und wollen hier mir daran erinnern, daß die palästinensische Oeffentlichkeit hier einmal eine Beeinträchtigung unserer bürgerlichen Rechte, dann aber auch eine direkte Bedrohung der Sicherheit im Lande erblickt. Dr. Weizmann hat wiederholte Unterredungen mit Plu.mer gehabt. Er hat über die in der ersten Unterredung erzielten Ergebnisse dem Waad Leumi referiert, dieser hat mit großer Mehrheit seine Unzufriedenheit mit dem Ergebnis dieser Unterredung zum Ausdruck gebracht, und man hoffte, über diese Frage noch etwas mehr zu hören. Die Jerusalemer Rede Dr. Weizmanns enttäuschte zunächst deshalb viele, weil sie so wenig konkret war und keine neuen Informationen brachte. Das erscheint freilich etwas ungerecht. Es ist noch sehr die Frage, ob nach Tausenden zählende Volksversammlungen das Forum für die eingehende Behandlung dieser komplizierten Frage abgeben können. Klar ist jedenfalls, daß unter der Einwirkung Dr. Weizmanns gewisse Milderungen vorgenommen worden sind, daß doch etwa 30 Juden in die Grenzgendatmerie Üufge- - nommen wurden; aber von einem glatten Widerruf der Maßregel, der allein die öffentliche Meinung befriedigt hätte, ist bisher keine Rede. T' , Dr. Weizmann beschäftigte sich mit der allgemeinen politischen Situation, der Stellung der Mandatarmacht und den politisch-geistigen Strömungen der Gegenwart. Wer die überaus zurückhaltende und überlegte Art kennt, in der Dr. Weizmann diese Gegenstände vor einem größeren Forum zu behandeln pflegt, konnte nicht verkennen, daß eine bei ihm ungewohnte Schärfe des Tones in seinen Aeußerungen über die Mandatarmacht zu bemerken war. Es ist auffallend genug, daß diese Tatsache der palästinensischen Oeffentlichkeit entgangen zu sein scheint. Dre Gegenüberstellung „zeitweiliger Beamter", die nicht das wahre England seien, und des Englands von Balfour, war eigentlich schwer mißzuverstehen, und die Ankündigung, wir würden mit England vor dem Völkerbund „vor Gericht gehen", unterschied sich ebenfalls recht gewaltig von der beschwichtigenden Art, in der Dr. Weizmann noch auf dem letzten Kongreß gesprochen hat. Suchte er damals die Bedeutung des Völkerbundes als nicht übermäßig erheblich darzustellen, so sieht er diesmal im Appell an den Völkerbund doch offenbar die Anrufung der höchsten Instanz, anderen Vorhandensein die Mandatsmacht zu erinnern nicht überflüssig zu sein scheint. Im ganzen kann man nicht leugnen, daß Dr. Weizmann die Berechtigung der Klagen über die Mandatarmacht durchaus anerkennt und daß er die Schritte zu unternehmen beabsichtigt, die der Jischuw von ihm verlangt, also vor allem eine deutliche und klare Beschwerde beim Völkerbund und die Zustimmung zu einer eigenen politischenAktiondesWaadLeumi, bestehend aus einem Memorandum und einer eigenen Delegation nach Genf. In der Zustimmung vor allem zu dem. letzteren Verlangen des Jischuw liegt eine bemerkenswerte Konzession Dr. Weizmanns. * . ' * Es macht sich hier im Grunde eine seltsame Erscheinung geltend: die Unzufriedenheit mit der Mandatsregierung findet in der Unzufriedenheit gegenüber der Zionistischen Exekutive und ihrem Präsidenten Ausdruck, was tzewrß einmal mit dem Fehlen eines verfassungsmäßigen Organs zusammenhangt, das auf die Regierungsmaßnahmen Einfluß nehmen kann, dann aber auch mit der Art und Weise, in der Dr. Weidmann auch diesmal zwar die Berechtigung unserer Forderungen unterstrich, dann aber dazu überging, gegen das jüdische Volk Vorivürfe zu erheben, die vielfach geradezu wie eine Entlastungsoffensive für die Mandatarmacht. wirkten. Nicht an das wiederholt ausgesprochene schmerzliche Bedauern über das Versagen des jüdischen Volkes bei der Finanzierung ist hier gedacht, sondern cm die Verspottung der palästinensischen Protestversammlungen. zümm dieser Teil einen so breiten Raum in Dr. Weizmanns Ausführungen emnahm. Nichts wäre falscher, als zu glauben, daß Revisionisten oder »e Oppositionelle die öffentliche Meinung aufgel Wim « MmaE V (woboda^chuhe fer^ un(J warn nach Mass I«# Singerstrafje 5 / I., Bauernmarkt t schon die Stellung btt Arbeiterschaft beweist, die sonst immer die vorsichtig zurückhaltende Art Dr. Weidmanns unterstützt und die Revisionisten am entschiedensten bekämpft hat. So läßt es sich nicht leugnen, daß Dr. Weizmann es politisch Nicht erreicht hat, das wirkliche Vertrauen des Jischuw wieder zu gewinnen. Freilich enthielt die Tel-Awiwer Rede einen Satz, der dre größte Begeisterung der Versammlung hervorrief und der vielleicht etwas von dem enthielt, was man in Palästina vom Präsidenten der Organisation erwartet hatte. Weizmann erklärte, er habe die maßgebenden Stellen darüber informiert, daß wir in nächster Zeit in Transjordanien zü arbeiten beginnen würden und daß wir dieses Land für O st-Er ez-Israel h i e l t e n. Es ist nicht bekannt, welche realen Bobenkaufs- oder Besiedlungspläne Dr. Weizmann bei diesen Worten im Auge hatte. Klar aber ist, daß er mit dieser Wiederaufnahme unserer Rechte auf Transjordanien, auf die von unserer Seite niemals verzichtet worden ist, eine derjenigen Forderungen erfüllt hat, die seit langem von der Opposition erhoben worden sind. * Me Tel-Awiwer Rede ging im übrigen in der Hauptsache auf kolonisatorische Fragen ein und bildete darin eine Ergänzung zu den Verhandlungen Dr. Weizmanns mit der Leitung der Arbeiterorganisation. Diese Verhandlungen hinterlassen ein außerordentlich bedrückendes Gefühl. Die Referate der Arbeiterführer schilderten Dr. Weizmann die Arbeitslos i gk e i t s k r i s e in Stadt und Land. Dann entwickelte F r u m k i n die Vorschläge der Arbeiterschaft zur Ueberwindung der Krise. Die wichtigsten von ihm m Vorschlag gebrachten Unternehmungen sirw: der Bau der Schchunath Hazafon bei Tel-Awrw, die großen Arbeiten auf dem Djidro-Boden zwischen Haifa und Akko, welche die Entwässerung und den Bau einer Schchunath owdjm auf Keren-Kajemeth-BodeN vorsehen, ferner die Entsumpfungsärberten in der Kischonebene auf dem ganzen neuen Keren-Kajemeth-Boden, die Bewässerungsarbeiten im Emdk, neue Käufe und neue Kolonisation. Was Dr. Weizmann auf diese Forderungen antwortete, läßt sich kurz etwa dahin zusammenfassen, daß er in der Arbeitslosigkeit, in der er das Hauptproblem iick"'^WÄick sieht, eind Folge der zü starken Einwanderung, im letzten Jahren erblickt und deshalb eine Abnahme der Einwanderung für unvermeidlich hält, daß er alle Kräfte zur letzten Anspannung für Keren Hajessod und Keren Kajemeth aufruft und daß er sofortige Schritte zur Erzielung einer Anleihe in Amerika verspricht. Dr. Weizmann betonte, daß die große Nat,i onalanleihe in diesem Augenblick nicht^kommen könne, da der Augenblick dafür noch nicht reif sei, daß er aber an die Möglichkeit einer kleineren Anleihe glaube, die die Inangriffnahme eines Teiles der vorgeschlagenen. großen' Arbeiten im Winter ermöglichen werde. Bemerkenswert. ist die negative Tatsache, daß Dr. Weizmann sich.über hie E r w e i t e r u n g d e r Agency kaum geäußert hat, daß er also offensichtlich der Meinung derjenigen nicht entgegentreten wollte, die diesen Plan als endgültig gescheitert ansehen. Dennoch dürfte nicht daran zu zweifeln sein/ daß Dr. Weizmanns . Amerikareise mit dem Ägency-Plan, sei es seiner Liquidierung oder seiner Wiederaufnahme in anderer Form, .in. Zusammenhang steht. * Die Ergebnisse von Weizmanns Besuch können also kurz dahin zusammengefaßt werden, daß unsere nächste Hoffnung die kommende Völkerbundtagung ist, wo Zionistische Exekutive und Waad Leumi, getrennt marschierend, die ziemlich ansehnliche Zahl unserer Forderungen und Beschwerden gegen das Verhalten der Mandatsregierung Vorbringen werden. Jnnerpolitisch steht das Problem der Arbeitslosigkeit, das wieder unlöslich verknüpft ist mit der Frage nach der Stärke der weiteren Einwanderung, im Zentrum unserer Arbeit. Der Finanzierung des Aufbaues durch die beiden nationalen Fonds und durch den neuen Weg einer Anleihe wird die zentrale Arbeit des Sommers gewidmet sein, um möglichst im Herbst größere Arbeiten in Angriff nehmen zu können. Mn Weizmann-Fnterview. ,Fkein reiner Judenstaat, wohl aber ein palästinensischer Staat." ’ Die „Kölnische Bolkszeituna" veröffentlicht „ den Inhalt einer Unterredung ihres Jerusalemer Korrespondenten mit Dr. Chaim Weizmann; die Unterredung, fand unmittelbar vor Weizmanns Abreise aus Palästina statt. Weizyrann sprach sich ausführlich über die Ziele, die Arbeit und die Erfolge der Zionisten aus, skizzierte die Zwecke der Fonds und gab Daten über die Einwanderung nach Palästina und die Qualität der Einwanderer. Auf die Fragewelche denn die eigentlichen moralischen Triebkräfte seien, antwortete Dr.'Weizmann, estecke in dem Willen der meisten Kolonisten doch etwas Reli» thodoxe Inden zu finden seien. Es gebe eben, namentlich unter den Intellektuellen, sehr viele, die ttttt der Großstadt und ihrem sozialen Elend fertig seien und sich nach etwas Neuem sehnten und bestrebt seienneue, ganz andere Lebensformen und Lebensmöglichkeiten zu finden. Die Gegensätze seien gewiß scharf, aber man Möchte behaupten, daß sich die Synthese zwischen dem Orthodoxen und dem Neinzionisten bereits herau-gebildet habe. Es seien auch offene Gegenströmungen vorhanden, die ebenfalls mit dem Ziele der Kolonisation hervorträten. Jndeß, man verstehe sich gut, nnd wenn man in L o ndon und Frankfurt sich auch heftig auseinander s e tz e — hier draußen in Palästina vertrage man sich doch nnd sei im Letzten einig. Weiters sagte Präsident Dr. Weizmann gemäß der Mitteilung des Interviewers: Was wir wollen, ist im wesentlichen daS: wir wollen — vergleichsweise — dem Judentum einen geistigen nnd moralischen Mittelpn.nkt schaffen, wie ihn die katholische Kirche im Vatikan besitzt. Es soll sich eine jüdische Gemeinschaft in Palästina aufbauen. Wir wollen gute Bürger erziehen, und diese können in allen Ländern ihre Bürgertugenden entwickeln. Unsere Absichten werden mißdeutet. ES wird kein reiner Judenstaat, wohl aber ein palästinensischer Staat entstehen, vielleicht nach dem Vorbilde der Schweiz, in der doch auch drei Nationen friedlich vereint sind , und wo sich das Zusammenleben mehrerer Kulturen reibungslos vollzieht. (Bem. der Red. Es ist sehr zu bezweifeln, ob das Interview hier die Aeußerungen Weizmanns richtig wiedergibt.) Gewiß wird von vielen Juden behauptet, die Judenfrage fei tot gewesen und wir hätten sie törichterweise wieder aufgeweckt. Das ist der Standpunkt der Aengstlichen, und er ist übertrieben. Vergessen Sie nicht, daß in New-Aork jeder fünfte Einwohner ein Jude ist. Ueber die Stellung zu England befragt, sagte Weizmann, diese sei vortrefflich. Die Durchführung des Mandats ist gewiß ein schweres Problem für England, aber bisher sind Ruhe und Sicherheit garantiert. Wir sind guten Mutes nnd voll Vertrauen, und unsere Sache marschiert. Auch im jüdischen Lager werden sich die Gegensätze, die tatsächlich vorhanden sind, ansgletchen. Me neue Fahnenverorduung in 8re» Nrael. Das Jerusalemer Amtsblatt vom 1. April veröffentlicht, wie nunmehr bekannt wird, eine Negierung Verordnung über die Fahnen frage. Es wird darin! bestimmt, daß die Polizei berechtigt ist, das Hisse« oder Ausstellen jeder Fahne und jedes Ab^ Zeichens, das geeignet erscheint, den Frieden nnterder Bevölkerung zu stören, zu verbieten. Jeder Polizeiman kann auf Grund eines solchen Verbotes die Fahne' oder das Abzeichen gewaltsam entferne». Mit dieser Verordnung erlischt die Wirksamkeit de§ im Jahre 1920 in der Fahnenfrage erlassenen Verordnung. Die neue Verordnung bedeutet insofern« eine Verschärfung, als die Verordnung im Jahre 1920 bet Aufzügen und Demonstrationen nur die Benützung von Fahnen, die die Farben irgend eines Staat e s> tragen, verbietet. Die blau-weiße F a h n e, diekeiner Flagge eines Staates ist, fiel nicht unter das Verbot. Dick unausgesetzten Proteste der arabischen Nationalisten gegen das Tragen der jüdischen Nationalfavben und Benützung der blau-weißen Fahne bei ftiedlichen .2lnlässen, haben offenbar die neue Verordnung herbeigeführt. Es kann nunmehr auch die Benützung der zionistische«. Fahne untersagt - werden,, wenn .d e r b e t reffe n da. Polizei beamte findet, daß dadurch der „Frieds unter der Bevölkerung gestört werden könnte." Der Flasgensireit ln Sentfchklmd. Schwarzrotgold und Schwarzweiffrot. Eine Verordnung des Reichspräsidenten Hindenbürg, die vor mehreren Tagen angekündigt wurde, halt! iu den politischen Kreisen Deutschlands . ziemliche Erregung hervorgerufen. Die Verordnung besagt, daß dia> auswärtigen Vertretungen Deutschlands neben der Reichsflagge (schwarzrotgold) auch, die Handelsflaggs (schwarzweißrot mit . einem schwarzrotgoldenem Eckchen^ der sogenannten „G ö s ch") zu hissen haben. Die republlkonischen Parteien, denen diese Verordnung im gegerw wärtigon Augenblick nicht ganz verständlich schien,, erkundigten sich nach dem Grunde. Es wurde ihnen der merkwürdige Bescheid, daß die Maßregel auf Grund von Mitteilungen einiger auswärtiger Vertretungen erfolgt sei, die sich auf die Unbeliebtheit der republikanische« Farben bei den Ausländsdeutschen beriefen. Diese Erklärung wurde von den Demokraten und dem Zentrum mtfc großem Mißbehagen ausgenommen. Sie besagt eigentlich, daß die Republik nicht die Macht besitzt, ihre Vertreter z« dem Bekenntnis zur Republik zu zwingen. Wenn diess Vertreter nicht imstande sind, ihre eigenen Volksgenosse« äufzuklären, so sino sie wohl noch weniger geeignet, de« ftemden Völkern und Regierungen gegenüber die Repus blik würdig zu vertreten. ES drohte ein schwerer Konflikt zwischen der Regierung und den Parteien ihrer Majorität und mau sprach gestern bereits von dem Rücktritt der Regierung Luther- Stresemann. Aber Präsident H i n d e n h n r g läßt rüchy mit sich spaßen, die Verordnung, die er am ö. d. herausgegeben hat, ist vom Reichskanzler gsgengezeichnet worden nnd fie wird vielleicht schon heute kmrdgemacht. Die Demokratie steckt den Degen wieder ein und das Ausland! wird nun wissen, daß die Fahne der Republik eben mvö die Fahne der tzudendorffe ist, die scherztveHe in sine« Ecke mit dem Wmbstmi dar

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