Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2585 (5.5.1926)
- Date
- 1926-05-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Mitttvoch Wiener Mvegenzeitung 5. Mai 1926 «ach dem Brand. Besuch in Mkolsdokf. L NII-rrburg, 4. Mm. I« Auge, welcher in rascher Fahrt von Znaim Nikols-- ourg erreicht, ist daS einzige Gesprächsthema der Brand von Molsburg. Der katastrophale Bmnd hat in der Keinen Stadt mit ihren 7699 Emwchmm die Maistimmung verscheucht. Der Zug führt in einen kleinen netten Bahnhof ein; itzaulberte von Neugierigen strömen der Stadt zu, welche eng angeschmiegt an historische Schloß eingebettet , zwischen zwei sanften Hügeln in der Maisonne zu ruhen scheint. Bon der Ferne merkt man nicht, daß in ihrem Mittelpunkte sin ganzes Viertel zu Asche und Schutt geworden ist. Bor den hellen Häuschen stehet: die Einwohner und diskutieren gest-kulisrend das furchtbare Fanale, das sie erlebt haben. Erschreckt springen sie manchmal zur Seite, wenn ein Auto oder ein Motorrad Laut heulend die Ortschaft' erreicht, um Neugierige zum Brandort zu bringen. Einige steile Straßen und man steht auf dom Brandplatz«. In der Lust spürt man einen leichten. Brandgeruch. In den drei verrauchten Straßen stehen Feuerwehrleitern, Handspritzen, Schöpfeimer in buntem Durcheinander mit modernen Automobilen und anderen Beförderungsmitteln. Der AMick der verbrannten Häuser ist entsetzlich. Aus den ausgebrannten Fenstern gähnt verkohlte Leere, haltverbrannts Hölzer glimmen auf der Straße. Ueber Schutt und Trümmer geht der Weg. Arme Leute schaffen das bißchen gerettete Habe auf kleinen Wagen durch die Straße. Auf den abgebrannten Hausern stehen Maurer, decken Kamins ab und werfen hie letzten Reste von Mauerstücken und Holz -auf die Straße. Noch merkt man genau, wie die Leute ihre Habs durch die Fenster auf die Gaffe warfen. Dort hängt an einem verrauchten FirmenschAde eines Schusters ein.«' halbverbrannt« Matratze. Da liegt in einer schmierig kchligen Wasserlache ein Stück roten Bettzeugs. Zerfetzte Telephondrähte, halbverbrannte Tcklegraphenstangen geben Zeugnis, daß die Menschen hier ihre Armut mit etwas Zivilisation zu decken versucht haben. Reste von Holzbetten/ haV verbrannt, verschiedenes Einrichtungsgerät und immer wieder traurige Leute, welche verzweifelt ihre vernichtete Habe betrachten. Durch die Straßen lansen kleine Burschen' und Mädchen, halten einem kleine Sparbüchsen hin und sagen: „Bitte, eine Spende für die Abgebrannten!" * Ms der Bezirkshauptmann vom Brande svfuhr und als erster auf der Brandstelle einlangte, sprang er in ein Haus, um von da telephonisch die Nachbarorts um Hilfe anzurufen. Vergeblich drohte er die Kurbel des Telephonapparates, plötzlich läutete er auch nicht mehr. Er lief aus dem Haus heraus, hinter ihm prasselte haktverkohltes Holz zu Boden. Die Tele- 1 Phonleitung hatte zu brennen begonnen. i * I Um 3 Uhr nachmittags lief dek junge Hornist der Freiwilligen Feuerwehr durch die Straßen und blies Alarm. Zu dieser Zeit befanden sich die meisten Leute bei einem Begräbnis. Als die ersten Leute zum Hause Nr. 16 in der Quergasse kamen, schossen schon die Feuergarben aus dem Dache. In dem Haufe, wo der Brand entstand, befack» sich zur Zeit nur eine alte Frau. Die Brandursache konnte noch nicht ftstgestellt werden, es scheint a'ber, daß ein aus einem schadhaften Kamins gesprungener' Funken eine A'bfallkiste entzündete. Eine Viertel st un de später stand die ganze Quergasse in Brand'. An sie schließt sich rechtwinklig die Schloß- und die Hauptgaffe an. Nach einer weiteren halben Stunde bildeten diese Häuser ein kompaktes Flammenmeer. Mährend des Brandes konnten die Feuerwehrleute nur schwer in die Gaffen eindringen, da die auf beiden Seiten brennenden Häuser eine Feuerlaube bildeten. Am unangenehmsten war der Wassermangel. Durch ihn wurden die Löscharbeiten bedeutend erschwert. Beim Brande erlitten 32 Personen Verletzungen; darunter sind vier Schwerverletzte. Beim Ausbrrrch des Brandes begannen die Leute ihre Habe durch die Fenster zu werfen, wodurch viele Gegenstände unbrauchbar gemacht wurden, selbstverständlich wurde auf dem Brandplatze viel gestohlen, obwohl der Ordnungsdienst' tadellos funktionierte. # Wir erhalten aus Nikolsburg nachstehenden Aufruf! Ein entsetzliches, in der Geschichte der Stadt Nikolsburg beispiellos dastehendes Schicksal hat sich erfüllt. In weniger als e in er Stunde sind mehr als hundert Häuser ein Raub der Flammen geworden. Der Brand wütete in dem ältesten Teil der Stadt, in der Juden st a d t. Die rasend schnelle Ausbreitung des Brandes erklärt sich aus dem Umstand, daß die Dächer der Häuser meistens mit Holzsch rndel n gedeckt sind und aus den: katastrophalen Wassermangel. Unter den hundert Häusern, die dem Feuer zum Opfer sielen, besrndsn sich 22 jüdische Objekte, deren Besitzer gegenwärtig dem wirtschaftlichen Ruin preisgegeben sirck. Und gerade die Aevmsten der Aermsten, lauter kl sine Leute, die mit der Not des Lübens seit jeher gekämpft halben. Bon dem Brandunglück wurde auch das jüdische Bersorgungshaus betroffen, das arg beschädigt ist. Die Not und das Elend ist unsagbar. Viele Existenzen sind vollkommen vernichtet. Es ergeht an die jüdischen Institutionen und an alle jüdischen Menschen der Ruf, das unsagbare Elend durch Geld und Naturalspenden zu lindern. Wir bitten diese an die jüdische Kultusgemeinde zju senden, die die Berteii'lung an die dom Brand betroffenen Unglücklichen vornehmen 'wirb. , N i kol sbur g, den 3. Mar 1926. Die jüdische Kultustzemeinde von 'Nikolsburg. Der Wettflug zum Nordpol. Neuerliche Verzögerung des Abfluges der „Norge". — Norwegen befürchtet ein Zitvorkommen des Amerikaners Byrd. Wie Ms Oslo gemeldet wird, hat dort der weitere Aufschub der Abfahrt des Amundsenschen Luftschiffes „ftot$e" von Leningrad große Nervosität hervorgemfen. Man beifürchtet, daß Byrd als Erster den Nordpol erreichen wird. In Leningrad herrschen noch immer Schnesstürme und auch die tveitersn Wetteraussichten sind schlecht. Wahrscheinlich wird die „Novge" erst in einigen Tagen Leningrad verlassen können. Inzwischen trifft Byrd' iit Spitzbogen mit größter Schnelligkeit seine Vorbereitungen für den Pols lüg. Die letzten Montierungsavbeiten stehen vor der Beendigung. In Spitzbergen ist das Wetter für Flugnnter- ^chmungen andauernd günstig. Heldentat einer Mischen Polizisten. Aus New-York wird uns geureldet: Ein Feuer, von der Hand eines Brandstifters im Hause 219 Fovsyih Str. gelegt, wäre sicher der Besitzerin Carmelia Pnmaro und ihren drei Kindern verhängnisvoll geworden, wenn nicht der jüdische Polizist Samuel Rosenblatt im letzten Augenblick zu Hilfe gekommen wäre. Der brave Polizist rettete die Mutter und ihre drei kleinen Kinder über die Feuernollsiter, da die Stiegen bereits in hellen Flammen standen. Zweimal mußte RoseMatt in die im Metten Stock gelegene Wohnung oinidringen. Das erste Mal brachte er die beiden Knaben, beim Metten Mal die Mutter und das jüngste Kind in Sicherheit. Gmbenbrand in Saigo-Laria«. Budapest, 4« Mai. Wie erst heute bekannt wird, entstand Sonntag nachmittags in einem Schacht der Salgo-Tarjaner Kohlenbergbaugefellschaft in Dorog sin Grubenbrand, und zwar gerade in jenem Toll des Schachtes, in welchem die Betriebsmaterialien, darunter große Mengen D Y n a m i t und Ekrasii aufbelvahrt werden. Der Feuerwehr gelang es nach dreistündiger' angestrengter Arbeit, eine Jsol'iermaue v um das Dhnamittagsr zu errichten und damit die Gefahr einer Ricsenexplosion zu bannen, die die ganze Grube vernichtet hätte. Der Brand sollst konnte erst nach 36 Stunden gelöscht wrvdey. Ein geheimnisvolle« Giftgas. Warschau, 3. Mai. Die hiesige Polizei ist jetzt eifrig bemüht, das Geheimnis einer eigenartigen Sensation g'u tosen. Ern Hausmeister in der Ülica brazka besaß eine größere Zahl von Fledermäusen und Hunden. An einMr Morgen, als er die Tiere füttern wollte, bemerkte er zu seinem Entsetzen, daß alle tot waren. Zeichen irgend eines gewaltsamen Angriffes waren nicht sestzüsstellen. Um sich zu überzeugen, was die Ursache des plötzlichen Todes aller seiner Tierchen war, rief er einen Tierarzt, der konstatieren konnte, daß die Tiere mit einem geheimnisvollen Gas vergiftet wurden, das ihnen die Eingeweide verbrannt hatte. Chemiker erklärten, daß dieses Gas eine ganz neue, unbekannte Erfindung ist, da es lebende Wesen unbemerkt tören kann. Der Verdacht richtete sich bald gegen einen durch seine Versuche bekannten Chemiker, der in dieser Gegend wohnt, and man vermutet, daß er den Er.sclg ein's Gases an den Tieren des Hausmeisters ausprobieren wollte. Er wurde verhaftet, verweigert jedoch jede Aussage. Eine ehemalige Fudeusiedlung in Nina. Ausstellung von Dokumenten der einstigen, chinesisch-jüdischen Kolonie Kai-Fung-Foo. Wie I. T. A. aus New-Uork meldet, sind in der Ausstellung der Netv-Uorker Volksbibliothek jetzt zum ersten Male Dokumente der verloren gegangenen jüdischen Siedlung iit China, Kai-Fung-Foo, öffentlich zu sehen. Die Kollektion, die Eigentum der vereinigten jüdischen Hochschulen in Cincinnati ist, enthält Gebetbücher, Thovarollen, Manuskripte und Grabsteine aus Kai-Fung-Foo, dieser schon sagelthaft gewordenen jüdisch-chinesischen SiedlitNg, die etwa 950 v. Chr. entstanden sein soll. Ueber beit Ursprung dieser Siedlung weiß man nichts Genaues, allein aus dem Umstand, daß in den Schriften der Kai-Fung-Foo-Juden Elemente des Altpersischen vorhanden sind, schließt man, daß diese Juden über Persi-nl und Turkestan nach China gekommen ioareu. Alte chinesische Schriften aus der vorchristlichen Zeit nehmen Bezug auf diese jüdische SiedlitNg. Dis Dokumente der Kolonie wurden von der Londoner Gesellschaft für Verbreitung des Christentums unter den Juden aus China gebracht. Im Jahre 1850 fanden Mitglieder der Missionsgesellschaft in der Synagoge von Kai-Hung-Foo 12 Thorarollen und 63 Manuskripte, die jetzt Eigentunt des Hehrew Union College sind. Das College erwarb auch die Hylzlade, in der die Thorarolleu ilt Kai-Fung-Foo aufbelvahrt wurden. Gegenwärtig besteht von dieser jüdischen Siedlung nichts mehr als einige Grabsteine, Se-tt 8 MALOWAN TOHM, XAiowvt <ft FSJurz WIEN, I., OPBRNRING U bringt ab 21. d. wieder WT öanz Beuc bertf angsröcke in herrlichsten Dessins sowie neuesten Farben, auf Seide gearbeitet zum Preise von S 150 Aeavings erster Prozeß. Der kürzlich zum Margulis erhobene Lord Reabing ivar, bevor er die Staatskavriere cinfchlug, als Leuchte in der englischen seinem ersten Prozeß. Er hatte einen Kaufmann zu Vevteidigcn, der Rechtspflege weithin begannt. Cr erzählt noch heute gern von einem O b st h ä n d l e r einige Kisten Feigen verkauft hatte, die sich jedoch nach, des letzteren Behauptn«ng als ungenießbar er -• wiesen. Der Wäger wurde von Reading einem-sehr scharfen Verhör unterworfen. Dies machte ihn WieWch so wild, daß er ausrief: Esten Sie mall selber drei von diesen verdammten Dingern mid wenn Ihnen davon nicht übel wind, ziche ich die Küage zurück! Der Verteidiger befand sich nun in einer fatalen Situation, um so mehr, als der Richter ihm diese Lösung des Falles, die ihm salomifch genug erschienen sein mag, warnr empfahl. Jsaacs (so hieß Marquis Reading damals noch) zog sich jedoch aus der SMirge, indem er darauf hinwies, daß, wenn einer die Feigen essen müsse, dies fditt Klient, der Kaufmann sei. „Was geschieht, wenn ich sie nicht esse?" flüsterte der erschrockene Kaufmann seinem Verteidiger zu. „Dann verlieren Sie den Prozeß!" — ,-So. Will ich in Gottes Namen vieMeren!" antwortete der rasch entschlossene Klient. Berbannunli einer Madrider llniveriitäts» drokeffors. Aus B a r c e l o n a wird uns Mtöldet: Der Madriider Univrrfitätsprofessor Jimenez Asua wurde von! der Regiemngi feines Lchramtes und 'Gchälies verliuftig' erklärt Md für unbestimmte Zeit nach der marokkanischen Insel Chasarinas verbannt, Weil er in, der Universität verleumderische, aufreizende Reden/gegen die Regierung gehalten habe, die zu Unruhen und Studentenvechaftun'gen führten. Die Bovgeschichi« dieser Verbannung ist folgende: Unter den Studenten macht sich eine leibhafte Propaganda gegen River, geltend. So wurde die Einweihung des Denkmals von Ramon Acajal in Madrid von den Gegn>rrn der Diktatur M Kund« g e b u n g en benützt, obgleich diese durch Prrmo de Rivera bcD strengen Gefängnisstrafen verboten waren. ' Schon während bet Einweihung in Anwesenheit des Königs versuchten Studenten die Ansprache Primo he Riveras durch Schreien zu verhindern. Nach.der offiziellen Frier fanden sich 500 ManifestMten cm, darunter hervorragende Männer von Kunst, Wissenschaft und Preste, und brachten lebhaft^ H p chrufe a u f die Republik und Schmähungen gegen Primo de Ribera aus. Die städtische Polizei zeigt koinö Lust, eiitzngreisen. Bechaftungen wurden nicht vqrgenommen. Der Erwachende in Zemialem. Ein Horchy^vfftzück als Denunziant. Wie tvir seinerzeit beachteten, wurde der Ingenieur Arpad Tolnai, der iu Jevufalem eine Baukanzlei leiitet, gelegentlich eines Besuches^ in Budapest am 21. Mar 1924 unter der Anschuldigung-verhafte t, in Jerusalem den Horthy und die ungarische Nation gefchlnäht zu haben. Er wurde erst nach einigen Wochen gegen Kaution >in Freiheit gesetzt. " Am Samstag fand m Budapest die VerhaMung gegen Tolnai iu Abweisenheit des Angeklagten statt. Es ergab sich, daß die Anzeige gegen' ihn von dem Ingenieur Michael Szabo, einem gewesenen Horthh-Offizier, erstattet lvorden tvar, dem Tolnay auf.Ersuchen . seines Kompagnons, des Ingenieurs Josef B i r o, eine Stell« in Jerusalem, verschafft hatte. - Die als Zeugin einvernommeue Frau Ludwig P ete rfsy erklärt«, sie f>d6c in Jenisalem in der Gesellschaft mit Tolnai, Szabo nnd Biro rerkchrt, .jedoch die beanstandeten Aeußerungen nie gehört. Pros. Dr. Edmund Beke befand sich in Jaffa, als Szabo eintraf. Es ivar am jüdischen Neujahrs tag und Josef Biro und Frau kamen in Gesellschaft Szäbos i n eine m A u t o m ob i l an, ilvas allgemeine Entrüstung hervorvief. Die dortigen Zeitungen veröffentlichten Angriffe gegen Biro und Frau, die all dem hohen Feiertag, dem religiösen Verbot trotzend, einem Christen zulielbe einen Wagen benützten. Unter einem wnche Arpad Tolnai der Vortvnrs gemacht, lvarum er e i n e n w e i ß e n Offizier (Michael Szabo), be sse n Hand vom Judenblut besudelt fei, die Einreisebewilligung und «ine Stelle verschafft habe.-' Der Verteidiger legt« zwei Schreiben aus Jerusalem vor, in denen Benjamin Klein und Audor Koch ein anschauliches Bild des Zwistes geben. Als die Zeitllngen in Palästina sich mit dem empörenden Einzug am Neujahrstage und mit >der Rolle Tolnais befaßten, der als Jude e i n e m E rwa'chenden und.Teilnehmer an den jüdenfeindlichen Exzessen e.ine Einre lisebsiwill-r- .aung und eine Stelle verschafft habe, ivar