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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-05 · Heft 2585 (5.5.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2585 (5.5.1926)
Date
1926-05-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite c Seit, MitiwoH Wrener Morgenzeitrrns 8. Mai M8 Swoboda-^diuhe fertig und «■» nach Hass I Io $ingerstra$e 5 / I., Bauernmarkt 1 I Beschränkungen für d i e antinationale Presse und stellte schließlich den Antra g, die Regierung möge veranlassen, daß die Zeitungen Sensationsartikel über Gerichtsverhandlungen nur auf der vorletzten Seite bringen und mit einem Titel von nicht mehr als einer Zeile versehen dürfen. Dieser Antrag löste im Hause stürmischeHeiterkeit aus. Inland. Zolltarif und Mietenreform. In dieser Woche wird keine Plenarsitzung des Rationalrates stattfmden, denn man braucht Zeit für Parteienverhandlungen. Die Regierung gedenkt heute, die Beratungen mit der Opposition fortzusetzen. Die Sozialdemokraten verlangen bekanntlich die eheste Erledigung des Angestelltenversicherungsgesetzes, eine raschere Behandlung der Arbeiterversicherung, das Krankenkassenkonzentrationsgesetz und die Verlängerung der Beihilfen für die Arbeitslosen. Nachmittags tritt der Zollausschuß zusammen, um zunächst die Generaldebatte über die zweite Zolltarifnovelle abzuführen. Die Regierung hat schon . vor Cftcr i verlauten lassen, daß die Aenderung weiterer wichtiger Zollpositionen den Parteien überlassen bleibe. Nun hat aber die Opposition damals klipp und klar erklärt, daß keineeinzige Vorlage, auf die die Regierung Wert legt, vom Hause verabschiedet werden wird, wenn die Regierung und die Mehrheitsparteien ihren Wünschen nicht entgegenkommen. Vorderhand sind weder die Mehrheitsparteien noch die Regierung gesonnen, für die Verabschiedung der Zolltarifnovelle der Opposition irgendwelche Konzessionen zu machen. Doktor Seipel hat jüngst in einer Wählerversammlung auf einen zu erwartenden Leerlauf der parlamentarischen Maschine vorbereitet. Er meinte, es sei nicht so, daß die Regierung oder die Mehrheitsparteien die Erledigung dieses oder jenes Gesetzentwurfes brauchen, sondern die Wirtschaft. Die Revision des Zolltarifes brauchen die Arbeiter, die in den betreffenden Betrieben beschäftigt sind, genau so wie die Unternehmer. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, wenn im Parlament die Meinung laut wird, daß sich die Verhandlungen über die Zolltarifnovelle möglicherweise bis Ende Juni hinziehen weiten. Morgen nachmittags tritt der sozialpoliüsche Ausschuß zusammen, um seine Verhandlungen über die Angestelltenversicherungsnovelle fortzusetzen. Von einer Einberufung des Mietenausschusses verlautet vorläufig nichts, doch befallen sich die Parteien sehr intensiv mit der Frage der Mietengesetzreform. Der Vorschlag der Hausbesitzerorganisationen, den 45Ü0fachen Friedensmietzins, den, wie sie sagen, die Meter in den neuen Wohnhäusern der Gemeinde Wien bezahlen, bei der Novellierung des Mietengesetzes festzulegen, findet bei den Abgeordneten der bürgerlichen Parteien Anklang. Wie aber eine geordnete Beratung der Mietennovelle gegen die zu jeder Form der Obstruktion bereiten Sozialdemokraten durchgesührt werden soll, darüber scheinen sich die Mehrheitsparteien noch nicht im klaren zu sein. Gehör gebend —. sie lassen sich den reinen Blick in den unvergänglichen Inhalt den das „Buch der Bücher" in sich birgt, keineswegs trüben. D:e Ehrfurcht, „welche der Bibel" zuteil wird, „verdankt sie ihrem inneren Werte. Sie ist das Buch der Völker, weil sie die Schicksale eines Volkes zum Symbol für alle übrigen anfstellt, seine Geschichte... durch eine Stusenreihe geistiger und irdischer Entwicklungen in die entferntesten Regionen der unermeßlichen Ewigkeit hinauMhrt". Vielleicht sollte Goeth e sich rechtfertigen, daß ex diese Worte in den Text seiner — Farbenlehre mischt; aber am Ende erweist sich auch das Farbenfpektrum der Einzolwissenschasteu als der in Farbenspielen schwelgende Widerschein des einen, in sich einigen Lichtstrahls der Zentralionne: Erkenntnis. * Von der religiösen Grundstimmung über die wissenschaftliche Problematik führt uns der Charakter der Bibelübersetzung zum dritten Element derselben: zum Literarischen. Die Bibel alz Form und Kunst form ist wohl auch eine Kategorie für sich: eine Zier, um den Inhalt geschlungen und mit ihm zutiefst verschlungen, übt sie in ihrer reinen Form auf Gemüt und Sinn chren unwiderstehlichen Zauber; ihm möchte sich auch nicht entziehen, wessen Sinn dem geistigen Gehalt noch verschlossen ble:bt. Martin Bubers und Franz Rosenzweigs neue Bibelübersetzung stellt sich augenscheinlich zunächst in die Kategorie des Literarischen, Künstlerischen. Unbestimmt in ihren anderen Motiven erscheint die Ueberfetzung und überrasch! durch ihre Unmittelbarkeit, Unbekümmertheit. „Um... keinem Urteile vorzugreifen... ohne alle kritische Wehr und Waffen, ohne Streit mit anderen Übersetzern, ohne Anmerkungen und Erläuterungen" — das könnten Bnber und RosenMeig dem ersten Buch ihrer Bibelübersetzung in ähnlicher Meise vorangestellt haben, wie in se:yer deutschen Ueberfetzung dex Ualmerr — MeOelssojn Tagesbericht. Nordaus UebeMrung nach Palästina. Wir schallen folgende Zuschrift aus Paris: Schr geehrter Herr Chefredakteur! Sie gestatten, daß ich mich im folgenden als Kigenzeiig-e und Zionist gegen der: Artikel wende, den etat Herr Andre Aborjan am 27. April unter der Ueberschrift „Max Nordaus Ueberführung nach Palästina" in der „Wiener Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht hat, mtö chn im ganzen wie im einzelnen berichtige: Wenn sich die Zionisten Wiens alljährlich ans Grab Herzls begeben; wenn die Zionistische Organisation die Uebersiihrung der Leiche ihres Begründers nach Palästina in nächster Zeit durchzuführen denkt, wie dies jetzt mit Nordau geschehen ist, wissen wir alle» um was es sich handelt; mt ein „erhabenes und im tiefsten Sinn jüdisches Gleichnis", um „symbolisme pathetiqne et bien juis", wie sich hier Professor Basch am Sarge Nordaus Msgedrückt hat; um das Glctichnis dafür, daß Joses seine Gebeine n'icht in Aegypten bestattet wissen wollte, daß sie Moses mit sich nahm und die Beisetzung zu Sichem das Zeugnis war, daß man ans Ziel gekommen, um das man durch Jahr^hnte gelitten hatte. Die Menschen, die sich am 23. April im Lr-oner Bahnhof versammelt hatten — es waren achthundert bis tausend —, um bei der Einwaggonierung von Nordaus Sarg zugegen zu sein, wußten das alles. Sie standen zwischen bedeutiungslosen Bahngebäudon» waren gut gekleidet, sauber, ruhig und unauffällig. Ich darf deshalb feststellen, daß es unerklärlich ist, wie Herr Lldorjan in „diesem feinsten :n>d elegantesten aller Pariser Bahn- Höfe, von dem die Züge Zu den: sonnenüberflulieten Süden und Kl den Azurküsten der Riviera lausen; unter den prächtigen Arkaden, in den von Luxus prunkenden Hallen, wo sich sonst die Verwöhnten des Lebens; die Genießer, die Amateure und Künstler der Freude herum treiben", . . .»jdüstere Menschengestalten" sehen konnte, „eine zerzauste, schmutzige Menge, arm- und verwahrlost"; „avnres, gedrücktes Voilk, dessen Amiut und Schmiutz trauriger ist als alle Trarrerkleider der Welt". Nochmals: Die Gesinnungsgenossen, aller Richtungen^ die anwesend wären, waren weder zerzaust, noch zersetzt, weder schmutzig noch verwahrlost; sie waren nicht »wahnsinnig aufgeregt"; sie „rannten" nicht „hin und her, als wären sie von einem mystischen Drang ergrisifen"; „in ihren tiefsitzenden Augen, so schwarz wie Kohle, wie Pech, wie Melancholie oder wässerigblau wie Vergißmeinnicht, wie Enttäuschung und Uferlofigkell, erblickte man" nicht wirren Schatten der ausgestandenen. Aengsten (!)" wljör Die geistige Höhe dieses Artikels, die sich schon in e:ner Sprachform wie „Aengsten" ausreichend mMilfestiert, zeigt sich weiter in der zweimaligen Bemerkung, es sind: eigeniuch kein Begräbnis, sondern eine »Obduktion" statt. Es darf demgegenüber erklärt werden, daß es sich auch nicht uim Nordaus „Obduktion", sondern um die Einwaggonierung des exhumierten Sarges gehandelt hat. Es ist ferner falsch, daß Nordau bei Kviegsbaginn ,Muestrierd(!)" und „interniert" worden und „sein Lebensende Äben(?) schnÄer herangerückt" sei. Wie mir Frau Nordau persönlich sagte, hatte er 1914 Frankreich freiwillig mit Spanien vertauscht, wo er fünf Jahre bleiben sollte, ohne daß man ihn hieyr gezwungen hätte; ohne daß er französischer Staatsbürger gewesen wäre, war er mit einem französischen Paß ausgestattet worden. Mit einem Wort, Frankreich hat sich Nordau gegenüber ausgezeichnet benommen. es getan, dem wir diese Worte entnommen haben. Unsere beiden Uebersetzer unterlassen sogar jedes auch nur negative Vornnd Nachwort;-und was wir darüber erfahren, sind lediglich Fingerzeige der Verlagsanzeige. Kommen diese Wegzeichen aus der Werkstatt der Übersetzer? Oder sind es schon Aeußerungen, Urteile publizierter Kritik? „Die Bibel in der rhythmischen Gestalt des Urtextes" — so lautet die eine Ankündigung unter mehreren anderen. Und eine besondere Buchschleife trägt die Ueberschrift: „Die e r st e rhythmisch getreue Uebertragung der Genesis". Wir schlagen das Buch auf und lesen Blatt um Blatt bis zum letzten. Und nun sollen wir urteilen. Versuchen wir es unter dem ästhetischen Gesichtspunkt, so ist es als ein glücklicher Griff der Uebersetzer zu werten, daß sie, sagen wir, in: Ueberschwang sprachkünstlerischen Gefühls und Nachfühlens der biblischen S t i l a r t es unternommen haben, die rhythmische Nachbildung derselben zunl Prinzip ihrer deutschen Uebertragung zu machen. Die Erzählungs f o r m der Bibel — und zumal die der Genesis — ist ja auch ohne alle äußerlich betonte Mittel: Poesie, und in atterz voraufgegangenen Uebersetzungen ist das zumindest in „rhythmischen Wellen" fühlbar; aber die bewußte und kontinuierliche Nachbildung des betonten Rhythmus läßt die Eigentümlichkeiten der Form besonders deutlich hervortreten. Man lese einmal vergleichend neben der sprachgewaltigen Luther-Bibel, neben der tröstlichen Verdeutschung Mendelssohns, Philippsons, die Ueberfetzung Buber-Rosenzweigs: in jenen beruht die Treue gegen das „Wort" vornehmlich auf dessen Schlichtheit, Einfalt; in dieser ohne sich grob dagegen zu vergehen — auf be-' wußt geübter Kunstform. Mit ihr enthüllen sich uns überraschende Besonderheiten in neuer Formenschönheit, und der Sprachnnd Farbenton der Urschrift widerstrahlt in stärkeren Reflexen. Zuweilen' aber geschieht es, daß unsere Uebersetzer in ihrer heißer; Bemühung um das sprachfvrmende Pr in- Und so erfreulich es sich ist, «Here BÄvGMg so MM Kl wissen, daß sie „Mirnailistisch Verwertbar" ist, so UN«ft«k!ch und widerwärtig sind GeischmacklofUkeiten uwd ErlfindunyM wir dir des evwähnten Artikels. Jndain ich Ihne,: für di« Veröffentlichung Indem ich Ihnen für die Veröffentlichung meines Schre» bens bestens danke, bin ich m vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener Dr. Leopold Justh. Der Ausstieg rum Asttstglichen. Bon Senator Dr. Michael Ringel (Lemberg). Ter Zionismus in seiner Fleischwerdung ist der Palästinaaufbart. Die Zionsidee war einst Gegenstand von Leitartikeln in der ziorristischen Presse. Heute ist der Zionismus bereits bi8 in den Handelst«,! der nichtzionistischen, ja sogar nichtjüdischen Presse vorgedrnngen und in feinem Vormarsch beschreiten die handols- und industrietüchtigen Vorposten des Aufbaues sogar den Anoncenteil. In normalen Staaten schützt die Kriegsflogge die Schifffahrt und ben Handel, sie wich aber von ihner: nicht verdeckt. Bei uns entwickeln sie sich unter der friedlichen blau-tveißen Fahne. Aber unsere KriegÄNigcisterung der elften Jahre des Zionismus, den wir als seelische Revolution aufgesaßt haben, als Umwandlung der Juden in Capite et in mcmbris, ist in den letzten Jahren denn aber zu ausschließlich von praktischen Sorgen überschattet worben. Die Hanptstärke des Zionismus war die Ueiberzeugung, daß wir die „alleinseligmachende" Partei im Judentum sind, das heißt, die einzige, welche die radikale Lösung der Judenfrage vechieß. Nicht eine Partei unter anderen, sondern die Partei, welche das ganze lebendige Juden tun: umfaßt. Dieser schimmernde Glanz des zionisiilschen Schildes ist durch zu häufiges Anfasscn durchs schwielige Hände des Alltags znm Teil verwischt worden. , Jetzt nach sechs Lustren seit dein Erscheinen des Indenstaates sehen wir ein: Die Legion muß mobilisiert, die Lücken wieder aufgefüllt werden. Die Feinde müssen wieder an unsere Stärke erinnert werden. Das Ideal des Zionismus verwirklicht sich. Er ist „zur Alltäglichkeit aufgestiegen". Wir müssen aber jetzt einmal wieder in die Tiefen hinabsteigen, wo der lebendige Quell der zionistischen Begeisterung der ersten Herzl-Zeit sprudelt. Wir müssen wieder den Siegeszug der Idee einleiten, wieder mit Feuereifer predigen, wieder Un entschlossene bekehren, wieder Proselyten machen. ‘ Dazu soll der Monat Jjar ausgenützt werden, f Irr Internationale Archäologenkongretz. Ans I eru s a l e m' wirb .gemeldet: Die Delegierten ■ des Internationalen Archäologenkongrestss, die in den letzten Tagen in Petra, der letzten Station in der Tourenfevre, die durch die archäologisch wichtigen Gegenden Palästinas, Syriens und Traitsjorbaniens führte,'geweilt halben, sind wieder nach J e ruf a l oni Fuvüchgekchrt. Damit ist das Kongreßpragramm beendet. Jas zentralwahlkomttee der Wischen Partei in der Slowakei. AuS Preßburg wird uns berichtet: Ins Zentralwahlkomitee der jüdischen Partei wurden die folgenden Herren berufen : Dr. Julius Spitzer, Nove Mesto, Präses der jüdischen Partei; Neubauer, Nove Mesto u/V.; Dr. Leopold N e iß, Nove Mesto n/V.; Emil Neurath/Truava; Karl Deutsch, Trnava; Richard M a g r a n, Truapa; Julius W o lf, Truavazip zu weit gehen. Wir halten bedenklich inm, wenn gleich in den ersten Verszeilen, entgegen dem traditionellen: „Und der Gei st Gottes schwebte über den Mastern", oder nach Mendelssohn: „webend über den Wassern" — uns hier die Neuerung begegnet: „Braus Gottes brütend all über den Wassern" — ob ein derartiges Durchbrechen der Tradition zuliebe rhythmischem Anklang imd Gleichklang, und besonders bei einem Uvwort wie dieses, gerechtfertigt erscheint? Wir stellen die Frage, und weisen nur noch aus ein zweites Beispiel hin in der Erzählung vom Turmbau: treffend, ist die erste Zeile dem Grundtext gemäß nachgebildet: „Auf, backen wir Backsteine und brennen wir sie zu Brande!" Aber mit der zweiten Zeile „So diente ihnen der Backstein zu Baustein nnd der Asphaltleimen diente ihnen zum Ausfüllehm"(!) ist wohl das zulässige Maß spvachkünstlerischer Formung überschritten. Sicherlich wird eine kritische Auseinandersetzung an Einzelheiten dieser Art nicht ohne die ernsteste:: Bedenken vorübergehen können; für uns ist es wichtig, auch diese Einzelfälle unter die allgemeinen Gesichtspunkte zu stellen, die wir hier erörtern. Und so möchten wir abschließend noch darauf Hinweisen, daß die Nenübersetznng der Bibel Buber-Rosenzweigs mit.dem in ihr prävalierenden sprachkünftlerischen Motiv vielleicht auch dem besonderen Zug der Zeit, f o r m g e s ch i ch t l i ch der Bibel gerecht zu werden, Nechnimg trage. Sprachkunst und Sinndeutung müssen ja doch Hand in Hand gehen. Und in: Hinblick auf die Individualität Martin Bubers wie ebenfalls Franz Rofenzweigs möchte ich immerhin der Vermutung Ausdruck geben, .daß sie in der Folge der Uebersetzung weiterer Bände das Wesentliche in ihrer Problemhaften Einstellung zur Bibel uns ebenso wenig vorenthalten werden, wie die triebhafte Grundstimmung, von welcher sie sich zum gemeinsam unternommenen Werk hingetragen wissen.

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