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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-01 · Heft 2582 (1.5.1926) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2582 (1.5.1926)
Date
1926-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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s2*. wwst, IBlHßf ERSBftCmtffAltg Rordaus Ueberfühnmg nach PalWna Parks, 88. April. (I. T. ft.) Der Dampfer ,Lamartine", der den Sarg mit den sterblichen lUebervesten des zionistischen Führet Dr. Max Nordau nach Tel-Mviw in Palästina zu überführen hat, hat bereits den Hafen Von Marseille verlassen. An Bord befinden sich die Witwe Max Nordcms und ihre Tochter, die talentvolle MlUhauerin Maxa. Nvrdau. «e zionistische Krekutive au die FamMe Nordau«. Anläßlich lder Uebeffnhmng der Leiche Nordaus nach Vrez Israel richtete Dr. Eder namens der Zionistischen Exekutive an Mme. Nordau das nachfolgende Schreiben: „L o n d o n, 21. Tlpril 1926. Zu dem feierlichen Anlaß, da das, »vas sterblich ist an Max Nordau, sich auf dem Wege ins heilige Land befindet, um dort die ewige Ruhe zu finden, hat die Zionistische Organisation das Bedürfnis, Ihnen, verehrte Frau und Fräulein Maxa Nordau, den Ausdruck der Hochachtung und der Verehrung für das Andenken an den großen Führer des Zionismus zum Ausdruck zu bringen. Sein Name und die Dienste, die er dem jüdischen Voll! geleistet, bilden, jetzt einen unverwüstlichen Teil der Göschichte unserer Nation. Mr. Josef Cowen Md Mr. I. Naidrisch tverden in Vertretung der Exekutive an der Feier in Paris teilnehmen. In tiefster Verehrung für die Zionistische Exekutive . Dr. Ede'r m. p." Die Rede Josef Cowens. Bei der Feier jn Paris hielt Mr. Josef Cowen die folgende Ansprache: ,^Jch bin heute hier erschienen, um im Namen der Zionistischen Organisation und im eigener: Namen nicht nur Nordau, sondern auch uns selbst zu ehron. Ich will bloß eines hervorheben, um Ihnen einen Begriff von dem Mann zu geben. Vom ersten Augenblick schloß er sich unserem Herzl an, setzte sein hohes Ansehen in der großen Welt — er war der einzige unter uns, der eine Weltberühmtheit war — für das aufs Spiel, was . viele selbst seiner-besten Freunde für eine Verrücktheit hielten. Während des Restes seines Lebens arbeitete er dann mit vollem Herzen durch Worte und durch die Tat für uns, und ich komme soeben aus Palästina und habe die Früchte seiner Worte gesehen. Haben schon seine Worte solche Früchte zu zeitiger: vermocht, wie vieles dürfen wir echoffen, wenn erst seine sterblichen Ueberreste nach Erez Israel überführt sein werden! Als der Zar aller Reußen die Durm geschlossen hatte, sagte der englische Staatsmann Campbell Ban ner man: „Die Duma ist tot, es lebe die Duma!" Es sei mir. die Paraphrase dieser Worte gestattet, .indem ich schließe: Moldau ist tot, lang lebe Nordau!" < Worte Max Nordau«. Die sterblichen Ueberreste Max Nordaus sind unterwegs nach Erez Israel. In diesen Tagen ist das Wirken, des, Altmeisters für sein jüdisches Volk allen gegenwärtig. Die nachstehenden Kernworte, seinen gesammelten zionistischen Schriften und Reden entnommen, ergeben ein Bild der geistigen Persönlichkeit des zionistischen Führers. Der Jude des Westens hat die Emanzipation als wirkliche Befreiung gedeutet und sich beeilt, aus ihr die letzten Folgerungen zu ziehen. Die Völker bedeuten ihm, daß er Unrecht habe, so unbefangen logisch zu . sein. Das Gesetz richtet großmütig die Theorie der Gleichberechtigung auf. Regierung und Gesellschaft üben eine Praxis der Gleichberechtigung, die aus dieser einen Hohn machen, wie die Ernennung Sancho Pansas zum glänzenden Posten eines Vizekönigs der Insel Barataria. Der Jude sagt naiv: „Ich bin ein Mensch und nichts Menschliches erachte ich mir als fremd." Ihm tönt die Antwort entgegen: „Gemach, dein Menschentum ist mit Vorsicht zu gebrauchen; dir fehlen der richtige Ehrbegriff, das Pflichtgefühl, die Sittlichkeit, die Vaterlandsliebe, der Realismus, und wir müssen dich deshalb von allen Verrichtungen fernhalten, die diese Eigenschaften voraussetzen." (Aus der 1. Kongreßrede, 1897.) * Das ist die sittliche Judennot, die bitterer ist als die leibliche, weil sie höher differenzierte, stolzere, feiner fühlende Menschen heimsucht. Der emanzipierte Jude ist haltlos, unsicher in feinen Beziehungen zu den Nebenmenschen, ängstlich in der Berührung mit Unbekannten, mißtrauisch gegen die geheimen Gefühle selbst der Freunde. Seim besten Kräfte verbraucht er ist der Unterdrückung und Ausrottung oder mindestens in der mühsamen Verhüllung seines eigensten Wesens, , denn er besorgt, daß dieses Wesen als jüdisch erkannt werden möchte, und er hat nie das Lustgefühl, sich ganz zu gcken, wie er ist, er selbst zu sein, wie in jedem Gedanken und Gefühle, so in jedem Ton der Stimme, in jedem Augenlidschlag, in jeden:. Fingerspiel. Innerlich wird er verkrüppelt, äußerlich wird er unecht und dadurch immer lächerlich mü> für den höher gestimmten, ästhetischen Menschen abstoßend wie alles Unwahre. (Aus der 1. Kongreßrede, 1897.) * Wer behauptet und glaubt, daß die Juden kein Voll find, der kann in der Dat kein Zionist sein, der kann sich einer Bewegung nicht anschließen, die nur berechtigt ist, wenn sie einem unter anormalen Bedingungen lebenden und leidendem Molke normale Daseinsbedinaunaen schaffen will. Wer dagegen überzeugt ist, daß die Juden ein Volk sind, der muß notwendig Zionist wewen, da nur die Rückkehr in das eigene Land das überall gehaßte, verfolgte und unterdrückte Judenvoll vor leiblichem und geistigem Untergange bewahren kann. (Aus „Der Zionismus", 1908.) * Es gibt keim empfindlicheren Seismographen als das jüdische Voll. Wo immer die Erde wankt, wo immer etwas zusammenbricht und einstürzt, die Juden in den vom Schauplatz der Umwälzung am weitesten entlegenen Gegenden fühlen es sofort. Im neuen Deutschen Reich regt sich der Freisinn, das feudale Junkertum fühlt sich in seiner Alleinherrschaft bedroht, es läßt den Wissenschaftlichen", den „anthropologischen" Antisemitismus los, und die Flutwelle des Raffen-Judenhasses rollt über die ganze Erde. Die Russen erheben sich gegen den Absolutismus, die Reaktion antwortet mit Pogromen, die mit Folter und Mord bedrohten Juden ergreifen in Massen die Flucht, und England gibt das Fremdengesetz, Amerika erläßt grausame Einwanderungsverbote, die britischen und nordamerikanischen Juden sehen in den Augen ihrer angelsächsischen Nachbarn einen Judenhaß aufflammen, den das lebende Geschlecht in diesem Volle nicht gekannt hat. In Frankreich spielt die Kirche mit dem höchsten Einsatz auf den Kopf Dreyfus', sie verliert die Partie, und die Juden in Ungarn schen das Gespenst der Verfolgung und Entrechtung vor sich aufsteigen. Das ist unser Los. Wir müssen vor der Reaktion zittern und dürfen uns über den Triumph des Fortschrittes nicht freuen. Und wenn den Rückschrittsgewalten noch so hart zugesetzt wird, so stark bleiben sie immer noch, daß sie sich an uns rächen können. Und da leugnen Juden die Gemeinbürgschaft aller durch die Länder der Welt verstreuten Bruchstücke des jüdischen Volles! Die englischen Juden müssen fühlen, daß sie mit den russischen Zusammenhängen, die ungarischen werden zu spüren bekommen, daß sie mit den französischen eins sind. (Aus,Ztzrnbeben", 1908.) * Ein morgenländisches Geschichtchen erzählt, ein Schah von Persien habe eines Morgens äußerst mißgestimmt seinen ersten Traumdeuter rufen lassen und ihm gesagt: „Ich habe einen sonderbaren Traum gehabt, der mich beunruhigt. Mir träumte, meine sämtlichen Zähne seien mir ausgefallen. Deute mir diesen bösen Traum!" „In der Tat, ein böser Traum," erwiderte der Trauntdeuter bestürzt, „er kündigt dir an, hoher Herr, daß du den Schmerz haben wirst, alle deine Verwandten sterben zu sehen." „Hiwveg mit dem Dummkopf und verabreicht ihm fünfzig Hiebe auf die Fußsohlen!"^ rief der Schah aufgebracht, „schafft mir einenzweiten Traumdeüter herbei." Dieser Mann kam. Der Herrscher erzählte ihm seinen bösen.Traum. „Ein böser Traum?" rief der kluge Mann frohlockend. „Ein herrlicher Traum! Ein Glückstraum! Freue dich, hoher Herr, denn dir wird verkündet, daß du das Glück haben wirft, alle deine Verwandten glorreich zu überleben." „Das.ist recht," sprach der Schah befriedigt, „Schatzmeister, bezahle meinem treuen Traumdeüter fünfzig Goldtomans." Nach dieser Formel haben die Miffionsmbbiner aus der kirchlichen Brandmarkung eine Bekränzung gemacht, ohne an dem Gedankengang der Kirche etwas zu ändern, und mit Hilfe der dem unerbittlichen Feinde entlehnten Lehre dem Judentun: seinen Nationalcharakter, seine Hoffnung auf eine künftige Wiedervereinigung und auf ein Weiterleben als normales Geschichtsvoll genommen oder zu nehmen gesucht. Das Opfer war gebracht, der Mittelpunktgedanke, der es fast zweitausend Jahre lang zusammengehalten hatte, aus dem Judentum herausgezogen, seine Zerbröckelung eingeleitet. Die östliche Judenschaft allerdings war vom Zerfall nicht berührt und blieb ein nationaler Block. Aber die westlichen Juden rückten demonstrativ von ihr ab und affektierten, die Bezeichnung „polnischer Jude" nur noch als Schmähwort zu gebrauchen.' Züm Lohne, für solche Geschmeidigkeit nach so langer Starrheit erwarteten sie, daß die christliche Welt alle, alten Vorurteile gegen sie vergessen und sie als wirkliche Volksgenossen und Brüder anerkennen werde. (Aus „Das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert"; 1909.) Sin unbekannter Brief Rorvaur. Wir haben in unserer Ausgabe vom 9. d. einen Brief Max Nordaus an den Wiener Schriftsteller Dr. Marek Scherlag zum ersten Male publiziert. Herr Dr. Scherlaa fragte bei Nordau an, ob er diesen vom 21. Mai 1914 datierten, sehr interessanten Brief veröffentlichen dürfe. Er erhielt nun von Max Nordau die nachstehende Antwort, deren Abdruck uns Herr Dr. Scherlag gestattet. Das kurze Schreiben ist für Max Nordau überaus bezeichnend und ein Beitrag zur Charakteristik des Altmeisters. 8, rue Henner, Paris. Zurzeit: W, Furneß Road, Eastbourne, den 31. Mai 1914. Hochgeehrter Herr Doktor! Um Gotteswillen! Eine öffentliche reeantatio! Sie denken nicht daran! So war es auch durchaus nicht gemeint. Ich Lin Individualist in theologischer Ausdrucks- Weste: Ich glaube an Gotteskindschaft, eine einzelne Seele ist mir eine Welt, die Welt. Sie .persönlich überzeugt zu habe«, ist mir alles wert urch. aMgt Wir vollauj. Die m Kennen Sie schon die grandiose Wirkung des \ DIANA FRANZBRANNTWEIN! J«d«r GESUNDE und Jetftr KRANKE wird es Ihnen bestätigen, dass die denkbar beste Wirkung durch DKma-Franzbranntoieln mit Menthol erzielt wird. Ilibcrall «rhältiu'h! verkennbaren namenlosen Physiognomien der Leser einer Zeitung sind mir gleichgültig. Diese braven Leute sollen glauben, was sie wollen. . Herzlichen Dank für Ihr freundliches AnerbietM und aufrichtige Grütze von Ihrem ergebensten Dr. M. Nordau. Re 8dee der Aar-Mio«. Von Leo Motzkin, Präsidenten des zionistischen Aktionskomitees. ' Ich halte den Gedanken der Jjar-Aktion, die der Auflebung der Zionistischen Organisation als solcher dienen soll, für einen sehr glücklichen, und möchte darum die Gründe, weswegen ich diese Tat vom ersten Augenblick an aufs wärmste begrüßt habe, wenigstens in einigen Ausführungen angeben. Es ist dies umso notwendiger, da auf den ersten Blick hin in einem derartigen Versuch ein gewisser Widerspruch zum Wesen der Idee im allgemeinen und zu den Erlebnissen der Träger einer Idee enthalten zu sein scheint. Können wir uns vorstellen, daß das Eintreten für ein Ideal an eine gewisse Zeit im Jahre gebunden sein soll? Eine solche Mechanisierung der zionistischen Propaganda dürfte namentlich diejenigen befremden, welche seit Jahrzehnten in der Bewegung stehen oder gar die Bewegung in ihren Ursprüngen geschaffen haben, für die es eine innere Selbstverständlichkeit ist, ihr ganzes Leben der zionistischen Idee zu widmen, die immer im Bewußtsein leben, daß jede ihrer Aktionen ein Ausfluß, eine Konsequenz, eine Erfüllung ihres zionistischen Jchs sein muß. Weshalb nun glaube. auch ich, obwohl zur. älteren zionistischen.Generation gehörig, die Ankündigung eines Monats für zionistische Propaganda und die Konzentrierung aller Kräfte auf Durchführung dieser Aktion mit Freuden und Genugtuung begrüßen, zu können? Aus einer Reihe von Gründen, die hier gestreift, werden sollen. Vor allen Ding?:: müssen wir'zusammen mit unseren Gesinnungsgenossen alljährlich uns selbst Rechenschaft darüber abgeben, wie weit das Judentum die zionistische Idee in sich ausgenommen hat, müssen wir gleichzeitig einen neuen Anstoß geben, um die zuverlässige Kerntruppe der zionistischen Bewegung durch neue Anhängerscharen denkender und vom Glück der großen'Idee beseelter, Gesinnungsgenossen zu stärken. Dieser Aufgabe können die Kongresse wegen der Fülle ihrer Geschäfte, und die. sonstigen Tagungen nur in beschränktem Maße genügen. Vorbehaltlos und ohne Rücksicht auf Pärteidifferenzen müssen wir uns, alle Teile miteinander, aus unserer Interessengemeinschaft heraus über unsere .heutige Position im Judentum die gegenseitige Klarheit schaffen und mit dieser Rückschau in aller Bestimmtheit die abermalige Formulierung und Begründung unseres Ideals verbinden. Von einer einzigartigen.Selbstlosigkeit getrieben, Haffen wir in den letzten Jahren den. Kämpf für die klare und volle Idee immer mehr zurückgestellt, hatten wir uns mit Teilaktionen des Zionismus begnügt uns immer mehr daran gewöhnt, daran zu glauben-'daß.die Instrumente zur Durchführung des Zionismus oder der zionistischen. Bestrebungen unsere ganze Kraft beanspruchen müssen. Die meisten unter uns haben entweder der Realisierung, des Keren Hajeffod und .des Keren Käjemeth ihre Kräfte gewidmet oder, gewisse nationale.'Teile. der sogenannten. Gegenwartsarbeit zu verwirklichen gesucht, je: es in Form von Aktionen zur Förderung oder, sogar Schaffung des. Hebräischen Kulturlebens, sei es in der Lösung jener Aufgaben, welche mit der nationalen Erhaltung des Juden- . rums als Organismus im Galuth verbünden sind. Wir haben auf der ganzen Linie fesfftellen können, daß die . zionistische Aktivität geradezu überraschende Siege erföchten hat. Kaum merkten wir dabei, wie. sehr wir das StrÄen nach Ausbreitung der zionistischen Bewegung mit allen ihren Attributen und nach Erweiterung der Zionistischen Organisation vernachlässigt haben. Noch im Jahre 1919 legten wir außerordentliches Gewicht darauf, vor der ganzen internationalen Welt, vor dein, jüdischen Volke und nicht zum wenigsten bor uns selbst festzustellen, daß wir über etwa eine Million organisierter Zionisten verfügten. Möglicherweise war diese Zahl ein wenig übertrieben— eine absolute Kontrolle ließ sich unter den damaligen Berhältniffen gar nicht durchführen —, aber nahe daran waren wir und hätten sicherlich die Million stellen können, wenn wir damals unsere Kräfte in diesem Sinne angespannt hätten und nicht immer mehr vom Gedanken erfaßt gewesen wären, daß es auf dje Zahl der organisierten Zionisten nicht mehr besonders ankomme.. Wir glaubten, daß weder unsere politischen, noch unsere wirtschaftlichen Bestrebungen der organisierten Million Seelen bedürfen, wenn wir das ganze Volk umfassen wollen Md die . überwältigende Mehrheit umfaßt haben.' Als dann Wer die Zahl der organisierten Zionisten sehr zusammenschrumpfte, war nicht einmal in den Reihen der Zionisten selbst großer Schrecken tzahrMehmen. Unsere gleichzeitigen Erfolge

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