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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-30 · Heft 2581 (30.4.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2581 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Tagesbericht. Lemberg« Straßenbild. Der schone geräumige Bahnhof erfüllt seineit Zweck, denn tot Lemberg pulsiert das Leben wie einst und durch seine Lage <ßS Großstadt unweit der Staatsgrenze hat Lemberg an Bedeutung zugenommen. Die wichtigsten Bahnlinien kreuzen sich tu Lemberg und die Hauptverkehrsadern vom Osten führen durch Lemberg nach dem Westen. In der großen Einfahrtshalle hat sich nichts geändert, auch die dreisprachigen Aufschriften polmsch-deutsch-rutheNisch Made im Galizien der Monarchie), welche die Durchgangs- Lunnele ^bezeichnen, prange» unverändert wie einst. In der Hast der wechselvollen und schicksalsfchtveren Ereigniffe, die diese Stadt umbrandet haben, ließ man das sprachliche Ueberblerbsel der Monarchie bestehen. Die vergangenen Zeiten überließen noch andere Spuren, wie siebartig zerschossene Verkleidungen mancher Häuser aus der Zeit der ukrainischpolnischen Kämpfe um 'den Besitz der Stadt. Gegenwärtig schreitet Lemberg vorwärts; es hat seinen eigenen Liebreiz. Ein Nebenelnandevbestehen von Gegensätzen. Bewohnt von drei Nationen, erklingen aus der Straße viele Sprachen. Anschauungen des Westens und Gebräuche des Ostens (oder umgekehrt), französische Sitten der Wohlerzogenheit, amerikanisches Tempo machen den Charakter von Lemberg aus. Am höchsten stehen die Restaurants und die Frühstückstuben mit ihren guten, sozusagen hochkultivierten belegten Brötchen. Sie scheinen ewig offen zu bleiben, sind gut besucht, besonders die jüdischen Lokale auch seitens der Polen und Ukrainer. Lewberg ist halb Kleinstadt, halb Großstadt. Alle kennen einander und wisse» von einander Gutes und Böses. Das ist die Kleinstadt. Die Eile der Menschen (nicht der Droschken oder gar der Autos), das lärmende Getriebe will als großstädtisch gewertet sein. Keiner darf auf dem Bürgersteig, in Gedanken versunken, stehen bleiben. Die anderen dulden es nicht. Die anderen sind die Vovbrieilenden oder die Polizei. Auf das amerikanisierte Tempo der Stadt reimt sich doch am besten der amerikanische Dollar. Er ist der alleinige Wertmesser in Lemberg — ist aber rar geworden. Es herrschen Krise, Geldmangel, Arbeitslosigkeit, Steuerlast. Keine Aussicht ans Besserung, doch die Menschen wollen sich nicht unterkriegen lassen. Sie lausen unentwegt, sie hoffen, weinen und lachen, sic unterhalten sich. Für .billiges Geld. Lemberg ist eine billige Stadt. Am frühen Nachmittag versammelt sich die Lembevger WM, oder besser die Menschen, die glauben, sie seien die Welt, in der Konditorei bei Za'leski. Hier muß, man gewesen sein, um die prachtvollen französischen Kuchen zu verzehren, um die lieben Mitmenschen zu scheu oder sich sehen zu lassen. Die Chronique scandaleuse findet hier ihre unverantwortlichen Redakteure. Im Unter'hältungsgewirr findet eine fortwährende Musterschau statt, denn für den Gang in die Konditorei oder ins Kaffeehaus wird in Lemberg .große Toilette gemacht. Zaleski ist international und interkonfessionell. Das noble Kaffeehaus Roma ist es auch, doch ist die Scheidung lokal durchgosührt. In den zwei großen Sälen, die wie zwei Schenkel eines Dreiecks verlaufen, sitzen geteilt Juden und Christen beim Kaffee und Lektüre polnischer, jüdischer, ukrainischer und deutscher Blätter. Ter Ausgang ist gemeinsam, es geht trotzdem ohne Zusammenstöße ab; auch ein Telephon und alles übrige Nützliche eines öffentlichen Lokals ist gemeinsam. Es gibt auch Kaffeehäuser mit Musik oder gar Barieteprogramm. Wo uotfj unlängst das Hauptquartier der Verteidigung im .Steiger-Prozeß aufgeschlagen war, sitzen all- Wskner abendlich ohne Unterschied Leuberger Einwohner Bei. angenehmer MM und Pu'blikumstattz. Ein Sprachengewirr er- Mt dieses Kaffeehaus, oas in Lemberg liegt und sich Warszawa nennt. Eine Kapelle, durchwegs aus Inden bestehend, spielt einen englischen Ja;;, der reinster Wiener Herkunft-ist, -bei dessen Klängen ein Tänzer paar einen Tango aus Rio de Janeiro vorsührt; und eine Sängerin mit starker Lendenpoesie spricht singend einen Schimmy „Cordova"! Bald ver-. flüchtet sich der Traum von Cordova und der Traum von Wien erfüllt diesmal unzweifelhaft alle. Bei Regenbogenlicht dukchflutet's den Saal zart-leise: „Wien, Wien, nur du allein...!" Hier heißt es umgekehrt: „Wien noch in unserem Besitz!" Dieses gesellige, lärmende, lustige Leben der Stadt wirkt nicht belästigend; jeder weiß cs, es ist der Kampf gegen die Mutlosigkeit, die sich der Menschen zu bemächtigen droht, besonders der.jüdischen Bevölkerung, die wirtschatlich und.kulturell der Stadt ihren Stempel aufdrückt. Wie stark muß die -Not sein, wenn sie bereits an den so widerstandsWgen Wurzeln des jüdischen Lebens, an dem jüdischen Familienleben zu .nagen beginnt; die Statistik zeigt, daß 30 bis 40 Prozent der Findlinge der Stadt Kinder jüdischer Eltern sind, die, durch Verzweistung getrieben, dieses Ungeheure wagen! Verläßt man das Cafe de. la Paix, befindet man sich an einem der -derzeit, bekanntesten Punkte der Erde. Hier steht die Straßenläterne -.vor dem Geschäfte Bayer. Ausgangspunkt des Steiger-Prozesses.- Hätte man diese traurigen Ewignisse picht miterlebt, Müßte man glaubendes habe sich um einen fein angelegten i amerikanischen Reklameirm für die Firma Bayer gehandelt,. die in den Gerichtshallen und Zeitungsartikeln ständig genannt wurde. Lemberg leibet- und kämpft, weint und lacht, es Reibt aber leutselig und fidel... In seinem Wappen trägt es den Wabrspruch: Leopolis semper fidelis! Tulo Nassen 5 lat: Eine Dreyfus-AWre in Norwegen? ' Aus O s l ö wird uns gemeldet: Dieser Tage -hat das Osloer Schöffengericht den Advokaten am norwegischen. Oberberufungsi nstitur E. N a t h a n zu 4 5 T a g e p.. G e.f ä n gn i.s verurteilt und ihm überdies die Be sah ig u n g zu r w .e i teren Au sübu n,g d c s A n w a l t b e r u f e s a'b-z ge'sp r och en.Nathan Halle von einem- Klienten, ..eineitt Milchhändler, «i n i g e S i l b e r s ach e it g e (a u f 1, -die. sich als gestohlen herausstellten. -Als der Dieb festgenommen iivar, behauptete er, daß Nathan den wahren Sachverhalt ge-' kannt habe. Nachdem das Urteil verlesen war, fiel der.Angeklagte .in Ohnmacht,. und nachdem er wieder zu sich gekommen, rief er beim Hinausführen: „Jetzt' hat Norwegen se i n e n e rste n D re y j u s - Fa l l b e k o m m e n!" Ausgravilng römischer Gutrhofaniagen in Köln. Köln, 29. April. Bei Erdarbeiten im hiesigen Sportpark wurden die R e st e eine r r ö m i s ch e n Sie dl ü u g freigelegt. Es handelt sich hiebei um einen kulturgeschichtlichen Fund, wie er in dieser Art bisher in Deutschland noch nicht gemacht worden ist. Es soll sich unr die bestcrhaltenen römischen G ü t s h ö fanlagen handeln, die jemals gefunden wurden. Der Gutshof von 250 Meter Durchmesser mit einem Herrenhaus, verschiedenen Badeanlagen, tiefen Kellereien, Speichern, Stallgebäuden und Vorratsräutnen, im ganzen acht Gebäude, wurde etwa 20 bis 25 Zent i.meter u n t e r d e m Ackerboden. ailfgefunden. ' . Unbekannte Briefe Alfons Betzalds. (Pietzolds Bemühungen um d ie ostjüdisch« D i ch t« n g.) Der leider so frühzeitig an der ProletarierkrmMe'it ffestorben-e' Lyriker Alfons- Petz-old war ein Freund des jüdischen Votkes und ein Verehrer der ostMischen Dichtung. Herr Doktor M -a r e k Scher l a g, der in - dankenswerter Weife die nachstehenden an ihn gerichteten Briefe Petzol-ds -der „Wiener Morgenzeitung" zur Veröffentlichung übermittelt, schreibt uns: ..Aus dem Briefwechsel zwischen dem Arbeiterdichter una mir. der sich attf mehrere Jahre erstreckte, sollen hier nur einige Briese, dte sich ans die gemeinsam geplante und voribereitet-e Sammlung .moderner ostjüdischer Lyrik bezichen, mitgeteilt iverden. Aus allen spricht ein reges aufrichtiges , Interesse -des großen Lyrikers ->.-n-d warmen Sozialisten Alfons Petzold für das Judentum." 19. Juli 1916. Lieber Herr Doktor! Heute Mitüvoch ist der langerwartete „Bergsommer" erschiene». Ich suchte Sie vormittags in Ihrem Bureau auf, leider umsvust- So fnitbte ich das Feuilleton sofort an beit meschuggenen Kreuzbergherrn, der noch in Wien feil» soll. Hoffentlich findet es seinen Beifall. Ich habe bis heute .13 jüdische Gedichte nachgedichtet. Herr BlumeNthal, dem ich einige vorlas, ist des größten Lobes. Gegen die Aufnahmen der Uebersetzungen von. . . wehre ich mich sehr. Es fiud sprachlich holprige Verse, mit denen ich Hofmanns" thal nicht komme» kann. Nicht eines der von ihm übersetzten Nosenstld-Gedichte ist einwandfrei im Sinne einer moderne» Nachdichtung. Alle sind sklavisch treu an das Original ge-, brmden und haben keinerlei lyrische» Klang. Dagegen finde ich ihre Uebersetzunge» des Kaplanschen Streckverses gut md möchte nichts dura» ändern. Ich freue Mh sehn«, mich darnach, Ihnen meine Nachdichtungen vorlesen zu Ack wnLrie vas-a-vis dem Eule Richter, Ecke Wartahilferstraße—Ainerliitgstraße. Könnten Sie einen Sprung hierherkvmmeu? Schreibe« Sie mir per Adresse Petzolo bei Dr. Ing. Bamitschegg, 6. Bez., Amerlingstraße 19. Seien Sie -und Ihre liebe Frau Gemahlin herzlich gegrüßt von Ihrem Alfons Petzold-. 2, 24. Juli 1916. Lieber Herr Doktor! Bis heute habe ich 20 Gedichte übersetzt, Die meiste» von Reisen und Rosenfeld. Gerne möchte ich noch mehr von Bialik haben, der nur mit zwei Liedern vertreten ist. Damit Sie ein Bild der Art m-einer dtachdichtung bekomme», sende ich hier eine zugleich mit dem Original von Ihnen. Ich will mit Ihnen und Lia Rosen einen Abeno „Ostjüdische Lyrik" machen, im Rahmen der Veranstaltungen eines großen Bildungsvereitts. Die Leute sind einverstandendamit. Viele Grüße Ihr Petzold. 3. Lieber Freund! Recht schönen Dank für Ihre Besprechung. Bitte! kommen Sie doch bald zu uns. Ich hätte Ihnen fo manches mitzuteilen, darunter einen Fall, der für unsere literarische Zukunft von großer Wichtigkeit werden kann. Eine große Bitte: Ich habe nichts mehr zu lese» und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir aus Ihrer Biblithek etwassenoen würden. Wassermann: Juden von Zirndorf, Sorge: König David und geschichtliches aus der jüdischen Vergangenheit. Mein Judellroman ist zunt ziveitenmal von der Zeltfur verbotell worden. Mit vielen Grüßen' Ihr Alfons Petzolo. ct. Lieber Freund! Anbei mein Schreiben an die Verleger: Sehr geehrter Verlag! Das Interesse für die Kultur des Ostjuden ist in m letzten Zeit in einer Stärke erivqchtz die alle Levölkßnmg»- W. erpr» .1 rühjahrsmüdigkeit ist eine bekannte Erscheinung, der wir alle mehr oder weniger unteriiegen Solchen natürkicken Vorkommnissen begegnet man auch auf natürlichem W-ge r Durch Kräftigung und Anregung des Organismus dabekannte Phosphor Eiweis;präparnt,bietet dem Körper alle die Stoffe, die er als Kraftreserven für Muskel und Nerven zur Ueberwindttug Dieses Zustau-es nötig hat. Fordern Sie von der Firma Bauer & Cie., Berlin SW 43, kostenlos und unverbindlich uir Sie die Broschüre »Wegweiser zu Gesuudheit und Lebensfreude". Senatogen-Packungen von S 2.65 an in allen Apotheken und Drogerien >ilv Iirektor Julius Eisler gestorben. In Lemberg wurde Dienstag den 27. r>. M. unter großer Beteiligung der Jtldenschaft Direktor Julius Eisler zu Grabe getragen. Direktor Eisler erreichte bloß ein Alter voll 55 Jahren nnd ist plötzlich gestorben. Mit Direktor Julius Eisler ist eine der wertvollsten, allderehrtesten Persönlichkeiten des zionistischen Judentums dahingegangen und sein plötzlicher Tod wird tief-betrauert. . Eisler, feiner Abstammung nach ein böhnrischer Jude, wurde in jungen Jahren zur Leitung einer Handelsschule Nach Sambor berufen. Tort lernte er das östliche Judentum kennen und lieben. Ohne selbst noch Zionist zu fein, hat er eine ganze Generation damals schon für den Zionist mus vorbereitet. Zu seinen geliebtesten Schülern zählten die Kinder orthodoxer Eltern und man muß die danmligen Berhäl-tnisse gekannt haben, um es-richtig zu würdigen, daß Eisler als die erste leitende Lehrkraft einer allgemein zugänglichen Schule Galiz-ens durchsetzte, daß diese Kinder mit - bedecktem .Haupte an dem Unterrichte teilnohmen düvfen. Als später die zionistische Partei in Lemberg die K r edi t u n'. o n gründete, 'berief man -ihn, dessen ausgezeichnete Fähigkeiten damals schon - allgemein bekannt waren,' zum - Direktor der Lemberger Kreditunion, trotzdem er selbst sich damals zur Zionistischen Partei noch nicht bekannte. Etsler hat dann ein Netz gleichartiger Institute in Galizien begründet -und sich um die Beru.fsum-schichtnng dadurch außerordentliche Verdienste erworben," da diese Institute Kredite gomährten, um die Juden dem Handwerk zuz'u-sühren. Dann brach der Krieg ans. Eisler rückte etn und diente im österreichischen Heere bis -zum Znsammenbru-ch. ,Die letzte Zeit des Krieges -war er als Offizier in Lemberg dtenftlich beschäftigt und stellte sich hier mit großer Hingabe der zionistischen Bewegnng zur Verfügung. Die ziomstischLn Führer waren datnals alle ern.- gerückt- und von Lemberg abwesend. Eisler hat das zionistische Erbe verwaltet, um es dann .ungeschmälert -den Führern a-uszu-händigen. Einige, Tage vor dem Zusammenbruch ernannte Eisler die große Gefahr, von der das-Judentum durch kreise zwingt, sich intensiver als früher mit den Kulturausdrücken dieses Volkes abzugeben. Vor allem ist es die Literatrer, die dem Westeuropäer einen Einblick gewährt« Die Uirterzeichneten haben es nun versucht, die Jargonlyrik des Ostjnden in Nachdichtungen dem deutschen Volke zugänglich zu machen und haben. zu diesem Zwecke 70. Gedichte der bedeutendsten Vertreter der modernen oft-' jüdische» Lyrik sinn -und forrngemäß übersetzt, Das Vor-« wort zu diesem Büchlein hat der jüdische Dichter unck Schriftsteller Meisels geschriebere, einer der besten Kenner jüdischer Literatur. Die Sammlung soll Martin Buber ge* widmet sein. Wir erlauben uns die Anfrage, ob Sie geneigt wärem, 'zwecks eventueller Annahme des Atannskriptes, dieses einer geneigten Prüfung unterziehe» zu wollen. Das Manuskript steht Ihnen jederzeit zur Verfügung. Es unterzeichnen sich hochachtullgsvott 5. Lieber Freund! Gerade heute schreibt mir eiu bekannter jüoischey Schriftsteller in der Schweiz, , der mein Freund ist daß er sich für die Jargvngedichte sehr interessiert und mir vielleicht einen Verleger verschaffen kann. Er bereitet auch im Lausauner Stadttheater einen. Petzold-Abend vor, der mein Stück — der lyrisch-dramatische Einakter, an dem ich schreibe, -aufgeführt wird. Die Einleitung wird er sprechen und Schauspieler meine Gedichte vortragen. Ich habe jetzt glücklich eine Bronchitis bekommen und huste wie Rei»* hold, der Müller. Ich möchte sehr gerne mit Ihnen wieder plausche» können. Mit herzliche» Grüße» Ihr Alfons-Mold; 6. Lieber Herr Doktor!- Allo mit Strache ist es nichts. Er will trotz' vielM Zuredens dir Mischen Mdichte nicht nehmen. Mte Wttt

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