Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2580 (29.4.1926)
- Date
- 1926-04-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wkn, D°m>«r«as _«Hetwe MoMnzettuM Oitc , Sit große Weizmann-Bersammlung in Jerusalem. Pva Mchrem F.^8.-Korrespondenten.) Jerusalem, 2t. April. 10.000 Menschen, voHchtig gerechnet, im großen Amphitheater der hebräischen Universität, dem Schauplatz der Einwechungsfeker vor einem Jahve. Das unvergleichliche BW bezaubert die Augen wie stets; immer wieder blickt man entzückt zu den fernen blauen Bergen Moabs und dem Toten Meer, tief unten. Rechts der Palast des Oberkommissärs, dem heute manches ernste Wort gelten wird. Denn es ist keine Feskfeier heute. Wohl gktt es auch dem fünfjährigen Bestehen des Keren Hajefl,^, aber vor allem kam der Jischuw Jerusalems, um den Präsidenten der Organisation zn hören, der mch dreiwöchigem Aufenthalt im Lande zwei Tage vor seiner Abreise in ernster Stunde das Wort nehmen will. Krft pünktlich, in musterhafter Ordnung beginnt es. KaplanSky, der Leiter unserer Kolonisation, leitet und eröffnet als Mitglied des Direktoriums des Keren Hajesiod. Er feiert Weidmanns historische Verdienste um den Keren Hajesiod, begrüßt Lady Samuel und erteilt das Wort dem sephardischen Oberrabbiner Jakob Meir. Nach ihm ergreift Dr. Weizmann das Wort. Weizmann durchdrang stimMlich ausgezeichnet die große Versammlung und sein Hebräisch ist, wenn auch nicht sehr reich, doch den Aufgaben einer großen politischen Rede durchaus gewachsen. Der Grundton war ernst, oib« optimistisch, gleich entfernt von Schönfärberei wie von uferlosem Pesiimismus. Er erinnerte einleitend an die UniversitätSeinwerhung und ging dann sofort zur Besprechung der Krise über. Man müsie bei Krisen in Palästina zwischen Gründen unterscheiden, die im Lande selbst lagen und zwischen Gründen, die ganz außerhalb -er wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse Palästinas spielten. Dies fei diesmal der Fall, wo die Krise Osteuropas Palästina in Mitleidenschaft ziehe. Es sei nicht unsere erste Krise Md würde nicht die letzte fein und wir alle müßten an ihrer Ueberwindung zusammenwicken. Dann geht Weizmann ans die politische Lage über. Er erinnert an ein Gespräch mit Lloyd George, der nächstes Jchr bestimmt Palästina besuchen werde und der den politischen Zustand der Welt bei Kriegsschluß mit dem Zustand der Ostsee vor dem Justieren verlieh. Jetzt ist die See zugestoren, die kalte Welle der Reaktion geht über die Erde. Aber-die großen Ideale der Menschheit, wie sie bei Kriegsschluß Men, würden sich wieder durchsetzen und mit' einer neuen Welle des Fortschritts würde auch unsere Idee sich siegreich durchsetzen. DiepolitischeLageinbezug zur Mandatarmacht sek schwer. Nur auf einer Tatsache beruhte unser Verhältnis zu England: auf gegenseitigem Vertrauen. Wir verstehen uns nicht ganz mit den Engländern: ihre Größe verdanken sie dem, daß sie abwar ton können, wir aber wollen alles schnell zum Ende führen. Unser Tempo ist ein verschiedenes. Nicht zeitweilige Beamte, sondern da's England des Parlaments, -das England B a l s o u r s werde uns immer versichert. Nur Taten könnten die Engländer überzeugen. Er komme soeben von de Jouvenel zurück, den er schon lange kenne, der in FrarÄreich nie ein Freund unserer Sache gewesen sei und der es jetzt geworden sei und das laut bekenne, nachdem er durch das Emek gefahren sei. Die Frage der Gendarmerie sei eine Frage, die nur zeitweilig wichtig sei, unsere Arbeit wirke für die Dauer. Ich will euch, fuhr Weizmann fort, nicht trösten, ich kenne den Einst der Lage. Aber man darf vorübergehende, aktuelle Dinge nicht mit den entscheidenden und dauernden verwechseln. Wir werden alle unsere Klagen, Gendarmerie, Subvention der Schulen, Staatsländereien, Nichtbeschäftigung von Juden bei öffentlichen Arbeiten dem Völkerbund vorlegen. Aber wir dürfen unsere Mittel nicht vorzeitig verschießen und nicht vergessen, daß der Völkerbund wie England noch andere Sorgen hat. Weizmann ging nun zu inneren Fragen über. Boden könnten wir kaufen im Negeb, im Emek, im Galil, nicht die Regierung hindert uns. Wir hatten eine große Einwanderung im Vorjahre, aber die richtige Antwort daraus hat das Voll nicht gegeben und di« Einwanderung wird sich deshalb nicht auf der Höhe halten können. Bon dieser Versammlung muß ein starker Protest au-gchen, nicht gegen die Regierung, so berechtigt unsere Borwürfe sind, sondern gegen die Millionen Juden, die ihre Wicht gegen den Keren Hajessod nicht erfüllen. Wie können wir von Engländern Verständnis für unsere Sachen verlangen, da es Juden nicht haben? Niewerde ich miteiner jÜdischenMinderheit in Palästina mich zufrieden geben, aber nur schrittweise können wir vorwärts gehen! Die Hatikwah ertönte und dir Versammlung ging ausunander. Dr. Wei-maim mich Sottfam a-bgereist. Jerusalem, 26, April. <J. T. «.) Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Lhaim Weizmann. hat am 23. d. die Rückreise mch London angetreten. Am 4. Mai wird Dr. Weizmann in Pa r i s weilen, wo ihm zu Ehren sU ttSflilltt tzNuid i Nach WcizmannS Ankunft in London lverderi die Cxe^ kntive und das PräMüm des Aktionskomitees über Zeit und Orr der Abhaltung der nächsten Aktiv n sk o m i t e e s i tz u n g einen Beschluß fassen. ES ist w a h r s ch e i n l i ch, daß Weizmann demnächst abermals eine Reist nach Amerika antritt, von wo er im Juli gurückkchren wird. Ende Juli wird er wahrscheinlich gemäß seinem Versprechen an die polnische Zionistische Organisation Polen besuchen. _ Sie Verwendung Der Keren-Hajefsod- Gelder in ßrez-Israel. Der RechenschaftsVevicht für Februar IMS. — Mn bedenklicher Fehlbetrag. — Die Pläne deS Kolonisationsdepavtements. — Erweiterung des Getreidebaues. — Das Schulwesen. — Neue Fraueugruppen. — Das Akkopeofekt. Die Pa löst in «exekutive legt allmonatlich Rechenschaft üb:r die Verwendung der Keren-Hajesiod-Gelder ab. Soeben ist der Bericht über den Monat Februar erschienen, welchem wir einige imeressante Daten entnehmen. Da seit Beginn des Wirtschaftsjahres bis Ende Februar das durchschnittliche Monatseinkommen des Keren Hajesiod bloß 31.500 Pfund -betmg (im März sind die Einnahmen erheblich gestiegen)., ergab sich gegenüber dem ursprünglichen Kongreßbudget ein monatlicher Fehlbetrag von mchr als 13.000 Pfund. Di« Exekutive mußte daher das Budget des Arb eit 8« jahres um rund 50.000 Pfund verringern, was überaus bedauerlich ist uns gewiß geeignet, die Palästinafreundr zu größeren Opferleistungen für den Keren Hajesiod zu veranlassen. Das Kolonisationsdepartement hat .im Februar für den Bau von Ställen und B.aracken in zahlreichen Kolonien, darunter insbesondere in Kfar Saba, Tel-Joself, Ein Charod, der chassidifchen Siedlung Bne Brak, ferner für den Ankauf von Kühen und Werkzeug für Bewässerungsarbeiten uftv. insgesamt 17.800 Pfund verausgab:. In diese Summe ist der Betrag mit inbegriffen, welcher für Kolonisationsv: rsuche gemäß dem Projekt Soskins für Kabbara arrsgeworfen wurde. Das Kolonisationsdepartement hat einen umfassenden Plan für die Errichtung nemr Siedlungen und die Dotierung der hierzu nötigen Mittel ausgearbntet, außerdem Pläne für Siedlungen auf dem vom Jüdischen National« fonds neu erworbenen Boden und für Mittesitandsfiedlungen. Eine Reihe von Komitees, für Hühnerzucht, ferner zur Untersuchung der Pläne $ux. Anpflanzung aus JrrigationSföldern, fiir Mttelstandsstedlungen in der Nähe von Städten, für die Prüfung der Vorschläge des Baukomitees vom landwirtschaftlichen Standpunkt, wurde ins Leben gerufen. Eine Reihe von Anbauplänen gelangte zur Ausführung. Insbesondere wurde der Getreidebm nicht nur in den Kolonien intensiviert, sondern durch Bepflanzung von 10.000 Dunam gepachteten Bodens erweitert. Nebst den Sämlingen, die aus den Baumschulen und Farmen der Zionistischen Organisation stammen, wurden 250.000 Weinstöcke für Tafeltrauben aus dem Auslande angokaust. Um zukünftig die Einfuhr von Sämlingen zu vermeiden, wird die Baumschule in Kiriath Anawim erweitert. Der Versuch, p alästinensisch es Gemüse in Mitteleuropa abzusetzen — in Wien fand der Blumenkohl aus Erez Israel reißenden Absatz (Anm. dl Red.) —, wird aus die Entwicklung des Gemüsebaues günstig wirken. Hingegen wurde die Milchwirtschaft durch die Unmöglichkeit der Sinstchr von Bieh aus Syrien stark beeinträchtigt. Unter Leitung d?S Agronomen Ben Je hu da wurden Vorbereitungen für die Seidenraupenzucht getroffen und in verschiedenen Kolonien zu diesem Zwecke Rizinusbäume gepflanzt. Die Beschäftigung von Mädchen wurde stark gefördert. Nebst den bestehenden landwirtschaftlichen Mädchengruppen wurden unter Beteiligung des Keren Hajessod neue Mädchengruppen m Jerusalem und Chedera und eine Msrachigvüppe in Petach- Tikwah ins Leben gerufen. Eine Anzahl von Mädchen wurde in Jerusalem, Tel-8lwiw, Haifa und Petach-TAvah durch Errichtung kooperativer Wäschereien und Schneidereien, ferner in der Farmschule in Heyzlia untergebracht. Neuedings wurden 200 Mädchen für die Anlage von Gehwegen und für Steinebrechen in Verwendung genommen. Was das Schulwesen anbelangt, sind noch immer a r ge R ü ck st ä n d e in der Bezahlung der Lchr.rgchälter zu verzeichnen. Wir halten uns verpflichtet, die bttrefsende Stelle des Berichtes wörtlich hierher zu sttzen: Die De>Mbergehält?r der Lehrer wurden im Februar ausgezahlr. Es ist bedauerlich, daß die seitens des Ji s ch« w fälligen Betrüge für die Unterhaltung der Schulen wieder nur mit großer Verzögerung zezahlt werden. Als einer der Gründe für die Unpünktlichkeit und langsame Zahlungsweise wird die wirtschaftliche K r i s e angegeben, unter der eine Anzahl von Städten und Dörfern zu leiden haben. Dies ist aber sehr bedauerlich, da. wenn die Beiträge des Jischuw alle rechtzeitig geleistet wovden wären, es möglich gewesen wäre, ein weiteres Monatsgehalt zur Auszahlung an die Lehrer zu bringend Besondere Aufmerksanckeit wurde der Förderung öffentlicher Arbeiten zug.wendet. Dank der Mithilfe des Keren Hajessod hat die Zahl der Arbeitslose» eine st e t i'g t Abn ahme erfahren.! §§0R feflji während £gg £jggg£gg Ly. AM IllW_ 7frseffl) 1925 bis Februar 1926 auf Grund von Zertifikaten 5500 A rbeiter ins Land gekommen sind. Die Exekutiv« ist daher im gewissen Sinne für nicht weniger als 8000 neue Eintvanderer verantwortlich, wenn mar, die 2500 Familienangehörigen hinzurechnet. Die Gesamtzahl der Neuangekonnuenen in dieser, fünf Monaten betrug 12.500 Personen. Gleichwohl betrug öi? Zahl bit Arbeitslosen im schlechtesten Monat, nämlich im Jänner, bloß 4000. Große Erleichterung wird die irrs Leben gerufene Gesellschaft Haifa Bah Development Co. schaffen, welche längst der Bucht von Acco 60.000 Dunam Boden zu erwerben und zu verbessern beabsichtigt. Diese Gesellschaft hofft sie notwendigen Arbeiten, die nahezu eine M i l l i o n Pfund beanspruchen., innerhalb der nächsten drei oder vier Jahre zu vollenden. Biele Hunderte von Arbeitern werden dauernde Beschäftigung finden. Der Keren Hajesiod hat 3000 Pfund vovgestreckt. An verschiedene Betriebe wurden vom Handels- und Jndustriedepar'.ement des Keren Hajesiod Darlehen in der Gesamthöhe von rund 2700 Pfund bewilligt. Zu erwähnen ist noch, daß im Monat Februar die jüdischen Flüchtlinge, welche einige Jahre in Konstantinopel gelebt haben, einige Hinderte an der Zahl, nach Palästina befördert wurden. Das Joint Eüacuatwn Committee m Paris leistete materielle Beihilfe. Inland. Me Wrtzelsdorfer Fälscheraffäre. Im steirischen Landtag wurde gestern der Bericht des vom Landtag eingesetzten Untersuchungsausschusses für die Sokolfälscherangelegenheit von Wetzelsdors verhandelt. Der Landtagsprästdent Schreckenthal verlas die Begründung des Majoritätsvotums, in welchem erklärt wird, Ml' für die Behauptung, daß LandeSharlPtmann Dr. Ri nie len bei der Erwerbung der für die Herstellung falscher Sokolnoten verwendeten Druckerei behilflich war, keinerlei Beweise angobo:en wurden. Diese Behauptung sei nach der ganzen Aktenlage widerleg t. Ebenso unrichtig sei auch die Behauptung, daß über Weisung Dr. Rintelens Gendarmerie die Wetzelsdoüfer Druckerei überwacht habe. Der Masorrtätsbericht stellt den Zusammenbruch aller jener Beschuldigungen fest, welche dem Grafen B e t h l e n als seine angeblichen Aeußerungen im ungarischen Untersuchungsausschuß von der Minderheit in >den Mund gelegt wurden. Landesrat Obetzaucher (Sozialdemokrat) vertrat in eingehender Weise die bereits bekannte Begründung ldes Mndevheitsvotnms der Sozialdemokraten. Er stellt fest, daß auch die Minderheit zu dem Ergebnis komme, daß die Untersluchung-nicht zu einer Bestätigung der Angriffe gegen den Landeshauptmann geführt halben. Wenn aber auch gegen den Landeshauptmann keinerlei Beschuldigungen zu erheben find, so sei das Borgehen der Polizei bei den Erhebungen nicht e t n w a n d f r e i gewesen. Der Redner sucht das an einzelnen Details nachzuweisen und wird hierbei durch lebhafte Zwischenrufe der. Mehrheitsparteien unterbrochen. Er bespricht dann die Begnadigungssvage^ wobei er den in Betracht kommenden amtlichen Faktoren den Vorwurf nicht berechtigten Vorganges macht, da die Beschuldigten der Abolition nicht würdig gewesen seien. Landesrat Dr. Enge erklärt namens der christlichsoziale« Partei, daß die Angriffe gegen den Landeshauptmann Rintelen durch nichts bewiesen wurden und sich als unwahr hevausgestellt haben. Landeshauptmann Rintelen stcht auf Grund des Ergebnisses der Untersuchung rein vor der Öffentlichkeit da. Zwischen den Großdeutschen und den Sozialdemokraten kam eS hieralns zu einer erregten Kontroverse. Der Vorsitzende mußte wiederholt um Ruhe ersuchen. Bewährungsfrist für Pogromilten. Nrs einer Anfrage des LanM'rndlerS Dr. SchöEnrek evfähtr man, wie glimpflich die EMdenten, die anläßlich des Zionistenkongresses Gewalttätigkeiten aller Art begingen, behandelt wurden. In ber Anfrage wird darüber Klage geführt, d.iß durch die Bundesverfasiungsnovelle den Parteien die Möglichkeit benommen ist, gegen Entscheidungen der Landesregierung die Beschwerde an den Verwaltung sgerichlshos zu richten. AnlvWch deS Zionistenkongresfes und der damit zufammen^hängenderk Kundgebung wurde eine große Anzahl von Verhaftungen vorgenammen. Die meisten der Angehaltenen! wurden zu einer Polizei st rase von 8 bis 14TageÄ verurteilt. Als innerlhaüb von drei Tagen nach ihrer Haftentlassung ihr Vertreter den Rekurs einibrachte, erhieW er die Auskunft, daß die Rekurse bereits von der Landesregierung Wien abschlägig beschieden worden seien. Die Erledigung war mithin vor Mlauf der Notfrist erfolgt. Es wurden daraufhin Nach fichtsg esu che eingebrachk, die mit Bescheid des Wiener Magistrates als Landesregierung alhermals abschlägig beschieden wurden; dev Vollzug der Strafe wurde aber gegen Bewährungsfrist und gegen Erlag von fünf Schilling zugunsten des Wiener Fürsorgssouds aufgefchoben. IN dem Bescheid.wurde eine Taiter der Belwälhvungsfvist überhaupt nicht genannt und auf die fetnepzeitige Erledigung der Rekurse kein Bezug genommen. Eine VerwaltungsgerichtHofbeschwerde wäre daher gegen die EuWidung der Wiener Landesregierllng nach der Meinung des Dr. Schönbauer durchaus am Platze. Das kommt davon, wenn man Jnikulipaten ihrem ordentlichen Richter entzieht. Wenn statt der Landesregierung das Landespe richt zu judizieren gohalbt hätte, wäre de« Pogroniisien War auch der Weg zürn VeMattungSgerichtShof »ich! effeu geftaud?«, aber sie wären dann vieAeiP