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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-28 · Heft 2579 (28.4.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2579 (28.4.1926)
Date
1926-04-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Mkener Mor-MzeltttAr, §8. Aprkk ISW M. M Judentum und Völkerbund. Botschafter a. L. Le. Lumda «ad Sdenabblnek Prof. Sr. Sbaie« über Bölkerbundfragen. Neber Einladung der Zionistischen Bezirkssektion 6-7 h'elten gestern im Festfaale des Niederösterreichischen Gewerbevereins Botschafter a. D. Dr. Konstantin D u m b a und Oberrabbiner Professor Dr. CHajes Borträge über Völkerbundfragen. Botschafter Dr. Dumba sprach über das Thema: Deformen desBölkerb n n d e s". Einleitend führte er aus, daß der Bökkerbundgedanke durch die Nichta u sn a h m e Deutschlands im März jedenfalls eine Einbuße an Prestige und Autorität erlitten hat, daß aber der Ausdruck C h a m* berla ns, der vom einer Tragödie des BölkcrbundeS gesprochen hat, wohl nicht am Platze ist. Der Völkerbund ist «rs der Kriegspsychose entstanden und kann noch nicht als »vahres Friodensinstvument gelten. Cr wurde als Rumpfbund und n.cht als wirklicher Völlerbund begründet. Erst spät wurden die besiegten Staaten, mit Ausnahme Deutschlands, ausgenommen. Die Locarno Verträge haben e-ne Atmosphäre des Friedens geschaffen. Sie sollen erst dann wirksam werden, wenn Deutschland in den Völkerbund eingetreten ist. Die Ver-« tveter Deutschlands haben in Genf zwölf Tage antichambriert und mußten unverrichteter Dinge abziehen. Trotzdem haben alle Beteil-gten erklärt, daß die Locarnoverträge de facto in Kraft bleiben sollen, wen« sie auch de jure noch nicht anerkannt sind. Die Frage ist nun, wie die Krisis des Völkerbundes gelöst werden soll. Malter S ch ü ck i n g verlangt, daß sämtliche Großmächte aus ihre ständigen Ratssitze verzichten sollen. Dieser Weg scheint deshalb nicht gartgbar, weil gerade die Großmächte die ständigen Ratsfitze deshalb erhielten, da sie eben großen Einfluß und große Macht haben. Die einfachste Lösung wäre wohl die, den ständigen Rat zu erweitern und Deutschland einen Sitz darin zu gewähren. Ebenso sollten Polen und Spanien je einen Sitz erhalten und die südamerikanischen Staaten Brasilien und Argentinien ständig im Rate vertreten sein. Der Redner setzt sich sodann mit dem Coudenhoveschen Vorschlag eines Pwteuropa kritisch auseinander. Die w rts cha ftl i che Sei te dieses Problems kenne er Wohl und habe er auch unterschrieben, doch die p o l i t i s ch e K o n st e l l a t i o n, die durch ein solches Paneuropa geschaffen würde, sei eine Utopie. Schließlich erinnerte Redner an die Erfolge, die der Völkerbund in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht bisher er^elt hat. Dreimal hat er beVeits Kriegen vorgebeugt. Er hat die Sanierung Oesterreichs in d-e Wege geleitet, hat den internationalen .Frachtenverkehr gefördert, eine Erleichterung der Bisavorschriften angobahnt, internationale Verkehrsordnungen erlassen, Vere nbarungen über das Radio und viele andere wirtschaftliche Maßnahmen mehr getroffen. Die Zahl der Freunde des Völkerbundes ist noch nicht allzu groß. Insbesondere habe ich — führte der Redner aus — bei den Vertretern der Kunst und Wissenschaft, die doch völkerverbrüdernd fein sollten, -wenig Verständnis für den VökketbundgÄanken gesunden. Mehr Freunde hat der Völkerbund bei Handel und Industrie. Zum Schlüsse seiner Ausführungen kam Botschafter Dumba auf die Beziehungen der Juden zum Völkerbund zu sprechen. Er führte aus: Das Judentum hat seine internationale Seite, tvcil es über die ganze Welt zerstreut ist. Verwandtschaftliche Fäden verbinden die Inden in den verschiedenen Staaten, welche ihnen die Möglichkeit geben, in den verschiedensten Ländern dieselben Ideen zu verfechten. Von diesem Gesichtspunkt aus möchte ich die Vertreter des Judentums bitten, unseren Bestrebungen ein geeignetes Ohr zu leihen und sie möglichst zu unterstützen. Denn der Völkerbnndgedanke strebt, den Frieden und die Harmonie der Völker an. Der zweite Redner, Oberrabbiner Prof. Dr. Ehajes, erklärte, darüber sprechen zu >wollen, -was sich die Inden vom Völkerbund erwarten und erhoffen. Gerade wir Juden haben für den Völkerbund mehr getan, als er bis jetzt für uns getan hat. Vor Jahrtausenden hat der Prophet Iesaias den Völkerbundgedawken gepredigt und die ganze Zeit hindurch hat diese Idee in irgend einer ftornt sortgelebt. Die jüdischen Minderheiten waren es, die dem Völkerbund die Vorschläge über die Ausarbeitung der Minderheitsrechte unterbreiteten. Wir, als wahre Freunde des Völkerbundes, wollen uns über seine Mängel nicht beklagen, sondern nur sagen, wie wir uns den Völkerbund vorstellen. Oberrabbiner Dr. Chajes reflektierte sodann ans die Ausführungen seines Vorredners über das Coudenhovesche Paneuropa. Auch er müsse dagegen Stellung nehmen, nicht -deshalb, tveil die Idee momentan nicht durchführbar ist, sondern weil das Paneuropa nur ein Kompromiß sein könnte und jedes Kompromiß ein Nebel ist, das 'dadurch nur gesteigert wich, wenn man es heilig spricht. Ter V e rtrag von Locarno war kein Kompromiß und verdient deshalb heilig gesprochen zu wechen. Es war ein neuer G e i st, der von Locarno ausging. Der jetzt abgeschlossene deutsch-vussische Vertrag ist ein Kompromiß, das aus dem Opportunitätsgedanken entsprungen ist. Jedes Kompromiß ist ein Nebel, und man geht cs nur ein, um ein noch größeres Nebel zu vechüten. Wir verlangen vom Völkerbund, er möge es so weit bringen, daß wir nicht mchr gezwungen, sind, Kompromisse einzugehen. Die Zeit, in der dieser Zustand ciutreten wich, liegt allerdings noch in weiter Ferne; äber wir Juden, die wir in den Jahrtausenden unserer Leiden schon so manches durchgemacht haben, haben warten gelernt. Nicht die Frage, ob das, was der Völkerbund macht, nützlich ist oder nicht, soll daS Entscheidende sein. Aber auch nicht mchr dir Perspektive, wie nütze ich mir und schabe dem Nachbarn, die vor dem Kriege maßgebend war, soll weiter vorherrschen. Jetzt soll es heißen: Wie nütze ich mir und damit der gainzen Menschheit. Denn ich kann nur mir nützen, wenn ich der ganzen Menschheit nütze. BeÜ»e Redner wurden von dem Zluditorium, das den Saal bis aus das letzte Plätzchen füllte, mit lebhaftem, minuteulattg andauerndem Beifall belohnt. Der Vorsitzende Doktor Bernhard dankte den beiden Rednern für ihre interessanten und instruktiven Ausführungen und erwiderte insbesondere dem Botschafter D u m b a: „Das jüdische Voll ist bis jetzt noch nicht Mitglied, sondern nur ein bevormundetes Kind des Völkerbundes. Aber wir versprechen, >daß wir den Bestrebungen des Völkerbundes stets gern und willig Folge leisten werden." I _ Wieck. Mitkvoch_ Tagesbericht. Das Wesen der Keren Safesiod. Ein« Botschaft Dr. Weidmanns. (Eigendicnst der „Wiener Morgenzeitung".) Jerusalem, 26. April. Präsident Dr. Weizmann, der am Tage des fünfjährigen Jubiläums des Palästinaausbaufonds, Keren Hajessod, in Palästina weilte, erließ eine Botschaft in hebräischer Sprache über das Wesen und di« Bedeutung des Keren Hajessod. in tvelcher er sagt: ,Por allem: der Keren Hajessod bedeutet nicht durchaus Geld; in keinem Falle bloß Geld. Die wahre Bedeutung des Keren Hajessod liegt in der Organisierung des Volles und seiner Erziehung sür die große Aufgabe des Wiederaufbaues." „Die Steuer, der Maasser, ist die Abgabe, die den, der sie leistet, zum Biirgcr macht. Der Keren Hajessod ist die nationale Steuer — d i e moralische Pflicht eines jeden Juden, zu dem Volksbudget für den Wiederaufbau feines Landes teizutragen." ,?8on nichts — zum Jahresbudget von einer Million Pfund und von einer Million auswärts u-nv imnrer aufwärts." „Und die Quelle ist noch nicht versiegt. Man muß sich dem Volk nähern und es wird gern seinen Beitrag leisten." „Die Worte Keren Hajessod sind bereits im jüdischen Voll geheiligt und eng verbunden mit den Worten Erez Israel. Und es muß noch viel, sehr viel getan werden!" Lag Baomer — dar alt>ne«e SchRerfeft. Die Lehreraktion des Jüdischen Ratio naifonds. Der Lag Baomer, das S5)glerfest soll das jüdische Kind an die Befreiung von Volk und Land gemahnen, aber es auch an die aktive Mitarbeit für die Erlösung des Bodens gewöhnen. Der Keren Kajemeth, dem es gelang, die Männer des Geistes in Erez Israel in den Dienst seiner großen sozialen Idee zu stellen, hat auch die jüdische Lehrerwelt zu Tate« für den Ked Kaje" meth angeregt. Der anläßlich des Kongresses geschaffene allweltlichv hebräische Lchrerverband hat sich nämlich mit einem eitt* sprechenden Aufruf an die hebräischen Lehrer Erez Israels und der Galuth gewandt und ihnen auch konkrete Vorschläge für diese Mitarbeit gemacht. Die österreichische Sammelstelle des Ker^n KajxMeth hat sich nun an die jüdischen Lehrer Wiens auf Grund dieses Aufrufes um Mitarbeit gewandt und vorgeschlagenr 1. Den Schülern am Lag Baomer kn feierlicher Weise die Bedeutung des Keren Kajemeth vor Augen zu führen; 2- Die Schüler zu veranlassen, anläßlich dieses Festes die neuen, künstlerisch hervorragenden Marken des Keren Kajemeth zu verbreiten; 3. Lehrer und Schüler, die noch nicht im Besitze der Keren-Kajemeth.Büchse sind, sollen sie anfordem und in ihren Wohnungen aufstellen. Behufs endgültiger Besprechung der Art der Durch« führung dieser Aktion findet heute um 8 Uhr abends in de« zionistischen ‘ BureauS, 1* Bez., Karntnerstraße 28, eme Zusammenkunft der jüdischen. Lehrer statt. Alle Lehrer werden auf diesem Wege zur Teilnahme an der Aktion unp dieser Besprechung eingeladen. Ser BrchSologenkongreb fa Jerusalem. Jerusalem, 26. April. (I. T. A-) Die Mitglieder des internationalen Archäologenkongresses sind aus Beirut nach Jerusalem zurückgÄehrt und setzten hier ihre Tagung fort. Der Oberkommissär für Palästina Lord Plumer begrüßte den Kongreß im Namen von Palästina und Transjordanien und sagte, die Nationen schöpife-n kulturelle Werte aus der Vergangenheit und bauen für die Zukunft; in diesem Sinne zeichnen Palästina und Transjordanien ein neues Kapitel in ihre Geschichte ein, das ihnen zum Ruhme gereichen wird. Es sprachen noch Pater Dvrme von der dominikanischen Ecole Biblique, Prof. Albright von dem amerikanischen Archäologeninftitut und Pros. Dusfaud von der Pariser Made mir der schönen Künste. «Ine wichtige Neuerung l« der Wiener Wische» Gemeinde. Aktivierung eines Referates für die jüdische Jugendbewegung bei der Israelitischen KultuSgemrindr. Von der Wiener israelitische» Kultus gemeinde erhalte« wir folgende Zuschrift: Ueber Beschluß de» Vorstände» der israelitischen Kultusgemeinde wird dortselbst für die die jüdischen Jugendgrupven betreffenden Fragen ein eigene» Referat geschaffen, für welche» vorläufig folgende Agenden t» Aussicht genommen find r 1. Evtdenzhaltung jener jüdischen I ugendgruvven, welche Mitglieder bi» zu 24 Jahren umfassen und unter AvSichluß jeder Politik kulturelle Interessen verfolgen. 3. Intervention bei öffentlichen Körper s ch asten (Eisenbahnen, Jugendämtern, der Gemeinde Wien, öffentlichen Fürsorgeanstalten u'w.) für solche Jugendgruppen, welche dem Referat ordnungsmäßig angemeldet fin. 8. EinrichtungvonFührerkursen. 4. Entgegennahme vonAnregungen. Bert ch t e n u s w. der Jugenvgruvven in bezug auf den Neligion«-- unterricht, den Lehrplan und die religiösen Uebungen für die Äugend. 5. AbhaltungvonSprechstunden (Dienstag und Fret ag von 11 bis V,1 Uhr, 1. Bez, Seitenstettengasse 2, II. Stock) vehufS Er eilung von Auskünften und A nleitungen tnAngelegenheiten der Jugendfürsorge, der Berufsberatung usw. Die Schaffung dieses Referats wird versuchsweise im Anschluß an die Jugendfürsorge auf sechs Monate tn Aussicht genommen. Derzeit umfaßt bet* Referat in Angelegenheit der jüdischen Jugendgruppen folgende Gruppen: Jugendgruppe des Ztontstifchen Landeskomitees, Verein Erez Israel, Jugendgrupve der Zionistischen BezirkSsektion im 3. Bezirke. Bund jüdischer Jugendwandarer. Haschomer Hazair, Zeire und Zeiroth MiSrachi, Blau-Weiß, 9. Bez., Währingerstraße IS, Tocheleth Lawan, Jugendgruvpe, 2V. Bez.. Karl-Metßl-Straße 4 Jugendgruppe der AgudaS, Mittelschnlvereintgung. * Die Schaffung des Jugendreferats war eines der Postulale der zionisttfchcn Mandatare. Es ist zu begrüßen, daß dieses zeitgemäße, überaus wichtige Institut nunmehr ins Leben gerufen wurde. _ St« Festabend der Mischen Vereines Neubau. Der jüdische Verein Neubau veranstaltet gemeinsam mit der österreichischen Keren-Hajessod-Kommission und der Zionistischen Sektion für den Xil/XV. Bezirk einen Fe st abend im Saale des Flottenkino (Mariahilferstiaße 85/87). bet welcher Herr Prof. Eh. P. C h a j e s eine Ansprache und Felix Salten eine» B o r t r a g halten wird. Der Abend bringt ferner B o r» tägedeSTemvelchors des PazmanitentempelS (Dirigent I. Hjrichmannl und ein B i o l t n f o l o des Kapellmeisters I. G e i g e r, ferner e»nen Sologesang deS Oberkantors L. M ü l l e r. Sie Begrüßungnede hä t Herr Bezirksrat Moritz Kob» '‘"'•imit fielnint der neueste P a l ä it i n a f i! rn zur Botfü^uug Ten begleitenden Bourag hält Herr Gemeinderat Dr. Leopold PlqschkeS. Aberglaube und Verbrechen. Die Polizei von San FranziSko ist gegenwärtig damit beschäftigt, den geheimnisvollen Todesfall eines gewissen Maroario Timon aufzuklären, eine» greisen Einsiedlers, der, fern den menschlichen Behausungen, in einer einsamen Hölhlv bei Oikland in Kalifornien hauste und dort tot achgefunden wurde. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß er von TmftlSanhänyern dem Saban zmn Opfer gebracht wurde. Die Polizei fand in der Höhle ein mit Blut verfertigtes Schreiben» dos an den „allmächtigen Luzifer" gerichtet war und folgenden Wortlaut hatte: „Ich beschwöve Dich, bei meinem Gebet anwesend zu sein und mir Deinen Mund der Weisheit und der Mffens zu "eihen, auf daß ich das Geheimnis entdecke, daS mir Macht verleiht über meine Feinde. Ich will Dich als meinen Herrn und Gott anerkennen, wenn Du mich die Klmst lchrst, daß alle meine Wünsche in Erfüllung gchen. Als Bürgschaft meiner Worte halbe ich diesen Brief mit dein Blut meiner Adern geschrieben." Der Brief trug die Unterschrift „Marcario Timon". Die Polizei fand weitere Anzeichen, die darauf schließen lassen, daß Dimon nach dem sogenannten „Satansstein" suchte, der fo'nenr Besitzer ungeheure Reichtümer verschaffen und über seine Feürde Macht verleihen soll. Man fand auch eine gchvimnisvolle Karte, die in einem symbolischen WeMreis „Seine Satanische Majestät", mngeben von sieben tanzenden TeusÄn, zeigt. Eine Liste, die am Boden lag und auf -er die Namen von Einwohnem San Frau» ziskos und Oaklands verzeichnet waren, vemrsacht der Polizei nicht geringes Kopfzerbrechen, ha man nicht weiß, ob die dort verzeichneten Bürger Anhänger des DenfelsÄlts sind, oder ob sie nicht etwa Kunden des Einsiedlers waren, der, wie bchaup'et wird, einen schsvunghaften Handel mit «ingefchmuggeltem Branntwein betrieb. Man fand auch in der Zelle eine große Zahl von Flaschen mit Schnaps. Daneben lag der Ka« daver einer Ziege, die, wie man annimmf, von Timou geopfert ivurde, der dann seinerseits das Opfer seiner Anhänger Mocher: \tm dW».

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