Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2579 (28.4.1926)
- Date
- 1926-04-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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*t 3679 Mett, Mittwoch Wiener Moegenzeitung 28. April 1926 Leite 3 ’• Lord Allenby über den Zionismus. Sine Rede in Montteal. Der Eroberer Palästinas, Lord Allenby, .unternimmt zurzeit eine Vortragstournee durch Kanada. Die zionistische Föderation dieses Landes veranstaltete zn Ehren des Gastes am 27. März in Montreal einen Empfang, bei welcher Gelegenheit Lord Allenby erne Ansprache hielt, in der er sagte: Der Eintritt Englands in den Krieg geschah auf Grund seines Prinzips der Gerechtigkeit und Freiheit gegen jedermann. An denr Tage, als ich durch das Jaffa- Tor Jerusalem betrat, erließ ich an die Einwohner eine Proklamation, daß jeder seiner Beschäftigung ungestört nachgehen solle wie in Friedenszeiten. Von diesem Tage an bis heute ist dem Ausbau des Landes kein Hindernis entgegengestellt worden, wie auch nicht der Teilnahme eines jeden an Gerechtigkeit und Freiheit. Ich war im vergangenen Mar in Jerusalem, als Lord Balfour die Hebräische Universität auf dem SkopuSberge eröffnete; und dort hörte ich Lord Balfour die Balfour-Deklaration wiederholen, daß Palästina eine Heimat für das jüdische Volk werden solle. Bei diesem meinem Besuch nahm ich den auffallenden Fortschritt im Lande seit dem Jahre 1919 wahr. Im Jahre 1918 war ich in T e l - A w i w gewesen. Damals zählte es eine Einwohnerschaft von 3000 bis 4000 Seelen, heute hat es über 30.OO0. Als ich vergangenen Mai dort war, war ich zu einem Tee geladen, aus derselben Stelle, wo im Jahre 1918 sich Sanddünen befunden hatten, die heute eine Straße bildet, die hinter irgend einer breiten und hübschen .Straße nicht zurückbleibt. Die jüdische Einwanderung in das Land ist stark gewesen. Nach allem, was ich gesehen und gehört habe, erweisen sich die neuen jüdischen Einwanderer als für die Pionierarbeit der Wiederbesiedlung unbewohnten Bodens in Palästina recht geeignet. Die Selbstaufopferung der jüdischen Pioniere ist Bürgschaft genug dafür, daß der Fortschritt im Lande weitergehen und in kurzer Zeit die Blütezeit der Tage Salomos wieder anfrichten wird. An dieser Blüte werden alle Einwohner Teil haben, Inden, Araber und Christen. Sie wissen so gut wie ich, daß Großbritannien sein Versprechen nicht mehr rückgängig machen wird, die Balfour-Deklaration zu erfüllen und dem jüdischen Volke zu helfen, sich eine Heimstätte in Palästina zu errichten. Bei der Eröffnung der Universität im vergangenen Jahre traf ich mit Dr .Weizmann und anderen Zionistenführern zusammen und freute mich über den großen Fortschritt, den die Zionisten gemacht haben. Ich freue mich, daß ich daran mein Teil habe und daß mir ein glückliches Los beschieden hat, Ihrem Volke zu helfen, in fein altes Land nach Jahrhunderten des Leidens zurückzukehren. Lie „Times" wer PalSstina. Die Londoner „Times" vom 12., 13. und 14. April veröffentlichen eine sehr interessante, sechs Spalten umfassende Artikelserie eines Spezialkorrespondenten, der nach mehrjähriger Abwesenheit Palästina wieder bereist hat. Der Berichterstatter lobt den großen Fortschritt, den das Land gemacht hat. Für die, welche es in türkischen Zeiten kannten, ist die geänderte Beziehung der Bevölkerung zu Regierung und Behörden auffallend. Die Bevölkerung hat das größte Zutrauen zur Polizei und die Ruhe und Sicherheit im Lande kontrastiert auffallend mit der Lage in Syrien. Die friedliche Lage in Palästina ist nicht zurückzuführen auf eine besondere Gewaltanwendung oder den Respekt der Bevölkerung vor den Gewaltmitteln der Mandatarmacht, sondern vor allem auf die guten Beziehungen zwischen den Organen der Verwaltung und der Bevölkerung. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Regierung Palästinas „belastet" ist durch die Schaffung des jüdischen nationalen Heimes neben einer relativ großen nichtjüdischen Bevölkerung in dem kleinen und ökonomisch armen Lande. Der Araber, der länger auf der Scholle sitzt als der Zionist, zeigt eine viel geringere Eile in der Verbesserung des Landes als sein zionistischer Nachbar. Er hat auch wenig V e r st ä n d n i s für die von den Zionisten geforderte Arbeitergesetzgebung. Der Araber lebt einfacher als der Jude. Die Folge istdaß Tel-Awiw die teuerste Stadt Palästinas ist. Aus diesem Grunde brauchen die Zionisten nicht zu fürchten, daß Araber oder Christen in die Stadt eindringen werden. Der Verfasser rühmt das Wachstum von Tel-Awiw, das noch kürzlich eine Vorstadt von Jaffa war, während heute Jaffa eine Vorstadt von Tel-Awiw zu sein scheint. Erfreulich ist, daß beide Städte, die arabische und die jüdische, in ökonomischen Fragen Zusammengehen, besonders beim Kampf um den Hafen und bei den Bestrebungen nach Umbau der Eisenbahn. Diese ökonomische Betrachtungsweise, die hoffentlich in immer höherem Maße die rein nationalistische ablösen wird, ist ein gesunder Vorgang, der die Spannung zwischen Juden und Arabern vermindern wird. Bei seiner Schilderung des landwirtschaftlichen Fortschrittes im Lande erwähnt der Verfasser die Einführung neuer Methoden durch die Zionisten, betont jedoch, daß an dem veränderten Aussehen des Landes der Araber, der allmählich aus seiner Apathie erwacht, großen Anteil hat. Der Araber verläßt sich allerdings zu sehr auf die Hilfe der Regierung, und obwohl er Agrarkredit der Regierung wünscht, fürchtet er andererseits, daß eine solche Verschuldung dazu dienen könnte, in einer schlechten Saison den Boden den Zionisten in die Hand zu spielen. Diese Furcht scheint unbegründet, zumal — fährt der Verfasser fort — da unparteiische Beobachter der Ansicht sind, daß die Juden heute mehr Land haben, als sie im Augenblick verwerten können. (?) Die jüdischen Siedlungen. haben außerordentliche Fortschritte gemacht; es ist ein interessanter Unterschied zwischen den modernen Kolonien und den alten Vorkriegskolonien feftzustellen. Das Benehmen der modernen Kolonisten ist, als Reaktion auf die jahrelange Ghettounterdrückung, schroffer als das der Randbemerkung rum Werfel-Buch von Richard Svecht. Richard Spech t hat ein Buch über Franz Werfel geschrieben, das gleichzeitig auch ein ,-Versuch einer Zeitspiegelung" fein will.*) Ein solches ist es, ivenn man mit 'dem Mick auf die gegenwärtige deutsche Literatur einverstanden ist, der das soziale und politische Geschehen im deutschen Spvachbereich außer Acht lassen zu können, ja außer Acht lassen zn müssen glaubt. Eine anders geartete prinzipielle Einstellung, die die Wurzeln der zeitlichen Geistes- Produktion eines Kulturbereiches, ihre Form und ihren Ausdruck von den politisch-sozialen Tendenzen bedingt sicht, wird diese Zeitspiegelung als mißlungen betrachten müssen, um so mehr, als dieser Zeitjpiegelungsversuch eine Potenz zum Ausgangspunkt nimmt, die förmlich nach Vertiefung in eigenartig gesellschaftlich-bedingte Erscheinungen des gegenwärtigen deutschen Geisteslebens ruft und die außerdem nicht von jenem Rang ist, daß sie als Ausgangslpunkt und geistiges Phänomen der deutschen Zeit gogenübevgestellt werden kamt. Hier ist eine Vertiefung in die Bedingungen des deutsch-jüdischen Milieus nötig. Es kann kein Zufall 'ein, daß das gegenwärtige deutsche Geistesleben von so vielen jüdischeil Persönlichkeiten mit getragen wird und daß diese Tatsache Hin eine bestimmte Richtung verleiht. Es kann also eine ZeiGiegelnüg die Beleuchtung der Art des jüdischen Einflusses nicht umgehen. Es genügt nicht, wenn Specht das Judesei r>Franz Werfels, den er ja als die genialste Erscheinung des gegenwärtigen deutschen Geisteslebens offeriert, einfach so abtnt: „Aber man wird ihn auch mit der Formel des „in Prag geborenen Inden" nicht erledigen können. Sicherlich ist sein Judentum, aus bem Züge der heimatlichen Besondecheit nicht wogzuwischen sein werden, ein integrierendes und aufbauendes Element seiner Dichterschaft und seines Menschentums; die Lust am grüblerischen Ergründen alles Seins, die Freude am Diskutieren, die Anfälle von Klein- >nut, ja von Selbstverachtung, die von .Sentimentalität nicht *) Front Werfel, Versuch einer Zeitspiegelimg von Richard Specht, Paul Zsoluay Vwlag. Wien, 'immer freie Gütigkeit des Herzens die leidenschaftliche Zähigkeit der Selbstzucht, die nur selten wankelmütig und zweiselsüchtig wird, die Bewunderung alles Gdelgeiwachsenen und Daseinskräftigen, das Le'ben in Traumwelten — all das gehört zu seiner Wesensart und ist in seiner Dichtung erfühlbar. Aber dieser Jude ist in seinem Liebesgesühl, das er in die Welt ergießt, ist in seinenr mesfia Nischen Drang, in seinem Schuldbewußtsein, das jedem Leidenden Abbitte dafür leistet, daß er selbst froh sein konnte, so lange noch Tränen fließen, ist in seinem Mitleid mit der Gottheit und der Gotteseinsamkeit, in dem rauschenden Harfenschlag seiner Lebenspsalmen, in seiner Erlöserschnsucht, die den Riß heilen möchte, der durch alle Schöpfung geht, ist im Vergeben aller Sünde, die aus Leidenschaft kam, in seinem Schmerz über das olvig Trennende zwichen jedem Ich und Du, in seiner Erschütterung vor der Einigen Fremdheit des Brüderlich-Gleichen, ist in seiner ganzen Fragestellung vielleicht ebenso barock-katholisch als jüdisch. Ist er darin nur dichterisch? Ist all dies nur der unendlich weitere Kreis, der sich um den engeren des Jch-Wosens schließt? Es ist nicht das allein, und es darf ausgesprochen werden, daß es in einem führ unprotestantischen Sinne, ja bei allem Anarchismus des Ideellen, christlich in einer durchaus gedanklichen und erlebten Bedeutung ist. Es darf ausgesprochen werden, weil strenggläubiger Katholizismus das gleiche Empfinden und den Dichter — der sich niemals durch die Taufe aus dem Kreis seines Stammes geschieden hat — mit Nachdruck für sich in Anspruch nehmen konnte." Es soll hier nicht untersucht werden, ob alle diese von Specht fixierten dichterischen Eigenschaften Werfels, die der „strenggläubige Katholizismus" für sich in Anspruch nehmen darf, „in einem sehr unprotestantischen Sinne" echt christlich und katholisch sind. Es offenbart sich ihr nur die gänzliche Unkenntnis der gegenwärtigen jüdisch-deutschen Wirklichkeit, die das für echten Ausdruck eines Kacholizismus hält,!)ws ein solcher nur sein möchte, und etwas für eine abgeschlossene seelische Verfassung nimmt, was in Wirklichkeit ein vom Intellekt Gewolltes ist. Die Abstraktheit Werfelscher Produktion ist das Wesentliche, und diese produziert aus künstlich-intellektualistischem Wege diese Eigenschaften. Ein tieferer Einblick in den MechanisUlus jüdisch-assimilatorMer Geisiesproduknon mmm Wieder eröffnet! Hotel National Wien, n. Taborstrasse 18 Telephon 4Z-5-93 Vollständig neu eingerichtet, zentrale Läge, 200 Zimmer mit Messendem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentralheizung, Lift. Kaffeehaus und Restaurant im Hause! Massige Preise! Neue Leitung! höflichen Generation, die bereits im Lande ausgewachsen ist. Die Einrichtung einer Kontrolle über die Immigration wird jetzt allgemein als vernünftig anerkannt. Im ganzen müsse gesagt werden, «daß das Land unter der Pax Britannica aufblüht. Viel davon iit der zionistischen Arbeit zu danken; auch das Wiedererwachen des P i l g e r t u m s ist wichtig, aber ein großer Teil des Verdienstes gebührt der geduldigen und oft unpopulären Verwaltungsarbeit und der systematischen Gewinnung des Vertrauens der Bevölkerung durch die Beamten, die mit Takt die Schwierigkeiten des Regierungswechsels zu überwinden verstanden. Die Negierung ist heute fest gegründet, und sie kann es sich sogar leisten, ihren imponierenden Standort auf dem Oelberg zu verlassen, da sie den Prestige-Verlust nicht zu fürchten braucht. Das Gebäude auf dem Oelberg ist unbequem, teuer und schwer zugänglich. Die Regierung wird den Mietsvertrag nicht erneuern, sondern auf einem weniger überragenden Punkt ein bequemeres Gebäude bauen, das der Stadt näher liegt als der Oelberg. Dafür wird das English College — berichtet der Verfasser weiter — in kurzer Zeit seinen Sitz auf den Skopus der lege n, etwa eine halbe englische Meile westlich des Gebäudes der Hebräischen Universität. Die Kosten der Uebertragung und des Baues werden beträchtlich sein, es besteht aber die Hoffnung, die nötigen 50.000 Pfund Sterling aufzubringen. Vielleicht — heißt es in denr Artikel weiter — kann daraus bald eine Universität von Palästina werden, welche Unterricht s n e nglischer Sprache und nach englischen Methoden: gewährt und höhere Bildung solchen Studenten vermittelt, die nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, die hetz r ä i s ch e n K u r s e der jüdischen Universität, zu besuchen. _ Sine Konferenz Mischer Stauten in Palästina. Jerusalem, 26. April. Unter Vorsitz von Frau Samuel, der Gattin des früheren Oberkommissärs/, für Palästina, fand in Jerusalem kürzlich die Jahresversammlung der Organisation jüdischer Frauen Palästinas statt. Die Versammlung erörterte die Frage ber Schaffung eines Zentralrates der jüdischen Frauen Palästinas durch Koordinierung der Tätigkeit der bestehenden jüdischen Frauenorganisationen. bringt das klar zutage und beleuchtet den Weg Werfels vom „Weltfreund" bis zu „Paulus unter den Juden" besser, diesen ungleichwertigen, hin-, und hevpendelnÄn, von höchst gesteigertem, artistischem. Können gekennzeichneten Weg, ein Weg, der (im,Meltfreund") echt einsetzte, das gebend, was einzig vorhanden ist, nämlich sehr schlicht die geistige Not, zugleich aber auch die Ahnung, über sie . nie hinaus zu kommen, der aber später ihre Ue'berwindung durch Konstrulktion sucht, schließlich bewußt zu ,-katlholischen" Schaffen führt (wie schon die Inhaltsangabe von „Paulus unter den Juden" lchrt). Die Unkenntnis jüdischer Zusammenhänge läßt auch die gänzlich schiefe Gegenüberstellung von Werfel und Karl Kraus erkennen. Ebenso wenig wie Werfel ist auch Kraus (Specht nennt ihn „den antisemitischen Juden") ohne die spezifische geistige Not des gänzlich desorientierten deutschjüdischen AssimilationAmilieus zu verstehen. Kraus' Beispiel zeigt — und das ist seine Külturbedeutung —, daß die geistigen Assimilationsschäden nur durch übermenschlich gesteigerte Persönlichkeit wett gemacht werden können. Karl Kraus, die letzte Konsequenz der jüdischen Assimilation, ist gleichzeitig auch der stärkste Antrieb zu ihrer Ue'bevwindnng; ja sein Kampf, ihm selbst nicht bewußt, gilt ihr m seiner besten AuswiMng. Seine menschliche Tragik ist es, mit der Assimilation sich selbst zu bekämpfen, weil gerade er ihr mit Haut und Haar verschrieben ist. Er hat mit Werfel und den anderen Könnern der Assimilation die ausschließlich vom Intellekt bewirkte Leistung gemeinsam, mit vom wesentlichen, von Specht nicht erkannten Unterschied: die Leistung des Karl Kraus ist so sehr potenziert, daß sie schöpferisch wirken kann. Spechts Schlußfolgerung aus der 'Kontroverse Werfel—Kraus, „daß hier ein Gerne seinen Gegner nicht endgültig zu Boden gestreckt hat", ist eine aus der Einstellung erklärliche, aber darum nicht weniger falsche Bemerkung, wie überhaupt sein Porträt von Karl Kraus verfehlt:st. Aber trotz dieser durchgreifenden Mängel oder gerade deshalb, und weil das Buch eine Fülle interessanter Betrachtungen über die jüngsten Erscheinungen der deutschen Literatur enthält, ist dieses Zeitspiegelungsbuch von Specht objektiv und subjektiv ein interessanter Beitrag zur Zeit' geschichte. P. Kajlrr,