Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2578 (27.4.1926)
- Date
- 1926-04-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. S878 Mn, Sfcitgfog_'_Wiener Morgenzeitunn Ae Hakoah in AmeMa. (Von unserem I. K.-Berichterstatter.) L Rtw-York, 15. April. Seit -er Arrkunft des Präsidenten der Wiener Hakoah in New-Dork gibt es in den nordamerikanischen Staaten der großen Republik kaum einen populäreren Gesprächsstoff als das Debüt der erprobten Hakoah-Mannschaft und ihrer Wettspiele. Nicht nur in der jüdischen Gaste" herrscht das regste Interesse für die zu erwartenden sportlichen Leistungen der nationaljüdischen Mannschaft, sondern auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung, die das Gefühl zu haben scheint, daß das Auftreten der Hakoah den Beginn einer neuen Aera in der Entwicklung des amerikanischen Sports bedeutet. Man sieht das am deutlichsten in den Artikeln der englisch-amerikanischen Blätter, die seit der Ankunft Dr. Körners sich sehr eingehend nicht nur mit dem Aufstieg der Hakoah, sondern mit der Bedeutung und den sportlichen Wert des Fußballs — die Bezeichnung „Football" verdrängt imrner mehr die Bezeichnung „soccer" — befassen. Auch die verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften und Revuen behandeln in eingehenden Aufsätzen die Roste der Juden als Träger der geistigen und der Körperkultur, welch letztere den Juden schon vom ersten Tage ihres Erscheinens in der Weltgeschichte zur religiösen und nationalen Pflicht gemacht worden sei. Daß hierbei und gerade auf nichtjüdischer Seite, manche Uebertreibung mitunterlauft, und man der Ansicht begegnet, daß der in Aussicht genommene Empfang der Hakoah-Mannschaft im Rathaus durch Bürgermeister Walker (ist inzwischen erfolgt. Anm. d. Red.) an Bedeutung dem Empfange europäischer Politiker gleichzustellen sei, muß dem Amerikanismus zugute gehalten werden, bei dem alles, auch der Enthusiasmus für eine ihm sympathische neue Sache mit mehr Wucht und Nachdruck zunr Ausdruck gelangt, als in Europa. In den jüdischen „Quartalen" allerdings ist das Debüt der Repräsentanten jüdischer körperlicher Ausbildung eine nationale Angelegenheit und ich glaube kaum, daß jemals in Wien oder sonstwo für einen Sieg der Hakoah mit solcher Hingabe „g edrrtckt" worden ist, als in der Easten von New- Aork bis : hinauf zur Fifth Avenue, jetzt ein volles Gelingen der Hakoah-Elf herbeigeführt wird. Es ist jetzt zu erkennen, welche hohe Mission die Hakoah hier zu erfüllen hat, und welche Verantwortlichkeit die Mannschaft auf sich nimmt, daß die Begeisterung der amerikanischen Juden keine Enttäuschung erfahre. präzise 8 Uhr abends im niederösterr. — Gewerbeverein, I., Eschenbachgasse 11 E5 VORTRAGtäLiZnäl Botschafter a. D. Dr. Constantia Dumba: nReformen des Völkerbundes" | Oberrabbiner Prof. Dr. Z. P. Chajes: =E : »Die Juden und der Völkerbund“ j=j Restliche Karten S jin unserer.Administration und an der Abendkassess Um einen leisen Begriff von dem zu erhalten, was ich hier zu schildern versucht habe, lese man die großen Ankündigungen über die Ankunft der Hakoah in den jüdischen Gaffen und in den jüdischen Blättern. Zum Beispiel.das folgende Plakat: Amerikanische Inden! Was Nuvmi für Finnland, Carpentier für Frankreich, Hoff für Norwegen, Arne Borg für Schweden, Dempsey für Amerika — das ist Hakoah für das jüdische Volk! Erstes Spiel Sonntag den 25. April, nachmittags, auf den Pologrouwds. Tickets 1, 2 und 3 Dollar, zu haben in den Redaktionen. aller jüdischen Zeitungen und im Bureau der Hakoah, 31. Union Square, Room 1405. Spezieller öffentlicher Empfang der Hakoah- Mannschaft Samstag den 17. April, Punkt 12 Uhr mittags, im Rathaus. Alle Juden sind zur Begrüßung des siegreichen Teams eingeladen. * Hier ein anderes Beispiel. Das Empfangskomitee gab in den Blättern bekannt, daß es für den würdigen Empfang der jüdischen Gästemannschaft noch fünfzig Automobile benötige und ersuchte die Autobesitzer, ihre Wagen für den feierlichen Anlaß gratis zur Verfügung zu stellen. Schon am nächsten Tag war der Bedarf im Bureau des Komitees stark „überzeichnet." * Aeußerst herzlich ist die Stimmung für die Hakoah in den Kreisen der österreichischen Kolonie. Den Ton hiefür gab der österreichische Gesandte in Washington, Edgar Prochnik, in seiner Begrüßungsbotschaft im Wege der Presse an. Diese Botschaft hat folgenden Wortlaut: „Ich begrüße die Hakoah-Mannschaft anläßlich ihres Eintreffens in den Vereinigten Staaten. Aus vollem Herzen begrüße ich meine Landsleute, die gekommen sind, die österreichische Flagge, gegen die amerikanische Sportvereinigung zu berteidigen. Sie werben sich in ehrlichem, offenem Wettkampf mit den amerikanischen Sportleuten treffen und wahrlich, es gibt keinen besseren Weg für eine herzliche Verständigung als den internationalen Sport. Konkurrenten verschiedener Länder messen ihre Kräfte in diesem friedlichen Kampf, um die höchste Anerkennung zu erlangen. Der österreichische Sportklub Hakoah wird in Amerika eine herzliche Aufnahme finden bei den amerikanischen Sportliebhabern, in denen neben ihrem Interesse für die Sportleistungen der Hakoah noch das Interesse für Oesterreich wachgevufen werden wird. _27- April M6 _S4fc 9 Die Hakoah ist eine reine jüdische athleti» sche Gesellschaft in Wien, die sich auf verschiede» nen Gebieten des Sports ausgezeichnet und auch in verschiedenen europäischen Ländern große Erfolge erzielt hat. Sie ist der beste Beweis dafür, daß die jüdische Bevölkerung von Oesterreich zu allen Zeiten die gleichen Rechte und die gleichen Möglichkeiten für ihre soziale und physische Entwicklung besessen hat." (Weitere Briese folgen.) RorVavs letzter Wes. Die Zeremonie im Lyoner Bahnhof. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Pari«. 23. April. Nahezu tausend Personen, ^lngehörige aller zionistischen Richtungen, hatten sich heute not' mittags in der weiten Ankunftshalle des Lyoner Bahnhofes versammelt. Bon hier aus sollte Max Nor bau, so w'e er es sterbend gewünscht hatte, den letzten Weg nach dem jüdischen Land antreten. Gestern war sein Sarg aus dem Friedhof Montparnasse exponiert und zum Bahnhof gebracht werden. Er fand dort Aufstellung unter einem Trmierzelt; auf dem Sarg lag die blau-weiße Flagge und zu beiden Seiten des Zeltes standen junge jüdische Pfadfinder mit blau-weißen Schleifen als Ehrenwache. Die Trauergäste nahmen rings um das Zelt Aufstellung. Alle Gruppen waren mit der jüdischen Fahne ge° kommen. Es waren in der Hauptsache' Vertreter der. oftjüdischen Vereine, denen sich spaniolische Delegationen anschlossen. Die Leitung der zionistischen Föderation, die Keren- Hajessod-Kommission und die führenden Persönlichkeiten der jüdischen Kreise waren korporativ erschienen. Die Zeremonie war schlicht und würdig. Um den Sarg waren die Angehörigen versammelt, Frau und Schwester ferner Frau Alexander Marmore! und die engeren Freunde. Worte des Abschieds und der Würdigung sprachen Rabbiner Stourtze, Prof. Wktor Basch von der Sorbonne, Dr .David Jacobson, der Präsident der Gesellschaft der Freunde Noroaus und Marmoreks, Herr Josef Cowen als Vertreter der Exekutive ferner Slatopolskt, (hebr.) und Wladimer Tiomkin, der Vizepräsident der Union der Zionisten- Revisionisten fjüdifch), schließlich Herr Andre Spire und andere. Anwesend waren ferner die Herren Ing. P. Rnthenherg. E. Naiditsch sowie Vertreter aller Pariser zionistischen Vereine und ein Vertreter aus Tunis. Nach der Feier wurde der Sarg von den Schonvrim gehoben und zmn Fourgon getragen, der sodamr versiegelt! wurde. Als sch der Zug in Bewegung setzte, senkten sich' die blau-weißen Fahnen zum letzten Gruß an den Toten, der in die Heimat zurückgeht... zionistische Konferenz in der gips. Wie uns aus Preßburg berichtet wird, fand dieser Tage in Iglo in der Zips eine stark beschickte zionistische Konferenz statt, durch die für die OHldwakei die Jjar-Mtion der Zionistischen Weltorganisation eingeleitet wurde. Den Vorsitz führte Herr Dr. Alfred Sin gier (Wo), das einleitende Referat erstattete Herr Dr. Mechner (Mähvisch-Qstrau). Es wurde eine Bezfrksorganisation gegründet und beschlossen, zusammen mit allen ostßwwcckischen Ortsgruppen ftn Mai eine große Tagung in Kasch au zu veranstalten. kllen Keys tragisches Schicksal. Me wir in unserer gestrigen MÄtagsausgabe meldeten, ist Ellen Key in der Nacht vom 24. auf den 25. April in Strand am Weitevsee gestorben Der hebräische Dichter Schimonowitsch erzählt in einem seiner wunderschönen Märchen die Geschichte eines Bildhauers, der ein ganzes, langes Leben in seiner offenen Werkstätte, die ein großes Fenster zur Straße hat, an einem Werk arbeitet und mit Jahr und Tag immer mehr zur Erkenntnis gelangt, daß sein Werk bis zur Vollendung noch lange, schwere Arbeit erfordert. Täglich ergötzt sich eine große Menschenmenge vor den: Fenster des Bildhauers an seiner qualvollen Sisyphusmühe; die Leute da draußen bewundern nur die in der Sonne funkelnden Marmorsplitter, die während der Bildhauerarbeit abfallen. Alt geworden, zerschmettert an einen: schönen Frühlingsnwrgen der Künstler sein LebenMverk.. Die Menge bejubelt den Meister, denn ein solches Glitzern der Marmorsplitter in der Morgenlsonne hat es bisher noch nie gegeben. Mit Tränen in den Augen dankt der Bildhauer den Menschen. Ich glaube, das Märchen heißt: ,Fkeibenbei" oder so ähnlich. Es ist die Tragödie des menschlichen Lebens- Werkes, der sogenannten Hauptaufgabe, des Daseinszweckes. Denkt man an die jetzt verstorbene schwedische Schriftstellerin Ellen Key, wird inan auch solch einer Verwirrung und Tragödie tu der Verwirklichung ihrer Lebensziele gewahr. Am nächsten stand dem Herzen dieser Tchriflslellerin das Leben und das Wohl der Frau. Die Frauenfrage, in allen ihren Problemstellungen und Belangen, behandelte Ellen Key ausführlich, sowohl in ihren verschiedenen Büchern, als auch in ihren Borträgen, in ihrer öffentlichen Tätigkeit. Die wirtschaftliche, kulturelle und politische Seite dieser Frage sind im Schaffen Ellen Keys gleichermaßen berücksichtigt! sie besaß überhaupt für toiele Dinge des 'Lebens einen ninsafsenden und sicheren Blick. Besonders beschäftigte sie aber die geschlechtliche Seite des Frauenproblems, die sie mit Recht in den Mittelpunkt der ganzen Frauensrage gestellt hat. ,Ziehe und Ehe" — auch ein Titel eines ihrer Werke — sind die Problemkrerse, deren Klärung Ellen Key ihr arbeitsreiches Leben gewidmet hat. Atan kennt von ihr in dieser Hinsicht insbesondere das übel beleumundete, verlästerte, weil unverstandene Schlagwort von der „freien Liebe". Die Grundideen, auf denen alle Theorien und Lösungen und die ganze Lebensauffassung Ellen Keys aufgebaut sind, heißen: Freiheit und Körperlichkeit. Diese Ideen, die im wahrsten Sinne des Wortes Ideen des Jahrhunderts sind, kennzeichnen von vornherein die Anschauungen Ellen Keys als modern und zeitgemäß. Man kann über deren Berechtigung aus anderen Gründen disputieren, daß sie kraft ihrer Verwurzelung in der Idee der freien Körperlichkeit, die eine L e b e n s ä st h e t i k und eine Religion bedeutet, im Sinne unserer Entwicklung liegen, läßt sich kaum leugnen. Nichts lag Men Key ferner, als die Ehe zu zerstören, um häßlicher Prostitution das Wort zu reden. Im Gegenteil: Sie kämpfte gegen die Prostitution innerhalb der heutigen Ehe, um das Heiligtum der Liebe in einer freien Gemeinschaft des Körpers und der Seele zu retten. Daß dies ihr L e b e n s w e r k nur zum kleinsten Teile gelang, lag vielleicht zunächst an der Unzulänglichkeit der Mittel, die sie vorgeschlagen hat nnd deren Hauptfehler Naivität und Optimismus sind, und dann an dem Unverständnis der Maste. Die Tatsache bleibt jedenfalls bestehen, daß Ellen Keys Theorien über die Frauensrage nur ganz geringen Erfolg im praktischen Leben gehabt haben, Anders mit einer Parole Ellen Keys, die ans ihrer Einstellung zur Frauensrage, zur Liebe und zur Ehe nur „nebenbei" hervorging, mit der Losung vom «Jahrhundert des Kindes". Der Gedanke der Regeneration der Ehe aus dem Geist gesunder Körperlichkeit hat zu der großen Forderung Ellen Keys nach Befreiung und individualistischer Erziehung der Kinder geführt. In diesem Zusammenhang hebt Men Key in ihrem ausgezeichneten Werk: „Das Jahrhundert des Kindes" die Bedeutung der Mischen Gesundheitsgesetzgebung des Alten Testaments hervor, die auf die sorgfältige Zusammensetzung der nächsten Generation bedacht war. Mütterlichkeit und Körperlichkeit — ich würde sagen: in diesem Falle identische Begriffe — sind die Hauptzüge im Charakter der Persönlichkeit Ellen Keys. Das erwähnte Werk über das Kind, das im Dezencker 1900 erschien, also an der Wiege des Jahrhunderts stand, hat für das neue Jahrhundert eine Revolution nicht nur in der Erziehung, sondern in der ganzen Einstellung zum Kind bedeutet. Man hat, dank diesen Gedanken Ellen Keys, - langsam eingesehen, daß das Kind eine Individualität für sich allein ist, die eine besondere Behandlung erford ert und einen besonderen Wert darstellt. Beides scheint mir gleich wichtig. Die Welt ist ohne Kinder, ohne dasKindliche, das für den Erwachsenen oft die einzige schöpferische Möglichkeit für die Zukunft bedeutet, gar nicht denkbar. Men Key hat diesem Gedanken an manchen Stellen ihres Buches wundewollen Ausdruck gegeben. Darin war sie Seherin und Dichterin. Heute ist vieles davon schon fast selbstverständlich. Man liest Ellen Keys „Jahrhundert des Kindes" wenig, weil man es früher viel gelesen hat und weil die Welt von ihr gelernt hat. Nicht ganz noch, aber doch. „Das Jahrhundert des Kindes" ist zwar nicht Ellen Keys hauptsächlichster Lebensinhalt, aber ihr durchschlagendster Erfolg. Vielleicht, wenn ihr Lebensziel die Lösung des Eheproblems, wenn^auch auf anderen Wegen, als sie vorgeschlagen, der Verwirklichung näherkommt, wird auch das Jahrhundert des Kindes zur vollen, täglichen, restlosen Wahrheit werden. Das wäre dann Ellen Keys größtes Verdienst und der philosophische Trost der Geschichte für das Bewußtsein, das erkannt hat, daß das i n n e r st e Prometheus-Stroben in unser«» Erdendasein nur in den seltensten Fällen erfüllt wird. Leopold T h a l e r.