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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-27 · Heft 2578 (27.4.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2578 (27.4.1926)
Date
1926-04-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gerte 3 Wien. Dienstag Wiener Motgenzettuns 27. April IM Nr. 2578 Rache für Genf. — W ' e n. 27. April. Im Jänner dieses Jahres, che Luther und Stresemann nach Locarno fuhren, erschien der russische Außenminister in Berlin. Mißtrauische Konnnentare der französischen und englischen Presse begegneten einem raschen Dementi. Es sei nichts Aufregendes geplant und man könne doch Deutschland nicht zumuten, daß es jetzt, in diesem Augenblick, mit den Ermunterungen und guten Wünschen Chamberlai ns in der Brieftasche zu Sowjetrußland in ein näheres Verhältnis treten lverde. Es sei ja noch der Rapallo-Vertrag in Kraft, der freilich niemals effektiv geworden war. Nach Locarno wurde es wieder vollkommen still. Man bereitete in Berlin Genf vor, den Eintritt in den Völkerbund. In 1agelangen Konferenzen der Minister mit der deutschnationalen Opposition wurde nach einer eingehenden Formel gesucht; es fiel sehr auf, mit welcher Beflissenheit die Rechtspresse wieder aus die Pläne der nationalen Bolschewiken schwarz-weiß-roter Färbung zurückgriff, intime Beziehungen zu Moskau herzustellen. Die Zwei-Eisen-im-Feuer-Politik Bismarcks wurde zitiert, die sich gegen den frisch erzeugten Dreibund, gekehrt hatte. Der Eintritt Deutschlands mußte vertagt werden und an die Serie erstaunlicher Enthüllungen über die große Intrige gegen den Völkerbund, die der Vatikan angesponnen hatte, reiht sich jetzt die Unterzeichnung des deutsch-russischen Vertrages an. Er ist ganz harmlos, wird in Berlin versichert, er ist nur eine Ergänzung von Rapallo, ein Bekenntnis zur Neutralität und zu ewiger Freundschaft. Beide Staaten werden sich über alle Angelegenheiten verständigen, welche ihre Interessen gemeinsam berühren. Das wäre sehr harmlos, wenn nicht Deutschland an dem Eintritt in den Völkerbund festhielte; kommt es hinein, so gerät es in den Besitz von Kenntnissen, die möglicherweise auch russische Interessen. tangieren, also in Moskau sehr viel Wert finden müssen. Zu diesem Rätsel gesellt sich die Frage, ob die Pourparlers zu dem Vertrag schon im Jänner geführt wurden, ob also Deutschlands Vertreter in Locarno das zweite Eisen im Feuer hielten. In Berlin wird mancherorts behauptet, daß das Uebereinkommen mit Moskau auch den Sinn hätte, eine Annäherung Rußlands an den Westen einzuleiten. Aber diese Berliner Begleitung zum Lied von Locarno klingt nicht ganz rein. Unmittelbar vorher hat doch Sowjetrußland in brüsken und hochfahrenden Worten die Teilnahme an der vom Völkerbund angesetzten Abrüstungskonferenz verweigert. Der Vertrag wird heute veröffentlicht und jedenfalls zu einer lebhaften und in jeder Hinsicht bedauerlichen Diskussion Anlaß geben. Sie fällt in eine unruhige und von Spannungen erfüllte Zeit; im Süden treten die Expansionstendenzen des italienischen Faszismus immer schärfer auf, die Friedensunterhandlungen in Marokko sind in ein kritisches Stadium gerückt, in Syrien nimmt der Krieg wieder gefährliche Dimensionen an und im fernen Osten ist die chinesische Umwälzung zu einem dornigen Problem geworden, das den ganzen asiatischen Kontinent beherrscht und bis in die dnnkefften Verschwörerzirkel wirkt. Die Mühen des Völkerbundes, zu einer europäischen Einheit den Weg frei zu bekommen, wären heute von fast verzweifelter Aktualität. Deutschland ohne Hintergedanken im Völkerbund' hätte diesem Plan neuen Inhalt gegeben und die Anziehungskraft der Genfer Liga verstärkt. Sie hätte auch mit Zwingender Logik auf Rußland wirken müssen und deffen Annäherung an Europa gedeihlich beeinflußt. Das schlägt nun fehl und ermuntert alle zentrifugalen Kräfte. In Rapallo, hatte die durch Rathenau repräsentierte deutsche Demokratie einen M der Demonstration vollzogen. Der deutsche Staatsmann hatte gegenüber dem Poincareschen Militarismus zeigen wollen, was es bedeuten müßte, wenn Deutschland in die Arme Rußlands getrieben würde. Die Konferenz von Genua stand unter diesem Drucke und damals konnte auch Deutschland die ersten Abmilderungen der Reparationslasten erzwingen. Rathenau wurde abgefchossen und schon eftt halbes Jahr später marschierten französische Truppen ins Ruhrland ein. Der Vertrag von Rapallo wurde nie ausgeführt. Aber er legte die erste Bresche in den Wall der Isolierung Deutschlands. Die heutige Situation ist eine ganz andere. Die Feinde haben einsehen gelernt, daß sie den Völkerbund erweitern müssen. Der deutsche MrlionaliSmus will das aber nicht, weil ihm die böseste Waffe aus der Hand geschlagen wird. Er läßt sich von Rußland anziehen. Daß Deutschland das Recht besitzt, Verträge abzuschließen, mit wem es nur will, ist unbestreitbar. Aber daß dies in diesem Augenblick geschieht, ist wieder eine Demonstration. Eine andere freilich, als dies Rathenau getan hatte. Wenn zwei dasselbe tun, ist es eben nicht dasselbe und die Diskreditierung des Völkerbundes, die von den Rechtsbölschewiken als Revanche für Genf, gepredigt wurde, ist erreicht. aus naturechten, besten Weinen in amtlich plombiert«* Flaichan (ferlafl das Ackerbaumlnlsterlums ZI. 16109/474 « 19041 Gegen Grippe bestbewährt IIBERALI. ZU HABEN! Sr. Hantte über zionistische Fragen. Einwartderunyskrise in Palästina. — Die Situation des Zionismus. — JewiH Aaeney. — Die Propaganda von JavotinSky. Das Mitglied der Exekutive der Zionistischen Organisation Dr. Artur Hontke gewahrte anläßlich seiner Anwesenheit in Krakau dem Vertreter deS „Nowy Dzlennik" eine Unterredung, in der sich Dr. Hantke unter anderem über die jetzige wirtschaftliche Krise in PaMi.ua äußerte, die er als reine Jmmigrattonskrffe ansieht, wie sie in jedem Einwänderungslano auszutreten pflegt. Obtvohl nicht alle Arbeiter, die nach Palästina kommen, gleich Arbeit finden könney, ist sowohl der Stand der Einwanderung, der durchschnittlich 2600 Einwanderer im Monat beträgt, und die Rückwanderung, die durchschnittlich 10 Prozent der Einwanderung beträgt, ganz norma (. Ueber die jetzige Situation der Zionismus befragt, erklärte Dr. Hantke, daß man höchstens von einer Krise der Zionistischen Organisation sprechen kann und wies darauf hin, daß gerade die Jjar-Aktivn dazu berufen ist, die Zionistische Organisation wieder zu - stärken und aus platonischen Freunden des Zionismus aktiv« Mitarbeiter zu machen. Ausführlich äußerte sich Dr. Hantke über die Jewish Agency. Er sagte: Die Schwier Seiten, welche sich in Amerika im Zusammenhang mit der Erweitorung der Jewish Agency gezeigt haben> wurden von vielen Seiten dahin interpretiert, daß der Plan ber Bereinigung aller propalästinensischen Kräste fallen gelassen wurde Diese Ansicht ist Der Plan einer organisatorischen Zusammenfassung aller Anhänger und Freund« eines jüdischen Palästina besteht in vollem Ansmaße weiter. Diese Ausgaben werden aber in dem Rahmen dev Zionistischen Organisation nur dann verwirklicht warben, wenn wir uns entschließen wollten, den synthetisches ^lorsSmuS zu verlassen, um zum Standpunkt einer rein Humanitären Palästinasreundschaft. zurückzukchren. Die Ueberwindung dieses Standpunktes isst aber eines der größten Verdienste der ersten Jahre unserer Bewegung. Es bleibt also nur der zweite Weg, rmmlich die Konsokidierung und Zusammenfassung aller jener Kräfte außerhalb der Zionistischen Organisation. .Wir Zionisten Müssen in jeder Propalästinaorganisation immer ber anregende aktive Teil sein. Die Nichtzionisten werden immer nur die Hilfe sein.können und der Erfolg dieser Hilfe wird von der Initiative der Zionisten abhängig sein. Die Frage der Jewish Agency ist aber kein Augenblicksproblem. Die endgültige Lösung dieser Frage kann noch ausgeschoben werden. ' Im allgemeinen kann aber gesagt werben, daß diese Frage nur gelöst werden kann nach demokratischen Prinzipien und auf Grundlage, der Gleichberechtigung mit den Nichtzionisten. lieber seine Meinung über di« Propaganda Jabottnskys befragt, erklärte Dr. H a n t k e: Die Grundtendenz, die Jabotinsky und seine Anhänger beseelt, scheint mir «ine nationalistische Uebertrumpfung des Zionismus zu sein. Ich glaube, daß diese Tendenz der allgemeinen Entwicklung des europäischen Geisteslebens widerspricht. Dir Nationalismus hat zwar noch immer sehr starke und laute Gesten^, es scheint aber, daß Europa sich langsam von den Folgen des Krieges nnd der BovkrisgS- Periode befreit. Wir dürfen nicht erlauben, daß unser Mick in dieser Hinsicht getrübt wild, zumal nicht in jenen Ländern, in denen diese Entwicklung noch nich so weit gediehen ist, wie in England, Frankreich und Amerika. Der Zionismus ist für mich nicht mir eine lUekevtragung von eurrpäischen Entwicklungstendenzen auf daS jüdische Leben, sondern in weit höherem Maße die Resultate der Strömungen, die daS jüdische Lehen selbst beherrschen. Ter Grad des Nationalismus, oer im synthetischen Zionismus in den ersten Vorkriegsjahren erreicht wurde, scheint mir das Maximum dessen zu sein, was dem jüdischen Leben entspricht. Ueber einzelne P o st u l a t e, die JabotinSky aufstellt, kann man diskutieren. Diese Diskussion würde sich aber auf falschen Bahnen bewegen, wenn sie nicht von diesen Grund- Betrachtungen ausgehen würde. I Stürmische Demonstrationen in Lrieft. (ßiflcnbicnft der „Wiener Morgenzcitimg".) Mailand, 26. April. Ueber große Dsmonstrationeit in Triest am 21. t>. berichtet das Presseamt der Opposition. Der Anlaß zu den Unruhen liegt in der Spalttmg, die unter den FaMten der Provinz wegen der Verabschiedung Farinaecis eingetretcn ist. Farinacci traf letzten Sonntag (den 18. d.) abends in Triest ein, wo ihn Tausende junger Leute mit Fahnen und Fackeln abholten. Als es zu Ruhestörungen kam, mußte Farinacci sofort wieder abrcisen. Dies erzeugte neue Unruhen. In der Nacht zum 21. d. überklebten Faszistcn die Mauern in Triest mit Plakaten, in denen es hieß: „Hoch Farinacci! Wir wollen die Partei verchristl i ch e n. Nieder mit der jüdischen Maffia!" Im Nosetti-Theater kam es während der Festrede zum ersten Zwischenfall, als ein Besucher, der sich aus der Galerie befand, die Rede mit dem Zwischenrufe „Nieder mit Frankreich!" begleitete. Er wurde sofort verhaftet. Als die Versammlung zu Ende war, verhafteten die Karabinieri noch zwei andere Faszisten. Vor dem Theater kam es zu e r n st en Z u s a m me n st öst e n zwischen den Extremisten und den gemäßigten Faszisten. Schließlich mußte Militär ansrücken. Hunderte von Verhaftungen wurden vorgenommen. Der heilige Teppich. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Kairo, 26. April. In der Frage der Sendung deS Heiligen Teppichs nach Mekka sind Schwierigkeiten entstanden. Jbn Saud hatte zunächst bewilligt, daß die üblichen Formalitäten gewahrt bleiben sollen. Der ägyptischen Regierung wurde jetzt privatim mitgeteilt, Jbn Saud hätte beschlossen, daß der Teppich nicht mit der üblichen großen Parade nach Mekka kommen dürfe, sondern daß er in Kisten eingepackt sein müsse, damit die Verzierungen verdeckt wären, und ferner, daß die ä g y p t i s ch c W a ch e ihre Waffen und ihre Kapelle im Hafen von I cd d a zurückkaffen müßte. Wenn sich diese Meldung b-estätigen sollte, ist zu erwarten, daß die ägyptische Regierung die Absendung der Karawane widerruft, und daß den ägyptischen Pilgern offiziell von der Reise nach Mekka abgeraten wird, ebenso wie dies die persische Regierung bereits getan hat. Aegyptische offizielle Kreise sind ferner sehr verstimmt durch Nachrichten, denen zufolge Jbn Saud den ägyptischen Vertretern die Erlaubnis verweigert habe, Geld und Nahrungsmittel zu verteilen, die die ägyptische Regierung kürzlich nach Mekka geschickt hatte. __ Reue Unruhen in Kalkutta. Kalkutta, 26. April. (Reuter.) Heute ist es neue rd'lngs zu Zusammenstößen zwischen Mohammedanern und Hin d u s gekommen. Die Polizei mußte von der Feuerwaffe Gebrauch machen, wobei zahlreiche Personen verletzt wurden. Dreißig Verwundete wurden ins Spital gebracht. Vier von den. gestern Verletzten sind gestorben. Pa nz e ra u t o m o b i te patrouillieren den gangen Tag. Fünf Mohammedaner und ein Hindu, wurden bei heutigen Zusammenstößen erstochen. Zwei Personen, die gestern verwundet worden waren, sind heute gestorben. Alle Laden des indischen Geschäftsviertels sind geschlossen. 68Personen, zum Teil Mohainmedaner, wurden in einem eiBgirck von Kalkutta verhaftet. _ Bajonettangriff gegen Kommuuisten. Berlin, 26. April. (Tel.-Komp.) Ans dem Bahnhof Karlshorst kam es zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen einem Trupp Kommunisten mW Mitgliedern rechtsstehender Organisationen. Die Polizei, die oingriff, war genötigt mit gefälltem Bajonett die Kommunisten znrückzutreiben, die aber immer wieder gegen die an Zahl sehr geringen Polizeibeamten vordrängten. Nach dreimaliger Wiederholung des Bajonettangriffes gelang es der Polizei endlich, die k o m m n n i st i s ch e n ^Ruhestörer aus dem Bahnhof zu drängen. Auf beiden Seiten wurden mehrere P e r s o n e n v e r- .letzt. ' zwölsftündige Sitzungen im ungarischen Parlament. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 36. April. In der heutigen Sitzung der Nanunalversammlnng beantragte ein Abgeordneter der Ginhoits- Partei, die Budgetdebatte in zwölfstündigen Dauersitzungen durchzuführen. Da nicht daran zu> zweifln ist, daß dieser Antrag morgen angenommen wird, werden die Sitzungen der Nationalversammlung von 10 Uhr vormittags bis 10 Uhr abends dauern. Sollte die Generaldebatte über das Budget bis zum 1. Mai nicht beendet sein, dann sind 16. bis SOstündige S itzungen in Aussicht genommen. „Es verdorre meine Rechte, vergaß9 ich Dein Jerusalem“— Wirke für dm Keren Kajemeth und denkst an Erez Israel

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