Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2576 (25.4.1926)
- Date
- 1926-04-25
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2576 Wien, Konniag fJjruder kS( f>u hfabn fi; WIEN VII.KAIXERSTR.Wf6. ,m stock Original pariser k&odelle J&etaii Tf&rßouJ Sie Woche. Im Blitzlicht habe ich diese Woche gesehen. Da waren Lage, wo die Sonne heiß brannte, um gleich hinter drohenden Wolken sich zu verbergen. Helles Licht und dunKe Schatten,- Phosphoreszierte Huft, Entladungen, Donner, irgendwo Umrisse ferner Gestalten, nur flüchtige Konturen. Aus den Liebesumarmungen des Frühlings rvand sich der männliche, gütige, brennende Sommer heraus. Ist das alljährlich ein Schauspiel, dieses schwer erkämpfte Reifen der Natur! Ueberhaupt das Reifen: diese Erleuchtungen des Augenblicks, wie das plötzlich traumhaft kommt, mit gaffender Seele stehst du da! Aha!, und immer klarer und sicherer fühlst du: du weißt . . . So wird aus einzelnen Augenblicken vielleicht die Klärung des Ganzen. * Eitelkeit. In der Türkei große Aufregung, Proteste, schwere Sorgen. Steht Kemal Paf.cha gut oder steht er schlecht? Nämlich auf dem großen Monument des österreichischen Bildhauers K r i p p e l, das in Konstantinopel auf dem schönsten Platze der Stadt, nahe am Meer, aufgestellt werden soll. Sollte die Antwort ungünstig ausfallen, das heißt, die Positur des Nationalhelden fände nicht den ganzen Gefallen seiner selbst und der sich mit ihm identifizierenden und in seinem Schatten sich selbstgefällig sonnenden Menge, wird der arme Künstler zwei weitere Aufträge verlieren müssen; für Konja und Angora hätte er auch Standbilder Kemals anfertigen sollen. Das Künstlerische ist hier wahrlich nicht das Entscheidende, nur ein Vorwand, wie so oft, für ganz andere Motive und Eitelkeiten. S o und nicht anders wollen sie sich und den Helden sehen; lautet deine Wahrheit anders, trifft dich ihr vernichtender Groll. Die Kreuzigung des Lebens aus Eitelkeit kennen wir schon seit altersher, seit Jahrtausenden; die Kreuzigung der Kunst aus diesem Grunde ist eigentlich etwas neueren Datums ... -!: Verdächtiges Pathos. D'Anuunzio der große Paryetiker im Stil, der Literatur und in der Form der Politik (weit gefährlicher!), soll in letzter Zeit einen eigenartigen Lebensstil in seiner Villa am Gardasee entwickelt haT-en. Die braune Mönchskutte, die der „heilige" Dichter trägt und die wallenden Nonnengewünder der Schwestern, die ihm gottergebene Gesellschaft leisten —, das alles sollen nur Maskenkostüme für öfters stattfindende Bacchanale im nähe gelegenen Assisi und in Rom sein. Ist zu glauben, sogar sehr wahrscheinlich . . . Der Gefellschaft könnte man nur gute Unterhaltung wünschen, wenn nicht große Worte, hohe Lebensziele und heilige Prinzipien als eisernes Schild dietten würden. Die vielköpfige Hydra des falschen Pathos ist das langweiligste Kapitel der Literatur, das gefräßigste Ungeheuer in der Politik und der ekligste Parasit im Leben. Die Grenze zwischen falschem und echtem Pathos ist nicht immer leicht aber doch zu finden; schließlich wird auch , der gewiegteste Hochstapler entlarvt und die meisten entlarven sich selbst... Mit einem Wort: auch dem großen Hochstapler Ottokar Hubel ist man in diesen Tagen aus seinen erfolgreichen Lebenswandel gekommen und doch lautete die selbstgewählte Devise seines Wappens: „Ehrlich und treu bis in den Tod" . . . Und wie oft geht man dem hochstaplerischen Pathos: „Ich liebe dich" auf den Leim? . . . -i- Aberglauben. Ist das, was in Iapan jetzt geschieht, wirklich so selten und einzigartig? Sind denn die 300 Japanerinnen, die zum Selbstmord greifen mußten, weil sie ausgerechnet im Jahre 1905 geboren wurden, die einzigen Opfer der immer wiederkehrenden, ja immerfort bestehenden menschlichen Verdummung en masse? Die einzige Schuld dieser unglücklichen Mädchen ist, wie erwähnt, ihre Geburt im Jahre 1905, im Zeichen des H i n u m a, des Pferdes. Dieses Zeichen kehrt alle 61 Jahre wieder und erinnert an eine wütende Stute, die alle Hengste, die man ihr zuführen wollte, getötet hat, statt ihnen „brav zu Willen zu sein." Für die Stute vor Jahrhunderten büßen nun heute diese Japanerinnen. Auch sie sollen dem Mann, der sie heiratet, Unglück und Tod bringen, und werden daher Von den Männern peinlich gemieden. Da der Jahrgang 1905 jetzt sozusagen bestes Heiratsalter ist, geschah die große Selbstmordkatastrophe. Was Wunder, hat man nicht immer und auf der ganzen Welt aus Aberglauben Hexen verbrannt, Männer gesteinigt, Bücher ver> nichtet, fürchtet man nicht jetzt noch die 13, den Freitag, den Montag, die Nonne, die Rückkehr, um Vergessenes zu holen, den zerbrochenen Spiegel, den Ecksitz (sieben Jahre ledig!), den rechten oder linken Schuh als ersten cmzuziehen (ich weiß nicht genau) und andere „untrügliche" Zeichen nahenden Unglücks. Da wird kaum Wissenschaft und Fortschritt viel helfen; in neuen Verhältnissen findet der Mensch neue Objekte für seinen Aberglauben. Der sitzt ihn: fest in der Brust, wie der Hunger, der Haß Wiener Morgenzeituna 28. April 1926 Heike f und die Liebe. Die Menschheit bedarf des Aberglaubens als masochistischen Widerstand, damit der babylonische Turnl doch nie den Himmel erreicht. . . * Güte. Gibt es das noch auch? O ja, es ist eine ganz seltsame Planze, die nur dort gedeiht, wo der Boden recht steinig und rauh. Würde die ganze Erde fett und fruchtbar sein, könnte das Gewächs der Güte nie aufgehen. Irgendwie muß sie immer aus Bosheit, Grausamkeit und Unglück hervorgchen; das nennt man dann „Verteilung von Licht und Schatten im Bild der Welt", damit es uns nicht zu fad' wird. Zuerst mußte man in Deutschland von der entmenschten Mutter hören, die ihre Kinder systematisch und durch Jahre hindurch bis aufs Blut prügelte, um jetzt von dem Paradiesasyl für verkommene und geprügelte Kinder, vom Vereinzum Schutzder Kinder in der Nähe Berlins zu erfahren. Voll des Lobes sind bie deutschen Zeitungen, jetzt nach dem erwähnten Prügelskattdal, für diese wohltätige Anstalt, in der Kinder, die zu Hause unter dem Haß der Eltern oder Stiefeltern Verkrüppelten, gepflegt und erzogen werden. Wunder werden erzählt, wie die Kinder in der Atmosphäre von Liebe und Güte anftauen und in kurzer Zeit wieder die normale Entwicklung nehmen. Damit das Kind hier so gut aufgehoben ist, muß es also zuerst eine tüchtige Tracht Prügel bekommen und verkrüppeln. Wie wäre es, wenn man solche Anstalten gleich für Säuglinge, die Gefahr laufen könnten, zu Hanse zu verkommen, schaffen tvürde. Prophylaxe statt der viel schwierigeren und nicht immer wirkenden Therapie . . . Und Gelegenheit dazu würde sich nur zu oft finden; besonders wenn man auch die geistige Verkümmerung und Knebelung der Kinder im Elternhause in Betracht ziehen würde. Sozusagen Schutz vor geistigen Prügeln. . . * Sein und Schein. Ein Unfall an der V o l k s b ü h n e in Dresden, wo in Goethes „Faust" Valentin im Zweikampf den Faust erheblich verletzt hat, führte mich auf merkwürdige Gedanken. Das Leben'wird zum Theater und das Theater zum wirklichen Leben. Krankheit, Hungersnot, Arbeitslosigkeit, Krieg und Kanalräumerberuf sind nur auf den Brettern zu sehen; im Leben spielen sich nur die großen und tiefen Dramen der Dichter ab. Wäre das nicht wirklich besser? Das Theater würde zwar ein wenig abgeschmackt und verflucht werden, aber diesem Ideal nähert es sich schon auch jetzt. . . Der Tausch müßte fürs reale Leben unbedingt ein gutes Geschäft werden . . . Denn erstens gibt es doch weniger Dichter, die Dramen schreiben, als Menschen, die leiden, und MALOWAN 10RM. MALOWAN * FRANZ WIEN, I., 0PBRNRIN6 U bringt ab 21. d. wieder ganz neue bergangsrdeke in herrlichsten Dessins sowie neuesten Farben, auf Seide gearbeitet zum Preise von 5 150 zweitens sind auch die schrecklichsten Tragödien auf der Bühne noch immer schöner und harmloser, als im Leben. Sie haben zumindest fast immer einen Sinn, während die Verwicklungen des Lebens diesen Vorzug nicht immer für sich in Anspruch nehmen können. Schlechtes Theater und Leben von Niveau wäre uns allen sicher lieber; man würde nur ins Theater gehen, um das Glück und die Größe ertragen zu können, um den Kontrast zu genießen ... Wenn das Theater sich weiter so hinunter entwickeln wird, wie bis jetzt — von dem klassischen Ideendrama bis zur Revue des Fleisches und der Gasse — so wird man auch die andere Seite dieser Frage: die Erhebung des Lebens zum Niveau des Theaters in Betracht ziehen müssen. . . Vielleicht gelingt es Pirandello zu sagen, wie man das macht, den Schein mit dem Sein zu vertauschen ... l. th. 8ta eigenartige« Simultanspiel Aljechin— Nlrmzowitsch. Berlin, 24. April. Das ,-Berliner Tageblatt" rneWott Die beiden gegenwärtig in BeMn weilenken großen Schachmeister Aljechin und N i e m z o w i t s ch fochten gestern einen eig-enarirgein 2Vettkampf aus. Man stellte ihnen.25 Spieler entgegen, von denen jeder gleichzeitig eine Partie gegen Aljechin und eine Partie gegen Niemzawiitsch zu führen hatte. Me S i m n l t a n f p i l Xe endeten damit, daß NvenHoiwlUch von 25 Partien 18 g ew a n n und 7 remis machte, während Wjechin 17 g ew a n n, 4 remis machte und 4 v e r l o r. Aus dem Reiche der Ameisen. Reue psychologische »ersuche. Wohl jeder, der sich einmal ein zerstörtes Amei senkest angesehen Hai, wird beobachtet haben, daß die scheinbar durcheinanderlachenden Ameisen in Wirklichkeit eifrig und durchaus planmäßig Brut und Vorräte aus ihrem Nest an einen sicheren Ort tragend Jede Ameise hat dabei ganz bestimmte Pflichten zu erfüllen. In der Tat gehören die Ameisen, wie auch die Bienen, zu den sogenannten sozialen I ns e kte n, die einen wohlorganisier!cu Insektenstaat zu lbitden' vermögen. Das geregelte Ine inandergreisen des komplizierten Räderwerkes eines Insektenstaates ist natürlich nur durch eine Art von Sprache möglich. Selbstverständlich kommt hierbei nicht eine Laut- »prache, ähnlich der menschlicher:, in Betracht, sondern es handelt sich um eine i n st i n k t i v e Z e i ch e n s p r a ch e, die auf den Trieb, den anderen Mitgliedern des Staates die eigener: Be-vegungsimpulse und Gefüh'lsvorgänge zu überimitkiht, Ktrückzust'chren ist. Sehr interessant sind hiebei Pie Untersuchungen, die der Naturforscher Eidmann darüber ange.stellt hat. Zrrerst rurde die Frage, wie sich die Ameisen über eine n e u e n t d e ck t e N a h r u n g s q n e l i e verständigen, untersucht. In einem großen Gipsnest ivurde durch Glasivände eine große Kolonie einer bei uns '-ehr häufigen stmessenart beobachtet. Bei dem Versuch wurde in der Nähe des Nestes, die der natürlichen Nestnmgebuiig weitgehend entsprach, ein totes Insekt niedevg eiliegt. Eine der ständig umherftrejfenden Arbeiterinnen findet das Insekt und Meppt es. nachdem sie es betastet hat, ins Nest. Ist jedoch das Beutestück zil schwer oder läßt sich die Nahrung nicht wegschassen, wie zum Beispiel ein Tropfen Honig, so müht sich die Finderameise, wie sie der Forscher nennt, eine Zeitlang vergeblich boutlt ab, dann aber eilt sie ins Nest zurück, um Alarm zu schlagen. Dieter Vorgang ist nun Psychologisch außerordentlich interessant. Am Nest angelangt, dringt die Finderameist in die vorderen Räume ein, läuft aufgeregt hin und her und kreuzt mit allen ihr begegnenden Ameisen die Fühler. Die auf d:es<> Weise verständigten Tiere laufen aufgereg: ins Freie und suchen nach der Beute. Nach einiger Zeit kommt auch die Finderameise, die mH einem weißen Punkt gekennzeichnet wurde, wieder aus dem Nest heraus und eilt mit den anderen zur Beute, die nun von alle« gemeinsam in Sicherheit gebrächt wird. Ist der Weg zum Fundort sehr weit, so sind oft denn ersten Alarm nicht genügend Hilfskräfte versammele 2L«r>er eilt die Finderamerse oder eine der zuerst Alarmierten ins Nest zurück, um neue HiMväfte heribeizrcholen. Wurde die Beute nun mit einer Nadel am Boi^n fixiert, so daß sie nicht fortzuschassenwar, so schnitten die Ameisen kleine Stückchen ab, und trugen sie ins Nest, bis die ganze Beute erngeheimst war. Die VerstäMgung der Ameilsen unteremander ersoilgt stets nni den Fühlern. Bei der Schnelligkeit der Bewegungen sind Einzelheiten natürlich nicht sestzustellen. Interessant ist die Tatsache, daß die Firkderin beim Alarmschlagen niemals in die Lieferen Nestpartien, wo sich die B r u j und die Königinnen befinden, rindringt. Sie verständigt vielmehr nur die in den vorderen Nestkammern sich aufhaltenden Arbeiterinnen, die scheinbar tun auf einen Alarm gewartet haben. Ein psychologisch höchst interessantes Verhalten zeigt die Ameise, indem sie an dem Ort, wo sie ein einziges Stückchen fand, nachdem sie dieses ins Nest transportiert hat, gründlich weitersucht, in manchen Versuchen bis 16 Minuten lang. Findet eine AmeAe einen Haufen kleinerer Nvhmngsstückchen, so ist in zahlreichen Versuchen beobachtet worden, daß sie unermüdlich jedes einzelne Stückchen ins Nest trägt, es dort den am Eingang stchenden Wachen abgibt, und ohne Alarm zu schlag gen, an den Fundort zurückkehrt. .Ihre Gednld war arrch nicht zu erschöpfen, wenn man jedes sortgetragme Stück wieder ergänzte. Schliießilich wurde irr sehr interessanten Versuchen iozu'agen das Pflichtgefühl der Ameise, wie man es menschlich ausdrncken würde, geprüft. Einige kleine Beutestückchen wurden in größerer Entfernung des Nestes arrsgelegr. Der Finderameise, die die Beute ms Nest tragen wollte, wurde unterwegs, in gespannterer Erwartung des Kommenden, ein Tropfen Honig, die beliebteste Nahrung der Ameisen, vorgesetzt. Die Finderin ließ sich jedoch von ihrer Ausgabe nicht aAenken. Sie leckte wohl einige Male am Honig, würbe oann aber unrrchig und eilte zum Fundort, um ihre Tätigkeit fortzü''etzen. Erst nachdem das letzte Stück der Beute geborgen »var, ließ sie sich den Honig schmecken. Viel schwierige sind Untersuchungen auszu retten, die sich mit der Frage beschäftigen, ob Ameisen ein d e s k r i« rives oder ein judikatives Mittei'luuMernwgen - besitzen. Das heißt, ob die Ameise die Fähigkeit hat, im Nest beim Alarmschlagen ihren Kameraden zu sagen, was sie gesunden hat, rHer ob sie ihnen nur verständlich machen kann, daß sie irberhaupt etwas gesunden lnt. Me Versuch.' ergaben bierüher now kein» ge bn tita-