Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2576 (25.4.1926)
- Date
- 1926-04-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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, Geck 4 _Wien, Sonntag_ Wetter Moraenzeitutta__ Sie msWen Fragen. (Hit SespM mit htm Führer der rosstschen Kmlgranten Wlniwer. Ach« ««sfisch« Eurigration. — Der russische Antisemitismus und di« „Jüdisch« Tribüne". — Tie fra»,»fisch-jüdische Intelligenz. — Das Berhfiltnis der Franzosen »ui» Zionismus ttitfc zu Palästina. — Die jüdische Emigration in Paris. Seit einigen Tagen weilt in Warschau der bekannte Politiker, Jurist und Führer der russischen demokratischen Intelligenz, Herr Winawer. Nach dem Ausbruch der Revolution flüchtete Winawer ins Ausland ttnd weilte fünf Jahre in Paris, wo er zusammen mit M i liukow die zerstreuten Mitglieder des linken Flügels der Kadetten-Partei (konstitutionelle Demokraten) gesammelt und in drei Sprachen (russisch, französisch, englisch) die Wochenschrift „Die jüdische Tribüne" herausgegeben hat. Herr Winawer gewährte unserem Warschauer Korresvondeten eine Unterredung, in der er sich über einige aktuelle Fragen der russischen Emigration und über die Lage der Juden in Frankreich äußerte. Welche Strömungen herrschen in der russischen Emigration? „In der russischen Emigration besteht eine Spaltung m zwei Gruppen, zwischen denen gar keine Verbindung bestecht. Die erste radikal-konservative Gruppe mit Peter S t r u w e an der. Spitze, ist offiziell scheinbar nicht monarchistisch, sie betrachtet aber den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch Äs den Hauptführer des Volkes, was seiner. Prokla-' mierung zum allrussischen Monarchen.gleichkommt. In dieser Gruppe besitzt auch einen großen Einfluß M a rkow II, dex Führer der russischen Agrarier, die die Äü'ckgabe des konfiszierten Bodens und aüßerdeni eine Ertt-' schädigung verlangen. Die Gruppe der konservativen Industriellen stimmt nicht mit dem Revindikationsprogrcmrm der Agrarier überein und will auch nur unter ernsten Vorbehalten ein monarchistisches Regime herbeiwünschen. Die zweite ernste Gruppe vereinigt die radikale Intelligenz des linken Flügels der alten „Kadetten"- Partei und kämpft um das Programm 1 einer demokratischen Republik. Dieses Programm befriedigt weder die konservativen Monarchisten noch die Bolschewiken. Diese Gruppe muß paher den Kampf nach zwei Fronten führen." Wollen die Emigranten schon jetzt nach Rußland zurückkehren? . „Der Wunsch nach der Rückkehr in die Heimat ist groß, besonders unter den politisch nicht engagierten Emigranten. Die Bewegung, die vor zwei Jahren unter dem Namen „Smiena Wiek" bestand, ist gänzlich verschwunden. Jetzt entsteht in verschiedenen Ländern Europas, in denen russische Emigranten wohnen, eine Bewegung unter dem Namen „Wozwraszczench". In Riga hat in dieser Angelegenheit der bekannte Politiker Pieszechonow einen Aufruf unter der Devise: „Freiheit ohne Vaterland ist arger als Vaterland ohne Freiheit!" herausgegeben. Die Bolschewiken verweigern aber den Emigranten die Einreise nach Rußland und verlangen von ihnen in erster Linie vollständigen Verzicht auf jede politische Tätigkeit und alle alten Ideale. Die bekannte russische Publizistin und Emigrantin Kuskowa hat letzthin in Paris einen Vortrag gehalten, der auf die Emigranten einen großen Eindruck auSgeübt hat. Sie hat zur Rückkehr ohne Verzicht aufgerNfen. Dies bleibt jedoch nur ein leeres Wort, solange die Bolschewiken diese Devise nicht anerkennen wollen." Besteht unter den russischen Emigranten eine antisemitische Strömung? „Eine antisemitische Strömung zeigt sich nur in sehr begrenztem 'Ausmaß und ist mehr von der politischen Parteirichtung, die unter den Emigranten des betreffenden Landes vorherrscht, abhängig. Selbstverständlich blieb die russische Linke ihren alten, Humanitären Idealen treu. Das Verhältnis des jüdischen Teiles der Emigration zu ihren christlichen Leidgenossen ist sehr korrekt und die reichen Juden geizen auch nicht mit materiellen Unter st Ätzungen. Wenn es um allgemeine Ziele der Emigration zu tun ist, ist ihre O p f e r f r e u d i g k e i t im Verhältnis zu ihrer Zahl sogar sehr hoch. Wir kämpften und wir kämpfen jetzt gegen jeden antisemitischen Einfluß der Rechtskreise." Wie ist jetzt die Lage der französischen J-u dert? ' „Ueber die französischen Inden läßt sich eigentlich nicht viel Besonderes berichten. Sie bilden kein einheitliches Ganzes. Im allgemeinen bekennen sie sich zur Gemeinschaft mit dem Judentum der ganzen Welt und zwei große jüdische Organisationen, die „Alliance Jsraelite Universelle" und die „Jca", halten die Hilfstätigkeit für die Juden anderer Länder als ihre Hauptaufgabe. An der Spitze der „Alliance" stehen die bedeutendsten Vertreter der französisch-jüdischen Intelligenz; der Präsident ist der Professor des College de France Silvain Levy, der bedeutendste Sanskritologe der Gegenwart; eines der..tätigsten und ältesten Mitglieder ist Salamon R e i n a ch, der bekannte Kunsthistoriker, Mitglied der Akademie der moralischen und sozialen Wissenschaften und Direktor des ersten staatlichen Museums. Im Komitee der „Alliance" sitzen ferner: der . erste Präsident her " Pariser \ Gerichtsjammer Dreyfuß, vielleicht die erste Persönlichkeit in'der richterlichen Welt Frankreichs, und der Grandrabbiner, der gleichzeitig Professor der jüdischen Geschichte im College de France ist. In der Verwaltung der „Jca" finden wir den Professor Netter, Mitglied der medizinischen Akademie, den berühmten Juristen und Professor der juridischen Schule Wahl und Salamon R e i n a ch. Daß nur religiöse Fäden diese Männer verbinden sollten, kann nicht gesagt werden; es muß doch etwas anderes sein, das sie in dieser gemeinsamen Arbeit für das Wohl des Judentums anspornt. In. Frankreich gibt es keinen Antisemitismus. Di« Drehfuß-Affäre hat die Atmosphäre Frankreichs aus lange Jahre hinaus gereinigt." Welchen Standpunkt nehmen die Franzosen zu Palästina und zum Zionismus ein? M. Apra vm durch Dr« Hoffbfluer* Entfettungs-Tabletten Dieselben sind von bester Wirkung, angenehmem Oeschmack, vollständig anichädlich, stellen eine schlanke, graziöse Figur her, ohne Diätzwang oder Aenderung der Lebensweise. Prompte öewtchtsabnahrae. Vom Volksgesundhettsamt bewilligt Nr. 911 Kein Abführmittel Keine SchllddrUf e D«pott Apotheke „Zum Römischen Kaiser*, Wien, l., Wolteelle 13 „Da muß man eigentlich zwischen dem Standpunkt der Franzosen zum theoretischen Zionismus einerseits und zum Palästina-Mandat andererseits unterscheiden, In den ersten Jahren nach der Proklamation des Mandates durch England war das Verhältnis Frankreichs zu Palästina nicht sehr freundlich; hier spielte die Jalousie de metier" (Berufseifersucht) eine große Rolle. Zum theoretischen Zionismus aber ist das Verhältnis ganz anders, sogar sehr freundlich. Hier geht es ja um die Renaissance eines Volkes und um den Wiederaufbau eines Landes.' und solche Sachen ereignen sich nicht so oft. Den Franzosen imponiert die gigantische Bemühung des jüdischen Bottes in Palästina und das zieht Politiker, Dichter, Journalisten und Denker an. In Frankreich wurde eine große prozionistische Vereinigung unter dem Protektorat des Präsidenten der Republik und anderer bedeutender Persönlichkeiten geschaffen. Sehr interessant war der Abend, den die Vereinigung France-Palestine unter dem Vorsitz deS gewesenen Ministers Godard, eines der energischesten Freunde des Zionismus, veranstaltet hat. (Wir haben über diesen Äbend bereits anssiihrlich berichtet. Die Red.)" Wie ist die Lage der jüdischen Emigration in Frankreich? „Die jüdische Emigration der letzten Jahre setzt sich aus russischen und polnischen Juden zusammen. Die Welle der allgemeinrussischen Emigration hat. auch eine große Zahl russischer Juden mit sich gebracht. Ihre materielle Lage ist wie die der ganzen russischen Emigration ziemlich schwierig, aber im allgemeinen zeigen die Juden eine größere Widerstandskraft als ihre russischen Genossen. Viele von ihnen haben, sich schon an die neuen Bedingungen gewöhnt und Arbeit gefunden. Der ärmere' Teil des' russischen und polnischen Judentums bewohnt einen der älteren Bezirke von Paris um die Straße St. Antoine,- wo man die jüdische Sprache hört und auch jüdische Aufschriften und Plakate sehen kann. Der Verkehr vor den jüdischen Feiertagen gemahnt dort an die jüdischen Stadtteile Warschaus oder Wilnas. Die früheren Emigrationswellen nach den Pogromen haben auch eine Menge von Emigranten in diesen Bezirk gebracht. Aber schon die nächste Generation hat an dem wirtschaftlichen und politischen Leben teilgenommen. Viele berühmte Gelehrte und bedeutende Politiker stammen von den Bewohnern der Straße de Rösters, des Hauptmittelpunktes des jüdischen Bezirkes, wo auch eine Synagoge steht, ganz nach Art der alten und orthodoxen Synagogen aus Warschau oder Berdiczew. In letzter Zeit nach Ankunft des Petersburger Rabbiners Eisenstadt nach Paris kam der Gedanke aus, yine eigene Gemeinde für die polnischen und russischen Juden zu bilden." gesagt, wir sollen uns ruhig schlafen legen: es wird nichts werden. So weit, so gut. Ta gibt es ater bei uns einen Nojech Tokonop, der über alles in der Welt Bescheid weiß; er tut nichts anderes, als in der ganzen Stadt, es versteht sich im Geheimen, das Gerücht verbreiten, daß von der schönen Gesellschaft eine Depesche gekommen ist, er hat sie selbst gesehen, er schwört bei allen Heiligen. Was alsso steht in der Depesche? In der Depesche steht nur das eine: „Wir fahren." Keine schönen Morte! Man geht also selbstverständlich zum Bürgermeister. ,Herr, es steht schlimm!" Sagt er: „Was ist das, Mimm?" Sagt man ihm: „Es ist eine Depesche da!" Er fragt: „Woher?" Man antwortet chm: „Aus jenen-OertlichLeiten!" Er fragt: „Was steht in der Depesche?" Man sagt ihm: „Wir fahren!" Da. lacht er und sagt: „Ihr seid große Narren. Ich habe gestern nach Toltschin um hundert Kosaken geschrieben." Das Wort Kosaken nur gehört und eine neu« Haut hat uns überzogen. Ein Jude wird kühn, erblickt er einen Kosaken und pfeilft auf alle Welt. Es ist nichts Geringes — ein solcher Beschützer...! Es gab aber noch einen Haken: wer von den beiden kommt früher an — die Kosaken aus Toltschin oder die Schlägergesellschaft aus Schmerinka? Der gesunde Menschenverstand alüHings hätte klar machen müssen, daß die Schläger früher ankommen, weil sie mit der Bahn fahren und die Kosaken doch nur retten. Man legte aber die ganze Hoffnung aus den ,Feerläufer". Juden haben einen großen Gott, vielleicht bewirkt er ein Wunder, und der „Leerläufer" kommt um einige Stunden wenigstens zu spät. Das ist ja bei'ihm ein gewöhnliches Ereignis, das passiert ihm oft, fast jeden Tag... Und. Ihr mögt es euch denken, hiesnial traf das Wunder nicht ein. Wie vorbedacht ist er von Station zu Station gelaufen, Pünktlich wie in Uhrwerk. Ihr könnt euch denken, wieviel es uns an Gesundheit geraubt hat, und den Schrecken, der sich im Städtchen verbreitet hat, als man erfuhr, wie gewöhnlich von Nojech Tokonop, daß schon von der letzten Station eine Depesche da ist, von Krischtvpoote: „Wir fahren!" Und nicht nur „Wir fahren", sondern „Wir fahren mit Hurra!" Wie gewöhnlich, ha! nian dich Nachricht gleich dem Bürgern,erster iUerbracht; inan ist ihm m Üfötfi MÜW. M« hat M Metz». M Mt M htz Kosaken zu verlassen, die einmal aus Toltschin kommen, werden, zum.Bahnhof Polizei zu schicken, damit man wenigstens sieht, daß Polizei da ist, daß nicht alles vogelsrei ist. Und der Herr, der Bürgermeister, hat sich diesmal.nicht gerade lange bitten lassen, er hat es der Stadt zuliebe getan, und dies ganz und gar. Er hat seine Uniform angelegt mit allen Orden und ist in eigener Person mit der ganzen Polizei am Bahnhof erschienen. Die wenigen Herrschaften, die Bösewichte, ihrerseits, haben, wie Ihr euch denkn mögt, auch nicht geschlafen. Auch sie haben Feiertagskleidcr angelegt, auch mit den Orden, haben einige Geistliche mitgebracht und sind auch im Bahnhof erschienen. Der Bürgermeister unterließ es zwar nicht, zu fragen: ,Was macht Ihr da?" Sie aber stellten ihm dieselbe Frage; „Was machst du da?" So ging es mit Worten hin und her, und der Bürgermeister ließ sie es wissen, daß ihre Mühe vergebens ist. Soilange er Bürgermeister ist, sagt er, wird es in Heißin keinen Pogrom geben. Ja, so sagte er es ihnen ungefärbt und ungeschminkt. Sie hörten ihm lächelnd zu und haken ihm frech zur Antwort gegeben: „Wir werden es ja 'bald sehen ..Und als sie das gesagt hatten, hörte nian von der Ferne einen Pfiff. Dieser Pfiff, wie Ihr euch deniöen könnt, hat uns alle ans Herz gegriffen. Nach diesem Pfiff waren wir gewärtig, noch einen zu hören, nach ihm das Hurra dazu. Ur<> was diesem Hurra folgt — das haben wir schon von anderen Städten gehört... Zum Schluß... was, geschieht? Gepfiffen hat es zwar, aber hinter diesem Pfeifen' hat nichts gesteckt. Was war los? Es ist eine schöne Geschichte, die nur unserem „Leerläuser" geschehen kann. Ihr könnt das anhören. Bei -er Station .Heißin angekommen, ließ der Maschinist die Lokomotive Halt machen, stieg höchst gemütlich ab uniging geradewegs zuni Büfett, wie immer. Man hält ihn aber auf: „Mensch, wo sind die Waggons?" — „Was für Waggons?" — „Siehst du nicht, daß -u nur mit der Lokomotive gekommen bist,.'ohne einen einzigen Waggon?" Der Maschinist glotzt und fagt: „Was gcht das mich an — Waggons, oas ist Sache der Brigade."' — Mo ist dann oie Brigade?" Da antwortet -er Maschinist wieder: „Was geht das mich an? Der Kondukleur W Bich LM mm AM UiKn. hgß er jertig antworte das auch mit einem Pfiff, das heißt, daß ich auch fertig bin, und ich lasse di« Maschine laufen; zwei Paar Augen had' ich nicht, zu sehen, was hinten vorgeht." So antwortet der Maschinist. Und wie er jfo spricht, ist er ja .im Recht. Kurz, Morte hin, Worte her — der ,Leerläufer" ist dia, aber Passagiere sinh kein« tw. Eine Hochzeit also ohne' Musik. Me es sich dann gezeigt hat, war «>ine nicht zu verachtende Kompagnie auf dem Wetze zu uns gewesen, ansgewählte Gesellen, ausgerüstet mit den gehörigen Geräten. Eine frohe Gesellschaft war's, Schnaps wurde getrunken, und aus allzu großer Fröhlichkeit hat man aus der letzten Station, in Krischtopovlke, eine hübsche Anzahl Gläschen in den Bauch gegossen, die BriMe betrunken gemacht, den Kondukteur, den Gendarm und die übrigen, und man!hat leine Kleinigkeit vergessen: die Waggons zur Lokomotive zu tun. Die Lokomotive ist also zur gehörigen Zeit Nach Heißin abgegangen, und dev ganze „Leerläufer" ist, wie Ihr euch denken mögt, mit allen Waggons in Krischtopovke zurückgeblieben. Und mehr noch! Kein einziger von der schönen Gesellschaft, die Passagiere nicht und die Brigade nicht, hat es bemerkt, daß der Zug nicht fährt, und, wie Ihr euch denken mögt, man hat nicht aufgchört, Gläschen und Flaschen zu leeren, bis der Sbationsvorstand erlKich -arauftam, daß die Lokomotive ohne die Waggons fort ist. Da hat er ein großes Geschrei «Hoben. Erst da ist der Irrtum bemerkt worden, nian lärmte, schrie, daß sich der Himmel öffnen konnte. Die Gesellschaft fuhr die Brigade an, die Brigade die Gesellschaft, des Langen und des Breiten, bis man abmachte: Fuß auf die Schulter, Hand ins Auge, und fort zu Fuß nach Heißin! Und dies mit Singen und Hurra nach Gottes Gebot. Aber, aber, es war ein bißchen zu spät! Auf den Gassen promenierten die Kosaklcin aus Toltschin. auf den Pferdchen rettend, und von der ganzen Bande, wie Ihr euch denken mögt, blhb nicht die Spur. Man lies anseinander wie hungrige Mäuse, w!« Schnee m einem Sommertag zergeht. ' Nun, ich frage euch, ist er es nicht wert, unser „Leerläufer", daß man ihn von obe»n bis unten mit GoH überschütte oder zumm-dest von ihm eine Basch re i'bung macht?" JHuI tat 1 A I . flP wr