Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2574 (23.4.1926)
- Date
- 1926-04-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sk. M4 Wen, Freitag Wiener Moegenzettun^ 33. April IMS Lein 8 Inland. 18.888 Arbeitslose weaiser. Mitte April 1826wurden -in Oesterreich 171.881 unterstützte Arbeitslose gezählt. Diese Zahl verteilt sich nachstchmd aus die Sprengel der einzelnen Industriellen BezirkSkommifsionen: Wien (Stadt) 83L35, Wien (Umgobung) «728, Wiemr-MmMt 16.355, St. Pölten 8785, Gmünd 2666, 'Sauerbrunn 4720, Linz 21.664, SaWurg 3366, Graz 17.663, Kliagenfurt 3674, Innsbruck 2872, Bregenz 1333. Zu der an- «gegsbenen Zahl von 174.881 kommen noch etwa 11.000 ausgesteuerte Arbeitslose, die im Genüsse einer Beihilfe stehen, und jene Arbeitslosen, die in den Arbeitsnachweisstellen zur Arbeitsvermittlung vorgemerkt sind, aber keinen Anspruch auf Unterstützung besitzen; diese. sind «mit etwa 31.000 Personen zu veranschlagen. Die Vermindere u n g der Zahl der unterstützten Arbeitslosen gegenüber Ende März (193.749) beträgt 18.868 und erstreckt sich auf die Sprenigel sämtlicher Industrieller BezirkSkoMnissionen. Gestern vormittags fand auf Ersuchen des Verbandes der soziaildemokratischen Abgeordneten und Bundesräte eine Verhandlung über die Frage der Beihilfen der Arbeitslosen statt. An der Verhandlung nahMn keil: Für die Bundesregierung Bundeskanzler Dr. Ramek und die Minister >Dr. Resch und Kollmanin. Die Vertreter der Gewerkschaftskommission machten darauf aufmerlksam, daß viele von den vom B ez u g e d e r B e ihiilfen ausgeschlossenen Arbeitslosen keine 'Arbeitsstelle gefunden haben, daß daher die gafetzlliche Voraussetzung für die Entziehung der Beihilfen durch den Beschluß der Industriellen Bezirkskonmrisfionen nicht gegeben ftji. Der generelle Ausschluß der Frauen von denk Bezüge der Beihilfen sei gesetzlich nicht zulässig, da bas Gesetz die Industrielle Dezirkskommission nur ermächtigt, bestimmte Berufe. oder Teile ihrer Sprengel von dem Bezüge der Beihilfen auszuschließen, aber nicht einen Unterschied nach dem Geschlecht vorzunchmen. Nach länMrer Verhandlung erklärte Minister Dr. Reisch, er werde der Industriellen Beziksöommissiion Wien den Aufs trag gelben, dem Bundesministerium für soziale Verwaltung zu berichten, ob es gelungen ist, den durch Beschluß der Industriellen Beizirkskomimission von dem Bezug der Beihilfen ausgeschlossenen iArbeits losen über 60 Jahre und den arbeitslosen Frauen Arbeit zu vermitteln. Sollten die Berichte der Industriellen Bezirkskommission ergeben, daß die von der Beihilfe Ansgeschiedenen vom Arbei>tsm arikt nicht auf'gosogen werben können, äilso die gesetzliche Voraussetzung nicht gegeben ist, dann werde der Minister den Industriellen Beztrkskommissionen den Auftrag geben, über die Gewährung der Beihilfen neuerlich Beschluß zu fassen. Ae Beiträge rum Kleimentnerfonds. Der Kleinrentneruuterausschuß trat in seinen Sitzungen dom 21. und 22. d. in die Spezialdebatte der Regierungsvorlage über die Errichtung von Fonds zur Milderung von Folgen der Geldentwertung (Kleinrentnergesetz) ein. Die Beratung der Vorlage wird über Antrag der Sozialdemokraten, die die Verhandlung verschleppen wollen, in drei Gruppen durchgeführt, wobei folgende Fragen zugrunde gelegt werden: 1. Wer hat als Kleinrentner auf Beteiligung an dem Fonds Anspruch? 2. Wer hat die Mittel zum Fonds beizustellen? 3. Me und durch wen erfolgt die Verteilung aus dem Fonds? Die erstgenannte Gruppe wurde vollständig durchkesprochen und in Stic Beratung der zweiten Gruppe eingegangen. Zu einer großen Zahl von neu eingebrachten Vorschlägen werden die einzelnen ParteMubS Stellung zu nehmen haben. Mandatar «nd Bemaltnagrrat. Der Unvereinbarkeitsausfchuß des Nationalrates hielt gestern eine Sitzung ab und nahm eine UeberPrüfung der vorliegenden Anmeldungen über Derwaltungsratsstellen von Abgeordneten und Volksbeauftragten vor. Die Sitzung wurde nach dreistündiger Tauer abgebrochen. Die nächste Sitzung findet voraussichtlich am Mittwoch den 28. d. statt. Hrrabsetzung der Minfteuer um 18 Proreat. Zu den nächsten Aufgaben des Nationalrates gchören die Ratifizierung des Zusatzabkommens zum italienischen Handelsverirag und des ungarischen Handelsvertrages. Mit letzterem will die Regierung auch die Herabsetzung der Weinsteuer vom Hause beschließen lassen. Ende des Vorjahres hat die Regierung den Weinbauern als Entschädigung für den ungarischen Handelsvertrag, dessen Zollsätze auf Wein von den österreichischen Weinproduzenten als zu niedrig und für die österreichische Weinprodultion für nachteilig befunden wurden, angeboten. Da jedoch an der Weinsteuer nicht nur der Bund mit 70 Prozent, sondern auch die Länder mit 30 Prozent beteiligt sind und letztere bei einer Herabsetzung dieser Steuer einen finanziellen Ausfall erleiden, so mußten mit den Ländervertretern diesbezügliche Verhandlungen eingeleitet werden. Die Länderkonferenz, welche Mittwoch tagte, befaßte sich darum mit der Weinsteuer. Auf feiten der Mchrheitsparteien besteht die Zuversicht, daß es gelingen wird, mit echer Herabsetzung der Wein st euer u m 15 Prozent die Weinproduzenten zu befriedigen und dieses Gesetz gleichzeitig mit der Ratifizierung des ungarischen Handelsvertrages schon in nächster Zeit unter Dach und Fach bringen zu können. Lar FufionrbegvMgiingrgesetz. Der Abbau bei den Banken. — Die Besteuerung der Abfertigungen. Der Fincurzausschuß des Nationalrates beschloß gestern, das Gesetz betreffend die Aenderungen des Steuern- und Gebüh r enbe gü nst igu n gsg ese tz es. Im wesentlichen handelt es sich hrelbei um die Verlängerung des Gebühren- und Begünstig»ngsgesetzes vom Jahre 1822. Doch werden auch einige Erschwerungen beseittigt, die mit der Zuerkennung der Mgabenbegünstigung bisher verbunden waren. Der Sozialdemokrat Schiegl befürchtete von der Vorlage, daß nunmehr alle möglichen Gesellschaften Geschäfte in sich machen und sich um die Steuern und Gebühren drücken würden. Finauzminister Kollmann bezoichnete als Zweck der Vorlage, jenen Gesellschaften, die im Sinne des GoMilanzenwoboda - \ chuhe mmmmmm fertig und ■** nach nass I I., üntfoiirale 5/1., Bauernmarkt 11 gesttzes zu schwach sind, um selbständig zu bleiben, die Möglichkeit zu geben, in einer anderen Gesellschaft aufzugehen. Das liege im Interesse ser Erhaltung der Betriebe. Abg. A l l i n a meinte, daß durch die ZufannmenleMmgea und Fusionierungen ttleile Arbeitskräfte brotlos werden WriVl zum Beispiel die B a Niken, die am meisten nach einem solchen Gesetze geschrieben haben, eine Fusion vornehmen, so geschehe es ausdrücklich zu dem Zwecke, um Perso nak zn ersparen. Das Personal werde abgebaut, aber der Leitungsapparat bleibe in unwenninderte'm Umfange. Fmanzrntniister Kollmann sprach dieser Behauptung nicht die Berechtigung ab, gab aber zu bedenken, daß andererseits, wenn eine Zusammenlegung nicht möglich ist, die Gefahr bestehe, daß nicht nur eiinzelne Arbeitskräfte sondern der ganze Stock frei gestellt wird. Würbe das Gesetz dir Gefahr in sich schließen, daß die Mbeitslosiigkett vermehrt wird, so wäre der Minister der erste, der es fallen Hieße. Die Frage der Besteuerung von Abfertigungen sei'derzeit noch anhängig. Das Finanzamt bemühe sich, einen Ausweg zu finden. Handle es sich um Abfertigungen, die den Charakter von DienstbeIügen haben, so müssen sie der Besteuerung unterworfen werden. Anders liegen die Dinge, wenn e8 sich um jiveiwMge Me handelt. Sr. Sürtler ruft nach Seidel. Der chemaki-ge Finanzminister Dr. Gürtler sprach am Mittwoch in einer chrrstlichfozialen Versammlung in Währing über wirtschaftspolitische Fragen. Er trat u. a. für hohe Agrarzölle ein; solche brauche ein Staat, der Jndustrieprodukte exportieren will. Der Wiederbelebung unseres Produktionsprozesses und unserer Arbeit, meinte er, müssen wir uns mit einer gang nüchternen und reellen Einstellung widmen. Die Frage darf kein politisches, sondern muß ein rein rechnerisches Problem sein. Worin hat die große Konzeption Seipels gelegen? Ec hat den Mut gehabt, für eine gewisse Zeit ein gewisses Arboitsprogramm mit klar erkennbaren Richtlinien aufzustellen -und dadurch hat er das Parlament gezwungen, eine Zeitlang die Wege zu gehen, die er gehen wollte. Es gibt.in einem parlamentarisch regierten Staate keine anderttt Wege, als daß man für eine bestimmte Zeit, so lange bestimmte politische Kräfteverhältnisse bestehen, ein bestimmtes Programm aufstellt. Das kann natürlich kein einseitiges Parteiprogramm sein. Wenn wir es nicht dahin bringen, daß wir gewissen Erfordernissen des Staates gegenüber Oester reicher und Oesterreicher sind, dann muß man an der Demokratie verzweifeln. Jene, die diesen Erfordernissen nicht Rechnung tragen, sind Schrittmacher des Faszismus, den ich für keine günstige Art der Lösung öffentlicher Problem« halte. Ich habe den Mut noch nicht verloren. Vielleicht gelingt es Dr. Seipel, Ein Schema der Salome. Bon Jose Ortega h Gasset*). In der Morphologie des weiblichen Wesens gibt es wohl kann: seltsamere Gestalten als Judith und Salome, die beiden Frauen, die mit zwei Häuptern gehen, dem eigenen und abgeschlagenen. Merkwürdig ist, daß in jeder Art von Wirklichkeit sich letzte Fälle bieten, in denen die Art sich scheinbar selbst verneint und sich in ihr Gegenteil verwandelt. Es sind dies Grengnaturen, die gleichsam zwei benachbarten Reichen angehören, wie gewisse Tiere, die beinahe Wanzen und gewisse chemische Substanzen, die fast lebendes Plasma sind. Ihnen haftet das Vieldeutige an, das allem Aeußersten und Letzten eigen ist, wie man denn auch nicht recht weiß, ob der Umriß der Körper, ihre Endigungslinie ihnen selbst gehört oder dem Raume, der sie begrenzt. Eine ernsthaft geführte Betrachtung, die sich weder im Geklipp der Anekdoten noch in Zufallskasuistik verliert, läßt uns das Weisen der Weiblichkeit darin erkennen, daß sie ihre Bestimmung gänzlich erfüllt sieht durch Hingabe des eigenen Ich an ein anderes Ich. Alles übrige weibliche Tun oder Sein hat beiläufigen und abgeleiteten Charakter. Jenen: wunderbaren Phänomen stellt die Männlichkeit ihren Grundtriab entgegen, der sie dazu drängt, sich eines anderen Wesens zu bemächtigen. Es besteht also eine prästabilisierte Harmonie zwischen Mann und Weib; für dieses beruht has Leben in der Hingabe, für jenen ist es ein Sichbenötigen, und beide Bestimlmungen kommen gerade durch ihren Gegensatz zu vollständiger Anpassung. Der Konflikt entsteht, wenn in jenem Grundtriob des Männlichen und Weiblichen Abweichungen und Interferenzen stattfinden. Denn es wäre irrig, anzunehmen, in der Wivklichke.it. seien Mann und Weib dies stets in aller Echtheit und voller Entfaltung. Die Einteilung der menschlichen Weisen in männliche und weibliche ist offensichtlich unscharf; die Wirklichkeit bietet zwischen der einen und der anderen Bezeichnung unzählige Abstufungen. Die Biologie zeigt, wie die körperliche Geschlechtlichkeit unbestimmt über dem Keime schwebt, so daß dieser sogar einer experimen- *) AnS hem soeben erschienenen S p a n i e n h e f t der Berliner Zeitschrift „D er Quer s ch n i t t". 6. Jahrgang, büt 4 tellen Geschlechtsveränderung unterzogen werden kann. Jodes lebende Einzelwesen stellt eine besondere Gleichung dar, an der beide Gattungen Anteil haben, und nichts ist weniger häufig als oinen gangen Mann oder ein echtes Weib zu finden. Dies wird offenkundiger noch als bei der körperlichen, wenn wir die psychologische Sexualität beobachten. Dos männliche und weibliche Prinzip, das „Din" und das „Dang" der chinesischen Denker, scheinen um jede einzelne Seele miteinander zu ringen und in ihnen zu mannigfachen Kompromißformen zu gelangen, welche die verschiedenen Männer- und Frauentypen sind. So stellen Judith und Salome zwei Spielarten dar des erstaunlichsten, weil widerspruchsvollsten Frauentypus des Weibes, das auf Beute ausgeht. Es wäre vergebliches Beginnen, ohne die enisprechende Länge eine dioser Gestalten rrach Gebühr behandeln zu wollen, und ich werde mich jetzt darauf beschränken nmssen, ein knappes Schema der- Salome vorauszuschickeu. Die Wanze Salome gedeiht nur auf den Höhen der Gesellschaft. Sie war in Palästina eine müßige, verwöhnte Prinzessin, heute wäre sie die Tochter eines Bankiers oder des Petroleumkönigs. Das Ausschlaggebende ist, daß ihre Erziehung in einer Atmosphäre des Allvermögens aus ihrem Geiste die dynamische Linie ausgeläscht hat, die Wirkliches von Erträumten trennt. Alle ihre Wünsche wurden stets erfüllt, und lvas ihr unerwünscht war, blieb von ihrer Umwelt ausgeschlossen. Der wesentliche Zug ihrer Legende, der Schlüssel zu ihrem psychologischen Mechanismus liegt darin, daß Salome alle ihre Forderungen erreicht. Ta für sie Begehren so viel wie Erlangen, verkümmerten in ihrer Seele alle jene Fähigkeiten, die wir anderen üben, um die Verwirklichung unserer Begierden dnrchzufetzen. Diese unverbrauchten Energien haben sich über das Begehren ergossen, wie über eine Turbine, und Salome zu wundersamen Kraftwerk gemacht, das Sehnsucht, Tranmgchilde und Phantasien treibt. Schon dies bedeutet eine Deformation des Frauentums. Tenn das Weib hat in der Regel weniger Einbildungskraft als der Mann, und dem verdankt sie ihre leichtere Anpassung an das Wirkliche, ihr auferlegte Geschick. Für den Mann ist das Erstrebenswerte zumeist eine SMtzftlUg der Einbildungskraft, die vor aller Wirklichkeit kommt, für das Weib im Gegenteil etwas, das sie unter den wirklichen Dingen findet. Und so ist es im Gebiet des Erotischen häufig, daß der Mann a priori, wie Chateaubriand, einen santome d'amoür erdichtet, eine unwirkliche Frauengestabt, auf die er seine Leidenschaft richtet. Bei der Frau ist das überaus ungewöhnlich, und zwar nicht aus' Zufall, sondern dank der Nüchternheit, welche die weibliche Psyche kennzeichnet. Salome ist phantasievoll auf Männerart, und -da ihr eingebildetes Leben in ihrem Leben.'das am meisten Wirkliche und Positive ist, bekommt dadurch ihre Weiblichkeit einen männlichen Einschlag. Dazu beachte man, wie immer wieder die Legende auf ihre unberührte Jungfräulichkeit anspielt. Ein Uebermaß an körperlicher Jungfräulichkeit, ein unmäßiger Eifer, den Zustand des Mädchentums hinauszudehnen, pflegt beim Weibe neben männlichen Eharakterzügen vorzukommen. Mallavme sah richtig, Äs er Salome sinnenkühl: vermutete. Ihr Fleisch, fest und elastisch, von feinen akrobatischen Muskeln — Salome tanzt —, 'bedeckt vom Gesunkel der Gemmen und Edelmetalle, gibt uns den Eindruck eines „roptil inviole". Salome wäre kein Weib, bedürfe sie der Hingabe ihres Ich an ein anderes nicht; doch als phantasievolles, sinnenkühles Weib schenkt sie einem Phantom, eigen Tvaumgebilde eigenen Erzeugnisses. So entschlüpft ihre ganze Weiblichkeit durch eine erträumte Dimension. Gei Anlaß ihrer Liebesschimäre entdeckt nun Salome den Abstand zwischen dem Wirklichen und Phantastischen. Der mächtige Tctrarch vermag es nicht, einen Mann hinzuftellen. der dem Bilde in jenem kühlen Köpfchen entspricht. Der Fall widerholt sich unverän!derlich. Jede Salome führt mitten im Ueberfluß ein mißgelauntes, mürrisches und im Grunde verbittertes Leben. Ihr fehlt der leibhaftige Träger für die Erfindung ihrer Phantasie, und wie man Kleiderpuppen an- und auszieht, versucht sie den unwirkilchen Umriß ihres Traumes an den Männern, 'die an ihr vorüberziehen. Eines Tages endlich glarvbt Salome die Verkörperung ihres Phantoms auf Erden zu finden. Trachten wir jetzt nicht, nachzufovschen: Warum. Vielleicht handelt es sich nur um ein Quidproquo; die Uebereiustindnmug ihres Paradigma mit diesem Manne aus Fleisch und Blut, den mau