Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2574 (23.4.1926)
- Date
- 1926-04-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tk\k I Mir, FreskA Wiener Morsenzelknns §3. April IW Nr. 2574 Feme und Richter. — V. W t c it, 23, April. Franz Sppenheimer über die jödische Arbeit in PalSstina. ßln ffntervlew. Der deutsche Reichstag besitzt einen Fememorduntersnchungsausschnß. Dieses nennsilbige Wortungetüm, das nach Aktenstaub und Geschäftsordnung riecht, hat einen sehr ernsten und ehrenhaften Zweck: Tie schwarzen Böcke von den weißen zu sondern, die Verl'indungen zwischen Regierungsorganen und Reisläufern in dicke Protokollhefte einzufangen und für eine neugierige Nachwelt, für zukünftige Habilitierungsschriften aufzubewahren. Dian tut gerne etwas fiir Deutschlands hohe Schulen und die Anliegenheit der Fememorde läßt sich von der nicht weniger interessanten Angelegenheit der sonstigen politischen Morde sehr bequem trennen. Tie Arbeit wird mit wissenschaftlicher Akribie geleistet. Es wird ein Fragebogen ausgearbeitet und ein Dutzend fleißiger Juristen versucht sich an der Definition: Was ist ein Fememord? Der politische Zusammenhang dieser Art von Morden mit dem Abkillen der Friedcnswinsler und semitischen Pazifisten a la Erzberger, Rathenau, Gareis, Persius, muß beiseite bleiben, um nicht unnötige Ablenkung zu schaffen. Der Stoff wird konzentriert und jedes überflüssigen Beiwerkes entkleidet. Wenn zum Beispiel das Thema der schtvarzen Reichswehr behandelt wird, so muß sorgfältig vermieden tverden, vor dem Ausland den Zweck dieser Einrichtung bloßzustellen. Sie konnnt nur insoweit in Betracht, als aus ihren Reihen auf Grund eines Spruches Anschläge auf verräterische Mitglieder erfolgt sind. Insoweit sie also ein Instrument einer ganz genau umschriebenen Richtung ist, kann nicht besprochen werden. Ebenso wenig kann untersucht werden, wie weit die Tatenfreudigkeit der anderen sechs Mordverbindungen sich an Nichtmitgliedern erprobt hat. Immerhin ist anzuetkcnnen, daß endlich Ordnung gemacht wird. Man tveiß, tvas unter Fememord zu verstehen ist und wer chn ausübt. Mehr ist unnötig und wenn doch trotz aller Vorsicht und trotz aller Scheu, dicht geschlossene Vorhänge zu lüften, etwas mehr herauskommen sollte, nun dann gibt es Richter in Berlin. Sie sind absolut zuverlässig. Sie strotzen von Gesinnung und von deutschem Bewußtsein. Sie sind auf die alte Zeit eingestellt, der sie ihren Eid geleistet haben, und sie halten mit Kantscher Pflichttreue an ihrem Worte fest, obzwar sie inzwischen auch der Republik Treue -gelobt haben. Diese Geradlinigkeit des Denkens hat etwas Imponierendes an sich. Ein gewöhnlicher Mensch würde denken, daß er keinen zweiten Eid zu leisten habe oder daß der erste durch den zweiten inhaltslos geworden ist. Nicht so ein preußischer Richter, das Urbild der durch Korpszngehörigkeit geeichten Verläßlichkeit. Das Weltbild dieser Leute -malt sich so: Ten Krieg hat nicht der Kaiser begonnen, sondern der Feindbund, geführt von jüdischer Tücke, hat Deutschland überfallen. Den Krieg hat nicht Deutschland verloren, sondern das Hinterland ist der schönen Tugend des Durchhaltens entwöhnt worden. Wieder' durch jüdische Tücke. Der Kaiser ist nicht davongerannt, sondern er hat nur einen Urlaub angetreten. Die Republik mit ihrer Weimarer Verfassung ist eine Mische Erfindung, der man Treue schwören muß, weil man sonst kein Gehalt von ihr verlangen kann. Das innere Verhältnis zu der neuen Staatssorm, die doch keine Form bleiben darf, ist nur das des bittersten Hasses und einer Ablehnung, die an der Gestaltung der Verhältnisse unbeeinflußt vorbei geht. Die Richter sind in ihrer übergroßen Mehrheit willfährige Diener der starrsten Reaktion. Sie gehören zu den Verbreitern des Revanchegeistes und ihre Stellung zu dem politischen Verbrechertum, der verständnisvolle Schutz, den sie dem Pogromantisemitismus angedeihen ließen, konnte -zu wiederholten Malen festgestellt werden. Me Bestrebungen der hakenkre-uzlerischen Strömungen, die Juden in jeder Hinsicht außerhalb des Gesetzes zu stellen, fanden oben warme Anteilnahme. Dieser Zustand des Nihilismus mußte sich sinngemäß auch in der Bekämpfung und Einschüchterung aller demokratischen Richtungen fortsetzen. Er übertrug sich auch auf die äußere Politik und verstärkt -immer wieder den Argwohn, mit dem die Völker die Republik und ihre Schwäche betrachten. Jeder Schritt, den Deutschland tut, wird einer mißtrauischen Prüfung auf seine Hintergründe unterzogen. Die Einwirkungen der nationalistischen Parteien, denen der Terrorismus in Fleisch und Blut übergegangen ist, liegen zu klar zutage und veranlassen selbstverständlich auch bei den Nachbarn Gegenaktionen. Ueber Kriegshetzereien und sogar Kriegspläne gegen Polen hat kürzlich ein Führer des jungdeutschen Ordens allerlei detaillierte Angaben gemacht, und gegenwärtig erregen die deutsch-russischen Verhandlungen, die just in den Tagen der Völkerbundschwierigkeiten angefponnen wurden, viel Aufregung. Es mag ja sein, daß diese von den Deutschnationalen mit so viel Eifer verfochtene Politik der Annäherung an den sonst so gehaßten Judenbolschewismus nur wirtschaftlichen Charakter trägt, aber die Spuren schrecken. Man erinnert sich daran, daß diese Politik in Rapallo von Rathenau als eine Demonstration der Demokratie inauguriert wurde und daß dieser Rathenau dann von der Feme niedergeknallt wurde, die später sehr milde Richter gefunden hat. Hitler ift böse mit Ludendorff. Berlin, 22. April. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" peröfientlicht nach der „Deutschen Tageszeitung" eine Meldung, wonach zwischen Ludendorff und Hitler ein r,Mommener Bruch zu verzeichnen sei. Hitler Hab: seinen Barteigenossen untersagt, dem von Ludendorff' geleiteten Tannenberg - Bund Mugetzören. Unser R.-B.-Korresponbent in Haifa hatte eine eingehend« Unterredung mit dem gegenwärtig in Palästina weilenden Soziologen Professor Franz Oppenheimer, der als Gast dar Zioniistifchen Organisation den Stand der jüdischen Siedlung prüft. Professor Oppenheimer antwortete auf die 'ihm vorgelegten Fragen in folgender Weise: Frage: Haben Sie seit Ihrem letzten Besuch vor 13 Jahren im Lande manche bedentende FEilschritte wahrgenommen? Antwor't: Der Mensch muß blind sein, der die gewaltigen Fortschritte der letzten Jahre, ja nur der letzten vier Jahre, nicht sehen kann. Ob diese Fortschritte nur durch das Einströmen der EiMvanderung und durch die Aufwendung von solchen Geldmitteln begründet sind, die von außen her ins Land geikommen sind, oder ob sie wenigstens zu einem Hauptteil durch innere Triebt raste einer sich entfaltenden eigenen kräftigen Wirtschaft verursacht sind, darüber werde ich erst nach meiner Reise durch die jüdischen S i e -dlungen mir ein Bild machen können, einer Reise, die ich lzufantmen mit Hern Agronom Dyk, jetzt eine der größten Autoritäten der cnvolpäischen Landwirtschaft, in einiger Zeit antrcten werde. Frage: Was betrachten Sie atls die nächste Aufgabe der landwirtschaftlichen Kolonisation? Antwort: Die Siedlung selbständig zu m a ch e n. Unsere Aufgabe ist, solche Elemente, die im wesentlichen völlig kapitalslos find, zur Bauernschaft zu entwickeln. Die bisher dazu an gewendeten Methoden waren aus Psychologischen und politischen Gründen unvermeidlich. Sie haben aber den Nachteil gehabt, daß das ganze Verfahren nicht von vornherein ans eine streng wirtschaftliche Basis gestellt werden konnte. Nun ift es aber eine alte Erfahrung aller Wirtschaftsgeschichte, daß man nur im tiefen Wasser schwimmen i lernt, d. h.- daß man nur dann Aufmerksamkeit und Fleiß aufs äußerste cmspannt, wenn man ganz auf eigener Verantwortung steht und, um im Bilde zu bleiben, daß man ertrinken muß, wenn man nicht schwimmt. Daß man auch mit sehr geringem Kapital hier im Lande : zu Wohlstand gelangen kann, dafür haben wir klassische Beispielle in d e n >d e u ts ch e n T e inP l e r n und z. B. in R e h owoih- Die Elemente, mit denen wir zu tun Habens besitzen nun gar kein Kapita-l. DMm wäre die ideale Methode/ auf die man mindestens hinstresben müßte, die folgende: Die' Betriebe werden zunächst von einer gemeinnützigen Körperschaft übernommen, die Arbeiter zunächst als Lohnarbeiter eingestellt urt& so «weit wie nötig im Betriebe selbst aus- oder weiterge-bildet. Verluste treffen die Körperschaften; die Arbeiter haben keine wirtschaftliche Verantwortung, empfinden affo eventuelle Zuschüsse nicht als ihnen' /gewährte Subfidien. Wenn der- Betrieb zueiner -gewissen RentabMtät geführt worden ist, wird er den zur Genossenschaft zusamm-engeschlossenen Arbeitern zu einem billigen Schätzungswerte übergeben; sie mögen daraus eine Kwuzah oder einen Moschav oder eine Kombination von beiden machen: In jedem Falle haben sie von da an unnachsichtlich den stipulierten Zins samt der Amor-tisationsquote zsu zahlen; abgesehen selbstverständlich von elementaren- Notzeiten. Sonst sollte über grundsätzlich auch nicht di« geringste Subvention mehr gewährt werden. Frage: Wie denken Sie über die Be-ziehung zwischen >dem Kapital und der Avbeit im Lande? A nt wo r t: Die Verhältnisse liegen hier wesentlich anders als in Europa. Hier sind die Arbeiter vorzüglich organisiert, von hohem Idealismus getragen und von der öffentlichen Meinung begünstigt, im wesentlichen der stärkere Teil, auch Politisch durch ihre starke Vertretung in den Körperschaften, die ihnen überall mindestens die Rolle des Züngleins an der Wage gibt. Auf der Gegenseite kann man allenfalls von dem ersten Beginn eines Frühkapitalismc.8 sprechen, so weit die Industrie in Frage steht. Unter diesen Umständen ist die verschwenderische Anwendung gewerkschaftlicher Methoden" hier nicht angebracht, die gegen den agrarischen Kapitalismus völlig wir>kun-gÄv4 sind. Die Arbeiter werden hier weniger Klassenpolitik als Staatswirtschaftspotitik. zu treiben haben, wie sie ja auch bereits die Arbeitslosenversicherung in für ihre Mittel vorbildlicher Weise aus ihre Schultern genommen haben. Frage: Wie sehen Sie die industriellen Möglichkeiten des Landes? . Antwort: Ich halte die Industrie in Palästina nicht nur für erwünscht und möglich, sondern auch, fiir unentbehrlich. Die Hauptsache wird,- wie überall, die Schaffung eines starken inneren Marktes durch di« Entwicklung einer kaufkräftigen jüdischen Bauernschaft sein. Dann wird vor allem eine kraftvolle Bauindustrie noch ans lange Zeit hinaus große Entwicklung- Möglichkeiten haben, aber auch viele andere Industrien, die klein an'fangen und sich allmählich entfalten können. Ich halte .es aber auch fiir möglich und sehr erwünscht, zunächst größere Teile d?r Eiiwan-deruna in B e r e d e l u n g s k n-d u st r i e N zu beschäftigen. Ich fürchte nicht einmal eine gewisse Ausdehnung der H e i m i n d u st r i«, vorausgesetzt ntjk« daß die Arbeiter i m e i g e n e n - H a u s und G a r t e ft den Rückbakt haben, der sie nach allen Erfahrungen mit Sicherheit vor ausbeuterischer Lohnpolitik schützt. Es muß überhaupt das Ziel der ins Land kommenden jüdischen Unternehmer sein, hohe Löhne zu zahlen mit dem zweifachen Zilvecke: Erstens Qualitätsarbeit zu erreichen und zweitens der Gcsamtwirtschaft in einer gut gestellten Arbeiterschaft dm drvngeiffd erforderlichen kaufkräftigen Binnenmarkt p schaffen. Frage: Wie ist Ihre Stellungnahme zur .Agrarr e f o r m? Antwort: Ich bin alter Bodenreformer, allerdings nicht orthodoxer Anhänger Henry Georges. Die gesamte Agr-argesetzgcbung ist uns in unseren bibl tischen Büchern zur Pflicht gemacht. Ich halte das türkische Gesetz, das nach allgemeinem Bolksbranch ungenützten Boden nach lkurzer Frist für verfallen erklärt, für ausgezeichnet und würde dringend wünschen, daß es nicht veralte, sondern Mit Schonungslosigkeit durchgesetzt werde. Frage: Was denken Sie über die gegenwärtige Wirtschaftskrise im Lande? Fürchten Sie, daß sie permanent werden könnte? Antwort: Die Krise, die das Land durchmacht, ist: selbstverständlich ein Teil der Nächkriegsweltkrise. Wir haben Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, überhohe Geldpreise üstv. überall. Diese Krisis wird erst aushören, wenn die letzten R e st e der I n s l a t,i o n überwunden sein werden. Wenn jedoch in Palästina die Rentabllisierung der Lanidwirtschaft glückt, so sind alle Bedingungen dafür gegeben, daß die Krisis hier sanfter und schneller «Mausen könnte als anderswo. Die Fonds und die Einwanderung bringen relativ beträchtliche Geldmittel ins Land, die die Passivität der Handelsbilang ausgleichen können; nach der gleichen Richtung hin werden die Anleihen wirken, die man hoffentlich in absehbarer Zeit wird ausnehmen können. Unter diesen Umständen wird namentlich das Baugewerbe starke Beschästrgrlngsmö-Aichkeiten bieten, weiil die Einwanderung produktiver Arbeit zug'efi'chrt werden kann. Dazu kommt die günstige kommerzielle Lage des Landes. Wenn die Hoffnung sich bestätigt, daß die Pipe Line von Mossul nach Haifa gelegt wird, so kann um Haifa herum, dessen Hafen dann ja sicherlich ausge'baut werden würde, sehr wohl sine große Handells- und Fabviksstadt mit umliegender starker gartenmäßiger Landwirtschaft sich heransbilden, und Palästina könnte zu einem der großen Handelszentren des nahen Ostens werden. 3000 Pfund Sterling für die notleidenden guden in Polen. London, 20. April. Gestern abends fand hier eine längere Sitzung des War-Wictims-Found-ComMittees (Kontitee des Fonds für Kriegsopfer) unter Vorsitz von Charles Montef i o r e statt. Der hier weilende Abgeordnete Dr. Reich hielt ein ausführliches Referat über die katastrophale wirtschaftliche Lage der Inden in Polen. Nach längerer Disrustion wurde >beschlvssen, sofort die Summe von 5000 Pfund Sterling an die Kredithilfe stir das polnische Judentum arMweiisen. Die Verteilung des Betrages wird der Delegierte des Joint, .Herr K a h a n, zusammen mit dem Abg. Reich vornehmen. Dr. Reich ist zu diesem Zwecke nach Berlin gereist, wo er diesen Sonntag mit Herrn Kahan zur Besprechung der Details zusammentrifft. Das Komitee beschloß unter vielen anderen Resolutionen die Reaktivierung der Hilfeleistung für die Juden in den Ländern Osteuropas. Die sozialistische Internationale. Anträge des Vertreters der Poale Zion. Zürich, 21. April. (I. T. A.) Am 11. und 12. d. wuvde im Züricher Volkshaus eine Sitzung der Exekutive der sozialistischen Ar beiter internationale abgeihalten, an welcher der Weltver'band der zionistisch-sozialistischen Partei Poale Zion durch B. Locker vertreten war. Auf der Tagesordnung stand unter anderem die Vor- >bereitung der Behandlung des Kolonienproblems für den kommenden Kongreß der Internationale. Locker wi-es darauf hin, daß zu den vorbereitenden Beratungen über diesen Punkt auch Vertreter der Arbeiterbe'wegung-en in den Kolonien und Mandatsländern (Palästina) zugezogen werden müssen. Es wuvde beschlossen, das gesamte Material über diese Frage einer Kommission zu überweisen. Während der Diskussion über die Vorbereitungen zum Weltkongreß für Emigration, der durch die Amsterdamer Gewerffchastsinternationale und die sozialistische Internationale für den 18. 3M n a ch London einberusen wird, kritisierte Herr Locker die von der vorbereitenden Kommission vorgeschlagenen Resolutionen, in denen das Prinzip der Freizügigkeit nicht voll getzvahrt wird. Er kündigte an, daß der Weltverband der Zionisten-Sozialisten Poale Zion eine Reihe von Zusatzanttägen stellen wich. Es wurde beschlossen, daß die Exekutive am 17. Mai, unmittelbar vor Eröffnung des Koi'gresses in London, eine spezielle Sitzung diestr Frage wchiney soll.