Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2573 (22.4.1926)
- Date
- 1926-04-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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®*H» 8 M?n. Wiener Msrsen-eituna 22. »lprll lM 9k m Weizmann in PalWna. Wichtige SrklSrungen im jüdischen Ratiomlrat. Von Dr. Fritz LSwenstein, Jerusalem. Der nachfolgende Bericht unisews Ievusalenrer Korrespondenien ist m manchen unwesentlichen Einzelheiten bcreus illt erholt, gibr sevoch ein klares Bild der Situation, -ne Präsiden! Weizmann in PalWna angctrusen hat. Ter Bericht ist am 14. April briesl ch van Jaffa ab ge gangen. — Red. Weizmanns diesjähriger Besuch unterscheidet sich in keinem Verlaufe sehr tveseutlich von früheren Besuchen. Während früher der Besuch auch eine starre repräsentativdemonstrative Seite hatte, verläuft er diesmal in aller Stille. Früher wohnte der Präsident der Organisation als Gast Heribert Samuels in dessen Amtssitz, während er diesmal mit der Gastfreundschaft von Kolonel K i sch sich begnligt. Früher nahm das ganze Land an feinem Besuch den stärksten Anteil, in öffentlichen Versammlungen sprach der Führer zum Volk, und der Besuch Weizmanns wurde säst inrmer als eine Festlichkeit empfunden. Diesmal sind alle derartigen Dinge völlig zurückgetreten. Freilich hat Dr. Weizmann die Feier der Eröffnung der landwirtschaftlichen Mädchenschule in N a h a l a l auf denl Boden des Keren Kajemeth l'Jsrael, fiir die er seit Jahren ein besonderes Interesse an den Tag gelegt hat, geleitet; aber im übrigen hat bisher — sicherlich auf seinen eigenen Wunsch — keinerlei Empfang für ihn statkgefunden. Erst in dieser Woche wurde ein „Kabalath panim" (Empfang) für ihn in Jerusalem vom palästinensischen Keren Hajerod, aber wieder nur in kleinstem Kreise, arrangiert. Nächste Woche freilich, kurz vor seiner Abreise, wird Dr. Weizmann in einer großen öffentlichen Versammlung, die unter freiem Himmel, mrf dem Skopusbergc, vor der Universität stattfinden wird, über die politische Lage sprechen. Um so mehr ist Weizmanns Aufenthalt von ernster Arbeit und wichtigen Besprechungen ausgefüllt. Am Tage seiner Ankunft in Palästina wurde der Präsident vom französischen Oberkommissär von Syrien, de Jouvenel, zu einer mehrstündigen Unterredung empfangen. Die Unterredung mit Lord Plumer hat erst jetzt stattgefunden und wird von einer zweiten Unterredung auf Plumers Wunsch gefolgt sein. Im , Augenblick, wo dieser Artikel nach Eüropa gesandt wird/ befindet sich der Präsident und Kolonel Ki sch i n Amma n zu einer Besprechung m i t d e m Emir Abdallah, und eine zweite Unterredung mit de Jouvenel in Beirut wird ebenfalls stattfinden. (Die „Wiener Morgenzeitung" hat in Telegrammen darüber bereits berichtet.) Es braucht nicht gesagt zu werden, daß eine Reihe von Sitzungen mit der Palästinaexekutive, mit dem Waad Leumi, mit der Leitung der Arbeiterschaft stattgefunden hat. In der Tat entspricht dieses zurückhaltende, aber, wie es scheint/um so aktivere Verhalten Dr. Weizmanns durchaus den bestehenden Verhältnissen. Wenn in internen Sitzungen mit den nationalen Körperschaften die Frage der Arbeitslosigkeit eine besondere Rolle spielt, so erregt doch nach wie vor die Frage der Gendarmerie die Gemüter am heftigsten. Eine dritte, sehr im Vordergrund des Interesses stehende Frage ist die der Staats ländereien, die besonders deshalb wieder von aktuellster Wichtigkeit geworden ist, weil die Regierung in diesen Wochen mit der Liquidierung des Dschiftlik - Bodens beschäftigt ist, also jetzt der psychologische Moment gekommen zu sein scheint, unseren Anspruch auf Zuerteilung von Staatsländereien i m S i n n e des Mandates zu realisieren. * In diesen Tagen fand eine gemeinsame Sitzung des Waad Leumi und der Zionistischen Exekutive statt, in der sich Weizmann zum ersten Male mit ziemlicher Offenheit über die schwebenden Fragen ausgesprochen hat. Weizmann hielt kein Referat, sondern bat, ihm Fragen zu stellen, die er dann in zusammenhängender Rede beantwortete. Die Fragen betrafen: Die Einwanderung, bezüglich welcher es den Anschein hat, als ob die Regierung, wohl mit Rücksicht auf die bestehende Arbeitslosigkeit, nicht geneigt ist, die Zertifikatforderungen der Exekutve zu erfüllen, die Staatsländereien, die Gendarmerie, das Verhältnis zu den Arabern und die allgenreinen Richtlinien der zionistischen Politik. Dr. Weizmann antwortete. Er konnte immerhin einige nicht zu unterschätzende positive Tatsachen als Ergebnis seiner ersten Unterredung mit Plum.er Mitteilen, die Ihr Berichterstatter bereits kurz telegraphisch angekündigt hat. Es wird eine gemeinsame Kommission aus Regierungsvertretern und Vertretern der Exekutive gebildet werden, diesich mit der Frage der Arbeitslosigkeit 5u beschäftigen hat. Eine zweite Kommis- : i o u von der gleichen Zusammensetzung soll die Frag? der Staatsländereirn «Lmut jMLtz« dsr KendarmeritzanürLsüStt-'. h e i t, die Dr. W e i z m a n n mit demselben Ernst be-i handelte, mit dem sie im ganzen Lande aufgefaßt wird, sagte Tr. W e i z m a n n (wir zitieren nach dein Bericht des „Dawar") folgendes: „Ich Mb dein Oberkommissär einen Bericht über die Lage mtö verweilte besonders bei der Frage der Verteidigungskräfte im Lande. Die Antwort des Oberkommissärs war, daß er dem Beamten, der die Nenorganisicrung der Gendarmerie unter sich habe, den Auftrag gegeben habe, jedeu Juden der sich melde, aufzunehmen, wenn er den allgemeinen Forderungen gerecht würde. Dieser Auftrag ist in der offiziellen Zeitung veröffentlicht worden. Dort heißt es, daß alle Bürger Palästinas, ohne Unterschiä», als Soldaten angenommen werden sollen. Die Formulierung des Auftrages entspricht nicht genau unserer Forderung, aber nach der Unterredung bat mich der Oberkommissär, bekannt zu geben, daß dieser Auftrag auf Grund meiner Forderung ergangen sei." In der Frage der A l i j a h erklärte Dr. Wel-pnann, daß der Antrag der Exekutive auf 3v0v neue Zertifikate nicht vollständig bewilligt werden würde, daß aber wenigstens ein Teil davon in kurzer Zeit erteilt werden würde. In der Staatsläudereienangelegenh e i t berichtete Dr. Weizmann über die Einsetzung der gemischten Kommission und betonte die Notwendigkeit, auf dem Posten zu sein und den Kampf für unsere Rechte fortzusetzen. Zur allgemeinen Lage erklärte Dr. Weizmann, daß es für die Finanzierung des Aufbaues nur zwei Möglichkeiten gebe, die des Keren Hajessod und die der Anleihe. Für den Keren Hajessod seien die Kräfte aufs äußerste angespannt, was aber die Anleiheanbetresfe, so sei er gewillt, in dieser Angelegenheil nach Amerika zu gehen. (Dr. Weizmann sche.mt entschlossen, unter Verzicht auf seine Europareise sich sofort von Palästina nach Amerika zu begeben.) Weizmann besprach dann das von dem englischen Außenminister Ehamberlain seinerzeit an die Mandatskommission gerichtete Begleitschreiben zu dem Memorandum der Zionistischen Exekutive (bezüglich der Durchführung des Art. 6 des Mandates) und erklärte: Was den Brief Chamberlains anbetrifft, in welchem unsere Forderungen nicht in der entsprechenden Form wiedergegeben wurden, so wird die Antwort an der richtigen Stelle, in Genf, gegeben werden. Was unsere Beziehungen zu den Arabern betrifft, so ist Präsident Weizmann im Begriffe, verschiedene Schritte einzuleiten. Zur gegebenen Zeit wird er die Ergebnisse in der Presse Mitteilen. Zum Schluß sprach er über die bevorstehende Pölkerbundl a g u n g in Gens, bei der er ndenfalls anwesend sein will, und sagte hierüber: „Im allgemeinen schreiten wir fort, eine Macht im Lande zu werden. Das hat gute und schlechte Seiten. Unsere'Lage ist in der öffentlichen Meinung der Welt, in England, in Frankreich und im Völkerbund, viel stärker geworden. Wir sind andererseits so stark geworden, daß unsere Feinde sich mit uns in viel ernsterer Weise beschäftigen, aber wir sind noch nicht st a r k g e n u g, allen diesen Angriffen zu begegnen. Dieser Zustand ist das Los unserer Generation. Das ist wohl kein Tro st, abereine Tatsache. Wir müssen unsere politische Arbeit verstärken und müssen in Genf gegen die Gefahr ankämpfen, daß die Unterschiede zwischen einem Nrandatsland und einer bloßen Kolonie v e r w i s ch t w e r d e n. Zur gleichen Zeit müssen wir natürlich unsere Stellung im Lande weiter stärken. Aber unsere Arbeit kann notwendigerweise nur langsam verlaufen; jedenfalls ist das der Standpunkt der gegenwärtigen Exekutive." Auf Dr. Weizmanns Rede, die, wie aus dieser kurzen. Darstellung wohl deutlich hervorgeht, auf einen stark kritischen Ton gegenüber der Nkmdatsmacht eingestellt war, folgte eine längere Diskussion, in deren Mittelpunkt durchaus die Geudarmeriefrage stand. Wesentlich war vor allem der Hinweis darauf, daß von Juden, dieindieGendarmerieaufgenommen werden wollen, die Kenntnis von' zwei offiziellen Sprachen des Landes verlangtwird, wasbeiarabischenBe Werbern nicht der Fall ist. Es besteht also ein flagranter Rechtsbruch und eine ausgesprochene Zurücksetzung der Juden. Vü/uanu antwortete in einem Schlußwort, worin er sich WndM mit dir Fsrdeiwg «MimmdtchW. daß Wir aus dem Stadium der Erhaltung des Bestehend« herauskommen müßten und eine treue Parole braucht«. Weizmann sagte: „Dir Jcwish Agency wird alles tun, damit die Forderungen des Waad Leumi an den kompetenten Stellen gehört werden. Wir waren zu stark in die Notwendigkeiten des Augenblicks versenkt und haben uns den Forderungen der Zukunst nicht zugelvendet. Wir müssen beide zusammen in Rechnung ziehen und müssen langsam vorwärts gehen. Hätten wir einen Mann, der einen rascheren Weg weiß, so fätzeer an meinem Platze. Ich könnte der Kritik noch hinzufügen, allediese Fragen schmerzen mich. Mer ich habe nicht den Glauben verloren, daß wir aus der Klemme herauskommen, und auch bei euch ist dies der Fall. Wir müssen uns aus dengemeinsamen Kamps für unser Recht vorbereiten." Am Schlüsse wurde mit 15 gegen 6 Stimmen eine Resolution angenommen, in der der Waad Leumi zum Ausdruck bringt, daß er in der neuen Regierungsverordnung keinerlei Sicherheit für eine tatsächliche Veränderung im Sinne unserer Forderung erblicken könne, daß er von der Exekutive die Fortsetzung des Kampfes gegen jede Beeinträchtigung unserer Rechte fordere unb daß die Exekutive, in: Falle der Nichterfüllung unserer Forderungen, von dem Rechtder Appellationan höhere Instanzen (gedacht ist offenbar an das Kolonialamt und schließlich an den Völkerbund) G e brauch m achenmüsse. Ronald Storrs nach Mern versetzt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Jerusalem, 21. April. Wie Ihr Berichterstatter auS zuoerlässiger Quelle erfährt, stehen wichtige Aenderungen in der administrativen Verwaltung bevor. Der bisherige Gouverneur des NoriHistrikts, Herr Abramson, wird zum Gouverneur des Jerusalem-Jaffa-Distrikts, an Stelle des Herrn Ronald Storrs, der das Land^ verläßt, um die Stelle eines Gouverneurs in Zypern zu übernehmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Mister K itt-> R o a ch, der bisherige Zivilchef des NorÄüstrikts, zum Gouverneur ernannt werden. Er erfreut sich allgemeiner Beliebtheit, auch bei den Juden, da er sich bisher stet« strikte auf dem Boden des Mandates gehalten hat. Ile russische Handelsagentur auch in Beirut geschloffen. Beirut, 20. April. (I. T. A.) Drei Kommunisten wnvdeU unter der Beschuldigung, kommunistische Propagandain der Armee betrieben zu haben, verhaftet. Die Warenhäuser und Bureaus der russischen „A r c o 8" wurden behördlich geschlossen, die Warenvorräte verauktioniert. Diese Maßregel wird damit begründet, daß der Areosleiter die F o r d e r n n g d e r B e h ö r d e, die kommunisttsche Propaganda treibenden Angestellten zu entlassen und sie durch Syrier oder F ranzosenzu erse tz e n. abgelehnt hat. Die Erweiterung der BAkerbundrater. Eine Debatte im epischen Oberhaus. London, 21. April. (Tel.-Ko.mp.) Im Oberhaus entspann sich heule eine ausgedchnte Debatte über die Frage der Ertveiterung des Völkerbundrates. Lord Charnwood fragte, ob die Regierung sich in. irgend einer Weise verpflichtet halbe, die Zulassung eines Landes außer Deutschland zum Völlechundrat zu unterstützen; ob sich die Regierung in irgend einer Weise verpflichtet habe, die Zuteilung eines st ä n d i g e n Ratsfitzes an eine Nation, die bereits über einen nichtständigen Ratstsitz verfüge, zu unterstützen. Schatzkanzler Churchill antwortete im Namen der Regierung, daß bereits seit langen Jahren in Genf über die beste Methode der Verteilung der nichtständigen Ratssitze verhandelt wurde und daß ein Beschluß gefaßt worden sei, in dem ein turnusmäßiger Wechsel in der Besetzung der Natssitze gefordert wird. Der englische Vertreter werde, wenn er sich nach Genf bego'be, durch keine etwa in der Vergangenheit abgegebene Erklärung über die Zusammensetzuna des Bövkevbundrates gebunden sein. Die Frirdeusverhondlungr« von Udfchda. Paris, 21. April. (Tel.-Komp.) Der Sonderberichterstatter des „Temps" in Udschda hatte eine längere Unterredung mit dem Führer der Risdelegation, dem Außenminister Abd el Krims A s e r k a n e, der ihm erklärte, die Rifkabilen würden niemals das von den Spaniern als Vorbedingung des Friedens geforderte Bor rücken der französischen und spanischen Truppen zulassen. Heute nachmittag fand, da nach der Rückkehr des Scheichs Haddu die Rifdelegation vollzählig ist, eine Vollsitzung der drei Delegationen statt. Die französische und die spanische Abordnung unterzogen die Antwort Abd el Krinrs einer Prüfung und gelangten zu einer gemeinsamen Entscheidung, die den betreffenden m KMMma «ÄmItM