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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-21 · Heft 2572 (21.4.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2572 (21.4.1926)
Date
1926-04-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Dien, Mittwoch Wiener Moe-enzettuns 2t. April 1926 Seit«, ftt 2872 Sogenient Rutenberg über bie Aufbauarbeit. 8nl>«ftrieUrr «ad kultureller Fortschritt. fött Mtacheitcx der russischen Zeitung „Dni" hatte mit dom Schöpfer des CloktrizitätsüverLes in Erez Israel, Ingenieur Pönchas Rntenberg, über die bisherigen Erfolge der zionistischen Aufbauarbeit gesprochen. Bei diesem Ansatz ermnert. Rutenberg an die Zeit, ln der gegen ihn von ruWscher an-tiisemi tiischer Seite drei schwere Beschuldigungen erhoben wurden. 1. Er sei ein sozialrevohttionärer Politiker und Führer dex provisorischen Regiemug gewesen; 2. er sei der Mörder des Popen Gapon und 3. er sei, wie in den „Protokollen der Weisen von Zion" ausdrücklich fsstgefteltt sei, der „einzige Prätendent auf den Dhron des alljüdischen Königs von Zion". Aus Gmnd dieser Beschuldigungen stellte General Wrangel die Forderung, den ,Mnig von Zion", der eine Gefahr für die ganze Menschheit bilde, in strenge Haft zu nehmen. Ein Rapport in diesem Sinne ist auch tatsächlich an den englischen Generalstab ergangen. Die Geschichte hat -aber bekanntlich eine andere Wendung genomnten . . . Ueber die Aufbauarbeit in Erez Israel sagte Ingenieur Rutenlberg: „Bor meinen Augen vollzieht sich die Wiederbelebung von Erez Israel als Ergebnis der hartnäckigsten Arbeit und Schaffensfreude. Gegenwärtig arbeiten in Palästina bereits modern eingerichtete elektrische Kraftanlagen: in Jas -f a, von welcher auch T e l - Aiw >i w bedient wird, in Haifa und Liberias. In diesem Sommer wird eine.neue Anlage am Jordan in Betrieb gesetzt werden. Die Industrie entwickelt sich sehr rasch. Die Z e l l u l o i d s a b r i k deckt die Bedürfnisse, hu Lande und wird bald auch für den Export arbeiten. Ebenso werden die gegenwärtigen Marktöedürsnisse von-den vorhandenen Oel-, Leder- und Textil-- sabr'iken gedeckt. Außerdem besteht eine Fabrik zur Erzeugung künstlichen Salzes. Letztens ergalb sich unerwartet -re Möglichkeit einer großen Silikatindustrie. Mit einem Wort, Erez Israel ist das Land der Ueberraschungen. Die Beziehungen zwischen Juden und Arabern bessern sich von Tag zu Tag. Die früher bestandenen Gegensätze schwinden, allmählich und das Zusammenleben der Juden mit den Arabern gestaltet sich zusehends besser. Von besonderem Interesse ist die Entwicklung d:s Unterrichts- und Bildungswesens im Lande. So hat de Arbeiterorganisation;n ihrem eigenen Wirkungskreis eine Art Departement für Volksbildung und schuf ein ganzes Netz von Anstalten, denen die Rolle von Volksuniversitäten zu fällt. In den breiten Massen g'bt sich ein besonders lebhaftes' Interesse für angewandte Wissenschaften kund, aber auch die Kurse-über Philosophie, Astronomie, Geologie, höhere Mathematik haben viele Interessenten. Hingegen bewiesen die schönen Künste und die B-elletrist-k bisher noch keine große Werbokra ft. Die Arbeiterorganisationen haben eine Reihe von landwirtschaftlichen und Konsumkooperativen geschaffen. Besonders stark entwickelt ist die Baukooperative, die lvährend der letzten vier Jahre einen Umsatz von über eine Million ägypt. Pfund erzielte. Bei mernen Arbeiten habe -ch mit diesen Kooperativen viel zu tun und 'ch bin eMzückt von der Pünktlichkeit und Gewissenhaft'gkeit, mit denen sie die übernommenen Arbeiten ausfüihren. ,Hch bin", schließt Ingenieur R u t e n b e r g seine Ausführungen, „bezüglich der Zukunft von Erez Israel sehr optimistisch. Dieser Optiulisntns gründet sich hauptsächlich aus die ungeheure Produktivität der Arbeit und das hohe intellektuelle Niveau der jüdischen Arbeiter." Frankreichs Politik in PalSftina. Aus einem Gespräch mit Senator Renault. Der Vizepräsident des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten im französischen Senat, Senator Renault, weilte dieser Tage in Riga. In einem Gespräch, das der Redakteur des Rigaer Tagblattcs, „Das Volk", mit Renault hatte, äußerte sich dieser über Frankreichs Politik in Palästina in auffallend offener Sprache, wie folgt: „Sic fragen, welche Stellung die französische Regierung zur palästinensischen Frage «innimmt. Wir betrachten die palästinensischen Angelegenheiten als eine innere Frage der englischen Politik. England erhielt vom Völkerbund das Mandat über Palästina. Das ge'chch mit voller Zustimmung Frankreichs und Frankreich hat keinen Grund, sich in die Verwaltung des Landes einzumengen. In der letzten Zeit ^begann jedoch Palästina wieder die Aufmerksamkeit der französischen Politik aus sich zu lenken. Dies geschah im Zusammenhang mit den Ereignissen in Syrien, das ja an Palästina grenzt. Es liegt nur fern, zu behaupten, daß die palästinensische Regierung als solche irgendwie mit der in Syrien betriebenen antifranzösi'chen Propaganda in Verbindung stehe. Zu meinem Bedauern aber ist es eine Tatsache, daß einzelne Agenten und Beamte der palästinensischen Rchierung in dieser Richtung n i ch t g a n z l o y a l und korrekt vorgegangen sind und wir haben Ursache zu fordern, daß dieser Zustand ein Ende nehme. Wir hoffen, daß der letzte Besuch des s r a n z ö s is ch e n O b e r k o m m i s isä r s in Syrien, de I o u v e u e l, in Jerusalem alle Mißverständnisse ans diesem Gebiet beseitigen werde. —Wiede. erdffnetlaMM Hotel National Wien, II. Taborstrasse 18 ♦ Telephon 4t»5»93 Vollständig neu eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer mit fliessendem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentralheizung, Lift Kaffeehaus und Restaurant im Hause! Mittige Preise i Neue Leitung I Rade Pafic verurteilt. Belgrad. 20. April. „Novosti" schreibt: Der Belgrader Gerichtshof verhandelte heute den Eh r e v v e l e: d t g u n g su n d V e r l e u m d u n g s p r o z e ß, den der gewesene radikale Abgeordnete R a n k o v i c gegen Rade Pas: c angestrengt hat. Der Gerichtshof hat den nicht anwesenden Sohn des gewesenen Ministerpräsidenten au drei MonatenGefangntS verurteilt. Sie Wahlen zur Berliner Repraientanten Versammlung. Die Spitzentandidatur der jüdischen Voltsparbei. Berlin, 19. April. (I. T. A.) Die in der Mischen Volkspartci vereinigten Verbände (die Zionistische Vereinigung für Deutschland, der Misrachi, der Jüdische Gemeindeverein und die Vertreterversammlung des Verbandes ostjüdischer Organisationen) haben einstimmig den Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, den bisherigen Vorsitzenden der Fraktion der jüdischen Bolkspartei in der Berliner Repräsentantenversammlung, als den Vizepräsidenten des Landesverbandes jüdischer Gemeinden Preußens gebeten, 'bei den Repräsentantenwahlen, die am Sonntag den 16. Mai in Berlin stattfinden, die Spitzenkandidatur zu übernehmen. Wie wir erfahren, hat sich Dr.. Klee zur Uebernahme bereit erklärt. Die zweite Stelle auf der Liste der JübifcC;cit Volks- Partei wird Professor Dr. Heinrich Loewe, Oberbibliothekar an der Berliner Universität, einnehmen. Die dritte Stelle ist dem Oberregierungsrat Hans G o s l a r eingeräumt worden. Das Zentralkomitee -und das Berliner Ortskomitee der sozialdemokratischen Arbeiterpartei P o a l e - Z i o n haben einstimmig den Beschluß gefaßt, daß die Partei sich mit einer selbständigen Liste an den Wahlen zur Repräsentantenversammluug der jüdischen Gemeinde Berlin, die am! 16. Mai stattfinden, beteiligt. LiftenIHrer ist Dr. Oskar C v h N. Slnbemsuug des Mieteuausschuffr». Der Obmann des MtetenausschuffeS Dr. K i e n b ö ck Hai in Erfüllung eines den Hausbesitzern vor Ostern gegebenen Verivrechens den MietenansschußfürFreitagnachm i t t a g 8 zu. einer Sitzung e i n b e r u f e n. Sie Frauen. (Aus Anlaß der zionistischen Jjar-Aktion.) Bon Helene Hanna Thon, Jerusalem. Es ist erst zwei oder drei Jahrzehnte her: da konstatierte Theodor Herzl erstaunt und schmerzlich die Gleich-- gültigkeir der Frauen gegen dxn Zionismus. Und er machte eine radikale Einteilung der Frauen: solche, die zu eleno sind, umsich mit den großen Problemen ihres Volkes zu befassen; und die anderen, die zu reich und zufrieden sind, um aus ihrer gesicherten Position herauszutreten. Seine. Hoffnung war, daß die Poesie des Zionsgedankens — verkündet durch den Mund der Dichter — schließlich doch an die Herzen der Frauen rühren werde. Inzwischen haben itrir — dank dem Zionismus — das jüdische Volk in allen seinen Teilen und damit auch die jüdische Frau in allen ihren Abarten kennen gelernt und haben gesehen, daß diese summarische Einteilung zahlreich^ Typen und Abstufungen jüdischen Frauentums unberücksichtigt ließ; daß aber-gerade diese Vielfältigkeit jüdischer Frauentypen ihre Rückkehr nach Zion auf vielfältig verschiedenen Wegen ermöglicht. Inzwi'chm ist allerdings auch eine katastrophale Entwicklung menschlicher Verhältnisse und besonders jüdischen Lebens.vor. sich, gegangen, welche die jüdische Frau vollständig aus den alten Bahnen herausgeschleudcrt und ihr auf neuem Weg die Heimkehr nach Palästina erschlossen hat. . Hundert Wege führen nach Rom, Tausend Wege führet: nach Erez Israel. Als die Frauen sich an die neue oder nt neuer Form verkündete Lehre de» Zionismus gewöhnt hatten, imhmen sie dieselbe mit der Inbrunst auf, mit der jederzeit große Menschheitsgedankcn gerade von den Frauen angenommen wurden. Heute, wird ihnen niemand mehr vortverfen können, daß sie in, den Reihen der Zionisten fehlen. Auf vielen, vielen verschiedenen Wegen sind sie dem Rttfe des Zionismus gefolgt. Aus der Fülle der Typen seien nur einige — desollders markant«--hervorgeholt.. Die Tr ad ition streue: Wahrscheinlich besitzt jedes Volk den TYP der mütterlichen Frau, in der sich alle Positiven, stabilen Eigenschaften, ihres Volkes kristallisiert zu haben scheinen. Im Judentum wirkt sich alles Menschliche WM av». M in Mm M« VMtnin, und darum hat es auch diesen Typ: die Mutter des Volkes, in besonderer Klarhe't und Stärke hervorgebtacht. D!c,e mü-eckichen Frauen, d>e tief in der Tradition ihrer Familie, ihrer Religion wurzeln, die warm und klug in ihrem Haust wirken, und am Schicksal ihres Volkes Anteil nehmen, haben mir allen Traditiwlen auch die der Zionsliebe in sich ausgenommen. Als der Name „Zionismus" zu ihnen drang, da fand er in ihnen sofort ein Echo, denn der Gedanke des Aufbaues einer treuen Gemeinde auf alter Grundlage uns im' alten Lattde war ihnen als eine religiöse Vorstellirng lebendig. Tiefe und wertvolle Anhängerinnen sind Dem Zionismus aus diesen Müttern und zu Müttern erblühenden Jungfrauen des Volkes erwachsen. Die Verletzte: Hat in der traditionstreuen Jüdin der Zionismus als eine ihrem Wesen immanente Kraft geruht, die nur geweckt zu werden brauchte, so gibt p — im Gegensatz dazu — einen Frauentyp, der erst auf Grnno intensiver Erfahrungen und umer dem Zwang der Umwelt zunl Zionismus heranrnfte. Wir iln Lebensfommer stehenden .Westjnden gehören einer Generation an, die — ganz oder fast ganz von europäischer Kultur genährt und in enger Berichrttng mit der nichtjüdischen Umwelt — um ihre Position in Berns und Gesellschaft zu kämpfen hatte. Wir kennen den Typus der'Jüei' die diesem Kampfe sich als Jüdin aufzugeben strebte. Wir kennen die Jüdin, deren Ehrgeiz es ist, sich irr allen Abarten europäischen Geistes hervorzuturt und womögl'ch noch europäischer zu sein als alle Europäer, damit matt ihr Judentum vergesst. Wir kennen d'e Eitlen, derün fieberhaftes Bestreben es ist, im Sport, in Eleganz und Extravaganz, ja sogar in Wissenschaft und sozialer Arbeit oie Ersten zu sein; wir kennen auch die, welche nicht um äußerer Geltung willen, sondern in dem Bestreben, aus dem Zwiespalt heraus zur Ganzheit zu gelangen, sich bewußt von den Quellen ihres Jtldentums ab- — und dem europäischen Geist zuwendeten. Und nun haben wir — besonders im letzten Jahrzehnt - - erlebt, wie diese sich selbst Entäußernden allenthalben zurückgestoßen wurden, wirtschaftlich und gesellschaftlich, und schließlich ganz isoliert dastanden. Es ist durchaus verständlich, daß viele der Abgewiesenen und Enttäuschten sich schließlich auf den Ausgangspunkt ihres geistigen Wesens, auf ihr Judentum, tc'auneit. Aber als sic zu ihm zurückkehren wollten, da fanden sie, daß sie die Quellen inzwischen verschüttet hatten, so baß sie ihrer Sehnsucht keine, greifbare Gestalt geben konnten. Der Zionismus ist für diese Zurückgekehrten ein Läuterungs- und Sühneprozeß, an dessen Gnr>2 die Wiedergewinnung des leichtsinnig und untren verworfenen Judentums steht. Die ihre Rasse Fühlende: Zwischen der noch jganz im Judentum verankerten Frau und der ihm ganz Ahgewandten und Entfremdeten steht die, welcher kein klares! Wissen, aber ein Instinkt, eine Ahnung sagt, wohin sie gehört. Das ist die Frau, die sich in ihrer christlich-europäischen Umgebung fremd fühlt, auch dann, wenn man ihü persönlich freulldlich begegnet und ihr Enttäuschungen im .Beruf und Gesellschaft erspart bleiben. Der Religion und Traditioll vielleicht schon entfremdet, spürt sie doch in ihrent! Blute den Zusammenhang mit ihren: Volke. Sie hört von einem Lande der Palmen und der sengenden Sonne und! spürt, daß es ihr Heimatland ist; sie hört von Gebräuchen, Sitten und Ideen, bei den Menschen dieses Landes, und! sie erscheinen ihr wie die Erfüllung einer Sehnsucht, diel von jeher in ihr >var. Für sie bedeutet der Zionismus die; Rückkehr in eine Heimat, deren Bild nur noch wie der Abglanz eines Kindheitstrauines in ihrer Seele ist. Er bedeutet ihr: Vertauschung seelischer Vereinsamung mit einem Leben int Kreise von befreundeten, verwandten Menschen^ Das ist die Frau, die am ehesten von dem Werbewerkzeugi das Herzl vorschwebte, gewonnen werden kann: der Dichtkunst. Sie, die zur Erkenntnis der Frentdheit der jüdischen' Rasse unter den anderen Rassen häufig durch die Eindrücke ihrer Sinne gelangt, läßt sich sortreißen von Dichterworten und Künstlerwerken — oft freilich nur, um zi: erkennen, daß erst eiiv langes, liebevolles Sichversenken in Msen und Aeußernngen ihres Volkes notwendig ist, damit sie wirklich den Weg in.die Heimat finde und nicht auch irr diefev Heimat eine Frernde bleibe. Die an Europa Leidende: Kennen wir »ticht :-ie Mensche:: — Männer und besonder: a::ch Frauen —, die an der Erkenntnis von Europas grausamer Seeleltlosigkeit zerbrachen? Sahen wir nicht, wie begabte, ernste Naturetr plötzlich des Ekels voll ihr Leben fortlvarsei: oder sich m irgendeine inehr oder nunder oberflächliche Geschäftigkeit verrannten? Für den europäischen Menschen gibt es keinen Ausweg: er selbst ist Europa, er hat es mitgeschaffen und kann es nicht von sich werfen, ohne sein ganizes Äben zu!

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