Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2571 (20.4.1926)
- Date
- 1926-04-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«eite L Men, Merrre Mokfienzelkttira m. «Mr m srr. m. Bo« der Idee Bon Adolf Böhm. Bis zum Kriege war die zionistische Bewegung straff organisiert, denn sie war nichts anderes als die Zusammenschweißung der Wollenden eines Willens, der Menschen, die soviel Phantasie, Glauben und Beharrlichkeit hatten, unerschütterlich die Erreichbarkeit eines scheinbar utopischen Ziels für möglich zu halten. Der große, überraschende politische Erfolg, die unmittelbar darauf folgende starke Durchdringung der Massen mit dem Palästinagedankcn schien eine bedeutende Energiesteigenlng zur praktischen Ausnützung des Erfolges zu verbürgen. Ganz tut Gegensatz dazu brachten aber gerade die ersten Jahre nach dem Waffenstillstand keinen dieser Erwartung entsprechenden praktischen Erfolg für Palästina. Wie ist dies zu erklären? Ein physikalisches Bild vermag dies vielleicht: Die Energie des Zionismus war bis zum Kriege eine gesammelte. Sie war figürlich gesprochen einheitlich gerichtet auf die Sprengung der Tore Palästinas, daher war die Zionistische Organisation trotz ihrer Kleinheit stark durch die Einheit der alle beseelenden Idee und die gesammelte Stärke ihres zielbewußten Wollens. Die Sprengung der Tore Palästinas erfolgte durch den politischen Sieg. Notgedrungen mußte— was die große Palästinabegeisterung der jüdischen Massen anfangs dem Blick verschleierte — nach Aufsprengung des Tores eine sogenannte Dispersion der bisher gespannten Energie eintreten. Diese macht sich bis auf den heutigen Tag fühlbar. * Was die Störung der Organisation so schwierig macht, ist, daß ein Faktum anders auf die Menschen wirkt, als eine Idee. Eine Idee, ein „Soll-Sein" kann die Menschen zu Taten begeistern. Ein Faktum, ein „Es ist", wird von ihnen einfach in das geistige Inventar eingeordnet, und selbst wenn dies mit Lustbetonung geschieht, so treibt es selten zu irgend einer Handlung. Die Aufgabe ist, zu zeigen, daß unsere Idee noch gar nicht Faktum geworden ist, oder soweit ein Faktum besteht, dieses quantitativ und qualitativ noch sehr wenig unferer Idee entspricht. Palästinaaufbau ist nicht gleich Zwnismus. Zionismus, heißt Befreiung, Wiedergeburt, eine Idee, die nie. vollkommen erfüllt werden kann, die ein ewiges Ringen bedeutet. Je nach dem Grade, in dem außerhalb und innerhalb Palästinas die Juden diesem Ideal nachstreben, wird das „Faktum" des Palästinaaufbaues ein mehr oder minder starkes zionistisches Gepräge haben. * Die Organisation als reines Zweckinstrument ist seelenlos und muß daher verdorren. Nur wenn sie em Bund gleichstrebender Menschen ist, kann sie lebendig bleiben. Anscheinend ist unsere Organisation ein solcher Bund, denn dasselbe Ziel, dasselbe Streben eint die Organisierten. Aber in Wirklichkeit ist dieses Ziekstreben der Organisation ein mechanisiertes, auf Quantität — „mehr Geld und Menschen für Palästina" — nicht ein qualifiziertes auf Durchsetzung der Idee gerichtetes. Der Zahlenwahn beherrscht die Organisierten. Gott ist für sie bei den stärkeren Bataillonen. Achad Haam schrieb au» 26. April 1919 an Ussischkin: „Wer hat die starken Bataillone? Jene, welche den starken moralischen Rückhalt haben." . * Die Zionistische Organisation ist die einzige Stätte, in der die Juden zur Selb st Verwaltung erzogen werden. Die Aufgabe, ein eigenes Gemeinwesen zu schassen, kann nie durchgeführt werden, ohne diese Erziehung der Juden. Kein Volk hat sie aus bekannten historischen Ursachen und wegen der bekannten Eigenart der Juden nötiger als diese. Zumal in heutiger Zeit, wo die Demokratie in einer Krise lebt und es den Anschein hat, daß nur durch Gewalt die Staatsgesinnung dutchzusetzen ist. Außer der Gewalt, die nie Dauerndes schassen kann, gibt es nur die ideelle Macht, die jene Gesinnung der Unterordnung des einzelnen unter die Äemeinschaftsziele verbürgt. Diese Macht müssen wir wieder aufrichten. In Palästina zeig: es sich, daß dort, wo eine solche besteht— bei den landwirtschaftlichen Arbeitern -—die Gemeinschaftszwecke voranstehen, indes dort, wo die Mehrzahl nicht durch die Zucht der Ideologie gegangen ist — in den Städten — die Selbstverwaltung wegen des Parteiegoismns auf große Schwierigkeiten stößt. Die Zionistische Organisation muß wieder „die Judenyeil unterwegs" werden, sie muß, als Schule für me Selbstverwaltung, zunächst bei ihren eigenen Institutionen — Kongressen usw. — die frühere Höhe wieder zu erreichen trachten. Gegenüber den Beispielen, daß allüberall Zwang oder gar Gewalt die Menschen zu Leistungen und Opfern für die Gemeinschaft bringt, hat die Zionistische Organisation der Welt ein Beispiel gegeben, daß durch die Macht einer Idee dies freiwillig geschehen könne. Durch die Macht einer Idee: Die Zionistische Organisation hat ihre Stärke aus der zionistischen Idee gezogen. Sie kann sie nur wieder gewinnen, wenn die Idee wieder hoch aufgerichtet Witt). Die Zukunft des Zionismus hästgt Sinzig und allein davon ab. Menschen und Mittel, Leistungen und Opfer, all doS können wir nur aus ideellen Antrieben heraus erlangen. Die „Aukrichtimq der Idee" — das klingt wir eine Phrase. Die „Idee" der Heimstätte ist ja ohnehin die Parole der Zionistischen Organisation. Aber der „Idee" der H e i m st ä t t e ist' eben nicht völlig adäquat der zionistis ch t n Idee. Es scheint oft, daß für die heutige Zionistische Organisation die Heimstätte der Endzweck ist. Eine Heimstätte ist ein reales Ding, zu ihrem Bau braucht man sehr konkrete Mittel, vor allem politische und materielle. Für die zionistische Idee, oder besser gesagt, das zionistische Ideal ist aber die Heimstätte selbst nur ein Mittel! Der Endzweck ist eine befreite Judenheit, die durch ihre'Freiheit imstande ist, ihr Leben nach den hohen sittlichen Idealen des Judentums zu gestalten. Wir haben uns in den letzten Jahren, gedrängt durch die Not deS Tages, viel zu sehr mit den Mitteln für dieses Mittel beschäftigen müssen und darüber den höchsten Endzweck vergessen. Wir haben nicht von deffen Aspekt aus das Werden kritisch verfolgt und zuviel Apologie getrieben. Es war dies anscheinend aus praktischen Gründen (Geldaüfbringung, Sympathiewerbung) nötig. Ein Beispiel für viele soll zeigen, wie unpraktisch diese praktische Einstellung ist. Hätten wir die soziale Idee des Keren Kajemeth starker propagiert, so hätte in der Praxis die nicht nur sozial sondern auch ökonomisch, also für die nüchterne Praxis schädliche Bodenspekulation nicht so überhand nehmen können. - Wiederbesinnung auf die Quellen unserer Krast, auf die Macht des Ideals kann allein uns vorwärts und aufwärts bringen. zionistisches Landeskomitee für Sesterreich. Jjmr-Aktion. Die Jjar-Aktion hat bereits bgonnen. Dem Rufe der Exekutive folgend soll auch in Oesterreich der Monat Jjar der zionistischen Selbstbesinnung gewidmet sehr. Es ist Pflicht aller Bezirkssektionen, schon in dm allernächsten Tagen Versammlungen zu veranstalten, in denen über die zionistische Bewegung und Probleme des Zionismus referiert, werden soll« Eine großzügige Propagandatätigkeit zur Werbung von neuen Mitgliedern soll die Jjar-Äktion krönen. Samstag den 24. d., halb 8 Uhr abends, leitet das Zionistische Landeskomitee mit einer großangelegte« Massenversammlung in den Olhmpiasälen die österreichische. Jjar-Aktion ein. Zionisten erscheinet in Masten! 8dee und Wirtlichkeit. Bon Dr. Hugo Bergmann (Jerusalem). In einer nationalen und sozialen Bewegung gibt es zwei ,Epochen: Die Epoche des idealen Kampfes und die,der realen Verwirklichung. Heine sagte von den Deutschen, daß sie ihre Revolution unter der Hirnschale gemacht hätien. „Der Gedanke gcht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner." Dieses Wort Heines von der deutschen, republikanischen Bewegung und ihrem Zusammenhang mit der deutschen Philosophie gilt nicht minder vom Zionismus. Seiner Verwirklichung mußte der Kamps der Geister vorausgehen. Dieser Kampf ist zu Ende. Der Zionismus hat auf dem Boden der Idee glänzend gesiegt. Die zionistische Sache, di« zu Herzls Zeit als eine Angelegenheit von Schwärmern und Außenseitern der Gesellschaft betrachtet wurde, ist heute Gemeinbesitz des jüdischen Volkes. Seine Angelegenheiten sind des Interesses breitester jüdischer Massen und der führenden Geister der Welt sicher. Größer als die Zahl seiner Anhänger ist die Zahl derjenigen, die ihm fair Play geben, die ihn begünstigen und aus ihn hoffen. Wir sind nun am Beginn der Miten, der schwierigeren Epoche: der Verwirklichung. Nun wird nicht mehr der Zionismus geprüft, die Verwirklichung ist eine Angelegenheit des ganzen jüdischen Volkes geworden. Sie ist zu dieser Stunde eine größte und hoffnungsvollste Angelegenheit. Der Blitz hat eingo'chlagen. Der Gedanke des Zionismus hat gesiegt. Die Tat des jüdl scheu Volkes muß folgen. Ihr Werkzeug sind die Organisation und ihre Fonds. _ La» Budget von Tel-Awlw. Hn'usalem, 16. April. In der letzten Sitzung des Stadtra'.es von Tel-Awiw wurde nach langen Diskussionen das neue Budget in Höhe von 116.000 Wund angenommen. «hinas Kampf gegen den Bolschewismus. Hanka«, 19. April. Wupeif« hat nach Peking eine Depesche gerichtet, worin er die Friedensverhand. lungen billigt, jedoch wörtlich erklärt: Der Verräter Feng schürt Mt ausländischer Hilfe Komplotte, um seinen Einfluß wiederzugewinnen. Peking ist ein Herd des Bolschewismus und meine Aufgabe wird nicht eher vollerwet sein, als bis sämtliche Bolschewiken ausgerottet sein werden. «hlnrstsche Staubet. Berlin, 19. April. Nach einem Funkspruch des berliner Tageblatts" aus Hongkong wurden bei einem Bombenattentat in der Stadt Hokhau in Südchina in der Provinz Kwangtung 20 Personen getötet und 160 verwundet. Der Führer einer Räuberbande, die in die Stadt eingedrungen war, verlangte von den Einwohnern ein Lösegeld von 1000 Pfund. Als dies verweigert wurde, sandte der Räuberhauptmann seine Leute in das Theater, wo gerade eine Vorstellung stattfand. Dort schleuderten sie eine Anzahl von Bomben mitten in das Publikum. Die Panik in dem Theater war eine furchtbare. Die Schwerverletzten wälzten sich in ihrer» Blute, während die Räuber in der allgemeinen Verwirrung entkamen. Dar internationale Institut für intellektuelle Snfammenarbeit hat, wie uns aus Paris telegraphiert wird, die Erleichterung der internationalen Beziehungen auf dem Gebiete der Musik unter feine Aufgaben ausgenommen und studiert zurzeit ein Projekt über den Austausch von Konzerten. Es bereitet einen Kongreß und eine AusftMung populärer Kunst vor, bei der dann auch die Musik vertreten sein wird. Um diesem wichtigen Projekt zu nützen und die zurzeit in Paris weilenden Persönlichtkeiten der intellektuellen Welt $u vereinen, gab das internationale Institut für inwllelktuelle Zusammenarbeit einen Empfang, m deffen Verlauf ein erlesenes PublKum einem modernen Mrvsrkprogramm applaudieren durfte und an dem Vertreter fünf verschiedener Nationen teilnahmen, und gwok Ravel, Albert Rouffell, Tansmann, Mllhaud, Pouleno, 'Honnegger, Wilhelm Groß und de Fall«; die Aufführung besorgten der berühmte Flötist Blanquard, Madame de Corenoy und Pierre Maire. Unter den Anwesenden bemerkte man Mbert E i n st e i n, Emil Ludwig, Salo-mon R e i n a ch, 'den Prinzen von Rohan, die Prinzessin Biibefoo, Madame Dubost, Henri Pr-r.nieres und andere. Inland. Preffezunft und Tugendgesetz. Beschlüsse der Bereinigung österreichischer Tageszeitungen. Letzten Samstag hielt die Vereinigung ö st e rreichifcher Tageszeitungen ihre Generalversammlung ab. Mit Bedauern wurde sestgestellt, daß es der Vereinigung nicht gelungen ist, auch nur die geringsten Erleichterungen der drückenden Anzeigena b g a b e n zu erzielen. Weiters wurde e n t s ch i e d e n st e Verwahrung gegen die beabsichtigte Einführung von Pressekammern eingelegt. „Wenn die Journalisten", so heißt es in dem Beschluß, „glauben, daß sie zur Wahrung ihrer Standesintereffen außer der bereits bestehenden Organisation der Wiener Presse noch eine besondere Zwangsvertretung nötig haben, wird die Herausgeberschaft, wenn ihr hieraus keinerlei Verpflichtungen erwachsen, der Schaffung von Journalistenkammern kein Hindernis, in den Weg legen. Die Vereinigung verurteilt ferner die in letzter Zeit zutage getretenen Einzelfälle von Korruption auf dem Gebiete der Publizistik auf das allerscharfste und fordert die gesetzgebenden Faktoren einstimmig auf, die Preßgesetznovelle im Sinne ihres Memorandums vom 15. d. ehestens zu verabschieden, um so die R e i ritz altung der Presse zu garantieren. Insbesondere soll bei der bevorstehenden Aenderung des Preßgesetzes gesorgt werden, daß die Sicherungen einer unbeeinflußten Gerichtsbarkeit bei Presiedelikten gegeben seien." * So vernünftig die Ablehnung der Prestekammer und der sie beinhaltenden züuftlerischen Zwangsorgauisation durch die Herausgobevvereinigung ist, ebenso unverständlich ist die Haltung der Bereinigung in der Frage der Preßgesetzreform. Das geplante Maulkorbgesetz wird alles eher denn eine Hebung der Moral von Zeitungsherausgebern und Journalisten, die sich bestechen lasten wollen, zur Folge habe«. Die gewohnheits- «nd profestionSmäßigen „Beheber" werden sich durch di« Drohung des Bestechungsparagraphen kaum in ihrer ihnen Liebgewordenen Uebung stören lasten. Sie werden nur ihre Methoden verfeinern und vielleicht gerade unter Hinweis auf die Strafandrohung der Preßgefetznovelle eine diesen Umstand berücksichtigende RiSkenqnote in die Bestechungssumme einkalkulieren. Die Keren-Kajemeth-Büchse im Hause ist das Symbol der Verknüpfung mit demneuen Erez Israel