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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-17 · Heft 2568 (17.4.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2568 (17.4.1926)
Date
1926-04-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2868 Wm, di um des Möschen Sejrnklubs eine Konferenz gehabt habe un- -daß er beabsichtige, sofort nach seiner Rückkehr die Aussprache sortzu,setzen. Er hoffe auf einen vollen Erfolg. ,^Jch muß aber henierken",. betonte Ministerpräsident Lkrzynsst, „daß ich Chef einer Koalttionsregierung bin." Ter Vertreter des „Hajnt" stellte an den Mimsterpräsidenten die Frage, was die polnische Regierung zu tun gedenke, um die große jüdische Not zu lindern. Ministerpräsident Skrzynski antwortete: „Es gibt keine spezielle jüdische Not. In Polen leiden alle Stände. Erst nach Erledigung des Bndgets werden sich die Kreditausstchten Polens bessern, was zur Behebung der lvirtschaftlicheu Notlage beitragen wird." Dev slawische Block. Im Verlauf der Einzelgespröche, die sich an die Rode des Polmfchen Ministerpräsidenten knüpften, erwähnte dieser unter anderem, daß der in Prag von ihm gebrauchte Ausdruck „slawischer Block" augenscheinlich mißverstanden worden sei. Er habe in seiner Tischrede daran erinnert, daß Polen und die Tschechosloivaikoi in der Geschichte auf zahlreiche G e m e i n s a m i c i I e n zurückblicken können, daß sie zu Zeiten unter einem genr einsamen K ö n i g standen und das; nuumehr die Möglichkeit geboten sei, daß die beiden Staaten im Rah m e n n n d i -m Ge i st e d c s Völkerbundes sich angesichts ihrer geographischen Lage und ihrer gemeinsamen Rasse e n g e r z u e i n a n £> c r finden können. Von einem Block im aggressiven Sinne habe der Minister selbstverständlich nicht gesprochen. Die Vorstellung in dev Staatsoper. Abends wohnten Graf Skrzynski und Bundeskanzler Tr. Ra m e k der Vorstellung in der Staatsoper bei. In ihrer Begleitung befanden sich die mit dem polnischen Ministerpräsidenten nach Wien gekommenen Herren des polnischen Außeuamtcs sowie die Mitglieder der polnischen Gesandtschaft in Wien, ferner die leitenden Funktionäre des österreichischen Anßenamtes. Die Abreise. Um 10 Uhr 50 Minuten abends ist Ministerpräsident Graf Skrzynski von Wien wieder abgereist.'Im Bahnhöfe war zum Abschied Bundeskanzler Tr. Ramek erschienen. Ministerialrat Klasterskh übcrbrachie die Abschiedsgrüße des Bundesprästdenten Dr. H a i n i s ch. Das Gespenst de« englischen Bergbmftrelke». Brüssel, 16. April. Das internationale Bcrgarbeiterkomitee hat heute in Gegenwart der englischen Bergarbeiterdelegierten einstiw'M.g eine Entschließung angenommen, in der es unter anderem heißt: Das internationale Komitee erklärt sich mit den englischen Bergarbeitern vollkommen solidarisch. Es ist erforderlichenfalls bereit, Maß nah mell -u ergreifen, um die Ans fuhr von Kohle nach England zu verhindern. Sollte nach Prüfung der Lage durch die zuständigen nationalen Organisationen e>n internationaler Streik beschlossen werden, so wird das internatio-- ^IIIIHIIIIIIIIlllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllilllHIIIIHIIIIIItllllllllilllll^ | ÜBERALL ERHÄLTLICH | 1 Blaimscheins f§ | »«,./PFLANZENFETT*..« I OL| | 100 Prozent Fettgehalt | | •Wi uw | 1 ftTiW» eoTfl w> n nton mn nrwn nnn) 8 ES Erzeugt unter Aufsicht Seiner Ehrwürden Herrn 3 Hj Oberrabbiner Jesaia Fürst (Adas Jisroel) §§ | Fabrik: Men. XIV. Diefenbactigosse 59 | nale Komitee die nationalen Organisationen dazu verpflichten, den Streik nicht zu beenden, bevor eine vernünftige Grundlage für die Wiederaufnahme der Arbeit m allen Ländern, die in den Kampf verwickelt sind, gesunden worden ist. Das internationale Komitee wird in diesem Falle als Streilikomitee handeln, dessen Anweisungen für alle Länder bindend sind. _ Die Sozialversicherung der Selbständigen. Im Nationalrat wurde vom Bundesminister für soziale V?rwaltN'ttg Dr. R e s ch die Regierungsvorlage über die V e rs i ch e r u n g der selbständig Erwerbstätigen eingebrachi und auch den Interessentenverbänden übermittelt. Aus den Erlänrcrungen zur neuen Gesetzesvorlage teilt die Staatskorrespondenz mit: Im wesentlichen sind es drei Gruppen, die für die Altersversicherung der selbständig Enrerbstätigcn in Betracht kommen: Handel, und Gewerbe, Laniwirrschast urt£> freie Berufe. Für die Mitglieder der Gewerbegenosienschafien soll die Ex-lege-Bersicherung auf Grundlage des VersichernngsMlnges -eingeführt werden. Die Einführung des Bevsicherungszwanges für die Landwirtschaft wird der Landesgesetzgebung Vorbehalten bleiben. Bezüglich der Angehörige der freien Berufe beschränken sich die Leitsätze darauf, ihnen die Teilnahme an der Versicherung im Wege freiwilligen Beitritts zu ermöglichen. Neben der Zwangsv-ersicherung soll den Pflichtversicherten die Möglichkeit einer Versicherung auf Nt e h r l e i stung (Zusatzversicherung) geboten werden. Die Zwangsversichemng soll sich auf die Versicherung von Altersrente und einem To des falls beitrag beschränken. Die Altersrente soll grundsätzlich mit erreichtem 65. Lebensjahr anfallen. Schon aus ökonomi'chen Gründen kann nicht in Aussicht genommen werden, für die selbständig Erwerbstätigen eine allgemeine Zwangs- «... «MB» «*»3 , 1 ... .... ...-- 1 ■HH«L M , « -—«ft Versicherung für den Jrrval'iditkßsfall ein zu führen, aus derselbe n Gründen mußte auch von der Einführung von Hinterbliebenenrenten abgeschen lverdcn, doch soll den Genossenschaften die fakultative E i n f ü h n n g einer I ,1oaliditätsfürforge freistchen. Vollkommene Sleuerllohrit der Länder und Gemeinden. Im niederösterreichischen Landtag wurde gestern e i nst i m m i g ein Antrag a n g e » 0 m m e n. mit den, die Landesregierung aufgewr-derc wird, auf die Bundesregierung dahin einzuwirken, daß das Abg ab enteil nngsgesetz außer Kraft gesetzt und an dessen Stelle ein neues Finanzverfassungsgesetz beschlossen werde, welches das Ueberwcisnngssyftein anshebt und Länder und Gemeinden in die Lage versetzt, durch eigene Beschlüsse für den Bedarf der Länder und Gemeinden Vorsorge zn treffen. Begründe? wurde dieser Antrag damit, Laß das Abgabenteil-u-ngsge'ctz seit der Stabilisierung der Währung überflüssig geworden sei und nur zu einer Benachteiligung der Länder führe. Um 8178 Arbeitslose mehr als im Borsahr. Ter Stand der Arbeitslosen in Wien ist in der ersten Halste des Monats April um 4-103 auf 83.235 gesunken. In dieser Zahl sind die im Bezüge der außerordentlichen Beihilfe stehenden 7046 Arbeitslosen (gegenüber Ende März ein Steigenum 206 8) nicht einge'chlossen. Ta mit 1. d. die über fünfzigjährigen Arbeitslosen, die bereits durch anderthalb Jahre Unterstützung bezogen haben, ansgofchieden und in den Beihils-ebezng gekommen sind, ist der eigentliche Rückgang der Unter st ü tz t e n tt 11 r mit 2597 zu, verzeichnen. Die Zahl der Unterstützten ist gegenüber dem Stande vom Vorjahre um 6178 höher. Aus dem Gemeinderat. In der gestrigen Sitzung des Wiener Gemeinderates wurde der Rechnungsabschluß über die städtischen Unternehmungen aus dem Jahre 1924, über den in Zwei Sitzungen vor den Feiertagen lebhafte Debatten geführt wurden, gegen die Stimmen der christlichsozialen Opposition angenommen. Gemeinde rat Ziinmorl (chnstlichsoz.) erklärte, daß die sozialistische Gemeindedeüvaltung das Kunststück fertigbringe, sowohl kapitalistische als auch sozialistische Politik zu betreiben; sozialistisch bei der Gemeindeverwaltung und rein kapitalistisch bei den städtichen Unternehmungen. Es sprachen noch zu dem Rechnungsabschluß die Gemeinderäte L e h n i nge r und' Doppler, die die Mißstände bei der Straßenbahn und bei der städtischen Leichenbestaitüng kritisierten. Im tveiteren Verlaufe der Sitzung wurde eine Reihe von Sachkrediten bewilligt. So wurden für eine Gasgebläseanlage 600.000 Schilling und für die Errichtung einer Wassergasanlage m Leopoldau 2,600.000 Schilling, für den Ausbau der Großmavkthaüe 480.000 Schilling bewilligt. Bei einem Antrag auf Zuwendung von 20.000 Schilling für Jugendheime und Gewährung eines Darlehens von 20.000 Schilling an den Verein Sozietas erklärte Gemeinderat R u m m e l h a r d l, daß die Jugendheime eigentlich sozialdemokratische Parteilokale sind, in denen die Jugend für den republikanischen Schutzbund ausgebildet wird. Müden und Westjuden im 18. Jahrhundert. Bon Benjamin Segel. >Es ist interessant, die Wandlung zu beobachten, die diese beiden Begriffe dnrchgemacht haben. Wollte man nämlich einen Ostjudenmeridian festsctzen, so wäre man in der größten Verlegenheit. Memel zum Beispiel liegt östlicher als Warschau, aber ein Memcker ist Weftjude, ein Warschauer ' bloß Ostjude. Indessen lag der Ostjudenmeridian vor ttmw 150 Jahren viel, viel westlicher hinaus. Ter Westen fing damals in — Bordeaux an. Die dorthin seit Mitte des 16. Jahrhunderts geflüchteten, reichen Marennen aus Spanien und Portugal bekannten sich etwa 200 Jahre später offen zum Judentum und bildeten eine zahlreiche und angesehene Gemeinde. Die Inden im Elsaß, in Frankfurt a. M. und im übrigen Deutschland, wo sie schweren Verfolgungen und Bedrückungen ausgesttzt waren, wanderten seit d?r Mitte des 17. Jahrhunderts nicht mehr nach dem Osten, sondern nach dem Westen aus. Als sich nun in Bordeaux 152 nichtsephardische Juden angesiedelt und es zu Wohlstand gebracht hatten, war dies dem Sephardim ein Dorn im Auge. Sie verfaßten daher 1760 neu: Gemeindesatznngen, die ihrem Genieindevorstaud die Befugnis erteilten, jeden fremden Inden als Landstreicher binnen drei Tagen ans der Stadl entfernen zn lassen. „Sie brandmarkten von vornherein alle frenlden Juden nichtsephavdischen Ursprungs als Landstreicher und Bettler, die ihnen, den Reichen, znr Last fielen. Sie verleumdeten dieselben, daß sie durchwegs ein ehrloses, betrügerisches Gewerbe betreiben und nahmen solchergestalt die Bürgerschaft und die Behörden gegen sie ein." (Graetz.) Jakob Rodrignez Pe re i ra bewirkte bei Ludwig dem Fünfzehnten die Bestätigung dieser Statuten und so wurden Ende 1761 sämtliche fremden Juden aus Bordeaux ansgewiesen. „Nur zwei alte Männer und ihre Frauen, die den Mühsalen der Vertreibung erlegen wären, und einer, der sich große Verdienste um die Stadt erworben hatte, wurden verschont." Diese Vertriebenen waren die Urgroßväter unserer heutigen Westjuden . . . Die Hartherzigkeit der Sephardim von Bordeaux erregte mißliebiges Aussehen. Die Christen sagten sich, die DisttuttiLtt zwiWri Sephardim mch iMteuasim wäre ihnen nicht recht klar. Wenn Inden auf französischem Boden nicht -wohnen dürfen, so müßte dies für alle Sorten von Juden gelten. Dazu hatte Voltaire kur; vorhin ein-? gehässige Schrift gegen die Juden veröffentlicht, um sich für die schmutzigen Händel zu rächen, die er mit zwei Berliner Juden hatte und die ihn beinahe um die Gunst Friedrichs des Großen gebracht hätten. Jetzt trat ein Literat ans den Schauplatz. Es war der steinreiche und mächtige, aber ebenso beschränkte Isaak P i n t 0, ein aus Bordeaux stammendes, sehr einflußreiches Mitglied der Amsterdamer sepharbischen Gemeind'. In einer 'Erwiderung auf Voltaires Angriffe gab er die Wahrheit der Anschuldigungen zu, allein sie gälten nur für die nichtsephardischen Juden. Wollte man Juden finden, wie Voltair? sie zeichnet, müßte man weit, weit gegen Osten gehen, nach Metz, Frankfurt a. M. Berlin und er, Pinto, und di.' Seinigen, verachteten die dortigen Juden nicht minder als Voltaire dies tue. Ein Sephardim, der eine deutsche Jüdin heiratete, würde für ewig ans der Gemeinschaft der Seinigen ausgeschlossen sein. (Als Moses Montesiore ein aschkenasisches Mädchen heimführte, deren Schwester übrigens Nathan Rothschild geheiratet hatte, wurde dies als Beweis großer „ziviler Courage" betrachtet.) Ein Sephardim gleiche einem deutschen Juden ebensowenig wie einem Chinesen. Ein Jude aus Bordeaux und einer aus Metz seien zwei ganz verschiedene Wesen. Das käme daher, daß die portugiesischen Juden von der edelsten Familie des Stammes Inda ihre Abkunft herleiteten, was für sie in Spanien und Portugal jeher ein Antrieb zu großen Tugenden und ein Schutz vor Laster und Niedrigkeit gewesen. Man fände unter ihnen keines der Verbrechen und Vergehen, deren Voltaire die Inden beschuldigte. Anders die deutschen, recte Oftiubeu, die vom Pöbel von Inda .chstammten. Er entschuldigte allerdings ihre unebrerrbaften Gewerbe (Wucher unt- Schacher) sowie ihr verächtliches Auftreten mit den gehäuften Leidet! der Knechtung und Demütigung, die sie Jahrhunderte zu ertragen hatten . . . Glaubt man nicht Herrn Naumann oder andere führende Geister des Verbandes nationaldeutscher Fu-dsn zu hören? Es wäre hübsch, wenn diese Männer jetzt Pintos Abstammungslehre auf die deutschen und polnischen Juden amvevden würden. Diese Theorie diente hundert Jäbre später einem Abkömmling jenes Perelra, der Angestellter des Bankhauses R 0 th s ch i l d in Paris war. zur Begründung seines Auftretens gegen seinen früheren Chef, dessen Bureau er verlassen hatte, um ihm im Kampfe um den Geldmarkt die finanzielle Oberhoheit zu entreißen; er, der Aristokrat vom Stamme Inda, könnt? nicht länger der Untergebene dieses Frankfurter Plebejers, dieses „Oftjuden", sein und wollte ihn entthronen, 'um, wie es sich gebührte, seinen Platz einznnehmen. Rothschild, dieser „Sproß des Pöbels von Inda", weigerte sich hartnäckig, den Tisch seines entlaufenen Angestellten zu besetzen. „Ich behalte ihm seinen Platz, bis er wiederkommt." Und er kam wieder. Wenn die Sephardim den Adel d:r Judenheit bilden, so gilt von ihnen das Wort Lloyd Georges von den Tories: „Sie gleichen den Kartoffeln; die besten von ihnen liegen in der Erde". Und zwar schon recht lange, .700 bis 800 oder 1000 Jahre schon. Und die Besten, wer verwaltet ihr Erbe? Was wüßte die Welt heute von Jbn Nagrela, Gabirol Ganach, Jehuda Halevy, Maimuni, Jbn Esran, Albaleg. Jbn Latif, Charisi und all den anderen, ohne die Arbeit von den verachteten ostjüdischen Aschkenasim? Diese sind cs gewesen, die mit unvergleichlicher Hingebung das Lc'ben jener Männer erforscht und dargestellt, ihre Werke ausgegräben, ediert und kommentiert, ihre Ideen für die Gegenivart fruchtbar gemacht haben. Das war gleich!'in die Rache, die die „Plbefer" an ihren aristokratischen Verächtern nahmen. Nicht in Bordeaux, sondern in Zolkiew. Brody. Tarnopol, Lenrberg, Prag. Frankfurt a. M., Berlin und Breslau ist die Wissenschaft des Judentums gesch'ffen worden, die für alle Zeiten ein Ruhmestitel des iüdischen Starnm-s bleiben wird. Un) kein Pereira und kein Pinto hat seinen Namen in diese glorreiche Rnhmestafel eingetragen. Wie znr Posse war Luzzato-Luratia — aschkenasischer Abstimmung, und in seiner Familiensynagoge wurde das Hebräisch? aschkenasisch ausgesprochen. Seine wichtigsten Arbeiten sind in Galizien erschienen und hier lebten ihm die besten Freunde und Jünger. Unter den Sephardim erstanden in den letzten hundert Jahren nur zwei Männer, welche die Liebe und Verehrung der ganzen Jndrüheit erwarben: Mo'es M 0 n t e f i 0 r e und Adolphe C r e m i e u x. Nun denke man sich aus, ivas diese beiden Männer zu Ser schönen Theorie von den Westjuden und Ostjud?« gesagt £äUeu!

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