Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2567 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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« Msenee MorsenzelL««- 56. April. 1926 Nr. 3867 Der Prozeß Weisz-Suchs. Dar Vewilrverlatzren srlchloffen. — krovur der Berielvkgek. Asch gestern wurde die Verhandlung mit mehr als zweistlwviger Verspätung eröffnet, weil Weisg die Auswahl einiger Artikel des „Abends die verlesen werden sollen, nicht früher getroffen hatte. Es handelt sich um solche von Weistz verfaßte Auffätze gegen das Haus Castiglioni und die Depositenbank aus den Jahren ISA und 19W, die noch Angabe des WeiH nach den inkriminierten Handlungen m „Abend" veröffentlicht worden sind. Rach Eröffnung der Verhandlung gegen 11 Uhr gab der Vorsitzende zunächst den Beschluß des Gerichtes bekannt, die Strafsache Hartmann nicht einzuheziehen, da hivzu die nötige» Unterlagen fehlen. Der Direktor der vornchmen Jnferatenagentur Dukes, Herr Emmerich Leßner, har an de» Vorsitzenden, Hofrat Dr. Dörr, eine Zuschrift gerichtet, in der Herr Leßner gegenüber der protokollarisch vorgelesencn Aussage des Herrn Camillo Castigliom erklärt, daß er für Colbert den Betrag von Mei Millionen Kronen durch Herrn Dvucker nie erhalten habe, habe schon in der Voruntersuchung und auch bei der Verhandlung als Zerlge gesagt, daß hier ein Irrtum vorliegen müsse, da er nie mit dem Hause Castiglioni in geschäftlicher Verbindung stand. Er kenne Herrn Ernst Colbert nicht, habe ihn nie gesprochen, und es sei ihm unbegreiflich, wie Herr Artur Dvucker seinen Namen als Vermittler mtt derartigen Angaben in diese Angelegenheit hineinzichen konnte. Dr. S t e r n e r legt nun aus den Jahren 1921 und 1922 die zur Verlesung beantragten neunzchu Artikel des „Abend" nach den verschiedenen Daten geordnet uud unter Abführung der Titelüberschristen dem Gerichtshöfe vor. Wie schon aus den Titeln heworgche, haben die Angriffe nicht aufgehört, sondern wurden umrntevbrocheu fortgesetzt. Die Zahl der gegen Castiglioni, Depositenbank, gerichteten Artikel fei jn Wirklichkeit zwei- bis dreimal so groß. Alexander Weisz bemerkt deyu: Aim 8., 14. und 32. März sind i>m „Abend" heftige Angriffe gegen Castiglioni erschienen, die sich auf die Antiquttätensache und sein Ausscheiden ans der Depositenbank bezogen. Aber erst am 21. März soll die kritische Unterredung zwischen Fried und Fuchs stattgesunden haben. Auch in späteren Artikeln, wie zum Beispiel am 19. April, wurde die Schärfe der Tonart nicht gemildert. Ich kann sagen, daß ich fast alle Artikel geschrieben habe. Ich glaube» das hätte ein Journalist nicht gewagt, der bestochen ist oder sogar Geld erpreßt hat. Dr. Steiner beantragt die Ladung folgender Zeugen: SÄtronschH Jan, Hofrar Stand, Sektionschef Scheu- Lerger und eines Museumsbeamten. Dr. Steiner legt die vorgestern angeWndigte photographische Kopie , des Briefes Castiglionis an Lohncr und das Original des Briefes zum Beweis der Jndentität vor «und fahrt dann fort: Die Verteidigung sicht sich durch Angriffe von dritter Seite gezwungen, die gestern angekündigte Aufklärung über die Entstchungsgeschichte des Briefes zu geben. Im Kriege hat Camillo Castiglioni eine Flugzeugfabrik gegründet. In dieser Fabrik wurden Fluggeugmotore «zeugt, welche von der deutschen Heeresverwaltung zuvückgettüefen wurden. Castiglioni hat dieselben Motors anders adjustiert, in FluMeuge eingebaut, .welche für Sie österreichische Heeresleitung geliefert worden sind. Diese Sache hat den Seelenkonflikt des Herrn Castiglioni hervorgerusen, aus welchem Konflikt heraus der Brief vollkommen verständlich ist. lieber alle diese Umstände müsse Castrglioni als Zeuge einver-- nomMLn werden. Staatsanwalt Dr. Schwartz schließt sich dem Anträge bezüglich der Steuerstraffache an. weil die Tatsache, daß Castiglioni sich vor Presieangrfffen fürchtete und deshalb Geld hergab, eigentlich für die Anklage spricht. Was den Lohner-Brief betrifft, so sei dieser vom 1. August 1917 datiert und der Staatsanwalt sieht nicht ein, wieso ein Brief vom Jahre 1917 mit Fakten aus den Jahren 1921 und 1922 im Zusammenhang stehen könne. BerteLiger Dr. Stern erklärt, er müsse sich viel deutlicher als früher ausdrücken, denn der Staatsanwalt habe ihn wicker mißverstanden. Ich habe gerade das Gegenteil dessen unter Beweis gestellt, was der Staatsanwalt verstanden hat. Ich habe dargetan, daß hier von einer Erpressung keine Rede fein konnte. Hieraus zieht sich der Gerichtshof zur Beschlußfassung über die Anträge der Verteidigung zurück. Nach längerer Beratung verkündet der Vorsitzende den Gerichtsbeschluß, wonach die Beweisanträge der Verteidiger aus Vernehmung neuer Zeugen abgelehnt werden. Der Gerichtshof habe hingegen beschlossen, die Artikel des „Abend" vom Jahre 1922 zur Verlesung zu bringen, die Artikel aus dem Jahve 1921 jedoch nicht. Verteidiger Dr. P r e m i n g e r erbittet vom Gerichtshof eine kurze Pause, damit die Verteidigung Gelegenheit habe, über die durch die Ablehnung aller ihrer Bsweisanträge für sie geschaffenen Situation zu beraten. Der Staatsanwalt spricht sich gegen eine jolche Pause aus. Der Vorsitzende erklärt, er wolle zunächst das Beweisvevfahren so weit durchfüHM, als darüber schon beschlossen wurde, das heißt, er werde zunächst die siebzehn Artikel des „Abend" aus dem Jahre 1922 Wdßfak lasse« und dgug erst die PerHandluntz untewrechen. Dr. P r e m i n g e r erklärt, daß die Verteidigung an der Verlesung der Artikel weniger interessiert sei als an ihrer eigenen Beratung und daß sie deshalb den Saal verlassen werde. Der Vorsitzende hält der Verteidigung die Verantwortung vor, die sie damit auf sich nimmt, wenn sie die Angeklagten im Stiche laste. Verteidiger Dr. Stein: Diese Verantwortung nehmen wir auf uns. Der Vorsitzende sagt darauf: Ich muß jetzt die Artikel verlesen lassen und ich kann nicht dulden, daß mir sozusagen ein Ultimatum gestellt wird. Hierauf verkästen die drei Verteidiger de« Saal, worauf der Vorsitzende die Verlesung der fiebzchn Artikel verfügt. Nach der Verlesung, die bis ungefähr halb 3 Uhr nachmittags dauert, sollte das zweite Boweisthema, der Annoncenvertrag des „Abend" mit der Firma S ch a l e f ahgchaudelt werden. Der Angeklagte Fuchs wollte diesen Vertrag verlesen, doch unterbrach ihn der Vorsitzende und erklärte, folgendes chm oben zugekommene Schreiben vorerst zur Verlesung bringen zu wollen. Das Schreiben lautete: „An den Herrn Vorsitzenden! Die Ablehnung sämtlicher wesentlicher, von der Verteidigung beantragter Entlastungsbeweise, die wiederholten empfindliche» Gesetzesverletzungen im Lause des bisherigen Berfahrcns und bestimmte Vorgänge haben bei der Verteidigung die Ueberzeugung Hervorgerufe», d a tz d i e Angeklagten wehrlos einer vorgefaßten Meinung gegenüber st ehen. Die Verteidigung sieht sich daher veranlaßt, von der Stellung aller weiter vorbereiteten Entlastungsbeweisanträge Ab st and zu nehmen und gibt trotz der in der Verteidigung beider Angeklagter bestahmdeu Gegensätze einhellig die Erklärung ad, daß sie sich an dem weiteren Bewoisverfahren nicht beteilige» wird. Die Verteidigung wird nur in dem Falle, wenn die Angeklagten darauf bestehen, ihrer gesetzlichen Pflicht entsprechend, zu den Schlußvorträgen erscheinen. Wir bitte«, vorstehende Erklärung dem Gerichtshof uud W Angeklagten zur Kenntnis zu bringen. Wien, am 15. April 192V. Gezeichnet: Dr. Robert Steiner, Dr. Joses Stein und Dr. Markus Premiuger." Bors.: Haben die Angeklagten ettvas zu bemerken? — Weisz: Ich möchte bitten, daß mau mir Gelegenheit gibt, mit meinem Verteidiger zu sprechen. — Vors.: Und Sie, Herr Fuchs? — Fuchs: Ich möchte weiter verhandeln. Ich lege gar keinen Wert darauf. Der Vorsitzende nnterbricht hierauf für kurze Zeit die Verhandlung. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung verlieft der Vorsitzende den Annoncenvertrag zwischen der Firma Schalet und dem „Abend", in dem es heißt, daß der Vertrag, der bis zum 80. Juni 1926 läuft, automatisch bis zum 30. Juni 1927 lveiter zu gelten habe, wenn er nicht bis zum 2s. Februar 1926 gekündigt wird. Da dies insbesondere durch die Einflußnahme Ernst Colbert s nicht der Fall war, so stand der Erneuerung des Vertrages nichts im Wege. Hierauf verkündete der Vorsitzende den Beschluß, daß alte itn Laufe des Vormittags von der Verteidigung gestellten Beweisanträge abgelehnt wurden und erklärte, noch vor Schluß des Beweisverfahrens einige Fragen an die Angeklagten richten zu wollen. Vors.: Ich möchte die Angeklagten darauf vufmeicksam machen, daß sie mit Rücksicht darauf, daß ihre Berteödiger beschlossen haben, sich am weiteren Verfahren nicht zu beteiligen, mit sich zu Rate gehen mögen, ob sie Fragen in Abwesenheit chrer Verteidiger überhaupt beantworten wollen. — Fuchs: Ja. — Vors.: Ich betone ausdrücklich, daß der Gerichtshof gar nichts dagegen hat und haben kann, und keineswegs Widerwillen in Ihrer Verantwortung erblikkn würde, wenn Sie in Abwesenheit Ihrer Verteidiger keine. Aussagen machen wollen. —Fuchs: Ich bitte am eine Pause, um mit meinen Verteidigern zu beraten. (.Heiterkeit im Auditorium.) Nach Wiedereröffnung der Verhandlung erklärt Fuchs» daß er antworten wolle, da ihm dies seine Verteidiger freigestellt haben. Der Vorsitzende stellt an den Angeklagten Fuchs ungefähr diesebben Fragen wie in seinem Generalverhör. Fuchs sagte auch konform wie damals aus, er habe sich bemüht, die Beträge für Castiglioni durch Vermittlung des Fried bei Weisz möglichst niedrig zu stellen. Wenn ich dem Weisz Geld gebrach: habe — erklärt der Angeklagte — habe ich immer das Gefühl gehabt, daß ich ihn günstig gestimmt habe und habe deshalb versucht, die Wünsche Caftiglionis bei ihm durchzusetzen. — Vors.: Haben Die gesagt, daß das Geld von Castiglioni stammt. — Fuchs: Das habe ich nie so präzis ausgedrückt. — Vors.: Hat er gewußt, von wem das Geld ist? — Fuchs: Ich habe geglaubt, daß er kapiert, da ich das Geld von irgendwo bringen muß. Während seiner Aussage erklärt Fuchs plötzlich: Cs ist schwer, hier auszusagen, wenn der Staatsanwalt eine» fortwährend auschoirt. (Lautes Lachen rm Auditorium.) — Fuchs: Sie kann das ja freuen, Herr Staatsanwalt. — Vors.: Aber, ich bitte, doch nicht nervös zu werden! Sie haben sich ja die ganze Zeit so ruhig verhalten und am tvcnigsten gesprochen und jetzt fangen Sie an, nach allen Seiten hin zu reden? — F-nchs: Ich bitte, ich bin schon wieder ruhig. — Vors.: Ha: Arr Weisz das Balorisierungsbegehrcn gestellt? — Fluchs: Nein. Ich kann doch nicht verlangen, daß dem Chefredakteur des „Abend" damals schon wertlos gewordene vier Millionen angeboren werden! Und da habe ich vielleicht verlangt, daß die Summe valorisicrt werde. Auch Weisz erklärte sich bereit, die an ihn gerichteten Fragen zu beantworten. — Vors.: Wollen Sie zu den jetzigen Erklärungen des Fuchs etwas bemerken? — Weisz: Ich kann nur wiederholen, was ich immer gesagt habe, ich habe von diesen Dingen keine Ahnung gehabt. Ich möchte aber Herrn Fuchs, nachdem er die Zeugen gehört hat, fragen, ob er bei seinem Gewissen dabei bleibt, daß ich gewußt habe, welcher Art und woher die Darlehen und Gelder sind, die er mir wanchinal gegeben hat. — Bors.: Wenn Sie ei» Darlchen nahmen, wen hielten Sie dann für den Eigentümer? — Weisz: Natürlich den, der es mir gegeben hat, nämlich Fuchs. — Vors.: Haben Sie quittiert? — Weisz: Manchmal ja, manchmal nicht. — Vors.: Haben Sic den Betrag von 24 Millionen, der aus dem Hause Castiglioni stanvmte. bekommen? — Weisz: Nein. Kein einziges Darlehen war so hoch. — Bors.: Hat er Ihnen das Geld unvermittelt gegeben oder waren Sie darauf gefaßt? —Weisz: Fuchs wollte sich urir immer dienstbar erweisen und hat mir oft Geld gegeben, von dem ich bestimmt annahm, cs feien kleine Darlehen, die ich iudmcr zurnckgezahlt habe oder Vorschüsse auf mein Börsenkonto. Fuchs: Ich nwchte den Herrn Weisz fragen, ob wir nicht oft über seine finanzielle Situation gesprochen haben? — Weisz:-Das ist richtig; ich habe chm immer meine finanzielle Lage lvahrheitsgetreu angegeben. — Bors, tzu WeW: Hat Fuchs mit Ihnen ein telephonisches Gespräch geführt, i« dem von 24 „Ballen" die Rede war? — Weisz: Ganz be-- st i m m t n i ch t. Der Vorsitzende.'-verliest hierauf noch Kontoauszüge, die bei Hausdurchsuchungen bei den beiden Angeklagten vorgefunden wurden. Die Steuerstrasbehürde hat Kontis auf verschiedene Decknamen vorgefunden. Fuchs erklärte, daß nur ein einziges Deckkonto unter dem Namen August Prager sein Eigentum sei. Der Vorsitzende konstatierte hierauf, daß der Angeklagte Weisz wegen Ehrenbeleidigung bedingt mit 3000 K. Geldstrafe vorbestraft ist, und daß er ein Kweitesmal wegen Vergehens gegen Artikel 8 (Pressevergehen) vorbestraft war. Hierauf meldete sich noch der Arrgetklagte Fuchs und erq klärte, daß er gehört habe, daß heute in seiner Wohnung ein Brief gefunden worden sei, der über den Ton des Verkehres mtt ihm und Weisz Aufschluß geben. könnte. Der Vorsitzende erklärte hierauf mtt Vorbehalt der Wiederausncchme des Verfahrens zur Verlesung dieses Briefes, die Beweisaufnahme für geschlossen. Jn der heute um 9 Uhr beginnenden Vecharchlurrg wer« den die Plaidoyers gchatten. Neueste französische Literatur in bester Ausstattung nur $ 1.— pro Band Soeben eingctroffen: Henry Bordeaux, La maison j Francis de Miomandic, L’aventuie de Therese ßeauchamps / Claude Fanrfcre, La batai(le / Lucte Delarue Mardrns, La.cigale / Rene Benjam n, Les justices de paix / Myr am Harry, La petue ülle de lerusalem / Henri Duvemofs, Morte 1$ b&tc / Louis Barthou, Les amout s d’un poetc / Colette, Cheri / Colette, La maison de Claud ne / Pierre Louys, La femme et le pantin / Marguerite Andorne, Marie-Claire / Claude Anei, Ariane / Rend Boylesvc, je vous ai dgsir&e un soir ( Raymond Radiguei, Le dal du comte d’Orgel Versand nur gegen Nachnahme oder Voreinsendung des Betrages von der. neueingerichteten französischen Abteilung der Buchhandlung R. Löwit,Wien, 1. Bezirk Rotenturmstraße 22 Nadiopeornmmm. Heut« Freitag den 16. April: 16 Uhr 15 Mm.:Nachmtttagslonzert. Mttlmrtend Lotto Paum»arten-vohen chwäugtn iLNvliuo). Gr'eg r Hochze'tszua auf Troldhougen Jy». Sttaüßr B llsilhouetten. 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