Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-04-15 · Heft 2566 (15.4.1926) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2566 (15.4.1926)
Date
1926-04-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981653--26194-3013934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

SK.SM6 W«n, Donnerstag Wiener Morgenzeitung LZ. April 1926 TVW S Tagesbericht. zwei berühmte deutsche Gelehrte über die „Protokolle der Weiten von Sion". Die „Protokolle der Wersen von Zimt", die jttnt ersten SDtote Ende 1919 in Berlin aulfge taucht sind, haben ihren Siegeszug Wer die Welt noch nicht vollendet. In den letzten Monaten sind sie <jt arabischer Sprache in Aegypten,' Palästina und Syrien, und gleichzeitig in spanischer Uebersetzung auf der iberischen Halbinsel und im lateinischen Amerika stark verbreitet worden. Henry Ford, der geldgewaltige Beschützer der russischen Monarchisten, fährt fort, sie in Nordamerika zu propagieren, und die deutschen und österreichischen Hakenkreuzler werden nicht müde, in ihren Blättern immer neue Ausgaben und Erläuterungen der Protokolle angMndigen. Benjamin Segel (der Verfasser des Buches „Die Protokolle der Weisen von Zion", krit-sch beleuchtet, eine Erledigung", Berlin, 1924, Philo- Berlag) hatte die Frage aufgeworfen, ob die Wissenschaft nicht zu dieser fortwährenden Verfälschung der öffentlichen Meinung und Vergiftung der Volksseele Stellung nehmen sollte. Ter hervorragende Sozialpsychologe und Geschichts- Philosoph Ferdinand T ö n n i e s in Kiel regte einen ,^kollaktivprotost der Vertreter vor deutschen Wissenschaft gegen die dreiste Fälschung" an. Der Nestor der deutschen Historiker, HanS Delbrück in Berlin, dagegen schrieb: ,Oehr geehrter Herr Segel! ... Sie erlangen von der deutschen Wissenschaft zu viel. Die Wissenschaft kann nur ans wissenschaftlichem Boden kämpfen, nrtt der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens. Gegen die ,Misen von Zion" kommt man weder mit wissenschaftlichen Gründen, noch mit wissenschaftlicher Autorität auf. ES war gewiß sehr nützlich und nötig, daß e i n Gelehrter sich ausopferte, um das ganze Lügengewebe aufzurollen, mch Sie haben sich dadurch ein bedeutendes Verdienst erworben, aber damit ist d:e Sache für die Wissenschaft auch abgetan; höchstens, daß man einmal gelegentlich diese Schwindelei als ein weiteres Beispiel für diese Sorte Bösartigkeiten anfü'hrt, nrit denen die Menschheit von je geplagt worden ist und noch heute geplagt wird. Berlin-GrnnewaD, den 27. August 1925. Mt vorzüglicher Hochachtung, Ihr ganz ergebener Hans Delbrück." Ferdinand T ö u u i e $ schreibt: „Kiel, den 30. Marz 1926. Sehr geehrter Herr Segel! ... Es ist für mich unibestritten, daß Sie sich durch Ihre eingehende Unterisuchung der berüchtigten Mot^olle" ein großes und bleibendes Verdienst erworben haben... In allen Haupt? stücken ist Ähre Anklage umvtzderleglich... Das römische Sprichwort sagt es vom ,Zage" aus, daß er die Wahngebilde vertilgt; das ist richtig, wenn man dem historischen Tag eine Länge von zwölf Jahren zuschreibt; ich schätze, daß demnach noch viereinhalb Jahre übrig sein mögen, die wir abwarten müssen, bis die unsauberen Dünste versieben sein werden, die das für Europa, und besonders fiir Deutschland — mit Einschluß van Oesterreich so verhängnisvolle Ende des Weltkrieges hat emporquirlen lassen. Für die sozial Psychiatrische Betrachtung sind die r" Erscheinungen interessant genug. Ich hßmevke wohl, daß Sie am Schluffe Ihres Buches diese Seite der Sache vollkommen würdigen. Meinerseits möchte ich noch folgendes hinzufügen: Jedem erfahrenen Menschen, nicht nur dem Arzte, -sind die traurigen, wenngleich oft fivr lächerlich gehaltenen Erscheinungen des Größenwahns bekannt; er kommt auch als soziale Erscheinung bei ganzen Volksgruppen, ja, >m begrenztem Sinne ganzen Nationen vor. Aber, eine soziologisch bedeutsame Erscheinung, auf die ich noch nicht die Aufmerksamkeit gelenkt fand, ist der T i e s e n w a h n. Ex besteht darin, daß man vor dem Lichte der Vernunft sticht und mit Absicht das Dunkle, Geheimnisvolle aussucht, weil es tief zu sem scheint. Man schließt: weil es in der Tiefe dunkelt, so sei alles Dunkle tief. Ein gesteigerter Tiefervwahn führt zur Verherrlichung des Absurden, zur Schwärmerei für das .Orvationale" und zur Begeisterung für blödsinnige Fälschungen, wie die der „Protokolle". Es entspringt aus diesen Stimmungen, wie schon Leibnitz, der, gleich jedem wirklichen Denker, bei alleur Tiefsinn die Äovheit liebte, sich ausdrückte, „e i« Ekel an der Vernunft". Ich stnde, daß dieser krankhafte Mel jetzt sehr verbreitet ist und unter manni^ fachen, mehr oder minder «romantischen" Narnen sich versteckt. Mit hochachtungsvollem Gruß blekbe ich Ihr ergebenster Ferdinand TöunieS." Schvlftre» in Berlin. Aus Berlin wich gemeldet: Im Vororte Neu-KAln veuveigern in einer Doppelschule seit heute 300 Kinder auf Veranlassung ihrer Eltern den Schulbesuch, tveil sie von jetzt ab eine etwa 1S M i n u t e n e n tfcrnt liegende Schule besuchen lallen. Die Verlegung der Schulklassen rvar infolge von Raumschwierigkeiten notwendig geworden, die durch Vergrößerung des .städtischen Hauptschulbetrielbes eingetreien »varen. Die Eltern erklären, daß die den Kindern zugewivsene Schule z u w e i t e n t f e r n t lieg« und einige der Klassenrauwe u n g e n ü g e n d e s Tageslicht empfangen. T Garantirf achte üoturbutter. Allerfeinste „Sehen und nachahmen!" Eine arabische Stimme über die jüdische Arbeit in Palästina. Aus Beirut wird uns geschrieben: Di« okubische Wochenschrift „Allhisam" in Damaskus perössentlichr in ihrer Ausgabe vom 8. März eine Anzahl von Photographien aus den jüdischen Siedlungen in Palästina und widmet ihnen die folgende Bemerkung: Beim Anblick dieser Bilder vergießen wir bittere Tränen, wenn wir uns an die jämmerlichen Verhältnisse Mtfo die Trägheit des anderen Teiles der palästinensischen Bevölkerung erinnern, die in der Konkurrenz mit den Juden in kolonisatorischer und agrkultureller Arbeit versagt. Wir haben nicht die Absicht, die Zionistische Organisation zu loben, indem wir ihre Anstrengungen hervorheben. Wir wollen nur ihre Aktivität uitö ihr Interesse am Ausbauwerk zur Kenntnis nehmen. Wir bedauern, daß das edle palästinensische Volk zurückbleibt. Wir wünschet!, daß es die Tätigkeit der anderen beobachtet und sich bemüht, die Lage im Lande zu verbessern. Wenn wir die Mischen Siedlungen mit den arabischen. Dörfern vergleichen, finden wir einen großen Unterschied und können nur unsere unverzeihliche Nachlässigkeit beiklagen in der Nachahmung der Fremden, die die Verbesserung ihrer Lage erstreben, tvährend wir uns mit Trägheit und Apathie begnügen. - Das britische College in Jerusalem. Wir haben kürzlich nach der Morning Post" über die bevorstehende Errichtung eines britischen College in Jerusalem berichtet. Der arabisch-christliche ,Felestin" vom 23. März begrüßt den Plan mit den folgenden, vielsagenden Bemerkungen: „Die Ankündigung der britischen Universität ist die beste Nachricht, die wir unseren Lesern jemals gebracht haben. Cs ist zu erwarten, daß die Universität früher als geplant, errichtet wird, so daß dieses Institut de« Kinder« von Palästina Bildung verschaffen und die hebräische Universität in den Schatten stellen kann. Wenn dieser Plan vevwiMlcht wird, werden wir auf die Zukunft unserer Kinder mit einigem Vertrauen blicke» können." Amundsenr „Norge" in Sslo. Wie aus Oslo gemeldet wird, ist Port das Nordpolluftschiff Amundens, „Norge", gestern mittags um 1 Uhr 25 Minuten eingetroffen und glatt gelandet. (Das Lufffchiff war Dienstag um 1 Uhr nachts vom Londoner Flughafen Pulham ausgestiegen und schon um 7 Uhr früh an der Westküste Dänemarks eingetroffen. Bon dort flog es zunächst längs der Küste weiter, bis es direkten Kurs auf Oslo einschkrg. Amundsen und sein Begleiter Etsworth sind über Drontheim nach Spitzbergen äbgereist und warten nun dort auf das Luftschiff. Gegenüber dem Blatte „Astenpostm" erklärte Amnndsen, Staatsminister Ly Ne habe ihn beauftragt, wahrend des Polarfluges entdecktes Land für Norwegen zu annektieren. 9tadj Lenirrguwd weiteugeflogen. Gestern abends ist das Luftschiff „Norge" nach Leningrad weitorgeflogen. Bei dem Ausstieg der „Norge" ereignete sich ein Zwischenfall. Eines der drei Flugzeuge, die dem Luftschiff das Geleite gaben, stürzte aus geringer Höhe ab und wurde beschädigt. Seine Insassen blieben unverletzt. RiemzowMch Reut im Drertiener Schachturnier. Akjechim Zweiter, Rubinstein Dritter. Ans Dresden wird uns telegraphiert: Das i » t e t» nationale Metsterschachturnter brachte so gen* des Ergebnis: 1. Preis: Riemzow itjch (8*/,). 3. Preis A lj e ch t n (7). S. Preis Rubinstein (6»/,). 4. PretSr Dara k o w e r (ü). 5. Preis rHolzbausen (4/. t * —— Sie verheiratete Fron im Beruf. Das internationale Fmuenburöau m Washington hat eine interessante Statistik über die Berufsarbeit der verheiratet«« Frau in Amerika gemacht. Während 1890 «ur 600.000 verheiratete Frauen iit Amerika beruflich tättz waren, ist diese Zahl bis 1923 auf rund 3,000.000 gestiegen- In den letzte,! zehn Jahren gttrg der Prozentsatz der verheirateten Arbejteriimm von 41 auf 83 hoch. Genaueste Erhebungen haben auch ergeben, daß 96 ProzM aller borufstütigen verheirateten Frauen ihr ganzes Arbeitselnstwrmen für den Lebensunterhalt ihrer Familie verwenden. Daraus erklärt sich die ebenfalls statistisch festgelegte Tatsache, daß hie Äuglingssterülichkeit auch in den Familien, wo die Frau einer Arbeit nachgeht, nicht höher ist, als in anderen. tvo sie sich ganz iyrenl Hausstand wionte.u kann. Die erhöhten gewährleisten, eben eilte bessere und hygienischere Lebensweise aller Familienmitglieder. Auch die Bubikövfe orzanlsteren Sch. M« MI» «US Jena g«$ricfe» Im*, HM ^ch «dl« Miß«* Anzahl Damen der GBellschaft, di« sich von ihren Mitfchwefser» durch einen Bttbikopf unterscheiden, zu einem Bubikopfverein zusammengc-schlossen, -nm dem neuen Harrschnb-r unter der „rückschrittlichen" Frauenwelt zum Liege zu verhelfen. Rach einer fu-lmmanten Ansprache der Bocheheri« hat di« MÄgttedervevsaMmlnng bchhkossem ein« große Werbedemonstration für den Bubikopf zu verunstalten. Eine Fahne, von Künstlerhand entworfen, soll dem Zuge vorangetragen urschen. Tie Geldmittel für diesen amerikanisch ammutenden WerbefeldM sind vochcmden. Den« ein begeisterter Verehrer des Bubikopfes ha: dem Verein eine namhafte Smnme zur VersÜKtttg gestellt. Ein geischäftSgewanhter Friseur und LpeMist für Bubikopfftistrren hat sich dies« Bewegung -mutze gemocht u»tb durch de« Verein Vorträge für seinen „Musterschnrtt" angekündigt. Fraueuemauzivation im Aerreich. Auch im Tierreich gibt es Frauensutantzi'patlpn, sich da, wo das ,Mt« Geischlecht* verftanlden hat, mancherlei Rechte für sich in Anspruch zu uchtnen, di« die Natur ihm simjt und im allgemeinen versag! hrt, n,td tyo es ihm weiterhin sogar rwch gelungen ist, emsige Pffichten ans die Männer abzuwälzen, di« nach altem Brmrch u:ch gu-ter Sitte durchaus in den Kreis her weiblichen Aufgaben gehören. So ist doch beiispielÄveise das Ausbrüten der Eier zweifellos eine iricht gerade männliche Beschäftigunig, und dennoch gibt cs rührende Famiiienväter, die ihm mit geradezu mütterlichen Eifer Miegen. Freilich lst es iveit tveg von hier, dieses Dchlavasfenland der Bvgchnamas; in Australien Ml Beispiel ist es bei den stvaußenartigen Kasnoren oder in Madagaskar bei einem hühnerähnlichen Vogel (Turix-nigrlcollis); aber auch der Gatte des in Grönland U&eirixm Odinshrthnes (Phalaropus) ist so liebenswürdig. Während num weiterhin sonst bet deit Vögeln die Männchen irn Gegensatz zu den Weibchen das schönere und farbenprächtigere Getvand zu tragen pflegen, ist auch das hier umgekchrt. Die Männchen müssen nicht nur stM mutt) bescheiden auf den Eiern sitzen und di« Kittderstube bewachen, sonlderrr haben dabei, im Gegensatz zu ihren verwandten Arten, quch noch das mehr oder weniger bunte Meid des Mannes eingebüßt, wlchrcnid ihre Damen dieses und damit die NeprasentatM nach mißen übernommen haben. Wieder ei» Hungerkönklerskaudal. AuS Breslau wirb gemeldet: Der in eineur Orje Schlesiens gastierend« HungerMnstler Rvlf Petersen wurde durch seinen Impresario hintergange«. Während Petevsen hungerte, vergeudete sein Impresario die tägliche Einnahme. Die KrinünalPölM ^beschäftigi sich bereits mit der Angelegenheit. Tod und Amtsschimmel. Aus Hirschberg in Sachsen wich uns berichtet; Graßc Schwierigkeiten ergaben sich bei der Bestattung des M 2. März vom SWevkamm tödlich abgestürzten Revisors am Kamncergericht in Berlin, Erich Müller aus Ehaplottenbnm. Er wurde am 2. d. durch di« Bergungskownne der Krummhübeler Sanitätslolonne gefunden, die dann sehr gewissenhaft in eineur PrMoll ststlegtt, Laß her Tote mit dem Kopf auf tschechischem und mit dem übrigen Körper ans deutschem Gebiet lag. Müller war Mitglied des Vereines für Feuerbestattung. Seiner Feuerbestattung stellten sich aber große Schwierigkeiten entgegen, weil die standesamtliche Urkunde, die zur Berbrenmlng notwendig ist, nicht zu beschaffen war. Die tschechische Pezirkshauptmannschaft lehnte die Ausstellung einer Bescheinigung ab, weil der Tote ein R e i ch s d c u t. fcher sei, der größte Teil seines Körpers ans deutschem Gebiet gelegw habe und er in DentMiud bestattet werde. Aber auch die deutschen Sttindesbeamten, an di« man sich dann tvarAe, erklärten, die verlangte Urkunde nicht ausstellen zu können, denn dex Tote sei doch nicht in ihrem Bezirk gestorben. Schließlich wurde die Regierung angegangen, unh diese ordnete an, daß die Feuerbestattung auch ohne Standesamtsschein vorgenommen werden föttw, wenn di« Lustigen Papiere in Ordnung seien, Da dies der Fall war, ü>nnte am Samstag «Mich die Feuerbestattung im Krematorium zu HirMerg vorgenommen werden. Es war diesam41.TagenachdeMTodeMüllersirnd am 7. Lage nach der Bergung der Leich«, Der 8rbe des Kaisers Franz Fasel. Ans Frankfurt wird gemeldet: Das eviveiterie Schöffengericht verurteilte heut« den Maschinisten Heinrich Grimm aus Ruebeland bei MonkerÄurg am Hartz, der sich als Erbe des Kaisers Franz Josef ansgegebeu hatte, zu vier Monaten Gefängnis. Noch vor Gericht behauptete der setzt Verurteilte, er heiße Heinrich Graf C hantbo r d und s«i als S ohn de s K ro upr inge n R u do lf in Mcherling bei Men geboren worden. Grimm, der mchrfoch wegen Bettelnd. Diebstahls und Urkundenfälfchung vorbestrfat ist, gab weiter an, die Polder habe ihm sämtlich« in seinem Besitz bchMichen Original- Papiere, die seine Angaben beweisen könnten, ahgenonmmr. In eineur mit seinem gräflicher: Namen unterfertigten Schreiben an d:e Dresdener Bank hat Gvimm di« Forderung auf RückMung eines Darlehens von W Millionen Mark erhoben, das der Barck von Kaiser Franz Josef im Jahre 1907 gewährt worden sei. Die Gerichtmrzte erklärten den Angeklagten als einen zwür keineswegs geisteskranken, aber Phantastisch veranlagten Menschen, der nicht m:t vollem Maß geiuessen werden könne.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.