Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2566 (15.4.1926)
- Date
- 1926-04-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Geitt 2 Dien, Donnerstag Wiener Moraerizettrins ans naturechten, besten Weinen I« amtlich plombierten Flaschen (Crfafi des Ackerbauministeriums ZI. lb 192/471 ex 1904) Gegen Grippe bestbewährt ÜBERALL ZU HABEN I Für die zionistische SrgLUifattsn. — 5. Wien. tt) Avril. Der Zionismus hat dem Judentum wieder einen festen Halt gegeben. Er hat in das unruhige und unstete Leben der Nation, das von zentrifugalen Tendenzen bis zur Unkenntlichkeit Prrissen worden tvar, das einigende Moment getragen. Er hat dem Voll, das sich schon entwöhnt hatte des Wollens und Wünschens, wieder den Entschluß zur Tat und zur Forderung gegeben. Der Zionismus hat alle positiven Kräfte wachgerufen und ihnenneue Ziele gewiesen. Er hat Tausende von Menschen mit neuem Gemeinsinn erfüllt und sie an die Arbeit für die Nation gestellt, er hat sie aus der Vereinsamung gezogen und sie gelehrt, den Ruf des Blutes zu verstehen. Das schlafende Volk war unter die anderen Nationen eimMilt und wußte nichts anderes, als daß die anderen die Herren seines Schicksals seien; es hatte sich widerstandslos allen: fügen müssen, was anderer Gnade oder Ungnade zu bestimmen für gut fand. Keinem der Mächtigen kam es in den Sinn, nach den Wirkungen solchen Tuns auf die jüdisü)e Masse zu fragen, die jeder Wellenstoß abbröckelte. Es gab kein jüdisches Volk mehr; es war zersplittert und jeder seiner Teile atomisierte sich noch weiter. Der Zionismus weckte träumende Hoffnungen, schloß die Auseinanderstrebenden von neuem aneinander und ga6 ihnen den Wagemut und den Willen der Jugend wieder. Urplötzlich stand ein jüdisches Voll da und forderte Recht, Land, Frecheit. Den Einwirkungen der politischen und sozialen Einflüsse aus der Mchrheitsumgebung, in der sich die Juden als Minderheit befinden, trat der Zionismus durch die Schaffung tet Organisation entgegen, die Zentren des Widerstandes gegen den nationalen Tod bildete. Alle die vielfältigen Aeußerungen des Lebens eines Volles versuchte der Zionismus mit seinem Geist zu durchdringen unb in den Dienst der einen großen rettenden Idee der Regeneration zu ziehen, die Politisch, moralisch und sozial in die Erscheinung .trat, Das. Judentum ist wieder um Voll, das in jedem seiner Teile sich selbst bekennt, eine Einheit gleichen Stammes, gleicher Geschichte und gleichen Zieles; es hat eine feste politische Basis gewonnen, es sieht einen klaren Weg vor sich, und seine Geltung ist erhöht worden. Düs Judentum.hat in Palästina festen Fuß gefaßt' unjb seine Ansprüche sind unter die' Garantie des Völkerbundes gestellt worden, der der Leitung der Zionistischen Organisation die Möglichkeit gegeben hat,, gemeinsam mit der Mandatsregierung an der Aufrichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu arbeiten. Der 2Ägist steinig und mühsam, jeder Tag beschert neue Probleme; aber es sind die Fragen eines zu vollem Leben erwachten, mündig gewordenen Volles. , Es gibt der Schwierigkeiten viele. Die Nationalisierung des jüdischen Volles hat Gegenströmungen erzeugt, deren Aktivität sich vertausendfacht, je weiter unser. Werk sich entwickelt. Die Feindschaften innerhalb des Judentums sind sehr regsam geworden und ihre Reaktion wirkt sich mtt den alten Lügen aus, .Die Assimilation ist verschiedenartig m ihren Angriffen, die aber alle darauf hinauslaufen, den Zionismus und die werdende jüdische Freiheit zu denunzieren. Den einen ist der Zionismus klerikal, den anderen antireligiös; den einen ist er unpatriotisch, den anderen rmdemokratisch. So mannigfach die gegnerische Begründung, so gemeinsam ihre Basis und ihr Zweck. Sie marschiert bedenkenlos Schulter an Schulter mit dem internationalen Judenhaß, der gleichfalls seine Offensive verstärkt hat, feit ihm nicht mchr eine zusammenhanglose, amorphe Masse, sondern eine nationale Organisation gegenübersteht. Diese hat allerdings an Elan eingebüßt. Die Zionisten Hcken es vergessen, daß ihre Ausgabe vom Herzen des jüdischen Volkes getragen sein muß, daß sie zur Seele und zur Phantasie des Judentums sprechen müssen. Sie unterordnen sich zu willig den realen politischen Verhältnissen, die sie crls ewige Notwendigkeiten anfehen, statt aus der Geschichte die Ueberzeugung zu ziehen, daß nichts ewig ist als das Leben des Volkes. Die Zionistische Organisation hat es vernachlässigt, für die Ausbreitung ihres moralischen und politischen Ideengehaltes zu sorgen. Sie hat sich von der Hoffnung gefangen nehmen lassen, daß alle Schichten des Judentums von dem gleichen Idealismus erfaßt sind, seit der Völkerbund Palästina als das Zukunftsziel des Judentums anerkannt hat. Die Zionistische Organisation hat sich auf Kompromisse eingestellt. Sie hat geglaubt, daß sie mit den Feinden von gestern ein Bündnis wird schließen können und daß die Elemente, die den nationalen Inhalt des Zionismus als Scheue! und Greuel hassen, doch, wenn auch nicht die Herzen, so doch die Taschen für das jüdische Pioniertum öffnen werden. Die Erfahrungen waren negativ. Sie waren bitter, aber heilsam. Und heute wissen wir es noch weit mehr als je, daß wir die Arbeit der ersten Jahre wieder vou neuem ftuhunefmum fttfelL bflfe es nfttio den nativ- ,15. April 1926 Nr. 256S b Sin Aufruf der gionislischen ßxekuiive. Die Zionistische Erekulive erlös',t zum Beginn Jvt jum oiuuf i'cv ctävfitini der Orqanisa. ttoit gesetzten Jjar Aktion den folgenden Aufruf: Zionisten! Der Appell der Exekutive, den Jjar zum M anat der Zionistischen Organisation zu machen, hat weiten und starken Widerhall gefunden. Das allein schon ist ein verheißungsvolles Zeichen, daß der Gesst der Organisation gesund, daß die Sorge für ihre Wohlfahrt wach, daß der Sinn für ihre Größe lebendig ist. Die Tage sind gekommen, in denen sich diese Gesinnung in Aktionen zu bekunden haben wird. In eines Monats Frist soll zusammengefaßt und offenbar werden, was uns Tag um Tag bewegt und leitet. „Evobevung der Geister" war die Losung!. Das bedeutet eine Wegweisung nach innen, meint aber auch eine Kundgebung nach außen. Die Zionistische Organisation, Trägerin der jüdischen Renaissancebewegung, als Jew»sh Agency zugleich die völkerrechtliche Nepräsen.tanz des jüdischnationalen Heims, ist es dieser Würde und dieser Verantwortung schuldig, das Verstand nis, das Vertrauen und den Beistand der politischen Welt und der vorgeschrittensten Geister aller Nationen zu bewahre» oder neu zu erwerben, sie zu verstärken und zu rechtfertigen. Dieser Welt, deren Kulturgefühl erregt wird, wenn verschüttete Städte bloßgelegt oder Pharaonengräber aufgedeckt werden — Totes, das tot bleiben mutz — soll das grandiosere Schauspiel vermittelt werden, wie die Seele eines uralten Volkes vom Schutt der Jahrhunderte gelöst und sein Genius frei gemacht wird, um sich in neuem Leben zu entfalten. Es soll gezeigt und erneut bekräftigt werden, daß diese Renaissance eine Wiedergeburt in reinem Geiste und reinem Willen ist, daß die Gesinnung der Zionistischen Organisation, daß das politische Programm der Jewish Agency frei ist von chauvinistischem Ueberschwang oder engnationalen Eroberungslüsten. Die Welt soll wissen und fühlen, daß unsere Sehnsucht und un^er Tun nur auf eines gerichtet sind: unser Voll mit seittfer großen Traditiou, mit seinem Leistungswillen und seinem Leist ungsver mögen würdig einzureiheu in die Familie der freien Völker. . Mehr und eindringlicher iwch als an die Völker wollen wir zugleich an diejenigen unseres Stammes appellieren, die noch nicht in unseren Reihen sind. Wir wollen ihnen die Größe dessen zeigen, was mit dem jüdischen Volk und im jüdischen Land geschieht, wir wollen nicht müde werden, sie durch Ausruf und Aufllärnng zu mahnen, sich dem Werke der Befreiung anzuschlietzen. Aber wo sich der großen und reinen Aufgabe rückschrittliche Gesinnung, wo sich ihr Verzerrung oder Uebelwolle« entgegenstellt, werden wir sie mit aller Entschiedenheit und erprobter Kraft abwehreu! Auch das ist Eroberung der Geister. Die vornehmlichen Aufgaben des Monats' Jjar, um derentwillen er der Monat der Zionistischen Organisation genannt wurde, gelten aber dieser Organisation selbst. Sie bedeuten: Festigung des Gefüges und des Einheitsgedankens der Organisation, Stärkung des BerstSndnisseS für ihre Beden tun g, Klarungihrergei st igenJnhalte. Die Organisation war uns von Anbeginn mehr als eine formaltechnische Zusammenfassung Gleichgesinnter. Die Zionistische OWmisation ist ein Bund mit hohen Verpflichtungen des einzelnen nicht nur gegen die Sache, der der Bund dient, sondern gegen den Bund selbst. Die Zionistische Organisation ist das jüdische Volk unterwegs, und nttt ihrer Größe, ihrer politischen Geltung ihrer geistigen und materiellen Schlagkraft schicksalscug verbunden ist das jürüsihe Bott im jüdischen. Land. Bon diesem BundeSbewnßtsein muß jeder Zionist, jede zionistische Gruppe durchdrungen sein. Mag daher auch im Monat unserer Rechenschaftsablegung vor uns selbst ein Austausch programmatischer Meinungen unter den Gruppen stattfinden, so muß doch Kritik der anderen begleitet sein von Selbstkritik und von Achtung für fremde Anschauungen, vor allem aber getragen von der alle M e i n u n g s u n t e r s ch i e d e sozialer, wirtschaftlicher oder kultureller Art umschließende,» und beherrsche vd e n Einheit der Organisation und Einheit des Grundprogramms. In ernster Selbstprüfung werden sich SonderverbLnde und Fraktionen zu vergewissern haben, daß die Gruppierung nicht zinn Selbstzweck wird, daß nicht Parteigeist sie vom Zweck und Geist des Ganzen entferne. Sie werden sich bemühen, die Freiheit in Denken und Handeln, die ihnen die Organisation gibt, dadurch zu entgegen, daß sie alles Verbindende und Einigende noch eindringlicher bekunden. Auch das ist Eroberung der Geister, unserer eigenen Geister, für die Einheit und Stärke der Organisation. Keine Neuheit im Programm tragen wir in den Monat Jjar hinein. Was wir aber von allen. Zionisten erwarten, ist geistige und gefühlsmäßige Konzentration auf die ideellen Grundlagen unseres Programmes, das imtner dasselbe ist: Wiedergeburt von Land, Volk, Sprache und Kultur. Wie die Beziehung zur Organisation, so sei das Verhältnis zum Lande eines der lebendigen, persönlichen Verknüpfung. „Bechol dor wador chajaw adam lirot et atzmo . . Jeder ist verpflichtet, sich für seine Person so zu verhalten, als ob er selbst an Einzug und Aufbau in Erez Israel teilnahme. Geist der Chaluziuth, Geist der Hachscharah sind die G r u n. d e l e m e n t e solcher Haltung. Sie bestimmen das Höchstmaß persönlicher Rüstung und Hingabe, sie sind die Grundlage der Gesinnung, in der unsere Jugend erzogen werden soll. Sie sind der Prüfstein für jede Leistung. Die zionistischs Lcistung des einzelnen ist nationale Durchbildung seiner eigenen Persönlichkeit, ist Hingabe an Gesinnung und Hiugabe an materiellen Mitteln. Das schwere und große wirtschaftliche Werk, das die Organisation mit dem Aufbau Palästinas vollbringen muß, hat die materielle Leistung starker in den Vordergrund zionistisch er Pflichten gerückt. Es wäre ein Unrecht gegen Wert und Würde der materiellen Leistung, aus der die kostbaren Schöpfungen des Aufbaus erwachsen, wollten wir sie herabsehen, wollten wir sagen, der Zionismus sei durch sie zu einer „Geldsache" geworden. Geld, das den Boden erlöst für das Volk, ist geadelte Gabe, und in der Wiederbelebung des Maaffer als des Prinzips der persönlichen Verpflichtung hat die Organisation, den sittlichen Werten des Zionismus einen neuen von hohem Range hinzugefügt. Aber niemand kann sich durch Gelderwert von den geistigen und moralische« Verpflichtungen des Zionisten loskaufe«. Geld würde uns nur ärmer machen, mühte sich nicht der auf bauende Idealismus des schaffende» Crez Israel, es fruchtbar z« machen. Und dieses schöpferischen Idealismus mutz sich die zionistische Diaspora mit dem vollen Ernst wahre« Erneuerüngswivens würdig erweise». So soll der Monat der Organisatio» eine« Ausgleich anbahnen. Die lebenswichtige Arbeit für die Fonds darf nicht unterbrochen werden. Aber sie soll sich vollziehe» in der zionistische« Atmosphäre gesteigerte» Bewußtseins von der ideellen Leistnngspflicht jedes Zionisten. Die Zeit ist zu ernst und zu wett fortgeschritten, als daß eine solche Forderung aufgestellt werde« dürfte, ohne mtt ihrem wesenttichste« konkreten Inhalt erfüllt zu werde«. Das Wort von der Belebung der Organisation und j der Vertiefung ses Zionismus ist heute ohne Sinn, wen« nalen Zionismus, ohne das rückhaltlose, uneingeschränkte und opferfreudige Bekenntnis zum jüdischen Volk, zu seinem Recht, fein« nationale Zukunft geben kann. Wir müssen den jüdischen Atassen sagen, daß sie eine einzige, unzerstörbare Einheit bilden, daß sie die Führung des jüdischen Lebens nur in jüdische Hände legen dürfen, daß alles gleichwertig ist, was das Baseler Programm, ztvanzig Jahre vor der Erreichung des Mandates, verkündet hat: Die nationale Heinistätte in Palästina für das jüdische Volk. Das ganze Volk in Ost und West, in den vier Ecken der Welt, muß von dem gleichen, glühenden Willen getragen sein, es muß die Zionistische Organisation werden. Wir haben die Arbeit, unser Volk mit diesem Willen zu erstilleu, es zu zivilisieren, unterbrochen, iveil wir glaubten, daß Geld allein genüge, um ein Werk der Freiheit zu begründen. Nein, wir nrüssen die Menschen erfassen, ihnen ihre würdelose Lage zum Bewußtsein bringen und ihnen ins Hirn hämmern, daß man eine Heimat nur erbaut, wenn man sich zusammeuschließt, wenn man möglichst viele in der Arbeit vereinigt, wenn man die Organisation erweitert. ohne hon Wen moMscheu, sazjaL» und politischen Werten auch nur einen Prlnkt zu opfern. Die Zionisten haben die öffentlich-rechtliche Sicherung erreicht, sie haben das Judentum gelehrt, daß es von keinem Recht lassen darf. Sie haben in die altersgrauen und altersstitten Gemeinden neuen Geist, den Geist der kämpfenden Jugend, getragen. Sie haben den Böllern und Parteien bewiesen, daß das Judentum Wer sich nicht mchr hinweggehen läßt und daß es überall auf seinem Recht besteht. Die Zionistische Organisation ist selbstvergessen an die Aufbauarbeit gegangen. Sie ist in ihrer Kraft erlahmt, well sie selbswergessen war, weil sie sich nicht die Kraft Zutrauen wollte, das Werk, das sie geschaffen und politisch begründet hatte, auch materiell zu stützen. Die Versäumnisse und Fehler mußten begangen werden, weil uns allen der Glaube an uns selbst abhanden gekommen war, well wir Hilfe bei anderen gesucht haben, statt aus dem von uns und nur durch uns Erreichten neue Kräfte zu schöpfen. Es ist an der Zeit, daß wir an uns, an die Organisation denken, daß wir heilsame und tatberevk Kritik an mrs selbst üben.