Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2565 (14.4.1926)
- Date
- 1926-04-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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feftt 8 Wien, Mwvoch SBitntt awoHwaritiwa 14. ApiL 1926! I!i! l\ l \ I I r i i i t l i i Ser Prozeß Welsz-Suchs. La» SevSchtnirprotokoll 8aNßlioais. — gmmenvSrfer and Merzaror. — Sk Rache an Weisz wesen der Berösieallichmis de» Set-len-Srieser. — Lerttidlser Lode lewadreiell and anegeschloffe». ^cach Eröffnung dcr .ncftrtn^n BornMagsverhandlirng erhob sich Stoatsamvalr Dr. Schwarz und gab eine Cr- Närung bezüglich der g-strigen Aeu gerungen der Dertrid:.^-^ ab, wonach Vizekanzler Saftet einen Truck auf die Staatsanwaltschaft dcchür ausgeübt habe. Ale-ander Wcisz, Artur Fuchs, außerdem die beider; Lolbcrrs zu vechaften, dies i» einem Zeitpunkte, da nicht einmal die polizeilichen Echebungeu eingeleitet waren. Er habe bereits gestern gesagt, daß er dies für gänzlich ausgeschlossen halte; trotzdem sei er der Sache weiter nachgegangen und sei ermächtigt, folgende Erklärung ckbgngsben: Bon dieser Behauptung ist nicht wahr, daß sich Vizekanzler Wader mit der Staatsanwaltschaft überhaupt in Verbindung gesetzt hat, ebenso wurde niomcklS von Hofrat Jmmendörfer irgendeine Verhaftung der genannten Personen verlangt. Jmmendörfer hat vielmehr seine Entschlüsse «in dieser Sache, vor allem in der Frage der Haft, selbständig und unbeeinflußt gefaßt. Jmmendörfer ist bereit, als Zeuge hier zu erscheinen und ausgufagerr und auf alle Frage» Antwort zu geben. Staatsanwalt Dr. Schwartz schließt sich also dem Antrag der Verteidigung an, Hofrat Jmmendörfer als Zeugen zu vernehmen. Verteidiger Dr. Rode repliziert in einer längeren Rede aus die Bemerkungen des Staatsanwaltes über die Beweisanträge der Verteidigung. Er erklärt: Meine Anträge gingen zunächst dahin, daß man, um die Situation zu erfassen, wissen müsse, warum die sogenannten Erpreßten als. Bestecher an die Zeitungen» namentlich an den „Abend" herangetreten sind. Ich will Nachweisen die ungeheure Beflissenheit Castiglionis, Angriffen guvorzuLommeu^ die in der Luft lagen und die er durch sein Spitzelsystem ausgÄundschaftei hat. Der Staatsanwalt sagt nun, diese Lage des Hauses Castigliorri sei ausgenützt worden. Ich aber sage, das ist keine Erpressung. Was den Leuten gedroht hat, das war chr Gewissen, nicht aber eine Drohung oder irgend etwas, das Vom „Abend" gekommen ist. Von dem schlecht Gewissen getrieben, find die ' .Leute -um „Abend" gelaufen. Der Zeuge Fried hatte die Aufgabe, den Fuchs auszuschnüffeln. Wenn also alles schon weggefallen ist, worauf die Anklage beruht, namentliche die Behauptung, Fuchs habe irgend welche Mitteilung dem Fried hinterbracht, die als Drohung gewertet werden konnte, sp will ich doch durch die Darstellung der -von mir so genannte? großen Verhältnisse im Hause Castiglioni Nachweisen, daß dieses Gespräch zwischen Fuchs und Fried sich unmöglich .so gest alten konnte, wie es in der Anklageschrift steht. Ich brauche meine Zeugen dazu, zum Beweis, daß das Haus Castiglioni gar nicht bestimmte Artikel abtrerben wollte, wie der Staatsanwalt meint, was schon mit dem Gedächlmspwtlüoll kn schreiendem Widerspruch steht. Denn in diesem Gedächtnisprotokoll heißt es: Castiglioni wollte den „Abend" für zwei Jahre pazifizieren. Ich habe beantragt, es mögen über den Charakter der im Hause Castiglioni aufgenommenen Gedächtnisprotokolle der frühere Untersuchungsrichter, Hofrat Jakob, und der Staatsanwalt Doktor Reitin ge r einvernommen werden. Cs soll bewiesen werden» daß das Haus Castiglionir mir Gedächtnisprotokollen arbeitet und auch in anderen Angelegenheiten, so in der Sache des Spiritusfyndikats, Gedächtnisprotokolle angefertigt hatte, von' welchen das Gericht ofb die Staatsanwaltschaft fest-gestellt hatten, daß sie gefälscht und den Tatsachen wckersprechend waren. In dem gegenwärbigen Fall wurde das Gedächtnisprotokoll angeregt, um eine vorgekommene Bestechung in eine Erpressung zu kehren, damit man später im gegebenen Zeitpunkt an dem Bestochenen eine Erpressung bvgchen könne. „Du hast Geld genommen, das schont aus wie eine Erpressung, kusch!" Dieses Gedächtnisprotokoll wurde von Juristen fabriziert, mit dem Strafgesetz in der Hand, um ein Instrument zu haben, .künftigen Bestechungen Vorbeugen zu können, damit der „Abend" gezwungen sei, immer das zu veröffentlichen, was das HcmK Castiglioni für notwendig hält. Die Requisition der Akten des Straffalles Castiglioni ist also unumgänglich notwendig. Dabei ist es nebensächlich, daß daS Verfahren gegen Castiglioni seinerzeit eingestellt wurde. Frieds Aufgabe war, Castiglioni Angst zu machen. Cr hat irgendwo aufgetauchte Meldungen aufgebaufcht, um dann als Missionär des Castiglioni herzulaufen, sich patzig zu machen und sagen zu können: Welch ungeheuren Dienst habe ich dir erwiesen. Angeklagter Weisz nickt z-ustmnnend. Dr. Rode (fortsahrend): Alles, an daK sich die Unkluge klammert, ist nichts, als ein müßiges Agentengeschwütz. Auf das' Ms ein Urteil bauen und übersehen, daß das nichts ist als das verkehrteste Geschwätz von kleinen Leuten, die sich da wichtig gemacht haben, das ist mir unfaßbar. Der Staatsanwalt hat gestern gemeint, es sei nicht geut.^mcirrüke, einen Mwesenden (Camillo Castiglioni) anzugreiW, wie ich dies 'j^tau habe. Der Staatsanwalt hat übersehen, was der Zweck dieses Angriffes ist. Ich habe Camillo Castiglioni nicht weggeschickt, ich r.-cfns dafür, daß er nicht da ist. Mit mehr Recht könnte ich vie Frage stellen, ob cs gentlemanlike tft, ohne gesetzliche Grundlage und ohne Anhaltspunkte eine Anklage zu erheben, auf die Gefecht hin. daß sich ei» Richter finden könnte, der diese Anklage ernst nimmt und darauf eine» Schuldsprnch gründet. Der Verteidiger wird wegen dieser Aeußerung verwarnt. Verteidiger Dr. Rode (fortsahrend): Der Staatsanwalt hat in einer Mitteilung über Herrn BizekanKer Daber und Jmmendörfer mitgeteilt, daß diese mit der Anklage nichts zu tun haben. Ich bin weit davor: entfernt, dem Herrn Staatsanwalt nicht vollen Glauben zu schenken, und bin überzeugt, daß er tatsächlich nicht weiß. Was sich zngetragen hat. Ich begrüße daher, seine Zustimrnung, daß der erste Staatsanwalt Doktor Jmmendörfer hier als Zeuge erscheint, so wie ich ez gern gcschen hätte, wenn er persönlich die Anklage vertreten hätte, da er es ist, der die Sach« zusammeugezimmert hat. Dr. Rode wirb neuerlich vom Vorsitzenden verwarnt. Dr. Rode: Allerdings, wenn der Erst« Staatsanwalt hier als Zeuge erscheint, wecke ich Hm ins Gesicht sagen, daß er an einer Unschädlichmachung des Alezander Weisz ein persönliches Interesse hat, weil er in der FAschDNgSaffäre Meszaros kompromittiert ist, weil er zusammen mit der ungarischem Regierung und fndelenländischen Abgeordneten die ganze MeSzaros-Affare gedeichselt hat und weil Alezaicker Weisz derjenige war, der durch die mutige Aufdeckung dieser Affäre sich den Haß der ganze« Gesellschaft zugezogen hat. Bon nun an kann Dr. Rode nur unter ständigen Unterbrechungen des Vorsitzenden sowie des Staatsanwaltes und unter ungeheurem Lärm nur schreiend fortfahven. Dr. Rode: Ich behaupte, daß diese Anklage in der ungarischen Gesandtschaft ausgeheckt worden ist. Vorsitzender: Ich werde Ihnen das Work entziehen. Dr. Rode: Dan« bitteich, eine« Gerichtsbeschluß darüber emzuholen, Pb ich keine Anträge stellen darf, die den Hintergrund des Prozesses belmckIen. Ich stelle also unter Beweis, daß LegatiouSrat Dr. Alt von der ungarischen Gesandtschaft die Veranlassung zu der Erhebung der Anklage gab, weil Alexander DeiSz der blutigste Gegner des Horthh-Regimes ist, weil er den Bethlen-Brief veröffentlicht hat, weil i» Zusammenhang mit der ungarischen Fraukensälscherafsare Weisz mundtot gemacht werde» foBtc. Staatsanwalt: Ich kann rm Augenblick nichts anderes tun, als die Behauptungen des Herrn Verteidigers mit Entrüstung ßurmkzutveisen. Sie sind aus der Luft gegriffen und' unwahr. Ich lege Gewicht darauf, daß Dr. Jmmentwrfer als Zeuge hier erscheine und die Unrichtigkeit der vorgebrachten MchiMgungrn beweise. '• , Der Gerichtshof zieht sich darauf tzur Beratung 'zurück. Nach zwanzigminütrzer Unterbrechung erscheint der Gerichtshof wieder und verkündet den Gerichtsbeschluß, daß über dr» Bertcibigec Dr. Rode wogen der vorgebrachten und nicht.zur Sache gehörigen Beschuldigungen gegen die ungarische Regierung und gegen den Ersten Staatsanwalt, Hofrat. Doktor Jmmendörfer, eine Strafe von 12V S. verhängt wird. - Ferner wird er neuerlich dahin verwarnt, daß' ihm beim nächsten Verstoß das Wort entzogen und die Partei zur Wahl eines neuen Verteidigers aufgefockert wird. .! Weiters sagt der Vorsitzende: Der Angeklagte Weisz hat cs für gut befunden, allerdings nach geschlossener Sitzung, aber noch im Sitzungssaal, einer: Zwischenruf zu machen. Ich ermahne ihn, sich in Zukunft an st ändrg zu benehmen, sonst müßte ich chm eine Ordnungsstrafe geben, die zur Folge hätte, daß er für die Dauer der Disziplinarstrafe in stierer Verteidigung dadurch, daß er mit den. Verteidigern nicht verkehren könnte, beschränkt ivevde. - Weisz erbittet sich das'Wort zu einer Austlävung: Ich Hab» nur an Dr. Steiner die Frage gestellt: „Ist Banknotensälschen erlaubt?" Ich habe laut gesprochen, weil im Saal Lärm w'ar^ Vorsitzender: Ich rate Ihnen, mit den Verteidigern leiser zu sprechen. Dr. Rode setzt nun die Begründung seiner BowriSanträge fort. Er führt aus: Alexander Weis; war oer einzige, der sich niemals Ruhe gegeben hat in. der Verfolgung jenes ManneS, der die sechs Säuglinge ly Baden umgebracht hat. Dagrgen hat cs Hofrat Jmmendörfer mit seipem Amt für vereinbar geilten, diesen Mann, der ihm parteipolitisch nahe steht, trotz dem Gutachten der Sachverständigen nicht zu verfolgen, sondern das Verfahren gegen diesen Mord er v er sechs Säuglinge «inzustel 1 en. Der Staatsanwalt protestiert lebhaft gegen diese Aeutzemngen. Der Vorsitzende, Dr. Dörr, unterbricht neuerdings die Verhandlung, um gegen diese Aeußerung Dr. RodeS einen Gerichtsbeschluß einpiholen. Nach kurzer Pause verlantbart der Vorsitzende folgen.- hssv VerjHtKüejKluß; Dem ZerteMer Dr. Malter Rode * Die mmm WWW u piliat ihrem Sekretär Herrn ISIDOR KLEIN inlänltch seiner Vermlulnng mH Fräulein MIRJAM SPRITZER Feinste ßerrengarderobe «ach Matz Üeftri zu mätzig ... ".Vitifii - »»Moser AiE-nm- («mR «tf SriLtttttBU ftttooif So:'.'., .m. und Unifonuschveider Gegr. 1866 Wien. 2 Dadorstrnße U Sei. 4S-6-2» Jlutlttf ttttS g»4’Za atz fewie ««rette l« Soeben erschien G vck nivc SMderheS: AnHiemiHtmoi and |üdf ichciVollcihiiii Inhalt: Arnold Zvd|t Der Jude in der deutschen Gegenwart Hermann St ehrt Bemerkungen zum Antisemitismus Otto Flake: Antisemitismus und Zukunft Oskar A. H. Schmilz: Wünschenswerte und nicht wünschenswerte Juden Wolf dang Schumann: Deutsche und jfidlsche «Schuld* und Aufgabe Wilhelm Michel: Deutsche und .Juden Margarete Susman: Die Brücke Jakob Wassermanns Der Jude der Bestimmung Uon Blum (Pari$>: Jude und Franzose Bernard Shaw: 1. Offener Brief an Henry Bernstein 2. Nachwort Heinrich Mann: Das auferstebende Land Hans Goslar: Der moderne Jude und der Staat Rudolf G. Blndlng: Zwei jüdische Offiziere im grossen Kriege Josef Trumpeldor: Port Artur und GaJl^pofi (aus den Tagebüchern) Martin Bober: .Pharisäertum* Bemerkungen: Emil LudwiJ: Die Sendung des Juden L. Qutdde: Entschuldbarer und unentsehuldbanr Antisemitismus Hans Hohn: La Nuit Kurde Moritz Goldstein: Leisten, nicht grübeln! ISS Selten Preis S Die kleine Auflage geht bald zu Ende! Bestellen Sie sofort bei Buchhandlung R, Ltiwit, Wien 1» Rotenturmstrasse 22 - aol wird wegen der nicht zur Sache gHörendeu BsschuMgung gegen Hosrat Jmmendörfer das 'Wort dauernd entzogen, Hiemit ist die Tätigkeit des Rechtsanwaltes Dr. Rode als Bo teidiger beendet. Es wird gegen ihn wegen dieses Vorfalles bis 'Anzeige an seine Disziplinarbehörde erswttet/ Eine Aufforderung an den Angeklagte» Weisz, einen anderm Verteidiger zu wählen, e n t f ä l l t, weil der Angeklagte durch einetz zweiten Verteidiger vertreten ist. Verteidiger Dr. Steiner: Ich bitte wn Line kursfc Unterbrechung der Verhandlung, damrt^die Berteidi«! gung zur neuen Vage Stelluirg nehmen kann. — Diese Unterbrechung wird vom Vorsitzenden bewilligt. Mch eineiichalbstündiger Pause wird die Brchandlung um 1 Uhr nachmittags wieder eröffnet. Verteidiger Dr. Steiner erklärt -zunächst, daß die Bev< teidigung der beiden Arrgellagten ihre Beschlüsse wogen der Bor«, gange, die zum Ausscheiden des Verteidigers Doktor- Rode führten, sich Vorbehalte. Wenn in der begreiflichen Erregung über die Geschehnisse in diesem Saale die Verteidigung des Angeklagten Weisz doch nicht darauf verzichten kann, zur Widerlegung des Standpunktes des Staatsanwaltes das Wort zu ergreifen, so geschieht dies, weil die Verteidigung sich sagt, daß in diesem Prozeß alles geschehen muß, um dem Gericht die M^lichkeit zu geben, neben den Beweis^ Ointrägen der Staatsanwaltschaft auch die Anträge der Verteidig gung mit derselben Wage abzuwägen mtb zu werten. In diesem Prozeß ist, abgesehen von einer ganz unscheinbaren Zeugenaussage, bisher kein einziger Beweis der Verteidigung zugelasstrl worden. Der Verteidiger bespricht dann ausführlich die einzelnes Berveisanträge und begründet sie. Er sagte schließlich: Wenn das Gericht sich Mer diese toi$! tigsten Anträge hinwegsetzen sollte, f dann ist hier im Saale kein Platz mehr für die «eEgn»ck, sPowegung.) Staatsanwalt Dr. Schwartz bszeichnet die Vorladung be* Zeugen, die die Anständigkeit ves Herrn Weisz bÄuvden Mn, als ganz überflüssig, da außer den angeklagten Fakt«» der drirm gende Verdacht vorliegt, daß Weiswiederholt in de» FSlleck Bofel, Ankerbrotfabrik, Dr. Schajovitz, Lederer -und Metallwarenfabrik in Oed Bestechungen, weM nicht sogar Erpressungen sich habe zuschulden kommen lassen. Weisz: Ich bitte, auch diese Zeugen vorzuladen; sie werden angeben, daß ichentweder sie nicht kenne oder kein Geld genoM" men habe oder ein sehr anständiger Mensch bin. Staats^ anwalt (scharf): Sie irren. Herr Angeklagter. Bestehen Sick nicht auf der Vorladung dieser Zeugen. oenn -Si« würden schr überrascht sein, wenn ich Ihnen sagen würde, was für'ein Mat?-, rial gegen Sie Vorgelegen ist. Aber ich tritt Ihnen nicht mehr schaden, als ich uuSedingt mutz. Hierauf wurde die Dechandlung giDloff.'N, um heute um il flZr fortgesetzt zu wecken, -.. . **********