Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2054 a = Kultuswahlnummer (6.11.1924)
- Date
- 1924-11-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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!EMMWMWWWWW GM 4 Wien, D-unerStag HENRICH Äs Oes. m. b. H. I. Opernjing 3 Okkasions-Angebote: WMMMnHnnm^^ f Pelzjacken von K 1,500.000 Kaninmäntel von K 1,950.000 Seal-Electric-Mäntel von K 3,600.000 Nerz-Murmel-Mäntel von K 7,500.000 Persian er-Mantel von K 21,000,000 Verbrämungsfelle von K 50.000 sowie reichhWtigste Auswahl von Mänteln und Jacken, Chinchilla, Breitschwanz, Sealbisam, Nutria, Astrachan, Fohlen, Kolinsky, Zobelfeh, ferner Füchse, Wölfe, Stolen etc. zu tief reduzierten Preisen ■ Sämtliche Jacken und Mäntel sind durchwegs Modelle 1924—1925 aus bestem Material in feinster Aus- - arbeitung ' Wiener Moryenzeltung. Am 9. November l. I. findet di« Neuwahl der Mitglieder des Vorstandes der israelitischen KultuZgemeinde Wien und der Vertrauensmänner für eine vierjährige Funktwnsdauer statt. Die Männer, welche in der schwersten Zeit, in dem kritischen' Jahve 19l'0 auf Grurid des Proportionaltvahlrechtes in den KMusvorftand elltseudet wurden, haben über alle parteipolitischen Gegensätze hinweg es als ihre heilige Pflicht erachtet, in hing-ebungsvoller gemeinsamer Arbeit unsere altehvwürdige Kultusge meiiede vor dem drohenden Zu.samnrenbvu.che zu belvahren, ihre Leistungsfähigkeit entsprechend lden gesteigerten Anforderungen zu heben, ihre mustergültigen Wchlsahrtsin-stitutionen auszugestalten und auszu>bauen, die Bezüge ihrer Angestetltenschast nach dem besten und sozialsten derzeit existierenden Lch-nna, dem der städtischen Angestellten, M regeln und eine finanzielle Sanierung der Gemeinde dmchzusühren, wie sie bisher wohl kaum nt irgendeiner anderen Kultusgemeiwde zu verzeichnen sein dürfte. Ter Bericht der Kultusgemeiude über die Periode 1912 bis 1924 gewährt den Einblick in jenes schwere und bedeutende Schaffen, das in die eben ablaufende Funktionszvit des KMuSvovstcmdes -fällt. Wie die bisherigen, verschiedenen Parteien zugehörigen Kultusvorsteher sich in gemeinsamer Arbeit ihrer hohen Ziele und der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewußt waren, so treten sie auch nunmehr vereinigt durch ihre Parteiorgamsationen: die Union' deutschösberveichischer Juden, den Verband glaubenstreuer Inden und das Zionistische Landesioimtee. in die Waytoelverbung, um — getragen von dem Vertrauen der Gemeiudemitglieder — das begoimene Werk fortzusetzen und zu vollenden. Ein harter Wahlkampf steht bevor, und kein Mitglied unserer Gemeinde darf es unterlassen, in demselben seine Stimme abzugebe». Eine t.-e.ne Gruppe von Angestellten unserer Gemeiivde hat, ohne die Angestelltenschaft zu befragen rmd ohne hiezu von ihr beauftragt oder ernrächtigt zu sein, unter dem Titel „Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit in der israelitischen Kultus« gemeinde" ein Wahlckomitee aufgestellt und ein von irveführenden Schtagworten strotzendes Programm in die OeffenMchkeit gebracht. Nie noch ist mit dem Worte „sozial" ein solcher Mißbrauch getrieben worden wie in dem Inhalte der Wahlaufrufe. und des Programmes dieser Wahlveremigung. In unverhohlener Weise werden die bisherigen Mitglieder des Kultusvorstandes geradezu der eigennützigen Aintssührung beschuldigt, das Bestehende in den sozialen Einrichtungen der Kultusgemevude in denm-gogischer Weise als Programm dieser Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit den Wählevn vorgeführt. Ziffern führen eine beredte Sprache. Ein Vorstandskollegium, das imstande war, im Berwaltungssahve 1923 nahezu 23 Miiliarden für Kultus, Unterricht und die sozialen Institutionen der Gemeinde cmfzubrrngen nnd zu verwenden, eine Körperschaft, die trotz der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse das BerwaÄtungsjahr 1924 mit einem Evsorderms dm zirA 32 Milliarden Kronen desizitlos zu Ende führt, wobei für Angestellte allein zirka 15 Milliarden entfallen, die im ersten Haikbja.hr 1924 für Fürsorgezwecke 5 Milliarden, verausgaben konnte, hat ihren BefähignngKnachweis erbracht und das Anrecht erworben, neuerdings um das Vertrauen der Gemeinde- Mitglieder zu werben. Die israelitische Kultusgemeinde, als die einzige Repräsentanz dsr Wiener Juidenschaft, bedarf als führende Männer, die Zeit ihres Lebens sich ihrer Wichten als Juden doll bewußt waren und die reinen Herzens am Judentum hängen und die Bürgschaft dafür bieten, daß die Kultusgemeinde mcht ein Schauplatz unwürdiger und sie zerstörender Kämpfe werde. In diesem Sinne richten wir an die Gemeinde- Mitglieder den dringenden Appell: Beteiligen Sie sich an der Wahl und' wählen Sie die von.'den Vereinigten jüdischen Parteien aufgestellte Liste! Jede Stimmenthaltung gefährdet den Erfolg der Wahl! Dr. Josef Ticho. Mitglied des Vertreterkollogiums ldes KultuSvorstairdes. ffofee Leistungen der jüdischen Gemeinde. Bon Genwmderat Dr. Leopold Plafchkes, Vorstandsmitglied (Vertreter) der ijracülrschen ätmrUsgeluemoe, Wien. Als wir vor mehr als vier Jahren den Wahlkampf für den Kullusvorstand führteU, lautete die Parole der anderen: „Gegen die -Oftjuden!" Unsere Parole lautete und wird in alle Zukunft lauten: „Heraus aus den allzu engen Grenzen der Kultusgemeinde freier Zutritt für alle, die Missen Interesses pud, also aucy für vre ^stMent" Das aktive Wahlrecht hat hssuje jeder Jude, der seit zwei Jahren in Wien wohnt und eine Steuer von mindestens 6000 Kronen zahlt. Ein paar Ziffern sollen die Aenderungen erweisen. Im Jahre 1920 waren von 36,600 Steuerzahlern 19.000 wahlberechtigt (64 Prozent), heute sind unter 6. November 1984 Nr. 80Y4« 60.000 Steuerträgern 39.000 Wähler (78 Prozeut). Es ist vielleicht nicht uninteressant, daß von den 11.000 nichttvahlberechtigten Personen 1760 das Wahlrecht nicht besitzen, weil, sie erst im Jahre 1924 zur Ein Satzung gelangten, 8300 Personen aber deshalb,, weil sie in den letztem zwei Jahren uicht eininal 6 0 0 0 Kronssn zu den Ausgaben der Gemeinde beisteuern wollten. -Die-' Steuereiugänge des Jahres 1920 v betrugen 4,800.000 K., die des Jahres 1923 aasteinhalb Milliarden. Bon diesen Steuereingängen haben 3 0 00 Steuerträger 67 Prozent und 47.000 zusammen 33 Prozent getragen. Auch Sozialdemokraten würden diese Verteilung urijerer einzigen Steuer gerecht finden — im Zeitalter der 2ü Breitner-Steuern! Die Steuereinnahmen betrugen nn Jahre 1933 K. 8.500,000.000 und in den ersten 9 Monaten des Jahres 1924 K. 10.500,000.000. Diesen SMeremnahnicn standen im Jahre 1923 Ausgaben von K. 2 3.0 0 0,0 0 0;0 0 0, und im Jahre 1924 in den ersten 9 Monaten Ausgaben von K. 30 00 0,00 0.0 0 0 gegen« über. Ter Aufgavenlreis der Mischen G-unelllde ist eben sehr groß. U eoet drei Milliarden werden für r i t u e l l < Angelegenheiten (Gemeinde-bethäuser, temporäre Bechäuser, Subvention an BrthausvereittL, Flvlschregir und sonstiges) verwendet, Liber eiucinhalo Mitlisrden tostet der Nel igionsunterricht. Hier muß gesagt werden, daß sich der Vorstand der KmltuLgemrinde orrchg bemüht, den Religionsunterricht zu verbessern, ciu Ächrerrnaterial git geiwnuuir, welches gee.gnet ist, die Liebe der Mischen Jugend zum jiddischen. Volte zu erhöhen, die Kenntnisse der hebräischen Sprache und der lüdlsmen Geschichte zu verbreiten und vor allem den Geist der jüdischen Jugend durch Fühlungnahme mit dem jüdischen Haus zu Helden. Wir sind uns dessen bewußt, daß die Frage der Verbessermrg des RÄigiousunterrichtes eimc Frage der Auswechslung eines großen Teiles des gegenwärtigen Lechrerpersonales, insbesondere der Pensiome-vung der bisfyer ne-benanltlich tätigen Religionslehrer ist. Deshalb mußte der Kultusvorstand alles unterstützen, was i n n e rhalb und außerhalb der Gemeinde der j ü d i s ch e n I u g e.n d e r z i e h u n g dienen konnte. Das neue jüdische ReligionslchwrsettNMr, welches von unserem OLerrabötne-r gegründet wurde und der Gcmeurde eiltige prächtige Lehrpersonen gab, das jüdische PädagogillM, das hechräitsche Gymnasium, die heibräischei: Bolksschuteu, unsere privaten hebräischen Sprachschulen wurden ausgiebig unterstützt und 4 hebräische Bibelschulen im Rahmen der Gemenche gobildet. 450 Millionen Kronen wurden, im Jabre 1923 jüdischen Kulturzwecken zugewendet. Das ist eine Arbsrt, tvelche nur von. einigen hetzerischen Religiouslchvern, die selbst Jemenle;. Eignurvg zur Jugenderz'ohurcg hcchen, und von anderen Jrvdenseinden begeifert imrden kann. Obwohl der Vorstand der jüdischen Gemeinde ftotu* tengvmäß uur nach Maßgabe der erübrigten Mittel soziale Fürsorge betveiben kann, erblickte der abtretende Kultus- Vorstand ein Hauptgebiiet der Tätigkeit gerade in der soz-ialen Fürsorge. Ein Drittel des B:rdg>ets 1923, über 7 MWarden, wurden, Mrfovgezwecken gewidmet. Ganz besonders haben wir den Ausbau des Roth sch i l dspitales gefördert und die Berbesserun, ge n >im Greisenasyl bewirkt. Um das Rochschrldspital aus den vollen Belag zu bviilgeN/ mn dort den Kranken den Aufenthalt allgmehm zu machen, um die drvvch die Hakenkveuzlerderfolgungen gefährdete jüdische Studenbenschast in wi-sfenschaftücher Beziehnng ei-nigerrwaßen zu sichevn, nmßte u-nser jüdisches Spital mit einem Aufwand von m e h r als 2% Milliarden vollstärtdig relrovievt und um eine Reihe von Ambulatorien vermehrt werden. Nach vierjähriger arbeitsreicher Tätigkeit kann der äbtredende Kultuövorstaud ohne Uebe-rhebllng sein Wirken als ersprießlich bezeichnen, zumal es getragen lvar von dem Gedanken-, alle Aufgaben, die das jüdische Interesse berühren, in den Kreis der Gemeinde zu zichen. Auch in Politischer Beziehung sah sich die Gemeinde zu veMÜnfbiger Stellungnahme veranlaßt. Nicht bloß in der Frage des Wahlrechtes der Ausländer, sondemr auch -in vielen anderen das GesamtMentum betreffenden'Angelegenheiten hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde seine Wicht erfüllt. Die Balfour-Deklarativ n und die Beschlüsse von Sa n Remo wurden in rhver Bedeutung ernannt und öffenll-ich getvürdigk. Sache der Künftigen Gememdevörwaltung wird es sein, durch Förderung des Keren Hajessob und Keren Kajemeth gegen»« über dem Wiederaufbau von Erez Israel Me Haltung einzunehmen,^ toelche der zweitgrößten Juoen« gemeinde Europas geziemt. Der Vorstand hat auch die Aufmerksamkeit der Kulturvölker. aus den weißen Terror und die Judeniverfolgungen in Ungarn, auf die I u d e n m e tz e l e i e -n i n P o l e n, aus die a n t i s e m i* tischen Ausschreitungen gegen jüdWe Studenten an -den Hochschulen und auf Angriffe gelenkt, ivelche gegen die österreichische Judenschaft unternonmren wurden. Alle Versuche, rmiseve Staatsbürgerrechte einzuschränken, wuvden bei der österveichifcheu Regierung jeweils scharf gerügt. Auch in Zukunft wird es Sache der jüdischen Gemeinde sein, M Freude und jedes Leid des jüdischen Bolkes gebührend zu berücksichtigen . Die jüdische Bvlksgenleiu.be ist aus de>m Wege! Ueber thoräh, avoda und gemÄulh chasodipr ist diese jüdische Geme.'nide längst hinausgewachsen. Diese drei Hauptgebote des Juden sind ihr hrÄig: nichts Jüdisches ist l>br ftenrd. So soll es auch in Zukunft bleiben!