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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-11 · Heft 2562 (11.4.1926) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2562 (11.4.1926)
Date
1926-04-11
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2562 Men, Sonntag Wiener MorgenzeitunA Ae FrankenfSlschlmgen vor einem Mener Gericht. Schager und Leusel gegen Sberft Wolff. Die ungarische Fransenfälscheraffäre und deren mutmaßliche Zusammenhänge mit einer Gruppe der österreichischen Monarchisten beschäftigte gestern im Rahmen eines Ehrenbellerdigungsprozesses das Bezirksgericht Döbling. Der Präsident der „kaisertreuen Bolksparte i", Oberst a. D. Gustav Wolff. hatte anfangs Jänner dieses Jahres dem Wiener Korrespondenten des „P e st i H i r l a p" Mitteilungen über seine Vermutungen bezüglich der Wiener Beziehungen der Budapester Fran-kenfälscher gemacht. Er behauptete damals — und seine Erklärung ist auch in dem Budapester Blatt veröffentlicht worden —, daß die Leiter der „konservativen Volksperte-i", Albin Schager und Oskar Teufel, vermutlich etwas mit der Frankenfälschungsaffäre zu tun haben. Sie seien nämlich nach dem Wiener Zionistenkongreß nach Budapest gefahren, um dort mit den Führern der Rassenschützler, vornehmlich mit den Abgeordneten Gömbös und Eckhardt, Verhandlungen zu Pflegen. Die Aufdeckung der Frankenfälschungen dürfte, so sagte Oberst Wolff weiter, bald ihre praktische Wirkung auf die konstrvative Volkspartei zeigen: die Geldsubvention, die diese Partei anscheinend von den ungarischen Rassenschnhlern erhält, dürfte nach und nach versiegen und Schager und Konsorten werden am Ende ihr Organ „Oesterreichische Nachrichten" einstellen müssen. Wegen dieser Aeußerungen des Obersten Wolff, welche auf Grund des im „Pesti Hirlep" erschienenen Artikels auch in einigen Wiener Zeitungen veröffentlicht wurden, haben Schager und Teufel die Ehrenbeleidigungsklage gegen Oberst Wolff beim Bezirksgericht Döbling eingebracht. Sie betrauten mit ihrer Vertretung den Rechtsanwalt der Halenkreuzler, Walter Riehl. » In der Mage heißt es unter anderem: ,-Seit Weihnachten 1925 wird bekanntlich in allen Blättern der Welt, insbesondere auch in Wiener Blättern, in der größten Aufmachung und mit allen Zeichen einer unerhörten Entrüstung über ein ganz einzig dastehendes Verbrechen, nämlich über die Frankenfälscherasfäre und über die gegen den Prinzen Ludwig Windisc^rätz Und Genossen wegen dieser Affäre geführten Untersuchung geschrieben. Alle diese Mütter haben diese Verbrechen als ein Panama vom größten Ausmaß hingestellt. Die Behauptung einer Gemeinschaft mit einem derartigen Verbrechen ist daher in der öffentlichen Meinung als die ziemlich schwerwiegend st« Mädchen, die man nicht heirate» darf. Mn verhängnisvoller Aberglaube in Japan. So sehr der Modernismus in Japan in den letzten Jahren auch beim weiblichen Geschlecht Fortschritte gemacht hat, so sehr lastet doch noch traditioneller Aberglaube aus dom gosellschaftlichm Leben. Hiezu gehört die allgemein verbreitete Ansicht, daß M ä d ch e n, die im sogenannten ,Hinoeuma"-Jahre geboren sind, ihrem Gatten Unglück bringen. Solche Mädchen werden nicht geheiratet. Augenblicklich ist nun gerade ein Jahrgang Hinoe-uma heiratsfähig, nämlich die 19 0 5 G e b o r e n e n. Das verhängnisvolle Jahr komnkt alle 61 Jahre wieder. Die Wirkungen dieses Aberglaubens waren diesmal tragisch. U « ber 3 0 0 Mädchen haben Selbstmord bell a u g e n. Cs ist für die Japanerin viel schwerer, unverheiratet zu bleiben, als für die Europäerin. Es liegt bann «in Makel auf ihr. Die moderne Zeit hat da wenigstens die Flucht in das Berufsleben eröffnet. Bon dem unglücklichen Jahrgang sind sehr viele Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern und Aerztiuuen geworden. Von den 249 Studenten der Medizinschule in Tokio sind nach Angabe des leitenden Arztes Dr. Sakuma 77 Mädchen des ominösen Jahrganges 1905. Der Aberglaube ist nicht etwa aus das Volk beschränkt. Fräulein Z i k o n a m i, die Tochter des ehemaligen japanischen Innenministers, hat öffentlich erklären lassen, daß sie keinen Heiratsantrag annehmen werde. Fortschrittliche Gesellschaften bemühen sich, den Aberglauben, der viele Tausende unglücklich nracht, zu bekämpfen. Man hat versucht, festzuftellen, daß Frauen, die in einem Hinoe-uma-Jahr geboren waren, in glücklicher Ehe gelebt haben. Aber diese Untersuchung war schwierig. Denn nur die allerwenigsten haben geheiratet, und von diesen halten wieder di« meisten ihr Geburtsjahr geheim, und endlich ist das vorletzte UnglückSjchr das Jahr 1844. Von diesen Bräuten lebt wohl nur mchr da und dort eine. Und doch fft der Nachweis gelungen. Der Bicomt« Jshuerro hatte einst den Mut gehabt, ein solches „jährliche- Mädchen" zu heiraten. Er gibt nun zu Protokoll, daß er W Jahve lang glücklich mit seiner Frau gelebt hat. Aber was HW das. Die Abergläubigen sagen: ,Mmz recht. AuSnahnren bestätigen nur die Regel." Hoffentlich wird Ulan bei den 1666 Geborenen den Aberglauben überwunden haben, der auf de« Möern so schwer noch lastet. Beleidigung anzusehen, ganz abgeschen davon, daß eine derartige Behauptung geeignet ist, die betreffenden, di« man einer derartigen Gemeinschaft bezichtigt, nicht nur in der öffentlichen Meinung herabgesetzt werden, sondern auch Gefahr laufen, in eine strafgerichtlich« Untersuchung hineingezogen zu werden." Oberst Wolff, dessen Verteidigung Dr. Richard Preßburger übernahm, bot einen umfangreichen Wahrheitsbeweis für die Berechtigung seiner Vermutungen an. Er beruft sich auf die Zeugenschaft des Polizeipräsidenten Schober, der zur Zeit des Zionistenkongresses im Bureau der konservativen Volkspartei in der Habsburgergaffe und in der Wohnung der beiden Kläger eine Hausdurchsuchung vornehmen ließ, deren Ergebnisse bis heute der Oeffentlichkit nicht mitgeteilt wurden. Außerdem beruft er sich aus die Zeugen Prinz Windischgrätz, Nadossy, Gömbös und Eckhardt darüber, daß diese mit den beiden Führern der konservativen Bolkspartei tatsächlich und besonders in dem erwähnten Zusammenhang in Verbindung standen, weiters aus den rumänischen Abgeordneten Cu;a, der über einen noch weitergehenden internationalen Zusammenhang zwischen den rechtsradikalen Kreisen Oesterreichs, Ungarns und Rumäniens Aufschluß geben kann. Diesen Wahrheitsbeweis gedenkt aber Oberst Wolff nicht vor dem Bezirksgericht Döbling anzutreten. Er stelle sich auf den Standpunkt, daß seine von Sch'ger und Teufel inkriminierten Aeußerungen durch die Presse veröffentlicht wurden und demnach Preßdelikte darstellen. Seiner Ansicht nach können also die Herren ihn wegen des im „Pesti Hirlap" erschienenen Artikels nur beim Budapester Gerichtshof, wegen der Wiedergabe dieser Artikel in Wiener Zeitungen aber nur beim Wiener Schwurgericht klagen. Die Verhandlung wurde schließlich vertagt. Einem Beweisantrag des, Obersten Wolff auf Einvernahme des Polizeipräsidenten Schober über die gelegentlich des Zionistenkongreffes durchgeführten Hausdurchsuchungen he i Schager u n d T e u f e l wurde stattgegeben. Weiters sollen die RaffenschMer Gömbös und Eckhardt in Budapest einvernommen werden. Der. Verteidiger Wolffs,!Dr. Preßburger, behielt sich die gesetzlichen Schritte vor, um eine A b t r e tun g des Prozesses an das S chw u rg e r icht zu erwrÄen. ««andsens «euer R«i tm Nordpol. Die ,^r»rge" mtterwiegS. ' Dar lenkbar« Luftschiff „Norge", das Amunldsen für seine Nordpolexpeditivn verwendet, ist gestern um v Uhr morgenvon Rom abgeflogon, und zwar direkt nach Pnlh a m in England. Von England geht der Flug weiter nach Oslo. AlS weitere Etappen sind vorgesehen: Leningrad, Bah so (lNovdkiiste von Norwegen) und Spitzbergen. Der Mannschaft gehören sechs Italiener an, darunter Ingenieur Nobile, der das Kommando des Lnftschilffes übernimmt. Außer Amundsen und Elsworth, , welch« die Expedition in Spitzbergen erwarten, gehören der Expedition noch an der Flieger Larsen, die Leutnants Umdal und Hör gen, als Radiotelegraphisten Gottwald und Olokin, ferner Hauptmann Wisting, der meteorologische Beobachter M a l m g r e e n und der Journalist Ramm. D«s Luftschiff über Frankreich. Paris, 10. April. Das Luftschiff Amundsens, die „Norge", ist heute nachmittags in Toulon eingetroffen und hat von dem Flughafen von Cuers bei Toulon aus Direktiven für seinen We i ter flug erbeten. Die Pariser Wetterstation hat telegraphisch geantwortet, das Luftschiff nvöge die Richtung auf Rochesort einhalten. Festabend für den Wledrranfba« PalMnai. Ein. Bortrag Felix Saltens. — Der neueste Palästinafilm. Am 15. d. findet im Großen Saale des „Grünen T o r", 8. Bez., Lerchenselderstraße 14, eine bemerkenswert« Veranstaltung statt, die von einem großen Komitee der Bürger dieses Bezirkes, von dem Vorstand des Tempelvereines für de« achten Bezirk und vom Präsidium der österreichischen Keren-Hajessvd-Kommission vorbereitet wird. Dieser festliche Abend wird durch einen E h o r v o * trag und Ansprachen der Herren Direktor Stein und Rabbiner Dr. Bauer eingeleitet. Dann folgt die Vorführung des neuesten Palästinafilm» und ei» Bor trag Felix Saltens, der bekanntlich ein« StudienreHc durch Palüstiua unternommen hat und dessen auSgezeü ..es Werk „Neue Menschen auf alter Erde" weiteste Beobreitung fand. s 11. April 1926 Seite 9 JUrren^ftocUtfothenSlß Kitzlige Fragen. In Amerika haben einige smarte Geschästsleu:« ein eigenartiges Auskunftsbureau gegründet, defseu Besonderheit es ist, mit Hilfe einiger guter Verbindungen auf alle, aber auch'-auf alle einlauftnden Fragen Antworten zu erteilen. Hier kann man erfahren, ob George Washington Hühneraugen hatte, wer der Erfinder der Schuhwichse war, welche Schlipse der Prinz von Wales zu tragen geruht, warum die Römer keinen Tabak kauten, wie man Hühner schlachtet und welche bedeutenden Männer an verdorbenem Magen gestorbe'n sind. Alle diese PrMeme löst dieses Institut mit leichter Hand. Man soll aber nicht sagen, daß Europa darüber neidisch ist, aber eine solche Einrichtung wünschen wir uns schon lange. Sie wäre 'bei unseren verwickelten Verhältnissen, bei den vielen Zweifeln und Fragen, die den einzelnen wie uns alle quälen, unbedingt ein wahrer Segen für uns. Fraglich bliebe nur, ob ein solches Institut alle die Fragen 'lösen könnte, die uns bewegen. Was könnte e8 'beispielsweise auf folgende Fragen antworten: Muß man den Hund versteuern, auf den man gekommen ist? ' Muß man mchr SteMM bezahlen, als man Einkommen hat? Warum-kommt der Gewbviefträger nie, wen« man ihn braucht? Warum sagt, man zu einem Menschen immer: „Die sind eine Seele von Mensch," wen» man ihn für einen Dumm-, köpf hält? Wieso kann man jetzt auf totom Wünon Zweig tonw men, wo «r doch Frühling ist? Warum haben Leute, di« mit allen Waffe«« gewaschen sind, nur so einen schmutzigen Charakter? Bedeutet eeine Verletzung der Gewerbeordnung, wenn ein Schneider in seinem Geschäft Pech hat, oder wenn ein? Schuster jemanden den Kaps wäscht? Darf ein Hungerkünstler Zeittingen ans Essen lesen? Ist ein Verein auch dann gehalten, Vergnügungssteuer zu zahlen, wenn dar geplante Fest mit einer Riefenlfchlägerei, 36 Schwerverletzten und 184 Leichtverletzten endet? Und zum Schluß: Warum fragen die Menschen eigentlich so viel? ,_ M Kredr übertragbar? Aus Berlin wird gemeldet: Un der gestrigen Sitzung 8er Deutschen Chirurgischen Gesellschaft, die gegenwärtig in Berlin tagt, machte bei der Ansprache Wer die Entstehung und die. chirurgische Beseitigung 8es DavmkrebfeS der Königsberger Privatdozent Dr. K urtzah n die Mitteilung, daß er selbst Versuche der Krebs übe rtragu ng von Mensch zu Mensch unternommen habe. Er habe sich Mst ein Stückchen einer operierten KreÄgeschwulst der Brustdrüse überpflanzen lasten. Er wollte damit die herrschende, auch von ihm selbst vertretene Ansicht, daß der bückt übertragene menschliche Krebs an einem gesunden Mensche» nicht lebensfähig sei, beweisen. Dies sei ihm auch gelungen, denn das übertragene Gebilde sei schon nach einigen Tagen abgestorben. Auch die weiteren Versuche des Arztes, mit dem Serum, da« aus seinem nach der U^bertvagung abgezapften Blute gewonnen wurde, Krebskranke jtt Hellen, haben ein negatives Ergebnis gezeitigt. p Uebrrschwemmaog in VaOab. Bagdad, 10. April. Ein Bruch der Deiche des Tigris, der sich in einer Entfernung von kaum einer Meile von der Stck>t ereignete, hatte eine große Ueberschwe-mnmng zur Folge. Nahezu 600 Quadratmeilen Land stehen unter Waffer. Ungeheure Wassermassen ergoffen sich in die Garten der Paläste. Arbeiter wurde» von der Polizei aufgeboten, um die Wälle rund um die Stadt zu verstärken Die herrliche« Gärte» des köntg. lichen P<ttastes sind ein Ort der Verwüstung geworden. Tie königliche Familie Mchtete in Booten.

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