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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-11 · Heft 2562 (11.4.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2562 (11.4.1926)
Date
1926-04-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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r-'« e ®!ett, Spmtteji _B»ew«t Morgenzeitun- 11. April 1988 Mm flUÜ xt« xni M-MiMMMMMlA wert und interessant ist in dieser Hinsicht die kürzlich im Wilhelm Braumüller-Verlaq in Wien als drittes Heft der Schriften der Soziologisehen (Gesellschaft in Wien erschienene Broschüre von Hans K e l s en : „Das Problem des Parlamentarismus." ' In Anknüpfung an die bestehende Krisis des Parlamentarismus, untersucht Kelsen das Wesen des Parlamentarismus, das er in der B i l d u n g d e s staatlichen Willens durch ein vom Volke demokratisch gewähltes K o l l e g i a l o r g a n nach dem M e h r h e i t s p r i n z i p'e sieht. Die Idee der Freiheit, die hier dominierend ist, erfährt also eine doppelte Beschränkung: erstens durch das Majorit ä t s p r i n z i p, das aber — allen Anwürfen und Polemiken gegenüber führt es Kelsen aus — der größtmöglichen Zahl der Staatsbürger die politische Selbstbestimmung garantiert, indem es nicht nur den Willen der Mehrheit, sondern von vornherein auch den einer andersgesinnten Minderheit berücksichtigt, weil es ihn voraussetzt; zweitens durch die Mittelbarkeit der W i l l e n s b i l d u n g, die aber „in dem unverzichtbaren Bedürfnis nach Arbeitsteilung, nach sozialer Differenzierung" ihre Ursache hat. Kelsen zeigt nun die Wege, wie man diese Beschränkungen in einer Reform des Parlamentarismus mildern könnte. Die Tatsache, daß das Parlament nur einen Repräsentations- Willen und nicht den eigentlichen Willen der Nation darstellt, kann durch Aushebung der historisch bedingten ganz unzeitgemäßen Immunität der Abgeordneten, durch das Recht der Parteien zu jeder bestimmten Frage einen anderen Fachabgeordneten zu entsenden — was zugleich dem häufigsten Einwand der fachlichen Unzulänglichkeit der Parlamente begegnen würde — und schließlich durch besondere Initiativanträge aus dem Volke, deren eingehende Behandlung gesetzlich gesichert wäre, im günstigen Sinne beeinflußt werden. Den Sinn des Parlamentarismus sieht aber Kelsen mit Recht in dem ständigen Kompromiß schließen, in der von der Mehrheit und Minderheit gemeinsam gesuchten relativen Wahrheit. Neben einer ganzen Fülle von wertvollen Anregungen ist nämlich die Schlußfolgerung Kelsens, daß zur Diktatur ein religiöser Glaube an absolute Wahrheiten notwendig gehört, der aber längst nicht mehr besteht, von größter Bedeutung. Dem wissenschaftlichen und philosophischen Niveau unserer Zeit entspricht die Diktatur darum nicht mehr; der Zeit des philosophischen Relativismus entspricht daher auch am besten ein soziales System relativer Ausgleichung, also der Parlamentarismus, wenn auch ein reformierter, zeitgemäßerer, reiferer. Kelsen schließt bezeichnend: -,Denn schließlich': und endlich bleibt uns Menschen ja doch nichts anderes übrig, als daß wir uns, wie in unserem Erkennen bescheiden, so in unserem sozialen Streben vertrage n." Parlamentarismus als Staatsform, heißt Sinn für Realität; und der tut uns not. * Die verschiedenen Hungerkünstler habe ich noch gar nicht gesehen. Verspüre auch keine besondere Lust dazu. Von den vielen geschaffenen und beabsichtigten Weltrekorden im Hungern habe ich mit Grauen und Ekel gelesen. Gerade so wie mir der Cambridger Universitätsstudent, der in einer Wette in 41 Minuten 48 Eier verzehrt hat, völlig unsympathisch ist, Schweinerei nach oben und Schweinerei nach unten. Wie -er Wüstling und der Aszet eigentlich beide aus demselben Stofs sind, jeder auf andere Art den Trieben untertan; nur daß hier weder der Vielfraß noch der Hnngerkünstler es um der Sache willen tun, sondern um des Geldes: um ganz normal weiter essen zu können. Hungern zu können ist aber weder eine sehens-, noch eine wünschenswerte Kunst. Der Akrobat beweist Geschmeidigkeit, Körperbeher^schung, Sängerinnen, Tänzerinnen, sogar Zauberer zeigen Talent oder Geschicklichkeit, mehr oder weniger, was fast jeder ganz gerne — wenn auch nur zum Privatvergnügen — können möchte; hungern will niemand lernen und vi^le können es nur zu gilt. Die Hungerrekorde sind Kriegskinder und erinnern stark an das berüchtigte „Durchhalten!" . . . Damals hat man auch fetten Lohn versprochen . . . Nein, diese Selbstpersiflage unserer Not ist zu geschmacklos, um noch einen Sinn zu haben. Die Ironie aus dem menschlichen Tierkäfig schlägt dem Elend und dem Hunger der Großstadt kräftig ins Gesicht: aus eurem Leid habe ich mein Metier gemacht und.wahrlich, es zahlt sich aus . . . Woran ihr zugrunde geht, daran werde ich reich. Es kommt nur aus das System, die Methode an. In Indien ist es grausliche Religion, hier gutbezahlter Sport. Weg mit diesem Sport! l. ch. Eine gute M>ee In der schlechten zeit. Die bestrenommierte Spestalsabrik für Damen-, Luxus« und Promenadeschuhe der Brüder Lisjiansky, Wien, 7. Dez., Kaiserftraße 46 (im 2. Stock) hat im Interesse des konsumi^- renden Publikums eine allgem.'in freudig begrüßte Neueinführung getroffen. Brüder Lissiansky verkaufen nunmehr ihre erstklassigen Erzeugnisse en d.'taif zu den bedeutend billigeren Engros-Fabrikspreifen. 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Man hörte die Geschichte der Eigenart Europas, die sich auS dem Griechentum über das Christentum und Germanentum entwickelte. Europa und Hellas haben viel Gemeinsames, so die geographische Zerklüftung durch Bergketten in einzelnen Staaten, die sich gegenseitig bekämpfen. Durch das Erstarken Asiens und der amerikanischen Union droh: aber Europa der Untergang und das Zerrissenwerden durch den westlichen und östlichen Imperialismus. Nur die Bereinigung der europäischen Länder in Paneuropa kann den wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bestand Europas retten. Die paneuro-' Päische Union und der paneuropäische Kongreß im Oktob.r d. I. in Wien bilden die erste Etappe im Bevwirklichungsprozeß Paneuropas. Coudenhove hat seinerzeit dem Böllerbundsekretariat eine Denkschrift eingcsandt, in der die Gründung einer panamerikanischen, paneuropäischen, britischen, russischen, chinesischen und japanischen Union als Sektionen des Völkerbundes angeregt wurde. Paneuropa wendet sich nicht gegen einen berechtigten Nationalismus, denn die europäische Kultur ist nur in nationaler Glkderung denkbar. Die wirkliche Rettung Europas kann aber nur ein beseeltes Paneuropa sein, was Herrn Coudenhove die Möglichkeit gibt, gewagte Kombinationen über die Beschaffenheit der europäischen Seele zu konstruieren. Sie soll angeblich aus den drei Elementen: Christentum (Tiefe), Hellentum (Form) und Germanentum (Kraft) bestehen. Coudenhove nennt sie sogar: Dreidimensional. Die Idee der Freiheit ist Europas Banner. Im Zeichen dieser Idee will Paneuropa die Europäer einigen. Im zweiten Teil, in deni Coudenhove auf Fragen Antworten erteilte, zeigte sich, daß noch manches Detail ungeklärt ist und nur die metaphysischen Aspekte fesistehen. So ist zum Beispiel die Sprachensrage (Coudenhove empfiehlt englisch — unverständlich warum, da ja England außerhalb Paneuropas bleiben, soll — oder Esperanto) und das Problem der -nationalen Minderheiten noch recht ungeklärt. 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