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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-11 · Heft 2562 (11.4.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2562 (11.4.1926)
Date
1926-04-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wien, Sonntag Seite- Wiener Morgenzeitung 11. April 1926 Staatsstreich in khiaa. X Ar Gtaatstzrststleat aeststchtet. — Sie Knominschnn an der Macht (Etgendtenst der „Wiener Morgenzeitung.") Sn-W, 10. April. Aus Peking wird ein Staatsstreich der Führer der Kuomin-schun gemeldet. Dies« haben, sieben mit der Haltung des Generals Feng, der den Oberbefehl an Lu-Tfchrmg-Lin itbergeb«» hat, den Marschall Wu-Pei-Fu aufgesordert, tn Peking etn-erziehen und dort die Lage wieder herzustellen. Gleichzeitiig wurde der frühere Staatspräsident Tsao-Kun aus dem Gefängnis befreit. Dem bisherigen Staatspräsidenten T u a n - Ts ch i- Jui gelang es, heute um 1 Uhr mitternachts, in die französische Konzession zu flüchten, so daß die Kuominschun, als sie das Hauptquartier des Präsidenten heute morgens umzingelten, diesen nicht mehr vorfanden. Der Staatsstreich wurde heute nachts in voller Stille und ohne Blutvergießen a>l?ge>fi'chrt. Nur die Stadttore von Peking wurden von den Kuominschun besetzt und der Telephonverkehr war einige Stnnden lang unterbrochen. Sie goint'Sammlung in New-Bark. New-Aork, 10. April. (I. T. A.) Di- New-Yorler Judenschaft, die es übernommen hat, für den Drive des Joint Distribution Committee von sich aus sechs Millionen Dollar aufzubringen, hat die erste Million bereits geleistet. Bis jetzt wurden in New-Dork 1,025.000 Dollar gezeichnet. Als erster auf der Liste figuriert Herr Felix M. Marburg, Präsident des Joint, mit 400.000 2>ottar. Es folgt der Filmmagnat William Fox mit 250.000 Dollar. Je 50.000 Dollar leisteten Herbert H. Lehman, Louis M a r s h a l l und Benjamin Winter; Henry Itelsohn spendete 40.000 Dollar, Paul Ba er Wald 30.000 Dollar, Louis D. B o m a n t 30.000 Dollar. Je 25.000 Dollar leisteten Jakob Neu m a n, Samuel Lamport, Josef F v e nk e l, Henry A. D i ck s und Grigori Begenson. Kampfvorbereitungen im englischen Bergbau. (Eigendienst d:r „Wiener Morgenzeitung".) London, 10. April. Die Delegiertenkonferenz der Bergarbeiter, die nur zwei, Stunden dauerte, beschloß einstimmig, die DfftrMÄocherrnzen über den Vorstandsantrag abftimmm zu lassen, der jede Verlängerung der Arbeitszeit und jede Verminderung der Löhne ablchnt sowie die Festsetzung der Löhne für die Zukunft nur ans Grund eines einheitlichen Abkommens für gang Großbritannien vorsieht. Der Vorstand wird beauftragt, auf dieser Grundlage, die alle Anregungen der Berglwerksbesitzer ableh n t, mit Vertretern der Grubenbesitzer und mit dem Premierminister inzwischen weiter zu verhandeln. Die erste Abstimmung, die von großer Tragweite für SüAvaleS ist, findet am Tvnnerstag in Cardiff statt. Zahlreiche chinesische Delogierte der internationalen Tariskommission und der Zoll konferenz haben sich in den ausländischen Konzessionen in Sicherheit gebracht. In Peking sind die Lebensmittel rationiert worden. In einer Proklamation wird erklärt, daß, seit Tuan- Tschi-Jui zur Macht gekommen sei, zahllose Jrrtümer begangen worden seien. Alte niiMcirischen Operationen ruhen. Tsch a ngtsch itsch i ang, der nmninelle Führer der Kuommschun-Partei, hat ein gewilligt, daß sich der Oberkommandant der nationalen Streitkräste, General Lutschungl i n dem Kommando Wu-Pei-Fus unter st ellt. Lutschnuglin hat die Verantwortlichkeit für die Auf r e ch t e rh al tu ng der O rd n u ng in der Hauptstadt übernommen. Die Busapefter Hauvtverhandlung am 7. Mai. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 10. April. Die H a u p t v e r h a n d l u n g für den Fra nke nfälschnngsprozeß ist auf den 7. Mai angesetzt worden. Olchvary wird nicht ausgeliefert. Die Budapester Staatrantvältschaft hat heute von der deutschen Bchörde die Mitteilung erhalten, daß dem Auslieferungsbcgchren betreffend W>mund Olchvary, der von dem Hamburger Gerichtshof wegen Verbreitung falschen Geldes zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, nicht stattgegeben wird, da eine Strashandlung nicht zweimal geahndet werden könne. Die Sokolfälfchungen. Die Staatsanwaltschaft hat die Polizei angewiesen, die Erhebungen in der Sokolfälschungsasfäre aufzunehmen. Wie verlautet, sollen viele Zeugen vorgeladen werden. Bon den seinerzeit Verdächtigten sind einige Personen flüchtig. Sin Bortrag über den BMerbnnd. Dienstag den 27. d. um 8 Uhr abends sprechen Botschafter a. D. Dr. Konstantin Dumba und Oberrabbiner Prof. Dr, H. P. Chajes im Festsaale des niederösterreichischen Gvwerbwereins, 1. Bez., Eschenbachgasse 11, über „Reformen des Völkerbundes" und „Die Juden und der Völkerbund" Karten im Vorverlauf ab 20. d. bei Löwit, 1. Bez., Rotenturmstraße 22 (Tel. 71-4-25), im Zionistischen Bureau, 1. Dez., Kärntnerstraße 28 (Tel. 77-4-86—6), bei Rath. 2. Bez., Taborstraßs Nr. 20 a (Tel. 43-1-58), Spitzenigeschäst Kohn, 6. Bez., Mariahilferftraße 101 (Tel. 60-10), Storch, 8. B.'z., Josefstädterstraße Nr. 36 (Tel 26-8-67). Bel großen Zahnschmerzen und schlechtem Mundgeruch hilft DIANA Franzbranntwein mit Menthol als erstrangiges Hausmittel sofort. Oie Zähne jener, die Diana täglich als Mundwasser benütze«, bleiben gesund und schneeweiß, ihr Mund bekommt keinen uhangenehmen Oeruch. tfetoerall erhältlich! Inland. Sin „tragischer KonW" im burgenlündischen Landtag. Der bürgen ländische La ndtag erhob ge stern das Gesetz betreffend die Landarbeäterordnung, gegen das die Bundesregierung Einspruch erhoben hatte, in der am 15. Jänner d. I. beschlossenen Fassung n e uerlich z u m Be.schlu ß. Dann wurden über die Erhebung der Marktgemeinde N e ufI edl a m See zur Stadt lutb die Aufnahme eines Darlehens ans den Völikerbundkrediten zum Zwecke der Errichtung von Genossenschaftsmolkereien angenommen. Als letzter Punkt der Tagesordnung wurde der Antrag des Rechtsausschusses beraten, an den Verfassungsgerichtshof den Antrag zu stellen, den Verlust d e r A b g e o r d n e t e nfitze der Landtagsabgcordneten Landeshauptmann a. D. >Dr. W a l h e i m und Landesrat V o i t (beide Landbündler) auszufprcchen, da die beiden Abgeordneten nach erfolgter Wahl die Wählbarkeit da'drirch verloren hätten, daß die BerufungÄEmission für die Nationalratswahlen den Berufungen der Abgeordneten gegen die seitens dös Bürgermeisters in Sauerbrunn erfolgte Abweisung ihrer Einsprüche gegen die Streichung aus der Wählerliste keine Folg e gegeben habe. Mg. Gefell (Landbnnd) bezeichnet« es als undenk- >bar, daß den beiden Abgeordneten ihr Mandat bloß deshalb aberkannt werde, weil sie es verabsäumt haben, sich am 1. Jänner in S a u e r b r u n n au-fztchälten. Abg. Koch (christlichsozial) erklärte, der Landtag könne sich nicht von Gefühlen leiten lassen, er erfülle nur seine Pflicht, wenn er die Güsetze, die er selbst geschaffen habe, emhalte. Abg. Leser (Sozialdemokrat) höb hervor, daß hier ein tragischer Konflikt zwischen Rechts empfinden und geschriebenem Gesetz vorlrege. Auf der einen Seite das Rechlsenrpsinden, daß nur Unwürdigen 'das Mandat abzuetkennen sei, und auf der anderen Seite das klare Gesetz, das dieses Haus felibft beschlossen habe. Beder Abstimmung wurden für den Antrag des RechtsausschusseS zwölf Stimmen abgegchen. Dagegen stimmten neun Abgeordnete. Sieben Stimmzettel 'waren leer. Hieraus wurde der Antrag der Christlichsozialen, die Stelle des Landesrates Voit durch Neuwahl zu besetzen, mit einem Stimmenverhältnis von elf zu neun angenommen. Acht Stimmzettel blieben leer. Die Wahl wurde nicht vorgenommen, da die Landbündler keinen WaHlvörfchlag unterbreitet hatten. Las BurgtheaterjubilSum. „Lermee uw- Senn" tm Aku-emiethewtev. — Gin BovsPiel: ,Mn btt Wiege -es Burg, theaters." Als der Feuergeist Georg. Büchners das Danton-Drama hinausgeschleudert Hatte, schuf er, aufgeräumt, das Lustspiel ,Zeonoe und Lena". Büchner folgt den Spuren Shakespeares. Er darf es sich erlauben. Dem ersten Akt ist dieses Zitat aus „Wie es euch gefällt" vorgefetzt: „O, wäre ich doch ein Narr! Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jucke." Das Spiel bringt einen Prinz Heinz und einen Falstaff, seinen Heinz und seinen Falstaff. Leonoe, der Thronerbe eines Duodezstaates, ist ein blasierter Taugenichts, in dessen Kops es aber sehr helle ist und dem man zubilligen muß, daß sein Widerwillen gegen das Leben aus der Beobachtung der Kreaturen feines regierenden Herrn Vaters erwuchs. Er versteht zu raisonieren, der höchst gelangweilte Kronprinz. Da seine Kurtisane weint, findet er folgende Worte: „Tränen, Rosetta? Ein feiner EpiikuräiSmuS weinen zu können. Stelle dich in die Sonne, damit die köstlichen Tropfen kristallisieren, es muß Prächtige Diamanten geben. Du kannst dir ein Halsband davon machen lassen.. Sein Zeitvertreiber, Stichwortebringer — und zukünftiger Premierminister ist Balerio, ein leidenschaftlicher Lieb- Haber der Faulheit. Sein Adelstitel lautet: ,^Jch bin noch Jungfrau in der Ackeit." Arm in Arm mit Va^rio fordert Leonce das ihn und seine hohe Familie vortrefflich ernährende, aber nicht genügend amüsierende Königreich Popo m die Schranken. In diesem persiflierenden Spiel —- Stevnhenn bleibt kilometerweit zurück im wesenlosen Scheine — wird witzig und empört, spitzig und mit. heißer Liebe für die Opfer, die Unterwürsigkeit, das GotteSgnadentum, die höchst ergebene Dumncheit, der böse trockene Philistergeist hergenommen. Die rundlich-gemütliche Majestät schneidet dabei am besten ab („der Mensch muß denken und ich muß für meine Untertanen denken;densie denken niA sie denken niHt,. ,")£ am schlechtesten kommen die Kreaturen deS Königs und die Büttel der Kreaturen davon. * Ihr impotenten Jüngst-Töner, die ihr „in tyrannos" kreischet — keinem kann eine Szene gelingen, wie die von den beiden Polizeidienern, welche der zweiundtzwanzigjährige Büchner schrieb (es sind neunzig Jahre her). Und wann kommt wieder einer, der eine Anklage in Verse schließen kann, wie diese sind, welche das Freudenmädchen Rosetta singt: „O meine müden Füße, ihr müßt tanzen m bunten Schuhcn Und möchtet lieber tief im Boden ruhen. O meine heißen Wangen, ihr müyt glüh'n im wilden Kosen Und möchtet l'eber dltth'n — zwei weiße Rosen. O meine armen Augen, ihr müßt blitzen im Strahl der Kerzen Und schlieft im Dunkel lieber ans von euren Schmerzen.* * Der geniale Ulk ist in ein Märchen eingesprengt. Die Königstochter Lena, die Leonce aus Gründen der Staatsräson heiraten soll, kommt aus dem Märchenland, wo es Gott am nächsten ist. Zur Hochzeit mit dem Ungeliebten, Ungekannten, geht sie wie in den Tod. „Die Blumen öffnen und schließen, wie sie wollen, ihre Kelche der Morgensonne und dem Abendwrnd. Ist denn die Tochter eines Königs weniger als eine Blume?" (Hier hat Büchner, ihr vernageln Demonstranten von gestern abends, doch für die KönigSkinder gesprachen). Leonce mit seinem Äuwjxm und Mentor» Lena mit ihrer Gouvernante wandern ins Blaue, um der Hochzeit zu entgehen. Eine Mondnacht verkuppelt die beidm, die voreinander flohen, und mit abgrundtiefem Humor läßt Büchner Gott durchführen, was seine Vertreter auf Erden, die Könige der Reiche Popo und Pipi in ihrer Weisheit beschlossen hatten. * Mit frischer Lust am Gestalten, draufgängerisch, jung, unbekümmert hat Hans Br ahm die Aufführung geformt. Dem geistreichen Ulk und dem romantischen Märchen dient seine Inszenierung in gleichem Maße. Auf einem Wiesenplan, den eine Krone überdacht, geht das Spiel vor sich. Die jeweils nötigen Bühnenrequisiten werden im Angesichte des Publikums (man hat's wiederholt schon bei anderen Anlässen mitzemaKtj auf dir Bühne getragen, Wr Wrimungsvotte Szenerie, dort wo sich die Satire zur romantischen Dichtung erhebt, sorgen zauberhafte Beleuchtungseffe'kte. Scharf eingestellt die Schauspieler und gut beraten. Prachtvoll — wohl der einzige des Ensembles, der 'für solchen Part die Zlnlage mitbringt — Herr Danegger als Balerio. Das Hohelied der Faulheit trägt er mit glücklichster Pointierung vor und sein Behagen am Genuß von Spirituosen ist neidenveckend. Der hochbegabte Herr Löhner als Leonce hingegen, für solchen Part gar nicht geeignet, mußte versagen. Er ist von des Gedankens Blässe nicht angekränkelt, der Text seiner Rolle aber sprüht Funken. So konnte er den Prinzen des Königreiches Popo nicht profilieren. Herrn Haeussermanns behäbiges Thadäddeltum kommt dem König Peter sehr zustatten. Eine scharfe, geistreiche Karikatur der Präsident des Hzrrn A r n d t. Eine Szene, in der förmlich die Revolution unter den Brettern lodert, jene nämlich, in welcher das Volk zum Bivat- Mfen abgerichtet wird, war meisterlich gestellt und von dem gesamten Ensemble ganz außerordentlich gespielt. Wie die blaue Blume der Romantik — eine sehr zarte im Winde fröstelnde — ragt die Prinzessin Lena der Hilde W a g e n e r aus der Persiflage und überragt sie. Und Tilly Losch sprach und tanzte die Rosetta ergreifend. Mit der Begleitmusik konnte ich mich in den lyrlchrn Stellen vortrefflich, ansonsten nur schmerzlich abfinden. Trauriger als den gut vorbereiteten Theaterstandal empfand ich die schlechte Vorbereitung des Publikums für Büchner. Sir wußten nicht einmal, die Gäste des Burgcheaterjubiläums, daß man diesem Dichter Respekt entgegenbringen muß. * Raoul Auernheimers Vorspiel war den Leuten wMommener. „Wir haben vieles zugelern^, sagten nachher meine Nachbarn. Dieses anspruchslose Genvchikdchen aus der Gründerzeit (des Burgtheaters) ist tatsächlich zu Belehrungsztvecken tauglich. Nur die Vorstellung, ivelche die Leut« von Lessing kriegen... Aber dagegen hat gestern niemand demonstriert. Die Sünde wider den Geist durste am Tage des BurgtheaterjubiläumS unwidersprochen begangen werden. OttoÄbeles.

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