Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2559 (8.4.1926)
- Date
- 1926-04-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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i Nr. 2560 Wien, Donnerstag Sine Nor>»m-Sed!lchtil1»ftlfti»iii. Aus New-P ork wird uns berichtet: Hier besteht bereits seit nahezu 85 Jahren eine zionistische Vewiuiguug Nordau, die auch aMßlich der Amerikatonrnee der Tochter Nordaus, Maxa Nordau, dieser alle Wege ebnete. Bei einem zu Ehren des Fräuleins Nordau vom Verein veranstaltetem Empfang gab das Veremspräsidium bekannt, daß es aus Anlaß der Üeberführung der Gebeine Dr. Nordaus nach Erez Israel eine Mion zur Errichtung eines Nordau-Memorial- Fonds eingeleitet habe, dessen vornehmlichste Aufgabe es sein soll, sämtliche literarischen Werke, Handschriften, Korrespondenzen usw. des großen zionistischen Führers zu cuverben und sie der Universitätsbibliothek in Jerusalem einzuverleiben. Die Ankündigung wurde von d'en zahlreichen Anlwesenden mit großer Begeisterung ausgenommen und sämtliche Redner versprachen, an der Durchführung des Planes mitzuarbeiten. Es ist die Bildung eines großen Komitees mit Bevtrstern aus allen Ländern in Aussicht genommen. Modetorheiten. Fustlarirpen für: Damen. Die elegante Pariserin bedient sich jetzt des öfteren am Abend des „Fußlichtes". Diese kleinen Lauchen dienen dazu, namentlich zart gefesselten Damen das Absteigen von Straßenbahnen, Autos usw. .im Dunkeln zu erleichtern, Pfützen zu umgehen, Treppen zu besteigen und dergleichen. Die Fußlampe ähnelt den vor kurzem eingeführten Fußbändern und kann ohne Schwierigkeit am Fußgelenk befestigt werden. Die Birne ist in einer Schleife verborgen, deren Farbe entsprechend der Toilette gewählt werden kann. Das Licht kann ein-- und ausgeschaltet werden. Ein fast unsichtbarer, seidenumsponnener Draht führt zu einer kleinen Batterie, die man in der Handtasche mit. sich führt. Man muß zugeben, daß das sehr praktisch ist. Was man alles für die Schönheit tut. Die Zeiten sind vorüber, wo man die Schönheit als Naturwunder pries. Heute ist Schönheit der Frauen nicht mehr ein Werk der Natur, sie wird von den Menschell ge-, macht. „Die Fabrikation der Schönheit ist eine Wissenschaft und eine Kunst", erklärte der Präsidellt der Haarkünstlervereinigungen Amerikas. Er wies außerdem llach, daß irr Amerika sechzig Millionen Frauen im vorigen Jahre die Schönheitssalons besucht und für ihre Schönheit enorme Summen bezahlt haben. Es gibt in Amerika 135 Schulen, wo die Schöpfer der weiblichen Schönheit herangebildet werden; aus einer Schule allein gehen jährlich zweitausend Graduierte der Schönheltswissenschaft hervor. Bubllopk md Rindviehzucht. Man sollte es nicht glauben, aber cs ist so. Es gibt nichts, aus das der Bubikopf nicht seinen entscheidenden Einfluß ausü'bte. Es ist bekannt, daß er ganze Industrien lahmgelegt hat, die für S>cu früher als königlich bezcichneten Schmuck der langen Haare arbeiteten. Weniger aber noch dürfte die Oeffentlichkoit davon toiffeu, daß der Bubikopf auch die Riüdvichzucht von Grund auf zu ändern im Begriffe ist. Amsterdamer Fabrikanten bekamen von südamerikanischen Lieferanten nämlich die Mitteilung, daß die gesamte Malnerikanischc Rindvichzucht sich jetzt von der früher bevorzugten Aufzucht voll Ochsen mit großem Gehörn a'bwmdet;u der des Rindviehs mit kleinem Gehörn. Die Nachfrage nach großen Stücken Horn hat fast völlig aufgehört; verlangt werden Stücke für kurze Kämme — für den Bubikopf. Bei großem Gchörn fällt so viel ab, daß cs unrentabel bleibt und die .Preise verdirbt. Welch ungeahnte ^iöglichkcneui Warum Frauen ihre Meinung Ludern. Ter Mann, der so lange in der Hauptsache das Urteil der Welt bestimmt hat, schreibt mit einer gewissen Verachtung der Frau das Vorrecht zu, ihre Meinung beliebig beräitbcxn .zu dürfen. Er leitet daraus seinen Glauben an die Launenhaftigkeit und Willkür des weiblichen Geschlechtes her. Wer wenn die Fvau plötzlich eine Anschauung, die sie leidenschaftlich verteidigt hat, airfgibt lind das Gegenteil behallptet, wenn sic in elfter Stunde noch ihren Entschluß ändert, so hat der Mann gar keinen Grund dazu, sich darüber lustig zu machen,^ denn in nenn von zehn Fällen wird er nachher sagen müssen, daß die Frau richtig gehandelt hat. Wenn Frauerl ihre Meinung häufiger wechseln als Männer, so ist das noch durchaus kein Beweis für ihren /-wetterwendischen" Sinn, sondern es ist eher ein Beweis dafür, daß das weibliche Geschlecht sich r e i fl i che r die D i n g e ü b erlegt als das männliche, daß es weniger hartnäckig mrd eigensinnig ist. Da die Frau zweifellos impulsiver ist als der Mann, so wird sie auch rascher «und leichter ihre Anschauungen äußern; sie besitzt aber auch dafür den Mut, es frei zuzugeben, wenn sie sich geirrt oder beikehrt hat. Der Männ, der auf die Festigkeit seiner An>sichten so stolz ist, hält mit ebenso viel Zähigkeit an der richtigen wie an der falschen Meinung fest. Die Frauen aber haben als die ivahren Philosophen längst erkannt, baß die Wahrheit nicht immer im Bcharren bei dein einmal gefaßten Urteil liegt; sie wissen, daß das, was heute richtig ist, morgen falsch sein kann, nnd sie haben die freie Beweglichkeit, die Bescheidenheit, ihre Irrungen einzngestehen. Gerade in unserer Zeit, kvo sich die Formen des Lebens und die Anschauungell so rvsch ändern, ist es tesonders notwendig, seine Meinung über alle Dinge des Daseins zu revidierem und vernünftigen Gsgengrüuden P* Wiener Morgenzettuns__9. April 1926 Beite ß Mrd durch Snjettion. Vom Haurarzt mit Wiffea der elgme« Fra« rmardet. Aus Köln wird berichtet: Vor einigen Tagen ist der augssehene Architekt Ober reut her im Marienhospital nach einer Quecksilber i njekti on gestorben. Wie nun festgestellt ist, handelt es sich um einen wohlvorbereiteten Mord, den der Hausarzt des Ermordeten, Dr. Pro che r, offenbar im Einverständnis mit der Gattin des 'Architekten veviibt hat. . Oberreucher war vor etwa drei Wochen von feinem Arzte Dr. Pro che r, der mit der Familie des Patienten freundschaftliche Beziehungen unterhielt, veranlaßt worden, sich zur Heilung seines Leidens in das Marienhospital zu begeben. Im Spital hat nun Dr. Pröcher den Patienten täglich besucht und chm täglich ohne Wissen der Anstaltsärzte eine Quecksilberinjektion gemacht, deren Menge die gesetzlich erlaubte Höchstdosis mit das F ft u f z e h n f a ch e ü b e r st i e g. Durch diese gänglich zu sein. Daher ist die Veränderlichkeit der Frau cher ein Vorzug, 'den sich die Männer mit ihrem starren Beharren zum Muster nehmen sollten. Selbst wenn die Dame an geringfügigen Dingen mehrmals ihren Entschluß wechselt, bevor sie die endgültige Entscheidung trifft, so hat der Mann gar keinen Grund dazu, sich darüber lustig zu machen. In Dingen der Mode, die man besonders für die Launenhaftigkeit des Fraucngeistes heranzieht, sind ja die Veränderungen so plötzlich und schwerwiegend, daß die Frau daraus besondere Rücksicht nehmen muß. Wenn sie es sich daher erst dreimal überlegt, bevor sie den Hut kaust, so erwägt sic sorgfältig das Für und Wider, um die richtige Entscheidung zu treffen. Wenn die Frau ihre Meinung. ändert, so ist das ein Zeichen, daß sie immer von neuem über eine Sache nachdenkt, was man von dein so rasch entschlossenen Mann nicht immer sagen kann. Jas spiritistische Museum. Conan D o y l ü, der Lchöpser des Sherlock Holmes, hat sich bekanntlich seit längerer Zeit ganz dem Dpirittsmus verschrieben uud jetzt sein Wirken fiir die okkulten Wissenschaften gekwnt durch die Errichtung eines Museums, das sich, in der Londoner Victoria Street im Schatten der Westminster-Abtei bsßindet. EMem Besucher, der davon in einer englischen .Zeitschrift berichtet, zeigte Conan Dohle die merkwürdigen Dinge, dir hier die Entwicklung des S P i r r: i § itru § im, letzten halben Jahrhundert veranfchau.ichen sollen. Als den „Anfang aller Dinge" — natürlich vom spiritistischen Standpunkte aus — bezsichnete er ein Bild, das die Szene vom 1. März 1848 wiedcrgibt, als die „Klopfgeister" zum erstenmal von der Familie Fox zu Hydevrlle im Staate Ncuhork gchört wurden. Damit manifestierten sich die „Geister" der übersinnlichen We.t zmn erstenmal und es begann jene Mode des T i f ch r ü ck c n s, in der die Schwestern Fox als die ersten modernen Medien glänzten/Urner den Bildern, die an den Wänden hängen, Wilden sich außerdem Gemälde, die von „Geistern" veranlaßt wurden, Geisterphotographien und ähnliches. In den Glaskästen liegen Protokollbücher Wer Protokollbücher, in den-en die „Geister" die ihnen gestellten Fragen durch „aütonlatifchrs Schreiben" beantwortet haben. In einem Kasten findet -' man Münzen, die fcc! einer Sitzung in Australien von einem „Geist" auf den Tisch, an dem Conan Dop e saß, geworfen wurden; eine merkwürdig verzierte assyrische Base ist «t* demselben geheimnisvollen Wege in den Besitz des Dichters gelangt, und ebenso eine große Anzahl anderer kuriose Dinge. Als größte Kostbarkeit des Museums gelten die „ektoplasmiitschen Hände", die wächsernen Abdrücke zweier linken Hände, bei denen die Daumen über den Handteller gelegt sind. Sie sind für Conan Doy.e der stärkste Beweis dafür, daß ein Weiter! eben nach dem Tode besteht. Diese „Goisterabdrücke" wurden bei einer Sitzung mit einem polnischen Medium gewonnen, bei der Gelehrte von internationalem Ruf versammelt waren. Der ganze Vorgang ist im Bilde feftgchal:en. Ms die „Geister" erschienen, wurden sie aufgefordert, ihre Hände in ein Gesäß mit Paraffin zu tauchen. Auf diese Weise wurden mehr äis ein Dutzend solcher Abdrücke genommen, und zwei Proben dieser Art sind im Museum ausigestcllt. Außerdem kann man eine ganze Anzahl von Briefen bewundern, dir berühmte „Verstorbene" an Conan Doy'^e geschrieben haben, so zum Beispiel ein Schreiben Oscar Wildes, dessen Dchristzüge genau mit denen eines Briefes übereinstimmen, den Wilde noch zu Lebzeiten an Conan Dohle richtete. Nie Fahrtermilblglmgen für den Besuch IfchechoflowMcher Bäder. Prag, 7. April. Die bisherigen Fahrtermäßignngen für den Besuch tschechoslowakischer Bäder sind außer Kraft getreten Dafür wurde eine einheitlich: öllprozentige Fahrtermäßigung für die Rückfahrt Angeführt. Diese ZOprozentige Ermäßigung bei der Rückfahrt gilt, wenn der betretende Reisende mindestens zehn Tage in einem oder zehn Tag: nacheinander in mchreren tschechoslowakischen Kurorten Aufenthalt genommen hat. Dazu ist iw vorgedruckte Bestätigung auszufüllen. Die Ermäßigung wird a m BahnschaIier bot der Rückfahrt, keinesfallsAn einem Reisebureau gewährt. Die Fahrtermäßigung gi.t für die kürzeste Strecke eü«es Uinw.'^s über rom-ist'sche oder historisch denkwürdige Orte, die Hmipuichrilrig -miß jedoch in der Bader« vchLigung angegeben sein. Injektionen hat Dr. Pröcher den Tod seines Freundes herbeigcsührt. Auf die Motive der furchtbaren Tat wird nun durch ihre allffallenden Begleitumstände ein Licht geworfen. Doktor Pröcher lvar nach dem erfolgten Tode Oberreuchers verschwunden. Zugleich mit ihm aber ist auch die Frau des Ermordeten geflüchtet. Fvau Oberreucher hat sich, wie jetzt bekannt loird, schon kvährend der Krankheit ihres Gatten mchrfach abfällig über rh« geäußert und erklärt, sie würde es nicht bedauern, wenn ihr Mann sterben sollte. Es handelt sich also offenbar um ein Mordkomplott, das die Gattin des Ermordeten und fein Hausarzt gemeinsam ins Werk gesetzt haben. Dr. Pröcher hat einen Brief zurückgelassen, in dem es heißt: ,Mnn Sie diesen Brief in Händen haben, habe ich! die deutsche Grenze schon hinter mir." Gin Feldzug gegen Fuuggefellen. In Lo ndon hat ein getvisser Mr. Wallrock einen regelrechten Feldzug gegen die Junggesellen begonnen milk etwas gewalttätigen, aber inrmcr noch gesetzlichen Mitteln. Er scheint ein Mann zu sein, der in der Lage ist, seine Ideen durch beträchtliche Summen zu stützen. Nun gibt es in London, wie in allen Großstädten, eine große Anzahl Junggesellen, die, niemand zu Leide, sich selbst aber zur Freude, im Besitz einer behaglichen, mit allen Bequemlichkeiten ausgestatteten Wohnung sind. Mr. Wall rock ist der Ansicht, daß kein Junggeselle eine solche bewohnen dürfe, solang es Familien gibt, die sie entbehren müssen. Er hat also unter der Hand eine stattliche Anzahl Häusechlocks in der Gegend von Pavk Laue, St. James's Street und Pall Mall (eine Lokalität, die besonders von woihllhabenden, bequemen Hagestolzen heimgesucht wird) ausgekauft und stellt die Aermsten vor die Wahl: „Hinein in die Ehe oder hinaus aus der Wohnung!" Dieser wurä>erliche Reformator soll schon 300 Junggesellen obdachlos g e m a ch t haben. Er will sie übechaupt nicht als Mieter und wirft ihnen vor, daß sie acht Monate von den zwölfen abwesend, seien und die Wohnung dem Verfall Überließen, während die Familien mehr zu gxjatfe seien und ihr Heim »nstand hielten. Me Granate explodiert. Drei Kinder getötet, zwei schwer verletzt. Aus Paris wird berichtet: In der Nahe vM St. Quentin.fanden'Kinder, die auf einer Wiese spielt e n, eine G r a u a t e. Ms die Kiröder sie auishöben wollten, explodierte sie. Zwei Kinder wurden auf der Stelle getötet,, zwei andere sch wer verletzt. Neuerliche Kundgebungen in LMin. Warschau, 7. April.'In Lublin haben sich heute dir Kundgebungen der Arbeitslosen wiederhoM, Eine dichte Menge,- die zmn RachMspliatz Vordringen wollte, mn dort zu dsmonstrieren, wurde vo-n berittener Schutz- Mannschaft zerstreut. ES wmdorr zahlreiche Be-i-- Haftungen vorgenoamnen. Ä« Niekeudrand. «ü,« Million Mark Schall««. Aus Köln wich.gemeldet: Ein Riefeubrand äscherte heute den größten Teil' der Spinnereien Voll Herlnann Ba l d u s be: G u m m e r s b a ch ein. Der durch den Brand angerichtete Schaden übersteigt eine Milli on Ma rk. Die Ursache des Brandes ist noch nickt aufgeklärt. ' rer Bndapefter Frauenmord. Auf. der Spur des Mörders. Ms Budapest wird berichtet: Die Polizei glaubt nunntehr, dem Mörder per .Halbweltdame Köhler aus -er Spur zu sein. Sie fahndet nach dem berüchtigten Einbrecher Karl M i ik a, der in der letzten Zeit zahlreiche EiubMche mit dem Trick verübt hat, daß er sich als Ra d i oi u g e u r e u r ausgab und, während er Radioapparate und Antennen installierte, in oineim unbeüvachten Augenblicke stahl, was er erreichen konnte, und Verschtvand. An den Tagen vor der Ermordung der Köhler ^befand sich nun Mika bei einem Ingenieur in Gödöllö, dem er eine Antenne einrichtete. Am Tage der Mordtat elltfevnte er sich aus der Wohnung des Ingenieurs mit der Angäbe, daß er in Budapest einige Werkzeuge besorgen ivvlle. Erst nach drei Tagen kehrte er nach Gödöllö zurück, wo er, als der Mord a-n der Köhler bekannt wurde, eine auffallende Erregung zeigte und sich noch am nächsten Tage bei dent Ingenieur angelegentlich erkundigte, ob die Polizei schon auf der Spur des Mörders sei. An demselben Mend war er daun unter Mtnahnte verschiedener Wertgegenstände aus der Wohnung des Ingenieurs verschwunden. Die Poliztzi glaubt, daß Mika seWst die Köhler er-- mordet hat. Tie Nachfovschungen nach denr Verschwundenen sind eingeleitet. t