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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-08 · Heft 2559 (8.4.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2559 (8.4.1926)
Date
1926-04-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Cteiic 4 Dien, Donnerstag Wiener Morgenzeituns Steuerzahle« Md ArbeitsloWeit. Finanzminister «ollmaan wer die Steuerreiorm. In einer Vollversammlung des Detaillistenverbandes Oesterreichs, die unter dem Vorsitz des Präsidenten Späth Mittwoch adends im Festsaale der Handels- und Gewerbekammer tagte, sprach Finanzminister Joses K o l l m a n n über aktuelle Finanz- und Steuerfragen, wobei er unter anderem mitteilte: In den nächsten vier Wochen sollen alle Rückstände in der Steuervorschreibnng aufge arbeitet sein. Für das nächste Steuerbekenntnis ist d>r Dermin mit 31. März abgelaufen; es wurde nur eine Gnadenfrist von 14 Tagen gAvährt. Wenn oiese abgelaufen ist, so wird sofort an die neuen B o r s ch r e i bu n g e n gegangen werden, und ich hoffe, daß die neuen Bo rschreibung e n i m I n n i, sPätestens im Juli schon zum größten Teil in der Hand der Steuerträger sein »verden. Das ist ein Gebot, bas int Jmeresse des Staates liegt, aber in gleicher Weise auch im Interesse der Steuerträger. Tex Krieg und die verschiedenen Kriegserscheinnngen haben eine gewisse Entfremdung zwischen den einzelnen Ständen herbeigesührt. Ich hoffe, daßdieser Zeitpunkt nun vorüber ist, und daß zwischen den einzelnen Ständen wieder größeres Vertrauen Platz greife. Bei der heurigen Stcuerfasfion wird man die V n ch h a l t u n g als Grundlage anerkennen, die Anhörung eines Vertrauensmannes aus der Genossenschaft suchen und jenen Weg zu finden trachten, der ein möglichst angenehmes Verhältnis zwischen den Steuerbeamten und den Steuerträgern gewährleistet. So glaube ich, «werden wir über die schwierigen .Zeiten der Wirtschaftskrise hinwegkommen. Wenn nun das Steuerzahlen nicht angenehm ist, so -ist das auch aus eine andere Ursache zurückzusühren. Die Bundessteuern allein sind es nicht, die die drückendste Last bedeuten. Ein Fehler liegt besonders darin, daß es zu viele Behörden gibt, die Steuern und Abgaben vorschreiben können. Außer dem Bund haben noch die . Länder, die Gemeinden, die Bezirke dieses Recht und schließlich auch noch ein anderer Faktor, die Krankenkassen, die die Beiträge für die Arbeitslosenunterstützung vorschreiben und einheben. Durch die Zusammenfassung dieser verschiedenartigen Mgaben wird der Steuerdruck dann im allgemeinen so stark und unangenehm. Der Wunsch nach einer Vereinfachung der Steuern und des Steuersystems wird bei uns im Bund völlig geteilt. Wir wünschen sie und sind aus dem Wege, diese Vereinfachung durchzuführen. Wir haben im Bunde selbst die drei Steuern, die Erwerbfteuer, die Einkommensteuer und die Vermögenssteuer, auf einem Bogen einbekennen und vorschreiben lassen. Viel einfacher kann man es schon nicht mehr machen. Vielfach ist an mich das Ansinnen gerichtet worden, die Fürsorgeabgabe einer Revision, einer Reform oder einem gänzlichen Abbau zuzusühren. Das ist eine Sache, die leicht gefordert, aber schwer durchgeführt werden kann. Die Fürsorgeabgabe ist keine Bundes«bgabe, sondern sie wird von der Gemeinde, von den Landern und den Bezirken omgehoben. Der Bund ist n i ch t b e r e ch t i g t, den Ländern oder den Gemeinden irgend eine Abgabe zu entziehen. Er müßte ihnen den völligen Abgabeentgang ersetzen und für alle Ewigkeit garantieren. Wenn der Bund das tun wollte, müßte er sich eineandereEinnahmeauelle suchen.; ' Wir haben in unserem armeil Oesterreich heute eine äußerst krisenhafte Situation. Das größte Unglück ist die Arbeits-losigkeit. Es ist. ein Land vyn der,..Größe unseres Vaterlandes nicht in bei' Lage, auf die Dauer 200.000 bis 230.000 EvipeiMose zu erhalten. Wir leiden noch schwer an einem Erbübel. Das sind die Pcnsioni st e n des alten Oesterreich. Während in aderen Staaten das Verhältnis zwischen Aktiven und Pensionisten 5:1 steht, kommt bei uns schon auf jede« Aktive« ei« Pensionist. Außerdem haben wir auch heute noch einen zu großen Verwaltungsapparat. So sind wir nicht in der Lage, auch noch einen hohen Stand von Arbeitslosen aus öffentllchen Geldern zu erhalten. Daher geht das Streben und Sinnen aller Kreise der Regierung dahin, alles zu versuchen, um die Arbeitslosigkeit einzudämmen. Ich würde daher auch alle, die im Erwerb stehen, bitten, daran mitzuwirken. Wenn wir es dahin bringen, daß die Menschen wieder Arbeit haben wie früher, werden wir über alle Schwierigkeiten hinweg sein. (Anhaltender Beifall.) Verhandlungen mit de» Betriebrbeamten der Bundes. Gestern begannen im Finanzministerium die Verhandlungen mit den Angestellten -er Bundesbetriebe. Der Obmann der Beamtensektion der Technischen Union, Roth, zählte die Forderungen der Betriebsbeamten aus, worauf dann in die meritorischen Beratungen eingegangen wurde. Nachmittags wurde mit den Vertretern der Arbeiter der Bundesforste verhandelt. Tie nächsten Verhandlungen sind für Samstag vormittags bei der Generaldirektion der Burldessorste an>beraumt. Im Vordergrund stchen die Fragen der Lohnerhöhung, der Ne-ufestlegung des Arbeitsrechtes und der durch das Gesetz über die Bundesforste notwendig gewordenen Schaffung eines D i e n st r e ch t e s. Segen die BlerpreiserhShnng. -Die nioderösterreichische Landesregierung hat sich gestern mit der von den Brauereien durchgeführten Erhöhung der Bierpreise besaßt. Es wurde darauf hingewiesen, daß diese Erhöhung bei dm derzeitigen Gerstenpreisen, und da auch keine Erhöhung der Biersieuer erfolgte, unbegründet sei. Sie beauftragte daher den Finanzreserenten des Landes, entsprechende Steuermaßnahmen gegen diese Unternehmungen zu ergreifen, damit ein Teil dieses Mehrgewinnes im Wege des Landes wieder der Allgemeinheit zugute komme. Das Brauhaus der Stadt Wien hat vorerst den Bierpreis noch nicht erhöht. Den Wirten wird das städtische Gebräu noch zum alten Preis abgegeben. Es kann also jeder Biertrinker, dem Stadtbräu zum Preise der übrigen Biersorten verkauft wird, gegen den betreffenden Gastwirt die Anzeige erstatten. etölofion in einet SeOniofefabril. 7 Tote, 20 Verletzte. Pirna, 7. April. Bei dem schweren Explosionsunglück in der Zellulasefabrrk Hö sch u. Co. in Heidenau sind bis jetzt 7 Tote und 20 Verletzte festgestellt worden. Ein« Frau und ein Arbeiter werden noch vermißt. Sie liegen ohne Zweifel noch unter den Trümmern des e: «gestürztem Kesselhauses. Die Verletzten -haben sämtlich schwere Verletzungen und Gasvergiftungen erlitten, so daß ihr Zustand als sehr ernst anzusehen ist. Bemerkungen zum Burgtheaterjubilönm. Die Gründung war eine Kulturtat. Mgn darf nicht ver-' Hessen, daß Wno 1776, ■ als das neugLgrünhete Burgtheater feine Pforten öffnete, an den anderen Bühnen die.VörfAhvung von Mrobatenkunststücken noch zum eisernen Bestand des Repertoires gehörten. Und man fei dessen eingedenk, daß im Bor-, mär; das Burgtheater eine viel wichtigere ÄiWunigsstätte der Jugend war als die Universität. Es durfte.ja an den Hochschulen nur streng nach vorgeschriebenen Lehrbücher« vovgetragen werden. Man flüchtete aus der Zwingburg der ge-, gängelten Wissenschaft in den herrlichen alten Kasten. ,Ä«f der vierten Galerie war man weit eher Jünger der „Mttva mater" als in den dumpfen Räumen der Universität. Und deshalb soll man daran erinnern, daß ein Sohn der Judengasse, daß Sonnenfe-ls den Hauptantotl an der Schöpfung des Burglheaters hat, wie ihm die Verbannung des Kasperls von den Brettern und — feine Großtat die Abschabung der Folter zu danken ist. Die große Kulturbedeutung dieser -Schöpfung „Wiener Burgtheater" ist uns allen erkenntlich. Wie alber die Schauspieler von damals waren, wie ihr Zusamlnellwivten, ihr Geist — das läßi sich aus den Berichten der Chronisten, ob sie nun Historiker oder die Zeit und ihre Menschen schildernde Künstler sind, nichi deutlich genug erkennen. Mir von Heinrich Laube weiß man sicher, daß er Talente zu finden und herLnzubtlden verstand. Denn einer Zahl von ihnen durften di« Zeitgenossen noch begegnen: Son-nenchal und Baumeister, Lewinsky natlb Hartmann, Kraft! und — nicht allzu vielen von uns war dieses Glück gegönnt — auch der Charlotte Wolter. Alle diese und '.roch Wagner, Zerline Gabillon, Helene Hartmarm hat dieser V-: iw'4 t!anbe an das Bur-gcheater gebracht, * Eine kurze Spanne Zeit nach dein Sturmjahr 1848 trat dann diese Bühne in die Periode chrer höchsten Entwicklung. Die Zeit der Gipfelleistungen währte ungefähr bis zum Jahve 1870. Man wird aus der Wirksamkeit Laubes schließen müssen, daß künstlerischer Instinkt und begeisterte Hingabe an daS Werk nicht genügen, um ein hervorragender Dheaterdirsktor zu fein. Dieses Amt scheint eine harte, eiserne Mannesnatur mit Feldweibelallüren zu erfordern. Laube sagte ja selbst von sich, an ihm sei ein Militär verloren gegangen. Wer diese Eigenschaften mit dem Instinkt für Theatertälente verbindet, dem wird manche Sünde verziehen. Laube durste eS sich gestatten, über Shakespeares Lustspiele abfällig zu urteilen und sie zu vernachlässigen und er durfte Moseuthal einem Hebbel vorzichen. Nicht gerecht ist es, von der großen Eusemblekunst des alten Burgtheaters zu sprechen und zu vergessen, daß einzelne glänzende Persönlichkeiten doch den Ruhm dieser Bühne ausmachten.- Das Burgihecuer war zu verschiedenen Zeiten die ' Sonnenthal-Walter--Bühne, die Kainz-Bühne, die Mitterwurzer-Bühne, die Baumeister-Bühne. Unbeschadet natürlich hoher Gnsemblequalitäten. Alber man soll doch nicht vergessen, daß die überragenden Leistungen einzelner stärkster Persönlichkeiten für den Ruhm des Burgcheaters ausschlaggebend warm. Auch die Jüngeren unter den Slelteren entsinnen sich, daß Kainzens Debüt im Burgtheater einen sensationelle« Charakter trug und — insolange dieser Große Mit Burgtheater winkte — Sozusagen die „Sensation" in Permanenz blieb. * * Es ist nicht nötig, alle denkbaren GrtÜschuldi'gungsgvji'nde dafür, daß das Burgtheater von heute nicht ans der Höhe des Burgcheaters von einst und von gestern stcht, höflich und entgegenkommend zufammeu-zutr-agen, nm die Festesftimmung M heben. Aber es ist gerecht, daran zu eriun-ern, daß das Burglthsater WiedrchM von stitM ZeilWwssm abfällig tvMstßt _8. April M6 _2339 Sie OrBnner flonferenj der radikalen jjionijten. Unter Teilnahme von Dr. S o l ow «i t s ch i f (Berlin) »lud Robert Stricker (Wien) und unter Vorsitz von Doktor Emil Makgulies (Lcitmeritz) fand kürzlich in Brünn eine Konferenz radikaler Zionisten der tschechoslolvakischen Republik statt. Die Koufereu; tvar vorwiegend der Erörterung der allgemeinen Probleme des Zionismus unter dem Gesichtspunkte der radikalen Weltanschauung sowie der Anwendung dieser Grundsätze auf die speziellen Landespro'bleme gewidmet. Das programmatische Referat erstattete Baurat Robert Stricker, der die Entwicklung des Zionismus und der Zionistischen Organisation in den letzten fahren als verhängnisvoll bezeichnte und die Notwendigkeit einer Umkehr, insbesondere int Verhältnis zu den Nichzionisten einerseits, den Nichtjuden andererseits, darlegte. Dr. M a r g u l ie 8 ergänzte das Referat, indem er ausführte, daß mit dem Fchlschlagen des Jewish-Agency-Projektes die demoralisierende Ideologie der erweiterten Jewijh Agency noch nicht erledigt sei. Dieser müsse der Kampf geltrn. wenn die Parole der Exekutive für den Monat Isar mehr als eine bloße Firmaänderung sein soll. In der Debatte sprachen n. a. Dr. Paul März und Professor R a b i n o w i c z. Dr. S o l o w e i t s ch i k schloß die Debaite mit einer längeren Rede ab, in welcher er zusammenfasiend die grundsätzliche Einstellung der radikalen Zionisten zu den Problemen des jüdischen Lebens erörterte. Das Berliner Programm der radikalen Bereinigung vom 31. Jänner 1920 wurde von der Konferenz als verpflichtend zur Kenntnis genommen. Der zweite Punkt der Tagesordnung war den Fragen der Landesorganisation gewidmet. Bon dem Referenten Dr. Paul März sowie von den anderen Rednern wurde auf die verschiedenen Beschwerdepnnkte hmgöw lesen, so unter anderem auf das rein auf materielle Beitragsleistung aufgebaute Bechältnis zur kulturellen Frage, wie Mechanisierung der Bewegung, sowie schließlich aus dte Zustände in der Parteipresse, in welcher — wie die Redner ausführten — eine mit den Grundsätzen des Zionismus nicht zu vereinende Behinderung der Meinungsfreiheit herrsche. Die Konferenz betonte die Berpflichiung der radikalen Zionisten zur erhöhten Arbeitsleistung in der Erfüllung der zionisti'chen Pflichten und zur intensiven Mitarbeit insbesondere im Jjarmonat'und bei der Schekelaktion, stets unter Betonung der radikalen Einstellung zu den jüdischen Problemen. Es wurde ein Aktionsausschuß gewählt, dem sich ein Netz von Vertrauensmännern angliedern soll. Der Aktionsausschuß besteht aus Dr. Emil Margulies, Dr. Paul März, OSkar Rabinowicz und Dr. Miriam Scheuer. Eine stark besuchte Propagandavevfammlung, in welcher Roibert Stricker, Dr. Solowe:tschik und Dr. MargulieS sprachen, beschloß die Tagung. Sin nngarischet »Bollsbranch". Aus Budapest wird berichtst: Die Blätter melden? In der Gemeinde Atekhaza in der Nähe van ^ogedin gingen am Ostermontag die Burschen des Dvvfes, einem Volksbrau ch folgend, in zwei Gruppen^ die Mädchen mit Wasser zu begießen. Bei einem Haust kam es Awischen den Ove-i Gruppen zu einem S t r e i t, in dessen Verlauf ein Landwirt erstochen und 15 Burschen mehr oder minder schwor verwundet wurden. wurde. Mevdinigs mit etwas mchr Berantwortungsigefühl als es jetzt insbesondere die Jüngst-Döner zu tun bebidben. Wiederholt stellten die Berufenen ein pvnstlichös Sinken des Niveaus und völlige Untauglichkeit der Leitung fest. Die erste Krise trat nach dem Abgang Schröders ein. Damals stand das Berliner Hofu>nd Nationaliheater unter Leitung JfflandS und galt als künstlerisch weit ivertvoller als daS Buvgcheater. Zwei Jahrzchnte hindurch, nämlich nach der Aeta Schrehvogol, soll das Burgchoater nach den vorliegenden ülberemstlvmmenden Urteilen schr minderwertig gewesen sein, trotzdeni Künstler wie Laroche ud Julie Rettich, Beckmann und Luis« Neumann dom Ensemble weiter.angchörtm. Ja, eine Zeit, die man heute häufig und liebevoll als ein« große Buvgtheaterzeit proist, .nämlich die Spanne Zeit mn die Jcchchundertwende, schneidet boi den Kritikern .und Burgcheaierbchuchovn schlecht ab. Man findet — wiederum verantwortungsvoller und fachlicher als cs .jetzt geschlcht (z. B.- in Friedjungs Göschichtswerk), die Feststellung, daß, das Burgtheater stark gesunken ist und vielfach von gvöherm und kleineren anMrsbenden Mhnen übertrofstn wich. Und doch waren es KaiuzqJahre unter Paul Schlencher, mit -Hauptmann- und Jbstn-Premieven. * 1 Aber hu»rdertfünfzig Jahve ist jetzt Rest Bühne alt und fte wich ihren Wert behaupten, wen-n man nicht allen Witz, alle Forschheit, alle kecke Ueberheblichkeit dazu verwendet, Ml ihr einen schlechten Ruf zu machen. Die starken PeMÄtchkÄten, die idealen Gemeinschaften^ die fortgesetztem Widerstand trotzen und sich leuchtend durchsetzen, isind m dieser Ge^nwari dünn gesät. Das Burgtheater zu föchevn ist in den vorhandenen Kräften, in den EntwicklungSmüglichrettön und in der Tatsache ^gründet, daß die gleiche« Zeichen der Schwäch» und des Niederganges auf vielen anderen Kunstgchiote« und fast ans« nahmÄos an allen Bühnen fichtRch find. O. A.

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