Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2559 (8.4.1926)
- Date
- 1926-04-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 0 U, Md Ms«, Donnerstag_ Wiener Movgenzeitung 8. April IW Tagesbericht. NM« Nrainiu. der Schriftsteller und Zionist. Brainin gehört zu Len Schriftstellern unserer zeitgenössischen Literatur, Lenen das große Verdienst gebührt, die Europaisierung dieser Literatur im Selsten Sinne des Wortes in die Wege geloitet zu haben. Ter große Reinemacher in dieser Hinsicht rvar David Frischmann, der gegen den Schwulst, die HöPheit und die Unsachlichkeit der Literatur aus der HaÄalechzeit, mit Sturm und Drang vorging. Er goß über die „Batlon'n^" die Lauge seines sehr scharfen Spottes. Er, Fischmann, erkor sich zunr Kampfe gegen die großen Mängel unserer national: Liicr:tur gerade die Kleinen, Unbedeutenr.u, rv eine Legion gab, um an ihnen zu demonstrieren, cd.ij man nicht schreiben dürse. Anders »var der Weg Brainins. Er ging mit großen: Ernst und mit Würde an die Sache. Er stellte neue Dichter den alten, großen jener Haskalahzeit gegenüber, um durch den Vergleich zu beitveisen, daß die neuen eher die Palmen der Dichtkunst verdienen. So wurde seine Einleitung zu den: ersten Gedichte bä nddyn Tschernichoivskis berühmt, in d.'r er dessen Stimmungsg^richt „Abend" dem ähnlichen des Dichterfürsten der Haskalahzeil, JchuLah Leib Gordon, gegenüberstellte. Er wies hier überzeugend nach, daß TschernichowE den Zauber des heranbrechenden Abends in kurzen, die Seele in wunderbare Stimmungen versetzenden Versen wiederzugeben verniochte, während der große Epiker Gordon sich in philosophische Spielereien erging. Brain-in unterzog auch diesen Gordon als Dichter und den -Smolensk: als Erzähler einer eingehenden literarischen Kritik. Er schuf auch auf diese Weise ein Muster von literarischer Kritik und erzog so die junge Generation. Schöpferisch im «wahrsten Sinne des Wortes wurde Brainin auf den: Gebiete der Biographie. Er veröffentlichte eine geradezu glänzende Biographie Smolensk i s, die bis heute unerreicht ist. Dann gab er eine Lebensbeschreibung des wunder'baren Abraham Mapu heraus und bewies hiedurch, wie trefflich sein künstlerischer und jüdischer Instinkt ist, indem er seine Liebevolle Sorgfalt jenem hebräischen Dichter zuwand!e, dessen Seele in der Haskalahzcit mit großer dichterischer Kraft die alte Heimat suchte und sie in seinen biblischen Romanen wieder belebte. (Daß er Smolenskis Biographie schrieb, ist demselben Umstand zu verdanken.) Schließlich konzentrierte Brain-in all seine Kraft auf die Darstellung des Lebens Theodor H e r z l s, dem jeder Nerv Brumms gehörte. Man hat beim Legen dieses Herzl- Buches das Gefühl, daß hier ein Priester feines heiligen Amtes gewaltet habe, während er im MevheÄigisten stand. Es ist daher kein Wunder, daß alle bisher veröffentlichten Biographien Herzls keinen Vergleich mit der Braininschen auszuhalten vermögen. Ae Hygieneaktion der „Wiener Morgenzeitung". Für den 1., 8., 8. und 88. Bezirk. Die Ankündigung unserer Hygieneaktion in unser« Sonntagsnnminer hat in allen Kreisen großes Interesse gewerkt. Schon gestern sind dem Firmenkomitee die bekannten Unternehmungen Milchindustrre-A.-G., Wien, 3. Bez., L. u. T. Piowntti, Wien, 2. Bez., Dampfwäscherei Habsbnrg, Wien, 8. Bez., beigetreten. Weitere Anmeldungen liegen vor. Wir haben uns über Anregung zahlreicher Leser entschlossen, unsere Aktion aus den ersten Bezirk a u s z u d e h n e n. Seit Jahren gibt Brainin in Amerika eine ausgezeichnet redigierte Monatsschrift, „Hatoren", heraus, die die besten Kräfte des hebräischen Amerika um sich vereinigt. Nicht zuletzt soll der Erzähler Brainin erwähnt werden, da er auch auf diesem Gebiete Ausgezeichnetes geschaffen hat. Wir erwähnen seine Novellen in der Sammlung Ber: Avigdors und feine größere Erzählung in: „Hafchilcach", die den Werdegang eines jüd'schen Künstlers schildert. Aber Brainin gab sich nie mit der Literatur allein zufrieden. Sein Herz gehörte der 'Renaiflaneebewcgung un-' seres Volkes. Die Belebung der hebräischen Sprache und Literatur waren für ihn nur e i n Gebiet, freilich das entscheidend wichtigste. Er nahm stets ar: den wichtigsten zionistischen Tagungen teil -und war eine ständige Figur auf unseren Kongressen. Es ist üciher nur natürlich, daß er in 'Amerika, wo er feit vielen Jahren ständig wohnt, in den vordersten Neihen der Vorkämpfer und Führer des Zionismus steht. Seine große diesbezügliche Bedeutung ist daraus zu ersehen, daß er VizePräsidLNt der Zionistischen Organifativn und des amerikanisch-jüdischen Kongresses ist. Er besuchte zuletzt Erez Israel, wo er enthusiastisch empfangen wurde. Und auch dort stöllte er sich sofort in den Dienst unserer Sache: Er gehörte zu den Hauptoeranstaltern des Schriftstellertages zugunsten des Keren Kaftmeth in Kirjath.Ana'wim. Brainin fühlte sofort heraus: Die VerbiiÄung des hebräischen Geistes mit der Arbeit für die Erlösung des nationalen Bodens gibt einen >w undervar e n K l a n g. Und als selbstver-. ständlich erachtete er es, trotz seines etwas vorgeschrittenen Alters, in den Großstädten- Europas der jüdischen intellektuellen Welt Grüße von ihren Geiftes'brüdern in Erez Israel In das Programm unserer Aktion haben wir Besichtigungen von Lcbensmittelbetrieben, Beschreibung der Wien sichen Errungenschaften der Nahrungsmittelindustrie, populär-wissenschaftliche Aufklärung für das PMikum über Nahrungsmittelfälschungen usw. ausgenommen In den nächsten Tagen werden wir das erweiterte Mrmenkomitee und die Jury Mitteilen, welche über die Prämiierung der würdigsten Lebensmittelgeschäfte in den Bezirken 1, 2, 8 und 2V entscheiden wird. „Wiener Morgenzeitung." zu .überbringe:: und sie aufzuforderu, an: Keren Kajemech mitzuarbeiten. Dr. Chain: Tartakower. Rüden Brainin Mer das intellektuelle Palästina. Heute um halb 8 Uhr spricht Brainin im Ingenieur-, und Architektensaäl, 1. Be;., Eschen bachgasse 9-11, zu den jüdischen Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen. Er wird auf Grund seines mchr als viermonatigen Aufenthaltes in Erez Israel über „Das intellektuelle Palästina" berichten. Er erscheint hier auch als Repräsentant der gesamten jüdischen * Künstler, Schriftsteller und Gelehrten Palästinas, in deren Auftrag er den Intellektuellen Westeuropas Grüß» überbringt. Ein Begrüstungsabend für Brainin. Im Weißen Saale des Hotel Continental (Eingang Praterstraße) finden Samstag den 10. d. ein Begrüßungsäbend für den in Wien anwesenden Nestor der hebräischen Literatur Rüben B r e i n i n, veranstaltet vom hebräischen Beth Waad, statt. Nach den Begrüßungen referiert Breinin über Erez Israel und Amerika: Beginn pünktlich 8 Uhr. Zer ..Judenhaß" in RumLnirn verdate«. Im Selbstverläge der Arbeitsgemeinschaft für kulturelle Propaganda „Prometheus", Wien, erschien vor -einigen Taigen, wie schon berichtet, unter dem Titel .Judenhaß" eine Anchologie, für die Generalmajor Schoenaich, Barbusse, der LorWiischof von Winchester, Vernarb Shaw und viele andere hervorragende Perjsönlichikeiten OriginaWeiträge geschrieben haben, die die Amor-al des Antisemitismus dartuir. -Wie wir erfahren, wurde die Bevbveitnng dieses Buches in Rumänien verboten. Kttnsftlerkahareft Heute Donnerstag den 8. April, Beginn 8 Uhr ferner Auftreten der Sängerin Frau Hilda Dulitzkaja, des beliebten Komikers Herrn Max Streng sowie der berühmten MT russischen II., Praterstrasse 60 (Cafe Astoria) Tel. 43-5-59. / Leiter; Max Streng Tanzfruppe Maximoff u. a. Kaunitz und dar Buratbeater. .Von Dt. Leon Posaner. Die eindringende und unpassende Tätigkeit des Staats- Kanzlers Kaunitz, des berühmtesten M-misters des 18. Jahrhunderts auf dem gesanUen Gebiete der inneren und äußeren Politik, war eine glänzende Epoche in lder Geschichte Oosterreichs. - , . / Seine organisatorische, restlos auf Errichtung der höchsten und edelsten Ziele gerichtete Tätigkeit im Innern war um so unentbehrlicher, als sie bis dahin gefehlt hat, und um so schwerer, als-so manches Vorurteil besiegt, so -manches einzelne Interesse den: großen, allgemeinen untergeordnet werden mußte. Beickmderung rrregt rS, in welch hohem Maße Kaunitz alle feine Erfahrungen und Kenntnisse, die er sich während der langen Jahre feiner Kanzlerschaft aneignete — sie mochten die konfessionellen Angelegenheiten oder das Untorrichtswesen, die Verwaltung des Staates, die Gesetzgebung und die Handhabung der Justiz, die Finanzen und' den Handel a «gehen — Zum Besten des Volkes und Staates verwendete. Ein fünfzigjähriges, ummtschränktes Vertrauen, ein beispiettos-er Einfluß und zahlreiche Erfolge leiteten ihn dahin, daß er den Staat, so wie er war, als seiner Hände Werk betrachtete und liebte. Wenn auch Kaunitz, der neben feiner Zugehörigkeit zun: Staatsrat gleichzeitig als Staatskanzler der Leiter der Außenpolitik blieb, bei den Beratungen des StaatsrateK nicht zu jeder Frage selbständige, größere Denk* schristen vorlogte, sondern sich oft nur der Ansicht anderer, gleichgesinnter StaatLratsmitzlstder anMoß, so gab doch seine Meinung, meist zum Schlüsse der Erörterung eiugejvlt, sch M der; AMWg. Selch Kaser Zgsts, dM Ansichten von jenen des Fürsten vielfach abwichen, erbat sich sehr oft die Meinungsäußerung desselben. * Me'm-mwsdiffereiizei: Mischen den: Staatskanzler und Kaiser Josef den: Zweiten, aber auch mit der Kaiserin Maria Theresia.kamen nicht selten vor, und eine für die Anschauungen Kaunitz' kennzeichnende Meinungsverschiedenheit ergab sich zwischen ihn: und den Majestäten bei der Gründung des „Nalionaltheaters nächst der Burg", des späteren Hofburgtheaters. Kaunitz, Gönner der Künste und Wissenschaften und in feinem Privatleben selbst ein kenntnisreicher und erfolgreicher Kunstmaler, evtvarb sich große Verdienste un: die Kunst-? pflege. So setzte er durch, >daß die wissenschaftlich besonders wertvolle»; und interessanten Kunstschätze des Prager Schlosses, darunter die alchimistischen Geräte Kaiser Rudolfs des Zweiten, als sie auf Anordnung Kaiser Josefs im Jahve 1782 zur öffentlichen Versteigerung gebracht wurden, den: ProfessorMolleginn: der Prager Universität überlassen wurden. Er war es auch, der in einen: Gutachten vom 25. März 1770 die Vereinigung der verschiedenen in Men bestehenden Kunstschulen zu einer einheitlichen Hochschule guthieß und fo — mit Sonn e n fels Zusammen — der Gründer der Wiener Akadenne der bildenden Kün'ste wurde. Sein evwähntes Gutachten ist kennzeichnend fi'rr seine Anschauung über -die höhe Bödentung der Mnste im Staatsleben. Darin führt er aus: „Die großen Künstler Poussin, Lebvun, Giravdin, Mansard und andere hätten den: Staate Frankreich unter Ludwig den: Vierzehnten dauerndere Vorteile gebracht als alle großen Feldherren wie Conde, Turenne, Banban zusanMengenonrnlett. Durch die letzteren ohne die ersteren würde Frankreich wegen seiner durch die Kriege verursachten, unerschwinglichen Schuldenlast verarnit fein, Während es aus dem Gebiet« der Kunst und des Getzmäckes die Gebieterin aller übrigen Böller geworden sei. In den - öfterretchischen Ländern gleichwie in dem größten Teile Deutschlands beisäßen die Einwohner mehr Fleiß als natürliche Anlage::,, und die letzteren seien mehr auf die mechanischen als auf die schönen und freien Künste gerichtet. . Dagegen stand Kaunitz der Gründung eines anderen Wiener Kuustinstitutes von höchstem Rang und Kulturwert -verständnislos, ja ablehnend gegenüber, nämlich der des Ndtionalt'heabers nächst der Murg, des späteren H o f b u r gthea'ters. Wie schon die Bezugnahme auf Frankreich i>: dem obigen Gutachten erkennen läßt, stand Kaunitz persönlich ganz im Banne des französischen Geschmackes. Er war daher auch ein Anhänger «des französischen und Berächt-er des deutschen Schauspieles, das gerade in jenen.Fahren unter Lefsings Einfluß in eine Blüteperiode trat. Dem deutschen Schauspiel im Theater der Wiener Hof- ■ bürg eine wüvdige Stätte zu bereiten, war das Bestreben einiger vaterländisch gesinnter Männer, besonders m Hofrates v. Sonnenfels. Dieser hatte bereits in seinen im Jahre 1770 veröffentlichten „Nachrichten von der neuen Dheaterdirektion" die inoralischen und ßünstler,schon Vorzüge der delltschen vor der französischen Schaubühne vertreten. Der StaatskauZler erging sich in AuKfäller: von ungewöhnlicher Heftigkeit gegen Sonneufels. (In Briefen an den Dheaterdiroktor Grafen Kohary.) Aber Kaunitz befand sich dabei ausnahmsweise im Gegensatz zu -den beiden Monarchsu, denn sowchl Maria Theresia wie Josef der Zweite gaben dem deutschen Dh--'ater vor dem französischen den Vorzug. Kaunitz 'hat denn anch, so maßgebend sonst fein Einfluß' auf allen Gebieten war. die in: Jahre 1776 vollzogene Gründung des „Nationältheaters nächst der Burg" als der erste»: und vornehnlsterr Schauspi-ibühne, durch alle Aeilßerungen seines Unwillens nicht zu verhindern vermocht. ,v ) f ' v.i : '■ i: *, }• i- \; i ■ 2348232353485348532323232323 199999399999999 3