Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2556 (4.4.1926)
- Date
- 1926-04-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 2558 Wien, Sonntag Wiener Moraeirzelti»«- 4. Äpn7 im Serie h ■UfA v ..*/ •» Ein Stallt hebräische Univerfitöt. Von Dr. Fritz LSwerrstein (Iemsalern). Zwei der wichtigstem Schöpfungen der zionistischen Be- 1 'tvegnttg gehen auf eine erste Anregung von Professor Hermann Schag'ira zurück: Ter Lveren Kajvnrech und die hebräische Universität. Während aber ->er Bodenkauffonds schon in einem sehr frühen Stadium unserer Geschichte zur Wirklichkeit wurde, schon 1901, war der Gedanke der hebräischen Universitär noch zu wenig gereift, um bereits in jenen Anfangszeiten des modernen Zionismus verwirklicht zu werden. Als sich znrn ersten Maie gegen Theodor Herz! Opposition regte, als unter vom Einfluß Achad Haams eine Reihe junger Zionisten die demokratische Fraktion gründeten und ein Parteiprogramnr aufstcllten, das im Grunde die ideologische Basis der gesamten heutigen zionistischen Bewegung enthielt, da befand sich auch die hebräische Universität in Jerusalem unter denjenigen Forderungen, die die Anhänger der damaligen Opposition propagierten. Scharr damals verknüpfte Chain: Weizmann feinen Jtaurerr sür imnrer mit dem Gedanken der Universität. Diese Forderung gehörte übrigens zu den wenigen aus dcnr Programm der demokratischen Fraktion, die bei Theodor Herz! Zustimmung fand. Wir kennen einen Brief Hcrzls an Weig-nann, irr deur Herzl irr einer leicht ungeduldigen Form versichert, sein Interesse für deir Uuivcrsitätsgedanken sei unvermindert, er wolle möglichst bald irgend ein praktisches Ergebnis in dieser Frage erzielen und ivolle es eineur künftigen Zusammentreffen überlassen, seine korrkreterr Vorschläge Dr. Werzmann nritznteilen. Hcrzl hat in der Tat die Frage bei Berhandlungeßr ln 5tonstanLrnopcl mit der türkHschen Negierung zur Sprache ge- ' 'bracht. Die Folgezeit, die zuerst den Kamps nur Uganda und tzerzsls frühzeitigen Tod, danrr die Zeit der größterr Schwache der Bewegung (1905—1911), sowie die Ausrinandersetzuirg der Richtungen iimechalb des Zionismus brachte, konnte natürlich dem Nrriversitätsgedanken nicht günstig sein, Nachdeün aber' aus dem zchntcrr Kongreß der Streit beigelegt und die neue Exekutive gebildet lvorderr war, beschäftigte sich eine Mionskauriteesitzun-g mit dieser Frage uud in ihrem 2lustraig referierte Dr. Weizmann auf dem Wiener Kongreß 1913 über das Universitätsprojekt. In der Tat begann unmittelbar nach dem Kongreß vre Vorarbeit, die insbesondere von der jüdischen Studentenschaft begeistert unterstützt wurde. Es war eine wirkungsvolle Demonstration der friedlichen und kulturellen Ziele des Zionismus, als Dr. Weiznramr, an der Spitze der Ziouist Commission, nach der Eroberung Palästinas durch die Engländer, rroch vor Friedensschluß, nach Palästina kam iittiö aus dem Skopuslberge den Grundstein der Universität legte. Eine Demonstration «freilich, ein Versprechen, das eirrgelöst tveroen nrußte. Sicken Jahre nach Friedcnsschluß fand die Ermveihung statt. Wir luolfcn heute nicht noch einmal crzrchleu, was vor einem Jahre die gesamte Presse des In- und Auslandes erfüllte. Wir wollen nur in, Borübevgcherr des außewrdentlichen politischen Effekts gedenken, derr der Mt gemacht hat: Balsour und Allertbh, Vertreicr aller großen Urriversitäten wohnten der Feier bei; zum erstell Make seit der Baksour-Erklaruug beherrschte die gebildete Welt wieder einmal das Güfiihl von der Schönheit und der )kotwerrdigkeit der Verwirklichung des Zionisnurs. Es handelte sich in der Hauptsache nur das chemische und das judaistrsche Institut, die danrals enrgeweiht wurden, ltvozu noch die mikrobiologische Abteilung und die vorläufig in Tel-Mviiv befindliche landwirtschaftliche Bevsuchsstakion konrmt. Am Tage nach der Einweihung fand die Grundsteinlegung für das „Balfour-Einstein-Jnstitut firr Mathematik und Physik" statt, worin das Prvgmanm fiir die weitere Arbeit zunr Ausdruck kam. . Inzwischen ist die Begeisterung verebbt. Der Tourist „erledigt" pflichtgemäß die Universität, wie so viele andere Institutionen, und die zionistische Oeffentkichlkoit hat so nranche berechtigte ultd unberechtigte Kritik geübt. Jabotinsky erklärte im „Raßwjet" die Universitälseintveihnng für eilten leeren Bluff, ein Äorivurf, der jedenfalls vorr keinem derjenigen erhoben wurde, die der Einweihungsfeier beiwohnten. Auf dem letzten Kongreß bewirkte die Kritik, die von Stricker mrd anderen in der Frage der Lehrfreiheit geübt wurde, daß in einem Beschluß der Gedarrte der Lehrfreiheit nachdrücklich proklamiert wurde. In dieserr Tagen hat endlich der „Haavetz" iir einem Leitartikel bedauert, daß die weitere Entwicklung der Universität so langsanr vor sich geht und hat an Dr. Weiznrann, der in den llächsten Tagen hier erwartet wird, appelliert» daß er sich der weiteren Entwicklung wieder amrehme. Richtig ist, daß der Status der Universität am 1. April 1926 sich von dem vor eineur Jahre kaum unterscheidet. Man muß aber fca'bei berücksichtigen, daß von der Grundsteinlegung bis zur Einweihung der ersten beide,: Institute volle sieben Jahre verflossen, und daß die bekannte firranzielle Situation, in der sich die zionistische Bewegung befindet, eine schnelle Entwicklung im Mtzenwärtigen Stadimn kaum erwarten W. Wie sicht es gegenwärtig mit der hckbräifchen Universität aus? Auf dem Dkopus befinden sich in dem kuppelgekrönten Hauptgebärrde das chemische Institut und die mikrobiologische Abteilung; in einem zweiten, etwas unterhalb gelegenen Gebäude, das judaistische Institut. Das chemische Institut ftcht unter der Leitung Prof. F o d o r s, dem die sagenden Assistenten zur Seite stehen: Dr. M. Werzmann (organische Chemie), Dr. Jacobs (ana'ytische Chemie), Frl. Dr. Riwliu (physikalische Chemie), Nessenberg (landwirtschaftliche Chemie). Die Ausgabe des Instituts ist wisseirschasÄich.chenrrsche Forschungsarbeit, besonders ans dem Gebiete solcher Fragen, die für die palästinensische Landwirtschaft und Industrie vor: Wichtigkeit sein können. Um einen wissenschaftlichen Nachwuchs heranzuzichen, besteht eine Vorbereitnngsabteilung, die in beschränkter Zahl Abiturienten höherer Schulen ansnimmt. Es gehören ihr zurzeit 23 Studenten an. Die bisher bestehende Abteilung des mikrobilogischen Instituts steht rrnter Leitung von Dr. Adler. Das judaistische Institut hatte im Winter 1925-1926 61 ordentliche immatrikulierte Studenten sowie zahlreiche-Hörer. Prof. E p st e i n' Talmud siche Philologie. Prof. Klausner: Moderne hebräische Literatm. Raw A s s a f r Die Evo iie der Gaonim. G u l a k r Jüdisches Recht. Raw Segall. Die Sprache der Mischnah. Dr. S ch a l o m d r Die Kabbalah. Außerdem liest in einer Vorbereirungsklaffe: Dr. Schwabe über Latein und Griechisch. Beschränken wir uns auf diele Angaben über diese beiden Institute, da der Zusammenhang der lanvwirtlchaktltchen Versuchsstation in Tel-Awiw und der Ratio,ralbibliothek in Jerusalem mit der Universität noch kein so unmittelbarer ist Einige Worte müsse« dagegen dem finanziellen und organl atortschen Status der Universität gewidmet werden Das Budget des laufenden Jahres beträgt rund 30.000 Pfimd. von denen der Keren H a j e s s o d. 7060 Pfund trägt, während die Restsumme vom amerikani'chen Universitälskomitee. von der Bereinigung amerikanisch-jüdischer Netzte sowie von Baron Rothschild aufgebracht wird. Organisatorisch besteht noch ein Provisorium. Dem jetzigen RmaÄrium gehören an: die beiden Präsidenten Dr.We tzm a n n und Prof. E t n st e i n sowie die Herren B i a l i k, M a g n e s. James v. R o t h i ch i l d, S o k o l o w und Felix W a r b u r g. Als ihr Bevollmächtigter für Palästina fungiert Dr. M a g n e s, dem ein vaiästinei sischeS Komitee aus Schynrrja Lewin, Pick, Ruppin, Sacher, Ukfifch» , k i ü, Prof. Marburg und Zlocifit angehöreq. Das ist | abef, wie gesagt, nur ein provisorisches Studium. Für die end- 1 gültige Regelung ist em Beschluß des letzten Kongreßes maß» gebend. Der Kongreß verlangt vor allen: die Ausarbeitung einer endgültigen Verfassung der Universität, die der Genehmigung des Aktionskomitees bedarf und in der „für die Sicherung des b e st i m m e « d e « E i n f l u s s e S der Zionistischen Organisation in de« V e r w a l t u n g s k S r p e r n der Universität Vorsorge zu treffen" ist. Diese Verfassung istauS» geaibetiet und kann der nächsten AkUouskomiteefitzung vorgelegt werden. Erst dann kann auch ein anderes Verlange» erfüllt werden nämlich dieUeberfnhruug des Universitätsgrund st ückeS (ISODunam) indenBesiitzde-S' Keren Kajemeth. In der nächsten Zeit wird sich die UnÄersiW in setzenden Richtungen weiter entwickeln können. Zunächst in organisatorischer. Darüber ist das Notwendige bereits oben ■ gesagt worden: Genehmigung der Verfassung durch das Aktionskomitee, Einsttzuug der definitiven Körperschaften der Universität, Usberführung des Grundstückes in das Eigentum des Jüdischen 3ifl> tronaiifonds. Wichtiger dagegen ist die Tatsache, daß in drestm Sommer mit dem Bau des mathematisch-physikalischen Instituts begonnen werden solh für das der Grundstein vor einem Jäh re gelegt wurde. Diese Arbeiten stehen unter der Leitung von Dr. Amiva, der im übrigen schort heute sür die Chenriestudenten Vorlesungen über höhere Mathematik hält. Für dieses Institut sind auch die LchrPWve SsreAs in Vorbereitung, so daß mit bex Eröffnung in absehbarer Zori gerechnet werden darf. Auch die geisteswissenschaftliche FcMtat kann in absehbarer Zeit mit einer Erweiterung rechnen: Pwf. Hurwitz (Frankfurt a. M.) trifft m den nächsten Tagen hier ein und wird mit Vorlesungen und Uebungen beginnen Das wird der erste Ansarrg einer Verbindung dar rein judasstkschen Wissenschaften mit dem umfassenderen Gebiet der Oriontalia bedeuten. Auch im mikrobiologischen Institut ist mit einer Erweiterung zu rechnen, und zwar wird in erster Linie an den Mterlungen für öffentliche Hygiene urrd für Bakteriologie gearbeitet. Endlich wirb sür die NationaÄMiochek, die ja zugleich als Universitätsbibliothek fungiert.und die zurzeit in drei gemieteten ambischen Häusern in der Stadt untergebracht ist, ein Gebäude aus den Mitteln der David Woffschnscheu Hinterlassenschaft gebaut ioerden. Das interessanteste und wichtigste Problarn der Umvevsität ist die Frage, ob wir ein reines ForschungsinstitUil oder eine Lehruniversität zu orrichlen gedenke«. Die oben gegebenen Ziffern über die zurzeit vorhandenen Studentev widerlegen zwar einerseits die häufige Behauptung, daß es überhaupt keine Studenten gäbe, aber ihre Zahl ist doch zienllich kleür. In der Tat ist es für den au mitteleuropäische Universitäten Gewöhnten nicht ganz einfach, in den in Jerusalem bsfiMrchew Instituten eine Universität zu erkennen. Es hcchen hier englischamerikanische Vorbilder mitgewiM. Biele avrerikanische Univer- Mten haben so gut wie gar keine Studenten, sorckeru M Es wurden folgende Vorlesungen abgchalten: Das vor Jahresfrist rröffnete Ge bäudc der hebräischen Universität ....