Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2556 (4.4.1926)
- Date
- 1926-04-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2556 Wien, &ötüdflg Ser Kamps um Peking. MttS-eitge bomHm?-Lerett die Stadt. — Mehvere Häuser beschädigt. — Lote un>d Verletzte. Peking, 3. April. Heute vormittags haben Beschießungsflugzeuge der verbündeten Truppen die Stadt offenbar zu dem Zweck überflogen, das Hanptquartier der Kaommschun-Truppen zu treffen. Bier Bomben im Gewicht von 60 Pfund fielen auf das Gebiet des Winterpal ast e s, in der Nähe der französischen Million und der Kathedrale von Paitang nieder. Menschen sind der Beschießung nicht zum Opfer gefallen. Nachmittags wurden im chinesischen Viertel tveitere vier Fliegerbomben abgeworfen. Mehrere Häuser wurden beschädigt. Inmitten einer dahi «ziehenden Hochzeitsgruppe wurde die Braut getötet und mehrere Personen verletzt. Kämpse an der Iralgrenze. Bagp<ü>, 3. April. (Reuter.) Britische Ta n k s sind gestern vormittags an der Grenze zwischen 2 y r i en u n d d e m Irak in Mion getreten, als syrisch-arabische Stämme einen Stamm des Jrakgebietes, dem die Vereidigung eines Grenzpostens Mag. angrissen. Ter Feind überschritt mit 2000 Mann die Grenze des Jrakgebietes. Die britischen Tanks fügten den eindringenden Stämmen schwere Verluste zu. Als die Flugzeuge erschienen, floh der Feind unter Zurücklassung von 45 Toten. Die Verluste d-'s Feindes an Verwundeten sind nicht bekannt. Vor dem Eingreifen der britischen Streitkräfte hatte der britische Offizier die Weisung erhalten, den Jrakstamm des Scheichs Habil von der Eröffnung der FoiriMigkeiten und der Verfolgung des Feindes über die Grenze des Jräkgebietes hinaus zurückzuhalten. Ne Finanzvorlase im franzWche« Senat angenommen. Paris, 3. April. (Havas.) Der Senat hat die Bürgersteuer angenommen und sich mit 189 gegen 103 Stimmen für die Abtrennung des Artikels betreffend das P etroleummo nopol ausgesprochen. Mit 232 gegen 12 Stimmen wurde spät nachts der abg ränderte Finanzgefetzeritwiuvf m seiner Gesamtheit angenommen. Die Kammer soll über die Vorlage noch .heute nachts verhandeln. Ser französische BSlkerbunddelegterte in Pole«. (Eigerrdienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 3. April. Der Delegierte Frankreichs beim Völkerbund, Paul Boncourt, ist nach Warschau abgereist. Pressevertretern gegenüber erklärte Boncourt, daß er Danzig, das polnisch-ruffische GrenMbiet und den polnischen Korridor bereisen werde, um sich persönlich ein Bild von der in diesen Gebieten herrschenden Stimmung zu schaffen. Er fühle sich verpflichtet, sich aus eigener Anschauung eine Uelberzcugung zu bilden, noch ehe die Frage wegen Beilegung der Streitfragen in der osteuropäischen Politik den Völkerbund beschäftigen werde. Wsettkr MorftMzeskuNii_ Sie gnven und nie neue rnmiinische Negierung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Klausenburg, 3. April. Die neue rumänische Regierung des Generals Averescu basteht zum großen Teil aus siebenbürgischen Politikern. Ueber die Stellung der Juden zur neuen Regierung äußerte sich der Präsident des Mischen iNationalverbandes für Siebenbürgen, Dr. Josef Fischer, 'im „Uj Kelet" folgendermaßen: „Die Ernennung der neinen Regierung wirkt ohne Zweifel überraschend. Das Judentum fühlt sich infolge seiner 2* llnrig als nationale Minderheit im allgemeinen nicht berufen, sich in die Kämpfe der einzelnen Parteien einzumengeu. Das einzig mögliche Ziel der jüdi'chen nationalen Mnndecheit kann nur darin bestehen, die Jnaugurierung eines d c m o k r a t i s ch e n Kurses im Staatsleben zu fördern, der zur Anerkennung der nationalen Rechte und Sicherstellung der Lebensbedingungen des Judentums führt. Da die Regierung noch kein detailliertes Progrannn gegeben hat, iväre eine Stellungnahme unsererseits noch verfrüht. Immerhin kann ich als Positivunr zugunsten der jüdischen Minderheit versuchen, daß der Kultusminister der Averescu-Regierung in 'seiner Äl MM sssajs •mm >_T* Hel feinstem Genuß das Bekömmlichste für die Gesundheit: Kathreiners Kneipp Nalzkaff ee Tögflche grolle Ersparnis an Wirtschaftsgeld. _4. April 8 I Begrüßungsansprache in der Arader Konferenz des jüdischen Nationalverbandes sich als unbedingten Anhänger der jüdisch-nationalen Ideen bekannte und für die kulturellen und sonstigen Bestrebungen des Judentums großes Verständnis zeigte. Ein ferneres Pofikivum ist, daß das an die öffentliche Meinung des Landes gerichtete Manifest »des jüdischer Nationalverbandes gegen das Anghelese«-- s ch e Schulgesetz von der Averescu-Partei günstig ausgenommen wurde, und e'in Senator der Averesou-Partei, der Klaufentburger Probst Dr. D a i a n u behandelte scgar das Manifest im Senat und nahm entschieden dagegen Stellung, daß den Juden die Muttersprache oktroyiert werde. Das sind, soserne die Averescu-Regierung ihrem Parteiprogramme treu bleibt, günstige Diagnosen. Nach den Gemeindewahlen, für welche wir mit der vereinigten Opposition einen Wahlpakt geschlossen haben, und bei denen wir unserer: Perbüüdeten materielle Dienste leisteten, hat die Judeuschast ihre politi'che Aktionsfreiheit in vollem Maße wieder erlangt und hat für die allgemeinen Wahlen freie Hand. Die jüdische Wählerschaft wird als einheitliche Gruppe auftreten müssen. Bis dahin müssen wir eine zuwartende Haltung einnehm. Ungarns Anslandsvertreter. Ein Konsul, der seine Landsleute auspli'mdert. Budapest, 3. April. (Tel.-Komp.) In politischen Kreisen bespricht man lebhaft eine Peinliche diplomatische Affäre zwischen Ungarn und Brasilien. Die ungarische Regierung hatte bisher in Rio de Janeiro einen Honorarkonsul, namens Ludwig F illinger, von dem es sich jedoch in letzter Zeit herausstellte, daß er sich systematisch mit der Ausplünderung der nach Brasilien ausgewanderten ungarischen Bauern befaßte. Fillinger wurde vor zwei Monaten von seinem Amte enthoben und die ungarische Regierung sandte nach Rio de- Janeiro den Konsul Stephan Revicky. Da jedoch die ungarische Regierung es entgegen den diplonratischen Gebräuchen versäumt hatte, die vorherige Zustimmung der brasilianischen Negierung zu dieser Ernennung einzuholen und es Fillinger in Rio de Janeiro gelang, der brasilianischen Regierung über seine Enthebung falsche Informationen zu geben, verweigerte die brasilianische Regierung Revicky das Exequatur, so daß Revicky nach Budapest zurückkehren mußte. SzSrtsey in häusliche Uebevwachirng übergeben. Budapest, 3. April. Die Verteidiger des im Zusammenhang mit der Frankenfälschungsangelegenheit in Haft befindlichen Josef S z ö r t s e h haben mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand Szörtsehs um die Bewilligung seiner häuslichen Ueberwachung angesucht. Der Strafsenat hat dies bewilligt unter der Bedingung, daß die Verteidiger die Kosten der Untersuchung im Betrage von 10 Millionen Kronen im voraus deponieren. Nachdem dies heute geschehen ist, hat Szörtsey, abends das Gefängnis verlassen. Sie Tragik des Uninteressanten. Von Anitta Müller-Cohen. Gewiß, ich werde etwas erzählen, was ohnedies alle wissen. Wahrheiten, die auf der Straße liegen, denen keiner nachschaut und die keiner mehr hören und wissen will. Aber es muffen diese Dinge doch einmal gesagt werden — nicht etüva darum, weil die, die sie lesen, vielleicht doch zu einer wärmeren Auffassung bekehrt werden könnten, sondern einfach als Dokument unserer Zeit, der es Vorbehalten ist, so vieles Neue und Absonderliche zu erfinden rmd die auch diese neue, absonderliche, langweilige und uninteressante Art des Elends erfunden hat. Wer, besonders unter uns Juden, kennt das Elend nicht? Es ist ja unser treuer Weggenosse seit Jahrhunderten, der uns nicht verläßt. Oh, wir femten das Elend! Das schreiende, blutende, das seine Lumpen zeigt, das um Hilfe ruft, das seinen Hunger und seine Wunden auf die Gasse trägt. Wir kennen es. Wir >haben es noch vor ganz kurzem in seiner Blüte erlebt, als der Krieg Tausende Flüchtlinge zu uns warf, die obdachlos auf den Straßen standen, die hungerten und darbten, die nach ihren Kindern weinten, die blaß und krank vor uns zusammeübrachen. So sicht das Elend aus. Wir hatten reichlichen Anschauungsuntevricht. Wir müssen es kennen. Und niemand kann von uns sagen, daß wir Juden unser Herz verleugneten, wenn wir auf solches Elqnd trafen. Wir wurden immer gerührt, immer an unsere Pflicht gemahnt, #u retten und zu helfen; wo uns das Elend in solcher Form anrief, waren wir bereit. Heute aber — heute hat das Elend andere Formen angenommen. Es liegt nicht mchr auf den Straßen in langen Reihen, frierend und hohläugig. Es sicht nicht mchr in schtvarzen Klumpen obdachlos in den Gassen, 'den gottergebenen Blick zum Himmel gerichtet. Wir haben keine Auslspeisungen mchr. Der Flüchtling ist ein Mitbürger geworden, alltäglich und darum uninteressant wie das Elend, das heute unsere Straßer, ersM und darüber hinaus das halbe Europa. Dieses Elend liegt nicht mehr auf der Straße. Es verkriecht sich in beit Häusern. Es zeigt nicht mehr feine Lumpen — es trägt den letzten guten Rock, den es schont rmd Wegt Uie das letzte pfen LMtchognung und MnMg aus eine bessere Existenz. Diese Menschen klagen nicht und schreien nicht um Hälse. Sie lächeln. Sie dürfen ja ihre Not nicht so bloß und blank zeigen, 'damit sie nicht selbst den letzten Kveditsaden zerreißen, an denen ihr Leben noch hängt. Sie lächeln, wenn sie sich mit tödlicher Angst im Herzen in den Greislorladen schleichen, in dem sie ihr trocken Brot aus Schuld nehmen dürfen. Heute noch. Wird dem Manne morgen nicht die Geduld reißen? Was dann? Verhungern? Und sie lächeln, um den Gläubiger milde zu stimmen, um vielleicht dem Schicksal auch ein freundlicheres Gesicht abzuringen. Sie lächeln, wenn sie in den Versatzämtern stehen und die letzte Habe vor den Augen des Schatzmeisters ausbreiten. In der kahlen Wohnung hat der gequält suchende Blick nichts mehr gesunden, nichts, was nicht schon den Weg aller vorsetzbaren Habe gegangen wäre. Und auch der kleine Geschäftsmann lächelt. Seit Tagen hat sich keine Kundschaft in feinen Laden verirrt. Seit Tagen stcht feine Frau mahnend vor ihm, die Hand ausgeistreckt — nur ein bißchen Geld möchte sie, nur für heute. Aber feine Kassen find leer, die Maren, die er auf seinen Regalen liegen hat, sind geborgt — er sieht ins Graue, in eine Zukmrft, die für die Möglichkeit des Lebens keinen Platz mehr hat, aus einer Gegenwart, die keinen Platz für die Hoffnung hat. Wenn die Türklingel geht, lächelt er — es könnte ja doch eine Kundschaft fein, der sein Lächeln Vorspiegeln soll, daß er sorglos und weitblickend, die bestell Maren erwirbt und anbietet, es könnte auch der Gläubiger fein, der eine längst fällige Ratenzahlung holen kommt, der Gaskassier, der den letzten Wärmespender erbarmungslos vorschließt, lveun die Rechnung nicht bezahlt wird. Und es lächeln die vielen, die auf Stellungssuche sind. Kein Chef liebt -weinende, verzweifelnde Angestellte. Wer traut ihnen die Ruhe zu, die Ehrlichkeit, die Kraft, die die Arbeit erfordert? Und wenn ihm auch die Angst, daß auch dieser Gang wieder vergeblich fein könnte, die Kehle zufchnürt, wenri er am liebsten herausbrüllen möchte: ,Mb, gib mir diese Arbeit, du rettest Leben damit" — er lächelt, er heuchelt Gleichmut und Ruhe. Und an diesem lächelnden, scheuen, geduckten Elend gehen die Menschetl vorbei. Es scheint ihnen nicht interessant genug, nur ihnen einen Augenblick des Nachdenkens abzulocken. Sie sehen es nicht, weil sie es nicht sehen wollen. Wer es aber sicht, in feiner ganzen furchtbaren Größe, in feiner ganzen furchtbaren Tragik, das ist der sozial« Arbeiter, Zn uns kommen alle diese, so wie der Kranke zum Arzt kommt, selbst wenn er sein Leiden vor der ganzer: übrigen Welt verbirgt. Wir hören ihre Not. Die Geschichte der BöKer ist aus viele Bücher und Blätter geschrieben worden. Die Geschichte dieser Menschen in Not kann man von Bevsatzzetteln ablesen. Jeder einzelne ist eine Station auf der rasend schnellen Fahrt, die auf der sozialen Stufenleiter abwärts führt. Wenn der erste Zettel ein Schmuckstück bescheinigt, irgend ein hübsches, aber unnötiges Beiwerk des Lebens, so zeigt der letzte, daß auch das Unentbehrlichste, das Notwendigste zu Gold gemacht werden mußte. Der Polster, der letzte Rock, die Nähmaschine, an der die Frau einen Lebensunterhalt verdiente, sind ins Versatzamt gewandert. Sie war krank, sie mußte leiben — sie mußte ihr Heute retten, ans Morgen konnte sie nicht denken. Oh, dieses fürchterliche Wort: ,Man muß doch leben." Jede Faser, jeder New fchre-t nach Leben und Lebemvollen. Aber das Lebenikönnen ist ein Problem geworden, mit dem sie nicht fertig werden können. Qh, die Marter, mit wundem Gehirn nachzugvübeln um Möglichkeiten, irgendwo in dieser großen Stadt muß doch das Geld liegen, diese erbärmlichen paar Schilling, die man braucht, um zn leben, um die kranke Frau ins Spital zu schaffen, um das hustende Kind in Licht und Sonne zu bringen. Irgendwo — wenn man doch arbeiten will und mit -den Nägeln die Pflastersteine auf-reißen möchte, wüßte man, daß da das Geld verborgen liegt. Oft und oft kommen Frauen zu uns, weinend und wehklagend, und erzählen, daß ihre Männer Ware oder Geld veruntreuten und jetzt dafür verhaftet wurden. Und wir, die das Leben und unsere Arbeit tief zu schon gelernt hat in diese Zusammenhänge dieses Geschehens, wir wißen, daß diese Unglücklichen nach fürchterlichsten und qualvollen Kämpfen zu Verbrechern wurden, da sie den Hunger von Weib und Kind nicht mchr mitansehen konnten und daß auf die Anklagebank neben, nein, an Stelle dieses Mannes alle jene gehren, die hätten helfen und retten können und die es nicht getan haberr. Wenige haben sich -die Mühe genommen, diesem verschwiegenen Elend nachzugehen, wenige haben die Liebe ge- . habt, die hinter dem verkrampften Lächeln aus dem Gesicht dieser Männer, das Elend und die Bertzweisümg geschm häfter.