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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-04 · Heft 2556 (4.4.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2556 (4.4.1926)
Date
1926-04-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ewt £ Dien, Qualiaß 5cIxSie .sdfAjahraärfei Mburaaasse5 Die Absage der Attioaskomiteefltzung. Bon Robert Strick«. Die Verfassung der Ziomftifchen Weltorganisation bestimmt, daß mindestens einmal in sechs Monaten das vom Kongreß gewählte Aktionskomitee einzuberufen ist. Im April läuft der Termin ab und vor einigen Wochen wurden die Mitglieder des A. C. vom Präsidium davon verständigt, daß Mitte April eine Sitzung ftattfinbcn werde. Nunmehr versendet das Bureau der Londoner Exekutive die Mittellung, daß von der Einberufung der Sitzung Abstand genommen und daß vor August keine Sitzung abgehalten wird. Als Begriindung wird angegeben, daß Sokolow nach Südafrika fährt, daß mit der Anwesenheit „noch nicht sicher gerechnet werden kann" und „es nicht ausgeschlossen ist, daß seine Anwesenheit in London Ende AprÄ dringend notwendig ist". Ueberdies wird der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß eine A. C.-Sitzung im April die Arbeit für den Keren Hajefsod und die Organisationskampagne stören könnte. Nach Schilderung aller Peinlichkeiten und Behinderungen, die eine A. C.-Sitzung naturnotwendig verursacht, schließt die Kundgebung des Londoner Bureaus mit dem herzerquickend und befreiend wirkenden Satze: Es ist demnach zu hoffen, daß die A. C.-Sitzung wieder aufgehoben wird und die Jjar- Aktion ungestört ihren Fortgang nehmen kann." Nach einem langen Winter zionistischen Mißvergnügens endlich eine Frrihlingsfrische, sonnige .Heilsbotschaft: Es findet keine A. C.-Sitzung statt. Die drohende Gefahr ist glücklich abgewendet. Ich will nicht viel davon sprechen, daß die Abberufung der termingerechten Sitzung der einzigen, vom Kongreß regulär gewahrten, autoritativen Körperschaft den Satzungen der zionistischen Verfassung nicht entspricht. Ich will nicht um Statuten streiten. Ich erwähne die Verletzung der Form nur darum, weil ich sie als neuerlichen Ausdruck des Geistes hervor heben will, der unsere Organisation seit Jahren beherrscht und aushöhlt, des Geistes der Selbstverachtung, der Selbstverneinung. Sonst geht es mir nur um die Sache. Ich nehme gegen die.Abberufung der A. C.-Sitzung Stellung, weil sie eine Verschärfung und Vertiefung unleidlicher Zustärwe in der Zionistischen Organisation bedeutet und den Beginn be§ Gesundungsprozesses Verzöger" Der Kongreß ist auseinandergegangen, ohne eine Leitung zu wählen. Das Aktionskomitee hat drei Monate später die alte Leitung mit der Weiterfichrung der Geschäfte betraut. In der Zwischenzeit haben die Vertreter der wichtigsten Ressorts in der Leitung ihre Stellen niedergelegt und es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, daß heute die große Organisation jeder Führung entbehrt. Einzig und allein die Bureaukratie ist geblieben, nur die Beamten der Exekutive und der Fonds in London, Jerusalem und Berlin sind auf ihren Posten. Man kann sich vorstellen, daß in Tagen ruhiger Entwicklung die Leitung der Organisation eine kurze Spanne Zeit hindurch von diesen Bureaukraten besorgt werden könnte, ohne daß schwere Schäden daraus erwachsen. Aber wir leben heute nicht in einer Zeit ruhiger Entwicklung, im Gegenteil, wir befinden uns in einem Stadium der schweren Krise, vielleicht der schwersten, welche die Zionistische Organisation zu bestehen hatte. Die drei Jahre lang verfolgte Politik der Entnationalisierung der Zionistischen Organisation und ihrer Anpassung an die Assimilationsjuden, die „Bündnispolitik", die „Jewish-Agency-Politik", welcher der Kongreß noch mit neunzig Prozent seiner Stimmen Billigung zusprach, ist niedergebrochen. Was ist an ihre Stelle getreten? Nichts! Seitens der verantwortlichen Führer und Gruppen ist noch keine Aeußerung darüber gefallen, was nunmehr zu geschehen hat, keine Andeutung, wie sie sich eine neue Orientierung denken. Ohne politische Steuerung treibt die Zionistische Organisation da und dorchin. Die Fonds weisen Rückgänge auf. Das Palästinabudget ist nicht gedeckt. Bon nichtzionistischer Seite her wird gegen uns mobilisiert. Das Verhältnis zur Palästinaregierung ist unklar geworden. Man überläßt die Auseinandersetzung mit der Mandatsmacht der lokalen Vertretung der palästinensischen Judenschaft, dem Waad Leumi, und der Presse. Das Schweigen der Exekutive in der Frage dex Entfernung der Juden aus dem militärischen Grenzschutz charakterisiert den Zustand völliger Passivität, in den wir geraten sind. Das Aktionskomitee ist die einzige Körperschaft, welche die Kräfte der Organisation zusammenfaßt. Das Aktionskomitee ist unser Parlament. Die Einberufung dieses Parlamentes bedeutet die einzige Möglichkeit, der Stagnation zu entrinnen, der Desorganisation Einhalt zu gchieten. Der Beschluß der Exekutive, die zeitgerechte Einberufung des AktionÄomitees zu unterlassen, ist kein guter. _Msemr Morckkik-elkimck " Ae antijüüische Welthetze. Sewdo y Nttar. Es bietet sich zufällig Gelegenheit, in die autisfmitrsche Giftküche zu schauen, in der die Rezepte des Helt-- hasses ausgearbeitet werden. Es ist eine raffinierte, in aller Heimlichkeit durchgeführte Methodik am Werk. Sie verschmäht kein Mittel, um ihre Lügen an den Manu zu bringen. Sie verfügt über eine Weltorganisation, deren Bedenkenlosigkeit trefflich verwertet wird. Irgendwo wird ein Märchen erfunden und harmlos gedruckt. Ern Zeitungskorrespondent liest es, setzt etwas dazu, was entweder seine Phantasie ihm eingibt oder was er an Tratsch zu hören bekommt, schreibt das ganze säuberlich ab und schickt es seinem Blatt. Judenfabeln werden begierig abgrdrnckt. Die Indem sind die Bolschewiken, die Radikalen, die Weltverderber. Das ist genügend oft erzählt worden und wenn auch jeder Leser auS eigenem die Unwahrheit feststellen konnte, so bleibt doch etwas bei ihm haften. Dann fließt dis Geschichte von einer Zeitung in hundert andere, wird übersetzt, nachgedruckt und steht plötzlich als Tatsache da. Es gibt antisemitische Zentren, die dann die Weiterverbreitung, die politische und statistische Verwertung besorgen. So wirds gemacht und ein derartiges Zentrum befindet sich auch in der mitteleuropäischen Metropole Wien. Da schickt uns ein Freund ans Madrid einen Zeitungsausschnitt aus „El Debate", einem katholischkonservativen Organ. Der Ausschnitt ist vom 1. November des Vorjahres datiert und besagt in wörtlicher Uebersetzung: Das jüdische Problem! Unter den vielen Europaproblemen, von deren Lösung der Kulturfortschritt, der religiöse Friede, das wirtschaftliche und soziale Wohlbefinden verschiedener Länder abhängen, steht an erster Stelle das jüdische Problem Das Land, in dem dieses Problem die gefährlichste Aktualität erreicht hat, ist Oesterreich. Zu dieser Nation und ganz besonders Wien, stoßen täglich russische Juden, hauptsächlich uur, um das Land zu verjuden und mit bolschewistischen Zellen zu durchsetzen. Ein Land, das abgesehen von der Revolution von 1918 und abgesehen von dem Hauptorgan der sozialistischen Partei, weiter ein großes Kulturzentrum, ein starkes Bollwerk der GRABEN-FRISIER-SALON Wien, I. Graben 12 / Telephon 74-2-26 Diese neueröffnete grösste und modernste Werkstätte für Haararbeiten und Schönheitspflege arbeitet Perücken, Scheitel und Transformationen, für deren allererste Qualität der Internationale Meister Kar) Schlroky. jeder Dame persönlich haftet. 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In zahlreichen Versammlungen, öffentlich und auf der Universität, in den wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften der Katholiken und Nationalisten, in den verschiedenen politischen und literarischen Zirkeln und im Schoße der Familie arbeitet und kämpft man gegen die jüdische Gefahr. Die Parteien, die sich in diesem Kampfe am meisten hervortun, sind die katholische oder christlichsoziale, die d e u t s ch n a t i o n a l e, die L a n d b ü n d l e r, die neue der Frontkämpfer (Partei der ehemaligen Kämpfer) und die H a k e n k r e u z l e r (Partei der österreichischen Faszisten). Die Häupter der sozialistische« Partei hatten sich jetzt von dem Kampfe offiziell fern, aber in ihrem Innersten billigen sie die Offensive ihrer politischen Gegner gegen die Juden. Die Partei der österreichischen Legitimisten, geführt von dem Sektionsrat Dr. Schager, dem Verwalter der Habsburger-Güter, führt auf ihrem Banner die Devise: „Krieg den Juden." Wenn diese Partei, die niemals seit ihrer Gründung den geringsten Unterschied zwischen Katholiken, Protestanten und Juden machte, sich entschlossen hat, in ihr Programm den hartnäckigsten Kampf gegen die Juden aufzunehmen, so aus dem Grunde, da sich ihr Haupt wie er es mir dieser Tage selbst sagte, überzeugt hat. daß die Juden eine große und eminente Gefahr für die Familie, die Kultur und die Neligion in Oesterreich bilden. „Sicherlich hat der Monarchismus nichts mit Antisemitismus zu tun", sagte auch Doktor Schager, „aber als österreichische Monarchisten, als gute Patrioten können wir vor der jüdischen Gefahr, die uns bedroht, nicht untätig bleiben und wir wären weder gute Oesterreicher noch gute Monarchisten, wenn wir mit gekreuzten Händen dastehen blieben. Während der Monarchie war der Antisemitismus durchaus nicht nötig. Aber seit der Nevolution haben sich die Dinge geändert und wie ein deutsches Sprichwort sagt: ,^egen l UM itefi Nr. W« mkmmm Ä Daue rsf rümpf e haba Weltruf m I Elegant, unverwüstlich s Uebferirtl «rhO flieh Zentrale: LEO SUSSMANN Wien, 1. Bestrk, SchwertdMuie Nr. % neue Gefahren neue Defensivmethoden" und das in Oesterreich und in allen Staaten, die von der jüdisch-bolschewistischen Welle bedroht find, die im Begriffe ist, Zentral enropa und den Palkan zu überschwemmen. Die Offensive gegen die In-«» ist allgemein in den Staaten Zentraleuropas, W* am meisten exponiert und in erster Linie bedroht find. In allen diesen verfolgt man die Juden, bekämpft sie und haßt sie. Die, die dabei am Werke sind, sind überzeugt, daß die Juden die einzigen Träger der bolschewistische« Mikroben, die ärgsten Feinde der christlichen Familie and — Rettgion bilden. \ Das Beispiel Rußlands, wo fast alle rn der Regierung und die hohen Funktionäre Juden stnd, verursacht tiefsten Abscheu. Ich hatte Gelegenheit, mit einer österreichischen Persönlichkeit zu sprechen, die einige Monate in Rußland zubrachte und mit ihren Eindrücken und Erfahrungen ans diesem Gebiete werde ich mich ausführlich in einem anderen Artikel beschäftigen." Das ist, wie man sieht, eine konzise Zusammenfassung der Anschuldigungen, die wir täglich und stündlich in der Wiener Pogrompresse vorgesetzt erhalten. Der findige Korrespondent, der seinen Brief mit „Damrbio" unterfertigt, heißt Sardo h Vilar, ist Mitglied der Union der Auswärtigen Presse in Wien. Er ist, wie sich von selbst versteht, gut und streng katholisch und hat, wie sich wieder von selbst versteht, von jüdischer Seite große Wohltaten erfahren. Er weiß natürlich, daß jedes Wort in seinem Artikel eine faustdicke Lüge ist, und er kann sich darüber in den vielen jüdischen Familien, in denen er verkehrt, Aufklärung holen. Wenn das nicht genügen sollte, so kann er das in der Familie seines Schwieger- Vaters, der auf dem Wiener jüdischen Friedhof begraben ruht, erfahren. Dieser Sardo h Vilar schreibt seinen Artikel für sein Madrider Blatt. Das heißt, er schreibt aus den Wiener Rilualmovdblättern ab, setzt etwas hinzu, und wenn ihm sein jämmerliches Wissen ausgeht, so läßt er sich von dem Schager etwas erzählen. Das ganze freche Gewäsch erscheint in einem ernsten Journal in Madrid, in einem Laude, das sich bemüht, politische Sympathien bei der spaniolischen Judenschaft zu erwecken. Das spanische Volk in seiner breiten Masse kennt den Juden überhaupt nicht, also auch nicht den politischen Judenhaß. Aber, da die Wiener Zentrale, in der -Sardo h Vilar verkehrt, alle Welt mit ih^em Geifer wider die Juden zu vergiften wünscht, so muß dies auch in Spanien geschehen. Aus „El Debate" wandert der Wiener Brief in die übrige spanische Presse, nach Nordafrika, nach Brasilien und Argentinien und tut überall seine „aufklärende Wirkung." Aber die Wiener Zentrale versteht ihn auch anders ztt verwerten. Sie übersetzt ihn in andere Sprachen und verschickt ihn. So finden wir diesen November-Erguß in der gesamten deutschen Hakenkreuzpreffe und auch die in Madrid angekündigte Fortsetzung (die uns nicht vorliegt), lesen wir Ende Noveniber in der sonst sehr auf Reinlichkeit haltenden „Kölnischen Volkszeittmg", die ohne Widerspruch abdruckt, daß ,chie Inden (in Wien) im Besitze des Geldes und die einzigen sind, die nicht körperlich arbeiten." Sie druckt auch nach, daß in Oesterreich (außerhalb Wiens)' noch rund 100.000 Inden leben. Deutsche Zeitungen pflegen Statistik zu kennen. Hier ist das nicht notwendig. Der Zweck heiligt das Mittel. Besagter Sardo y Vilar ist Vorsitzender deS Cluib efpagnol in Wen, einer Körperschaft, die viele spaniolische Mitglieder zählt. Werden die diesen Vorsitzenden noch lange dulden? Solche Sardos gibt es übrigens noch einige mehr in Wien und sie alle wirken natürlich als ehrenhafte, standesbewußte Journalisten nur für die Wahrheit, und für die ihnen von ihrer Zentrale ein-- getrichterte Moral. So wird's gemacht. Ae Krise ia Jugoslawien. Belgrad, 3. April. (Avala.) Die Blätter veröffentlichen Erklärungen Stephan Radie', wonach dieser seine Forderungen aufrecht erhält, wenn auch infolge derselben die Regiernngskoalition in Brüche gehen sollte. Die der Radic-Partei angchörigen Minister haben der heutigen Bormittagfitzung des Ministerrates nicht 'beigewohnt, _ Ae Unruhen in Kalkutta. 12 Tote, 100 Verwundete. Kalkutta, 3. April. (Reitter.) Bei den Zusammenstößen < zwischen Hindus -und Mohammedaner« wurden 12 Personen getötet und etwa 100 verwundet. Biele Geschäfte tvurden geplündert und mehrere Moscheen und Tempel entwelht. Die Polizei hat die Ordnung wieder hergestellt. Brand i« den Londoner Volk». Aus London wich telegraphiert: In emem WotU lager der Londoner Docks brach heute ein Brand a-ns, der n n g ehe u re n S'ch a de n anrichteie. 300 Feuer- »vchrlente waren hei der Bewältigung ides Brgudes tätig.

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