Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2554 (2.4.1926)
- Date
- 1926-04-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Meirer Morgen-ett«skA Z. April 1926 Rr. ZSS4 EWto 4 'Äen, Freitag Leder der Mlf-e« Swdenlen. I« -er Mensa akademica ju-aiea. EU» Sederabend im Kreise unserer Studenten gehört gs jene» tiefen Eindrücken, die man nur schwer vergessen kann. An einer Prächtig gedeckten großen Tafel sitzen etiva 200 Studenten und Studentinnen, die Hagadah vor sich Ihr Elternhaus ist fern, sie müssen die Pessachfeiertage in der Fremde verbringen und haben oft nicht einmal soviel Geld, um ihren Hunger zu stillen. In der gastlichen Mensa academica judaica versammelten sie sich an den beiden Sederabenden und feierten das jüdische Freudenfest so schön und heiter wie in einem wohlbestellten Familienhause. Der Rest des Abends wurde in geselliger Zusammenkunft verbracht. Hebräische und jüdische Lieder wurden gesungen und zwischen durch kleine Reden gehalten, die auf die Bedeutung des Festes und seiner Bräuche hinwiesen. Erst spät nach Mitternacht verließen die Teilnehmer die gastliche Stätte. * Dem ersten Scderabend wohnten vonr Kuratorium des Vereines zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica judaica die Heren Kommerzialrat Paul Karpeles, Direktor Fritz Weil!, Dr. Max Gold und Max S ch l ö s i n g e r bei. Der Präsident des jüdischen Hochschulausschusses Chaim Gelber begrüßte die Gäste, durch deren Hochherzigkeit es den Studenten ermöglicht wurde, einer so würdigen Feier beizuwohnen. Kommerzialrat Karpeles ertviderte, daß er sich glücklich schätze, im Kreise der Studenten diesen Abend mitfeiern zu können. Den Seder gaben am ersten Abend die Herren Auerbach und T u ch m a n n, während am zweiten Abend Herr Dr. Knöpfmacher in schlichter aber eindrucksvoller Weise als Leiter des Seders fungierte. Nach dem Gebete hielt der Präsident des Kuratoriums, Obermedizinalrat Dr. M. Laub, eine wirkungsvolle Festrede. Abermals dankte der Präsident des jüdischen Hochschulausschusses, Gelber, dem opferwilligen Kuratorium. Seinen besonderen Dank sprach er der Küchenleiterin Frau K a n i tz aus. * Mir wurde die Festesfreude getrübt und ich konnte nicht mehr recht froh werden an jenem Abend, als mir der Präsidennt des Kuratoriums, Obermedizinalrat Dr. Laub, von den Schwierigkeiten erzählte, unter, denen die Mensa zu leiden hat. Lange Zeit mußte sie ihren Betrieb ganz einstellen und so mancher jüdische Student saß mit hungrigem Magen über seinen Büchern. Die allgemeine Mensa hat ja für ihn keinen Platz. Einige tatkräftige hochherzige Männer haben es zustande gebracht, daß die Mensa ihre Pforten wieder öffnen konnte. Die früher so reichlich aus dem Ausland zugeflosienen spenden sind jetzt ausgeblieben, und so steht die jüdische Mensa wieder vor der ärgsten Not. „Wenn jeder Jude im Monat den Betrag von einem Schilling, also das Entgelt für eine Jause, opfert, und so Mitglied des Vereins wird, dann können täglich Hunderte darbende Studenten gespeist werden," sagt Dr. Laub. Eine Jause im Mcmat. Es geht um unsere Mischen Studenten... R. S. Branftkatastrovhe auf Manila. 3000 Obdachlose. Aus Manila wich gekabelt: Ein verheerender Brand ffat in Cebu 400 Bambushäuse r vernichtet. 3000 Personen wurden obdachlos. Die Zahl der Verletzten stcht noch nicht fest. . gesund auf der Straße gesehen wurden, lagen des Nachts mit schrecklichen Geschwüren bedeckt in den Betten. Schrecken und Angst ergriff die ganze Wormser Gemeinde. Einer Dichtete die Begegnung des andern. Die Stadt Wovmsvevfperrte alle Tore des Ghettos, stellte vor ihnen stäche Wachen «ff, und verbot bei Todesstrafe, das Ghetto zu verlassen. HornsignÄe von dm mit Spähern besetzten Türmen schreckten die Einwohner «ff, wenn einer der eingefchloflenen Juden, in dom Wunsche, ans Oer verseuchten Stadt zu fliehen, es wagte, sich der Ghettomauer zu nähern, als nahte ein verderblicher Feind der Stadt, um sie z« beEagev». Hinter dm Ghettomarrern tat der Tod ungehindert sein verderbliches Werk; und er ließ kein Haus, keine Sippe aus. Der Ansteckungsgefahr wegen blieb auf Geheiß der Radbin« die große Synagoge geschlossen und eS war verboten, sich zu gemeinsamem Gebet zu versammeln. Es hätte des unter Bann ausgesprochenen Verbots nicht bedurft. Denn das Leben im Ghetto war beinahe erstorben, von Handel und Wandel keine Spur. Alle verschlossen sich ln ihren Häusern und leibten von dm Vorräten. So lebten d e-Juden von Worms Wochen und Monate lang hinter dm Mauern ihrer .Häuser, bis endlich die Seuche erlosch; keiner wagte, die Schwelle seines Hauses zu Werschreitm; die Totm wurden von ihren Angehörigen bei Nacht in aller St'lle auf dm Friedhof gebracht und dort von der Thewra-Kadilschah ohne die üblichen Zeremonien in Massengräbern bestattet. Der einzige, der es damals wagte» die Schwelle feines kleinen Häuschens zu überschreiten, war — Joflel. der Schammes. Stärker und länger als sonst quirlte damals der Rauch über dem Dreifuß empor, «ff dem jetzt in großm Töpfen verschiedene Arien von Brei und Grütze brodelten. Diese Töpfe trug Jossel zu verlassenen Kranken, die keine Angehörigen zur Pflege hatten. Bor.der Seuche hatte JossÄ keine Furcht; er kam selbst in die Häuser, wo die Krankheit am ärgsten' wütete, brachte Speise, holte Arznei vom Bader, verband die Eiterbeulen, rieb sie mit lindernder Salbe ein; die Totm hob er vom Sterbebett, die Lebendm erhob er mit Trostworten. Als Joflel einmal so in tiefer Nacht mit feinen Brei- und Grützetöpfen seinen Rundgang bei dm Kranken machte, hörte er hinter einem Fenster, an dem er vorbeiging, eine Km MW. J«M MWl«, Ms AM- (fit# «K K-k M, Sit historische« Dokumente der Wische» SelftftMutzorgaaiiatione». Aus New-Aork wird uns berichtet: Ein großer Teil der Führer der jüdischen Selbstschutzorganisationen in der Ukraine zur Zeit der Massenpogrome ist nach Amerika ausgewandert und lebt gegenwärtig in New-Aork. Das historische Toknmentenmaterial über die heldenmütigen Kämpfe dieser jüdischen Verteidigungsformation sind bisher nicht gesammelt. Um dieses für die Geschichte der Judenverfolgungen äußerst wertvolle Material für die Geschichtsforschung zu retten, hat sich in New-York unter Führung des bekanntesten Kommandanten einer solchen Selbstschutzformation, Jakob R a ch l i s, eift Komitee gebildet, das jetzt mit der Sammlung aller persönlichen und sachlichen Daten der jüdischen SeU'stschutzorganisationen in der Ukraine beschäftigt ist. Nach genauer Sichtung des einlanfenden Materials wird dessen Deröffentlichung in die Wege geleitet werden. Da auch außerhalb Amerikas Mitglieder solcher Selbstschutztruppen wohnen, werden diese ersucht, etwa in ihren Besitze befindlich« historisch beglaubigte Daten an Herrn Jakob Rachlis, 409 East, 6. Street, c. o. Mrs. Lazarowitz, New-Aork City, emzusendei Sine Geschmacklosigkeit. Wir erhalten die nachstehende Zuschrift, der wir nichts beizufügen haben, da wir dem Autor des Filmtextes eine bötse Absicht nicht zumuten und wir voraussetzen, daß die Veröffentlichung des Schreibens ihre Wirkung tun wird. ,Mehr geehrte Redaktion! Ich bitte Sie höflichst um die Ausnahme nachstehender Zeilen: In dem neuen amerikanischen Film „Svlly, das Abwaschmädel" kommt zu einem Bilde folgende Textstelle: Die Tänzerin läßt sich entschuldigen, sie ist mit einem Herrn Vom Kipper abgereist." — Sind wir schon so weit gekommen, daß man mit dem Namen unseres heiligen VersöhnungstogeS Spott in Form eines albernen Wortwitzes treiben darf? Im amerikanischen Urtext wird es gewiß anders gelautet haben, aber die Uebersetzer wollen immer geistreich sein, selbst auf die Gefahr hm, dumm und abstoßend zu wirken. Es ist beschämend, daß keiner — zumindest von unseren Filmverleihem und Kinobesitzern, unter denen sich gewiß nicht wenig Juden befinden — den Mut der Ueberzengung, also des Glaubens gezeigt hat und die betreffende Stelle irgendwie ansmerzen ließ." H. T. Lperationen mit Arienbegleitung. Dr. Samuel Hybbinette, der Chefarzt des S t o ckholmer Hospitals, der sich als singender Chirurg einen Namen gemocht hat, beging kürzlich seinen fünfzigsten Geburtstag und erhielt bei dieser Gelegenheit eine große Anzahl Glückwunschtelegramme seiner dankbaren Patienten. Dr. Hhbbmette, der im Besitz einer schönen Tenorstimrne ist, hat bei Gesangswettbewerben zahlreiche Preise davongetragen. Er pflegt bei seinen Krankenbesuchen die Patienten durch den Dortrag von Opernarien zu erfreuen und fingt besonders an Betten von Patienten, die vor einer Operatton stehen, ja, er setzt seine Vorträge noch im Operalionssaal fort, während die Patienten chloroformiert werden. Er glaubt, daß er dadurch am besten die Furcht des Pattenten vor der Operation bekämpft, und er ist ferner der Ansicht, daß der Gesang dazu beiträgt, die Rekonvaleszenz des Operierten zu begünstigen. Daß diese Annahme viel sür sich hat, beweist die große Zahl der Glückwunschschreiben. zug gehalten und Hilfe sei vonnöten; er trat in das Haus, aus dem er das Stöhnen vernommen hatte, und sah — eine Frau «m Bett liegen, die' in schweren Wehen stöhnte und nach ihrer Mutter rief. Alber keiner war ha, ihr zu helfen. Erschrocken, weil eine Frau in fo schwerer Stunde verlassen dcBag, vergaß Joflel, daß er ein Mann fei und trat an da« Bett der Kreißenden: ,-Gute Frau, kann ich euch mit etwas Helsen?" Die Frau zog das Laken über chr Gesicht und antwortete: ,Me könnt ihr mir helfen? Ihr seid doch ein Mann. Ich brauche owe Fra«, die mir entbinden hilft, denn meine Zeit ist da." Joflel erwiderte: „Seid ruhig, Hiebe Frau, ich bringe euch gleich sine Hebamme." Er lief von Haus zu Haus und klopfte au die Türe« und Fenster, wo Heibamrnen wohnten. Aber vergebens bat er fie um Beistand sür die Frau; keine wagte, ihr Haus zu verlassen; oftmals beikam Joflel auf sein Klopfen gar keine Antwort. Und Joflvl erwog: ,/Die Zeit ist arg, keiner wagt, sein Haus zu verlassen — da wird Gott es mir verzeihen, denn es geht um ei« Menschenleben." Rasch ging Joflel nach Haufe. In einem Winkel seiner Kammer hingen hinter einen Linnenvovhang die Kleider feiner Frau, die lange vor ihm diese Welt verlaflen hatte. Diese Kleider zog Joflel jedes Jahr am Purim an, wenn er mit den Beth-Hamidrasch-Schülern von Haus zu Haus zog, um das Purimspiel von Haman und Mordechai archuführen, in dom er die hochgeprieisene Königin Esther Vovstellte. Diese Kleider seiner Frau zog er nu« an, fetzte sich eme Haube «ff, verhüllte, wie es damals Brauch war, fein Gesicht mit einem weißen Schleier, der dicht genug war, seinen Bart zu verdecken und hob dabei seine Stimme zu Gott: ,Mott, du mein Gott weißt es: ich tue dies nicht um eines Scherzes und einer Lustbarkeit willen, sondern um eine Merffchenfeele zu retten " Dann Packte Joflel alle Instrumente ein, deren die Wehmütter bedürfen; tarn seine zu Gott eingegangene Frau war Hebamme gewesen. Auch was sonst nötig war, nahm Joflel mit: den großen Zuber, das Neugeborene darin zu «ff im Mkfft dir große Schere« M Ke AMs 5 CTri/1 tl W«"§BAND| IVvIVccht I aus naturechten, besten Weinen m amtlich plombierten Maichan (Erlaß das Ackerbauminlsteriuros ZI. 16199/474 ex 1904) Gegen Grippe bestbewShrt ÜBERALL ZU HABEN! Hebung der in de« Lardanelle« gesunkenen Schiffe. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Kvnskmtinopel» 1. April. DK türkische Regierung hat mit der italienischen Firma Fratelli Sera einen Vertrag zur Bergung der in den Dardanellen gesunkenen Kriegs- und Transportschiffe abgeschlossen. Die Gesamtsumme der gefunkenen Schiffe wird mit 39 angegeben. Die Regierung erhält 90 Prozent von dem Bargeld, das aus den Schiffen herausgeholt wird, und 30 Prozent tont den Ausrüstungsgegenständen. Die türkische Regierung hat sich das Recht Vorbehalten, die geborgenen Schiffe anzukaiffen. Sobald sie dieses Recht nicht cmsü'bt, kann die Firma die Schiffe weiter verkaufen. Türkische SWere Sberfalleo eine Redaktion. Aus Konsiantinopel wird berichtet: Türkische Offiziere der Kriegsschule drangen gestern tot die Räumlichkeiten des Blattes „Milil:et" ein und zertrümmerten sämtliche Fensterscheiben. Der Grund ihres Borgehens war die Veröffentlichung eines Artikels, worin das Andenken eines verstorbenen Kameraden angeblich verunglimpft worden war. Vier Offiziere wurden verhaftet und werden dem Kriegsgericht überstellt weiten, falls der Kommandant von Konstanttnopel auf Grund der eingeileiteten Untersuchung das .Verfahren als begründet erachtet. 650 Uhren traft 792 «rnMnfter gestohlen Grotzec Einbruch bol einem Berliner Juwelier. Aus Berlin wird berichtet: In der letzten Nacht sind Einbrecher durch einen Keller in den Laden eines Juwelier's im Osten Berlins emgedrungeu und - haben 650 Uhren und 792 -Avmbäüber erbeutet. Bon den Tätern fehlt bisher jede Spur. _ Unterschlagungen bei der Reichsbahn. Sprung eines vschffkten Rekchsbahrmttes in die Oder. Aus Berlin wird gemeldet: Rach der Aufdeckung großer Unterschlagungen!bei der Reichsbahndirekttou Frarchurt a. v. Oder hat der dortige Reichsbahnrat H ö r f i n g Selbstmord verübt. Hörsing war vor zwei Tagen verhaftet worden. Als er heute vom Verhör zum Untersuchungsgefängnis zurückgefühvt wurde, stürzte er sich plötzlich von einer Böschung tot die Oder und wurde von der reißenden Strömung der Flusses mitgerissen. Die Leiche des Selbstmörders konnte noch nicht aufgefunden werde». schnür abzukriappen, unter dem Arm, fo ging Joflel zur Wöchnerin, trat über ihre Schwelle und sprach: ,/Wöchnerin, Wöchnerin, Hab' nicht Angst noch Not, Du gewinnest ein Söhnchen mit Wänglein rot . ..." Verwundert fragte die Wöchnerin: ,Mer hat euch zu wissen getan, Deine Acht ist da?" Di« „HÄamme" antwortete; «Joflel, der SchammeS, war bel Mir und Hat mich geheißen, zu euch zu kommen, denn eure Zett fei da." Da erkannte die Wöchnerin, daß «S nicht AKth, die Hexe, war, die Hr Haus betreten hatte, und war von Herzen froh, Bald aber begann sie zu schreien und zu jammern' ,Hebamme, Hebamme, Heist geschwind, Konst verliere ich mein Kind!" Acht Tage verweilte Joflel in Gestalt einer Frau hei der Wöchnerin. Sie hatte einen kräftigen Knaben gckoren, war sehr schwach und bedurfte vieler Pflege. Joflel kochte für sie gewählte Speise, richtete Hr Lager, badete das Kind Und wickelte es. So kam der achte Dag, cm dem nach Bor- 'schrift das Kind zu beschneiden war. Da ging Joflel heim, zog die Frauenklerder aus und legte wieder Mämrevkleidmvg an, nahm Befchneidungsmefler und Beschneidungsbuch und kehrte zur Wöchnerin zurück; er trat über ihre Schwelle und sprach: -Wöchnerin, Wöchnerin, Hab' nicht Angst noch Pein, Dein Kind, es wild ein Jude fein." Dre Wöchnerin fragte: „Woher wisset Ihr, daß hier ei« Kind zu beschneiden ist? War doch niemand bei mir, der er euch zu wissen täte?" Jossel erwiderte: „Die Hebamme war bei mir, fie hat an memm Fensterladen geklopft und mir zu wißen getan, es sei ein Kind hier zu beschneidend Da erkannte die Wöchnerin, daß es nicht Luzifer war, der das Haus betreten, um chr Kind zu rauben, und war von Herzen froh; fie legte ihr Kind in JosselS Arm, daß er es zum Juden mache nach jüdischen Rechtens Brauch. So war Joflel, dm SHammes, Hchamme «Ä MM zu gleicher Zeit. stW dem Jit-dffchm Mwtmgm tat Scheck tztz «rxMütonyi/ ifMii > -