Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2554 (2.4.1926)
- Date
- 1926-04-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981641--26059-3013775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mrf Wiener MorgrnzettuM s. Mril m $v. WW Srance-Paleftine. Wir haben berM knrz Kb.r den Verlauf der erster: öüem-lichen Bersanunlung der französischen Geftllschosk France-Palostine berichtet. Nunmehr liegt uns folgender ausführlicher Bericht über dieieS politisch wichtige Meeting vor: Aeußerlich gestaltete sich diese Versammlung als eine imposant« Kundgebung der fmnzösilschen führenden Politiker und Intellektuellen für das neue Palästina als Nationalheimstätte der Inden. Die Vevsamullung leitete der Präsident der Gesellschaft, der Kammerdeputierte und ehemalige Minister Justin Godard, der mittcilte, daß der Präsident der französischen Republik, D o u mergue, der Versammlung eine sehr warme Begrüßung übersandt und überdies den Chef seines Kabinetts, Herrn Saget, mit seiner Vertretung :n der Versammlung Leaustragt habe. Der Vorsitzende dankte den Regierungsbehörden für ihr außerordentliches Interesse um die Aktionen der France-Paleftine. Painleve, Poineare, Thomas, Barthou, Mareell, Rektor Lasstt, Dekan Brounau und andere hervorragende Persönlichkeiten sandten, da sie am Erscheinen vechirckert waren, herzliche Begrüßungsschreiben. Dom Kammerpräsidenten Hertioi teer das folgende Schreiben emgelangt: ,-Jch bedauere außerordentlich, daß ich, durch politische Angologercheiten verhindert, an der Versammlung der Franoe-Palestine nicht tessneihmen kann. Ich hätte gerne persönlich meine Gefühle der Freude und des Vertrauens ausgedrückt, die mich beseelen, wenn ich daran denke, mit welcher Energie ein ganzes Volk «nd seine ganze Jugend kämpft, mn die besten Früchte der Freiheit, Gliche Europa diesem Volk Unter dem englischen Mandat anvertraut, zu genießen. Es ist undenkbar und unmöglich, daß Frankreich gegenüber dom, was die Kinder der Zerstreuung rn dem evwachenden Lande >schaiffen, gleichgültig bleibe. Es wäre ungerecht und unbegründet, wenn die in Frankreich geborenen Juden, die seit der Revolution deren beste ErmnZenschasten'genießen, nicht die ersten wären, die in diesem Kampfe ihrer Brüder offenherzige Brüderlichkeit liefern Wollten. Ich sage das als Deputierter und Präsident der französischen Kammer. Ms Lehrer der Universität möchte ich noch hinzir- Dgen, daß Frankreich es sich als Ehre anrechnen müsse, das erste unter den Völkern zu sein, das bereit ist,- der jungen Jerusalemer Univevsiiät an den Toren des Orients Patronanz «nd Förderung ange- - deihen zu lassen. - M>öuard He r r i o t." Das erste Meeting in Paris. Auch der Führer der fwntzMchmi SMWen, Asosr. Blum, sandte eine in äußerst herzlichem Tpne gehaltene Zuschrift. Der Vertreter des Außenministeriums, der dann daH WM ergriff, gab der Ueberzougung Allsdvuck. daß in Ere^ Israel sämtiliche Bewohner des Landes bürgerliche und politische Freiheit genießerl werden. Frankreich habe schon v o r h u n de r t I o hr e n die M>ee des Ausbaues eines jüdischen Erez Israel gegeben, nnd irr Frankreich selbst wurden die Juden zu allen Zeiten als Menjfcherk und Bürger behandelt. Se>hr eingehend befaßte sich der gelehrte Archäologe Couchou mit denk paläsiinenstscheu Problem. Der Redner, der bereits in Palästina war, schilderte seine dort empsangemn Eindrücke. Er sei hingcfahren, um das alte Palästina als Archäologe zu studieren, aber das kräftige, impulsive neue Loben im Lande habe ihn garrz gefangen genommen. Nach einem kurzen Uoberblick über die Geschichte der Kolonisation in Erez Israel sagte Couchou, was m PaläsEra geschehe und sich vollziche, grenze an das Wunder, Das letzte Wunder in Erez Israel aber sei die jüdische Stadt Tel-Awiw, die mit nie geahnter Rapidität wachse. Was die arabische Bevölkerung betrifft, «Märte der Referent aus Grund seiner eigenen Erfahrungen, daß mau einer Gegnerschaft gegen die zionistische Bewegung eigentlich NM in den arabischen Zeitungen begegne. Der arabische Bauer habe bereits dia: großen Vorteile, die chm die Nachbarschaft dev Juden und ein Zusammenwirken mit der Mischen Bevölkerung bisher gebracht hat, schon so sehr ompfnnden, daß er der zionistischen Bewegung gegenüber sehr freundlich gestimmt ist. Es wurde bohauptet, daß die Juden' ein Werkzeug in Englands Händen seien. Das ist jedoch völlig unrichtig. Wenn die Juden sich England dankbare zeigen, so tun sie das nicht, weil sie sich als Engländer,, sondern nur und immer nur als Juden fühlen. Zum Schluffe teilte Prof. Couchou mit, daß sch-rrin der nächsten Zeit ein Dampfer mit Touristen zum Besuche des neuen Palästina abgehen werde. Er beantragte, daß jeder wohlhabende französische Tourist einen Studenten aus eigene Kosten mitnehmen möge. Dieser Antrag wurde unter lebhaftem Beifall einhellig angenommen. In seinem Schlußworte versicherte der. Vorsitzende Godard, daß der Zionismus in Frankreich stets die weitestgehende Unterstützung erfahren werde. Swoboda~$chuhe - fertig md nach Na$ L» Ifagerrira^c 1 I., Bauernmarkt ‘ Poltttk m Sesterreich. —7. W t e n, 2. April. Herr Rmnek ist von feiner Reffe zu rückgekehrt. Sie fat durch die Addition Berlin plus Prag viel Aufsehen erregt und es wurde viel des Geheimnisvollen und Mysteriösen um diese Reiseroute herumgemunkelt. Zlber es gll>t dabei kein Rätsel und nur in der Welt der Konjektumlpolitiker Kann diese harmlos einfache Sache mit einem Vorhang drapiert werden. Herr Rainek fuhr mch Berlin, um dort guten Tag zu sagen, und das Gleiche tat er in Prag. Was bezüglich der Stellung Oesterreichs zu seinen Nachbarn zu unterne^nen ist, das kann niemals von Oesterreich ausgehen. Der Staat ist klein, vom Meer abgeschnitten, durch d« grandiose Unfähigkeit seiner Parteien heruntergewirtschaftzt. Seine Sorgen werden noch durch die große Weltkrise potenziert. Die Grenzen sind geschloffen, die Berkehrsfreiheit noch immer unterbunden. Trotzdem könnte dieser Staat das geruhigste Leben fuhren. Seine Unabhängigkeit ist eine Forderung der europäischen Politik und als solche unter die Garantie des Völlerbundes gestellt. Herr Benesch hat dies vor kurzem in Wien mit auffallender Eindringlichkeit betont. Äine Aeußerung, die noch durch den neuen Schi^svertrag unterstrichen wurde, hat man vielfach in Zusammenhang mit - den Drohungen Mussolinis, die Fahne über den Brenner zu tragen, gebracht. Es ist möglich, daß sie auch nach Ungarn gerichtet war, wo die Reokkupation des Burgenlarckes bei den Uebungen der Knappschaftsjugend eine große Rolle spielt. Aber dieses Ungarn fft für einige Zeit, solange die lieblichen Enthüllungen über seine amtlichen und weniger amtlichen Geldfälscher nicht abreißen, ßür alle Aktionen lahmgelegt. Oesterreich ist von außen her nicht bedroht. Seine Hebet wurzeln ausschließlich im Innern. Es sind seine Parteien, die, arm an politischen Gedanken, an wirtschaftlicher Einsicht und an staatlichem Gemeinsamkeitsgefühl, immer nur ihre Mandaterl und die Futterkrippe vor Augen haben. Diese Parteien sind nicht einmal einheitlich. Sie umfassen städtische und ländliche Elemente, die aber neben den Parteigrundsätzen auch noch ihre besonderen steirffchen, tirolerffchen, mannhartsberglerischen Belange verfechten und dadurch von jeder Rücksicht auf das Ganze, das ja auch nicht von imponierender Größe ist, weit abgekommen sind. Der Zwergstaat, der sich über Absperrungspolitik mit Recht beschwert, zeigt zu RePrefsivKvecken Hochschutzzolltendenzen! Die steirische Industrie, Unternehmer wie Arbeiter, verlangen sie. Das wirkt sich dann beim inländischen Konsumenten aus. Weil aber die Industrie ein Zuckerl will, so verlangen die Bauern auch Agrarzölle, die dann wieder der Konsument zu verspüren bekommt. Das Ausland wird davon nicht getroffen, aber es erhält den billig gelieferten Vorwand, seinerseits gegen Oesterreich vorzugehen. Die Hirnlosigkeit innen verbindet sich mit der Bosheit von außen und so wird mit vereinten Kräften jede wickliche Sanierung verhindert. Ein politisches Leben, wie es Frankreich, England und auch die. neuen Kleinstaaten kennen, kann sich hier wegen der sklavischen Nachäffung des Proporzes nicht entwickln, der die Vereinskassiere und Stammtischler zum Rang der dirigierenden Kräfte erhoben hat. Das politische Temperament ist in Skandalsuche und Tugendklatsch übergegangen. Man ist hier sehr moralsüchtig geworden ruck was den Weltanschauungskämpfen an innerem Gehalt abgeht, das wird durch Schreikrämpfe ersetzt, die sich stets um den Judenpunkt drehen. Wenn die Christlichsozialen nicht weiter können, so holen sie sich von irgendwo einen Juden und halten ihn dem Gegner vor. Wenn die Sozialdemokraten am Nullpunkt der politischen Logll angekommen sind, so suchen auch sie sich einen Juden. Das ist ein gutes Verlegenheitsmittel, so wie der Mathematiker, wenn er in die Enge gerät, allemal noch geschwind mit der Ludolffchen Zahl multipliziert.^ Dieser Appell an den Instinkt des Janhangels ist die Politik Oesterreichs. Er ist ihr ganzer Inhalt an Argumentaüon und er fft dies heute noch stärker als je vorher, weil in den letzten Jahren gerade auf diesem Gebiete in Oesterreich sehr viel gearbeitet worden ist. Die Untätigkeit und hämische Reserve, mit der Staat und Gesellschaft von links bis rechts der Hakenkreuzlerei zugesehen haben, hat nicht bloß die politischen Sitten verwildert, sondern auch den Intellekt geschwächt. Wie kann ein Staat aktive schöpferische Politik betreiben, wenn die führenden Personen tagaus, tagein nur dariiber Nachdenken, wer auf der Gegenseite 2 Jud ist? Jeder Kriminalfall, jede Affäre wird nicht auf den sachlichen Inhalt geprüft, sondern aus die Gretchenfrage nach der Religion und der Nasenform. Staaten sind vergrößerte Versammlungen. Es entscheidet am Ende nicht das Niveau der Sittlichkeit, sondern der Radau des Demagogen. Und da Oesterreich zu alledem noch das Glück hat, im Westen an die Brigade Ehrhardt und im Osten an Windischgrätzien zu grenzen, jo ist es klar, daß es solchen Einflüssen gegenüber nur geringe Widerstandskraft aufbringen kann und daß sein öffentliches Leben verschlampt. Briand bat gesiegt. Annahme dev SanierrmgSvorlage kn der französischen Kammer. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Paris, 1. April. Die Kammer hat heute in einer Nacht- .sitzung> die bis halb 11 Uhr vormittags dauerte, mit 236 gegen 15 9 Stimmen den Finanzgesetzentwurs in .feiner angenommen. Die Debatte über die Sanierungsvvrlage gestaltete sich sehr abwechslungsreich und -führte an zahlreichen Klippen vorbei. Sv wurde gegen dön Antrag des F inanzm i n isters die Scha ffung eines Pe trole ummonopols vom 1. April 1927 an mit 293 gegen 265 Stimmen beschlossen, ebenso e i u Z u rf c t* Monopol. In beiden Fällen hatte die Regierung, die m der Minderheit geblieben war, nichtd, e Vertrauenss r a ge gestellt. Um 4 Uhr stütz ging die Kammer px Beratung der Umfa tzste« ere rh 0 huri.g über. Die Kommunisten beantragten die Zurückstellung der Vorlage. Bincent-Auriol teilte im Namen der Sozialisten mit, daß sich seine Partei der Ab st i m m u n g e n t h a l t e u werde. Wir haben, sagte er, nichtdie A b s i ch t, B r i a n d zu stürzen, wir können aber auch nicht eine Steuer glutheißen, die -letzten Endes die Kosten des Lebensunterhaltes steigern wich. Im Namen der republikanisch-demokratischen Linken erklärte der Abgeordnete F ll a n d i n, daß sich auch seine Gruppe der Abstimmung enthalt e n werde. Die Regiermrg stellte vor der Mt'unnmng drt Vertrauensfrage, und die Kammer lel)nte den kommunistischen Antrag auf Zurückstellung mit 227 gegen 103 Stimmen ab. ReglerungsNise ln Jugoslawien. Belgrad, 1. April. flschechofl. P.-B.) In einem heute stattgefundenen Ministerrat erklärte Ministerpräsident P a s i c, daß er bem Verlangen des Ministers Radie nach einer vorzeitigen Ei-nbenffung der Dkupfchtma entsprechen werde, falls auch der radikale Klub das gleiche Verlangen stelle. Nachdem jedoch die Mehrzahl der Abgeordneten Belgrad bereits verlassen hat, wurde diase Antwort des Mitlisterpräsidenten von den Kroaten als eine Ablehnung ihrer Forderungen aufgssaßt. Radie und die übrigen kroatischen Mi n ister überreichten deshalb dem Ministerpräsidenten ihre D e nr i s si on. Nach Auffassung politischer Kreise fft hienrit der Fortbestand des im verflossenen Jahre zwischen den Radikalen und der troatischsn Bauernpartei abgeschlossenen 'Ueber ein komme ns fraglich geworden. Ministerpräsident Paste erklärte heute, daß morgen «chmittags der vadÄaie Kllch Mchechen wird. Die LSstWg der Regierungskrise fft demnach aus -morgen verschoben. Die Situation wird jedoch allgemein als sehr er»»st angetsehen und man glaubt, daß P a s i c morgen z n rücktreten wird, da er -nicht geneigt fft, die Forderung der Radicianer zu erfüllen. __ Maffeuausweifnnge« in Amerika. (Eiqendienst der „Wiener Morgenzeitung".) New-AoÄ, 31. März. Ein Kesseltreiben allere anreriAmsehen Polizeibehörden zur Festnahme und sofortige«' Ausweisung von Fremden, die ohne Erlaubnis-^ Papiere die Vereinigten Staaten betreten haben oder, die sich nach Ablauf ihrer Erlaubnis noch in Amerika aufhalten, ist für die ersten Tage des April in Aussicht genommerr. I» einer Verfügung des amerikanischen Arbeitsamtes fft den. Polizeibehörden ausgeiragen worden, möglichst den Re*' kord von 100.000 Ausweisungen zu überschreiten«- -da Amerika eine Säuberung um diese MndefW-hl doch! Fremden vertragen könne. Re rnMchen Smkgranten. Par-S, 1. April. Zlm 4. d. beginnt i« Paris em aßgfr meiner Kongreß der russischen Emigranten aller Parteirichtungen, an dem etwa 400 Delegierte , teil- 'nehirien sollen. Der Kongreß soll em antiboffchew:!:sches russisches Zentrum und ein Nationalprogramm schassen, 'uckd gememsarne Richtlinien für de cf x c i it ng" Ruß-!!lands ausarbeilen. Die Leiter der B^ivegung sind der ehemalige Präsident des russischen Staatsrates T r e p 0 w, fcet ehemalige Chef des Generafftabes General G u l e m i t s ch und Proseffor Struwe. eine Semiwiteiie gegen den Rnmems tiaufns. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeittmg".) Budapest, 1. April. Großes Aussehen erregte in &«> Budapester Oeffentlichkeit die Osterprebigt des Oberrabbiners Dr. SieMund H e v e s i in einer Synagoge, m der er einen Appell an die christliche Gesellschaft Ungarns richtete und sie aufforderte, den Numerus clausus abzuschaGen. Doktor .Heoesi führte aus, das Ju'denkum habe auch heute seine lebenden Märtyrer, närnlich jene jüdischen Stu^ denten, die zu Tausenden an ausländischen Umversitätm unter den größten Entbehrungen ihre Studien betrei>hen. Ich 9hmtt Gottes und der Mnschlichikeit wende er sich cm dre christliche Gesellschaft Ungarns, chestens de« Numerus clausus äbzuschassen, gegen den auch eine große Anzahl hervorragender chrisittcher Persönlichkeiten. ÄckkUny genommenl